Dierk Schaefers Blog

Der zweite Runde Tisch kam viel schneller in die Puschen …

Posted in heimkinder, Kirche, Politik by dierkschaefer on 22. September 2010

… als der Runde Tisch für die Heimkinder.

Woran liegt das?

Zum einen daran, daß sexueller Mißbrauch mehr „sexy“ ist, und das hatte Folgen.

Zum einen in der öffentlichen Wahrnehmung, was ich nicht weiter ausführen muß. Doch in der Folge hat sich die Politik dieses öffentlich wahrgenommenen Themas angenommen, schließlich leben Politiker von öffentlicher Wahrnehmung. Wenn normalerweise eine Beteiligung mehrerer Ministerien an einem Thema für die Sache nicht förderlich ist, so gab es in diesem Fall einen öffentlichen Wettstreit der Ministerien. Darum der schnelle Erfolg, soweit man die Forderung, die Frau Bergmann der Öffentlichkeit präsentiert hat, einen Erfolg nennen kann. In der Politik gibt es ohnehin nur Erfolge.

Der andere Grund für den „Erfolg“ liegt bei den Jesuiten. Sie brachten nicht nur den Stein ins Rollen, sondern preschten auch mit einer Lösung vor. Der Eliteorden, die „SS des Papstes“ (Pater Leppich), handelte nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, in diesem Falle: Augen zu und durch. Er nahm keine Rücksicht auf die kirchliche Strategie des Vertröstens auf irgendwelche Ergebnisse eines Runden Tisch irgendwann, sondern legte ein gut kalkuliertes Angebot vor, das vom „eckigen Tisch“ dann auch zurückgewiesen wurde. Doch die Jesuiten hatten die Schlagzeilen. Nun hat Frau Bergmann die Bischöfe zur Zahlung aufgefordert. Mit dem Lob für die Jesuiten hat sie zugleich die Meßlatte gesetzt: 5.000 € pro Fall, plus Therapiekosten, mehr gibt’s nicht.

Der dritte Grund schließlich ist die Schichtabhängigkeit. Sind die ehemaligen Heimkinder doch eher die Schmuddelkinder, so kommen die Mißbrauchsopfer aus der Mitte der Gesellschaft, wie Prof. Kappeler richtig bemerkte. Hier war also Identifikation möglich. Der mißbrauchte Ministrant hätte auch ich sein können. Darum ging alles so schnell, wenn auch nicht unbedingt gut.

Daß vom Runden Tisch für die Heimkinder allenfalls Brosamen abfallen werden, macht eine Meldung der Osnabrücker Zeitung deutlich: »Dass die Kirche Geld an Opfer zahlt, sollte klar sein. Dennoch sind die Bischöfe gut beraten, sich nach dem öffentlichen Druck nicht überstürzt auf eine Summe festzulegen. Dazu ist das Thema zu heikel. Denn die Zahlungen müssen in der Höhe ungefähr denen an Zwangsarbeiter und misshandelte Heimkinder entsprechen und mit einer Entschädigung anderer Institutionen kompatibel sein. Erschwerend kommt der Föderalismus in der Kirche hinzu, denn jedes Bistum kann selbst entscheiden, ebenso die Orden. Viel Fingerspitzengefühl ist gefragt.«

Der ganze Artikel unter: http://www.presseportal.de/pm/58964/1685862/neue_osnabruecker_zeitung

Oder hat die Osnabrücker Zeitung etwa die Entschädigungssummen aus den USA oder Irland im Kopf gehabt?

Dem ersten Runden Tisch liegt jedenfalls eine Forderung der vereinigten Heimkinder vor. Ich hoffe, daß die Mitglieder, die dort die Interessen der ehemaligen Heimkinder vertreten sollen, bei der Sitzung am Anfang der Woche diese Lösungsvorschläge auch als Forderungen ganz offiziell eingebracht haben und daß sie notfalls auch bereit sind, den Schlußbericht nicht mitzutragen. Leisetreter am Runden Tisch können die ehemaligen Heimkinder nicht gebrauchen. Mit mir hoffen viele auf das Durchsetzungsvermögen und den Erfolg der Heimkindervertreter am Runden Tisch.

4 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 22. September 2010 at 22:37

    Wenn Sie Recht haben, und es ging den Jesuiten um eine Schlagzeile und darum, Frau Bergmann den Ball zuzuspielen – dann haben sie in der Tat einen guten Zug gemacht.

    Wenn es aber um ihre Glaubwürdigkeit, um Menschlichkeit und Gerechtigkeit geht, dann haben sie sich und allen anderen in Kirche und Politik einen Bärendienst getan. Sowie Frau Vollmer mit dieser absolut zynischen Bemerkung, dass man keine Opfergruppe düpieren dürfe und damit die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen meinte.

    Vielleicht haben die beiden Damen und die Herren Jesuiten ja vor, ehemalige Heim- und Internatskinder erneut zu demütigen und zum schweigen zu bringen, vielleicht tun sie all das, ohne zu wissen, was sie tun – ich kann nur vermuten.

    Eines aber ist völlig klar: Sie geben sich, die deutsche Politik, die Kirchen und den Jesuitenorden der Lächerlich preis, machen sich und alle genannten absolut unglaubwürdig – auch international!

    Und es wird auch noch etwas anderes passieren, etwas, was sich diese Damen und Herren nicht im mindesten vorstellen können:

    Wir werden uns wehren! Wir werden uns nicht über den Tisch ziehen lassen! Wir werden Möglichkeiten finden, zu unserem Recht zu kommen!

    • dierkschaefer said, on 28. Dezember 2010 at 00:50

      “Vielleicht haben die beiden Damen und die Herren Jesuiten ja vor, ehemalige Heim- und Internatskinder erneut zu demütigen …”

      nein, das sehe ich anders. denn dann hätten sie ja interesse an heimkindern. die wollen aus der sache nur möglichst ungeschoren herauskommen und sie verstehen etwas von öffentlichkeitsarbeit.

  2. Martin Mitchell said, on 23. September 2010 at 07:17

    Ich schließe mich in allen Punkten meiner Vorrednerin, Heidi Dettinger, an !

    Selbst möchte ich jedoch einen andere Aspekt kommentieren.

    „[ A. ] Dem ersten Runden Tisch [ »Runden Tisches Heimerziehung« ] liegt jedenfalls eine Forderung der vereinigten Heimkinder vor. Ich hoffe, daß die Mitglieder, die dort die Interessen der ehemaligen Heimkinder vertreten sollen, bei der Sitzung am Anfang der Woche [ 20./21.09.2010 ] [ B. ] diese Lösungsvorschläge auch als Forderungen ganz offiziell eingebracht haben und [ C. ] daß sie notfalls auch bereit sind, den Schlußbericht nicht mitzutragen.“

    Ich habe das jetzt mal aufgeteilt in ( A. ), ( B. ) und ( C. ) um es so besser kommentieren zu können.

    „[ A. ] Dem ersten Runden Tisch liegt jedenfalls eine Forderung der vereinigten Heimkinder vor.“
    Das dem »Runden Tisch Heimerziehung« in Berlin EIN SOLCHES DOKUMENT „VORLIEGT“ – und das ausschlaggebende und operative Wort ist hier „vorliegt“ – IST KEINESFALLS GARANTIERT. Kein vom »Runden Tisch Heimerziehung« in Berlin ausgehendes „offizielles“ Protokoll bestätigt dies bisher, oder sagt aus was genau „entgegen genommen wurde“ und was genau „vorliegt“. An die dort am »Runden Tisch Heimerziehung« in Berlin ‘Anwesenden’, „die ein Mitspracherecht haben“, ist, meines Erachtens, kein Verlass. Und in den Vorsitz habe ich persönlich noch viel weniger Vertrauen.

    „[ B. ] [ ... ] [ ob ] die Mitglieder, die dort die Interessen der ehemaligen Heimkinder vertreten sollen, bei der Sitzung am Anfang der Woche [ 20./21.09.2010 ] diese Lösungsvorschläge AUCH ALS FORDERUNGEN GANZ OFFIZIELL EINGEBRACHT HABEN“, können nur diese wirklich beantworten ( aber das wollen sie ja nicht; da fühlen sie sich zum Schweigen verpflichtet ). Aber es kursieren schon wieder Gerüchte, dass sie noch nicht einmal das getan haben, sondern auch da total verfehlt haben.

    „[ C. ] [ ... ] daß sie notfalls auch bereit sind, den Schlußbericht nicht mitzutragen.“
    So wie wir sie kennen, werden sie alles tun was die Schirmherrin Dr. Antje Vollmer von ihnen verlangt und abverlangt, und „nichts tun was nicht ihren Wünschen entspricht“.

    Es ist Wunschdenken irgend etwas anderes zu erwarten.

    Ich wünsche mir aber auch, dass ich total falsch liege und dass all dies jetzt hier von mir ein völliger Irrtum ist.

    Aber auch das wird leider nichts helfen.

    Wir müssen und werden „andere Wege“ finden um zu unserem Recht zu kommen. Und das werden wir !

  3. Rolf said, on 25. September 2010 at 11:18

    Heidi und Martin,

    eure Meinung kann ich nur zustimmen und hoffe auf Erfolg!

    MfG.
    Rolf


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