Dierk Schaefers Blog

Ein neues Stuttgarter Schuldbekenntnis

Posted in heimkinder, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 25. Juli 2010

Es muß eine schaurig-schöne Feier gewesen sein.

Beim Treffen des Lutherischen Weltbundes (LBW) hat dieser „in einer bewegenden Zeremonie“ am vergangenen Donnerstagabend in Stuttgart „Abbitte bei den Mennoniten für grausame Verfolgung der Täuferbewegung durch Lutheraner geleistet.“ „Auf Knien und unter Gebet“, wie die FAZ am Sonnabend berichtet. Die Zitate sind der FAZ-Meldung entnommen.

Schaurig, weil der Anlaß zwar 500 Jahre zurückliegt, aber an fürchterliche Greueltaten erinnert. Die FAZ druckt als (nicht direkt treffendes) Beispiel ein Photo der Käfige an der Münsteraner Lambertikirche ab, in denen die Leichen der grausam gefolterten und hingerichteten Wiedertäufer zur Abschreckung aufgezogen waren. Doch das ist eine Geschichte für sich, für die nicht die Lutheraner verantwortlich waren. Aber die Grundtendenz ist richtig, den Wiedertäufern erging es in lutherischen Gefilden nicht besser.

Schön, weil dieser kirchliche Schlußstrich unter eine üble Vergangenheit in kirchlich-würdiger Weise gezogen wurde, wenn auch säkularisierte Zeitgenossen dieser Symbolik kaum noch etwas abgewinnen dürften.

Das erste Stuttgarter Schuldbekenntnis handelte vom kirchlichen Versagen in der Zeit der Naziverbrechen. Die Kirche hatte ja nicht einmal ihre Pfarrer jüdischer Herkunft geschützt.

Wenn man dieses Schuldbekenntnis liest, können einem auch schaurig-schöne Schauer über den Rücken laufen. Schön, weil man sich ergriffen fühlt von der Geste des Schuldeingeständnisses, das um so mehr ergreift, wie die Schuld abgrund-tief ist. Schaurig, wenn man daran denkt, welche Verbrechen im deutschen Teil des christlichen Abendlandes möglich waren. Schaurig aber auch, wenn mein alter Kollege und Zeitzeuge Recht hat mit seiner Bemerkung: „Ohne das Schuldbekenntnis hätte es keine CARE-Pakete gegeben.“ Gewiß, dieser Kollege war ein Zyniker und andere Kollegen sehen diesen Zusammenhang nicht. Es mag also sein, daß das erste Stuttgarter Schuldbekenntnis durch und durch ehrlich war, ohne Hintergedanken. Tatsache ist jedoch, daß das Bekenntnis ertragreich war. Es ist wirklich nicht vorstellbar, daß die amerikanischen Kirchen so schnell zur Hilfe bereit gewesen wären.

Das zweite Stuttgarter Schuldbekenntnis bringt jedenfalls nichts ein, kostet aber auch nichts, denn die ermordeten Wiedertäufer sind schon lange tot und erheben keine Entschädigungsansprüche. Die ergreifende Geste reicht.

Eine Geste reicht bei der aktuellen Schuld von Kindesmißhandlungen an Heim- und an Schulkindern nicht.

Mein Bußaufruf an die Kirchen (Buß- und Bettag 2009: http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html) forderte nicht nur die Geste, sondern auch Entschädigung – und er verhallte. Bestenfalls verwies man auf den Runden Tisch, dessen Ergebnisse man abwarten wolle. Die von einigen Kirchenführern bekundete Betroffenheit ging nicht so weit, daß man wenigstens den am Hartz-IV-Existenzminimum lebenden ehemaligen Heimkindern vorab eine Opferrente bewilligen würde.

Vergangenheitsbewältigung ist nur dann glaubhaft, wenn man bereit ist, für die Opfer auch Opfer zubringen.

5 Antworten

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  1. Rolf Schmidt said, on 6. August 2010 at 11:42

    Habe in diesem Monat durch Zufall, vom Runden Tisch gelesen und mich doch sehr gewundert, wie dort über die Kinder aus den Kinderheimen diskutiert wird.
    Ich selbst bin betroffener und war von 1936 bis 1947 in verschiedene Einrichtungen unter gebracht, auch meine 6 Geschwister, wir haben uns nie gesehen, jeder war in eine andere Einrichtung unter gebracht,
    Das habe ich erst im Jahre 2008 erfahren, mit Hilfe des MDR.
    Freundliche Grüße
    Rolf Schmidt

  2. Rolf Schmidt said, on 7. August 2010 at 22:31

    Wer verhandelt denn mit der Regierung, über die Heimkinder aus der Nazi – Zeit?
    Wie kann ich von den Verhandlungen erfahren?
    Macht es eigentlich noch Sinn? Verhandlungen zu führen, denn es leben ja kaum noch Heimkinder von damals. meine Geschwister sind alle schon gestorben und andere Heimkinder kenne ich nicht.
    Sollten Verhandlungen geführt werden, dann Bitte ernsthaft und schnell und nicht nur leere Worthülsen aufblasen, für die Nachrichten.
    Hochachtungsvoll
    Rolf Schmidt

  3. Zrock, H J said, on 11. Oktober 2010 at 11:19

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    per Zufall, sstieß ich auf die Seite, “Gewallt im Johanna-Helenen-Heim”. Ich selber, war von 1964 – 1974, in der OAV. Davon erlebte ich mit 8 Jahren, meine > >”Kindheit” < < in der Gewallt von Schwester Jenny-Zoller.

    Bis heute 54 J., habe ich sehr vieles noch nicht wirklich verarbeiten können. Die traumatisches Erlebnisse, lassen mich eigendlich nie richtig zur Ruhe kommen. Sei es die sexuellen Übergriffe der Schwestern und ebenso die körperlichen Züchtigungen, hin bis zu Vergewaltigungen den "Brüdern + Kaplanen" (Pfleger).

    Erlebnisse wie Essensentzug bis stundenlanges Stehen im Badezimmer, weil ich Bettnässer war, erschienen mir dazu als noch dass wenigste Übel.

    Weil ich an bd. Armen u. Handen behindert bin und die Fehlbildung durch norm. "Therapie" nicht verbessert wurde, brach man mir bei vollem Bewußtsein, beide Arme, gipste sie dann ein und versprach sich Besserung!?

    Wo Kann ich mich hinwenden, um das Geschehene zu Protokoll zu bringen?

    Über einerasche Antwort, freue ich mich sehr.

    Heinz Jürgen Zrock

    Wien den 11. Oktober 2010

    • dierkschaefer said, on 11. Oktober 2010 at 11:58

      An wen sich wenden, das ist die Frage, sehr geehrter Herr Zrock!

      Der Runde Tisch hat sich für nicht zuständig erklärt für die Verbrechen in Behindertenheimen. Er wird wohl nicht reagieren, denn typisch Behörde kennt er nur Zuständigkeiten und scheint darüber hinaus für Menschlichkeit nicht offen zu sein. Ich würde ich ihm trotzdem eine Kopie schicken, damit deutlich wird, welche herzlose Maschinerie dort im Gange ist.
      Wenden Sie sich doch besser an den Rechtsanwalt Nieporte, er zählt nicht zu den furchtbaren Juristen:
      Robert Nieporte, Brotstrasse. 1, 54290 Trier, info@Kanzlei-Nieporte.de .

      Ich wünsche Ihnen Erfolg und grüße Sie herzlich.
      Dierk Schäfer

  4. Rolf said, on 12. Oktober 2010 at 10:04

    Hallo, Heiz Jürgen Zrock,

    freue mich, das auch Du den Weg gewählt hast und an die Öffendlichkeit gehst, mit Deinen qualvollen Erlebnissen, in Deiner Kindheit.

    Wende Dich vertrauensvoll an den Rechtsanwalt Robert Nieporte, wie Dierk Schäfer schon beschrieben hat. Er vertritt auch mich.

    Wünsche Dir noch viel Erfolg und liebe Grüsse,
    auch an alle ehemaligen Heimkinder herzliche Grüsse,
    Rolf Schmidt


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