In der Klabause
Heute erschien ein Interview mit Richard Oetker. Vor 30 Jahren wurde er entführt, in eine zu kleine Holzkiste gesteckt, Stromstöße führten zu Knochenbrüchen.
Nachzulesen unter: http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~ED0A6C0267CBF43CCBD4E6FEF77CD7F51~ATpl~Ecommon~Scontent.html [Freitag, 11. März 2011]
Als ich das Interview las, standen mir sofort Heimkinderberichte vor Augen.
Manches ist vergleichbar, wenn es auch in den Kabäuschen oder wie die Strafzellen sonst noch hießen, nicht so eng war und anstelle der Stromstöße manchmal „nur“ Schläge standen.
Was ist nicht vergleichbar? Oetker war ein Erwachsener und er wußte die ganze Zeit, daß ihn ein Verbrecher in der Hand hatte. Er wußte auch, daß jedermann eine solche Tat für ein Verbrechen hält. Ich will damit nicht zum Ausdruck bringen, es sei also nicht ganz so schlimm gewesen, im Gegenteil, es muß fürchterlich gewesen sein.
Doch ein Vergleich mit eingesperrten mißhandelten Heimkindern sei gestattet. Ihre Weltsicht war noch nicht gefestigt, denn sie waren Kinder. Man hatte ihnen vielfach eingebleut, daß sie nichts taugen und niemand sie haben will. Sie mußten sich in vielen Fällen mit ihrem Unrechtsbewußtsein allein gefühlt haben, mutterseelenallein. Und das in einer Lebensphase, die nachhaltige Wirkungen hat, im Guten wie im Bösen.
Oetker konnte schließlich die Genugtuung haben, daß der Täter gefaßt und verurteilt wurde. Darauf warten die ehemaligen Heimkinder vergeblich. Oetker hat zwar keine Entschädigung bekommen, sondern draufgezahlt. Das hat jedoch seine finanzielle Lage hergegeben. Noch einmal: Hier ist nichts zu verharmlosen. Doch an seinem Schicksal wird ein spezieller Aspekt der Heimkinderschicksale deutlich, – und die Unterschiede, nicht die im Erleiden, aber die, der weiteren Lebenswege.



Würde den Vergleich mit note 1+ Bewerten.Der “Zögling”kam evtl.aus zerrütteten Verhältnissen,und war vielleicht froh von zu Hause wegzukommen.Er ergab sich aber in die Hände von Teufeln,was er aber vorher nicht wußte.Er hat sich daran geklammert das es ihm im Heim evtl. besser gehen würde als zu hause.Das haben die “obersturmbandführer” sofort gemerkt,und ausgenutzt.Sie haben sich die Kinder zu
Untertanen erzogen,auch in Sexuellen Dingen.Wenn ich die Sprüche schon höre,daß es in einigen Heimen nicht so schlimm war,Schwillt mir der Kamm.Habe aus eigener Erfahrung fast alles durchgemacht,und wenn ich heute lese,was die kathl. Kirche alles von den ehem.HK wissen will,bevor sie eine “anerkennung”zahlen will,sieht es nach meiner Meinung so aus,als wenn sie sich daran Aufgeilen wollen.Die MÜSSEN zur Rechenschaft gezogen werden,daran geht kein Weg vorbei.Alle ohne Ausnahme.
Bravo,Herr Schäfer
Hier ist nichts zu verharmlosen. Doch an seinem Schicksal wird ein spezieller Aspekt der Heimkinderschicksale deutlich, – und die Unterschiede, nicht die im Erleiden, aber die, der weiteren Lebenswege.-
Als Kinder haben wir mehr gelitten, wenn wir eingesperrt waren, als ein Erwachsener.
Der Erwachsene wusste genau, das Er wieder frei kommt, wir Heimkinder aber wussten nichts, hatten nur höllische Angst, immer wieder, immer wieder!
MfG.
die entführungsopfer wissen nicht, ob sie wieder freikommen, manchmal geht es tödlich aus.
Es stimmt: Entführungsopfer wissen nicht, ob sie oder wann sie freikommen und manchmal geht es tödlich aus.
Aber genauso stimmt es, dass Kinder, denen wutschnaubende Nonnen zubrüllen, sie würden sie umbringen, nicht nur nicht wissen, ob sie mit dem Leben davon kommen, sondern davon ausgehen, dass die Nonnen ihre Drohung in die Tat umsetzen werden. Zumal sie andere Kinder auf dem Boden liegen sehen!
Und natürlich stimmt es, dass die Entführung für Herrn Oetker schrecklich gewesen sein muss!
Aber genauso stimmt es eben auch, dass es für ihn ausser der Verurteilung der Täter auch sonst noch einiges gab, an das ehemalige Heimkinder nicht einmal denken konnten: Psychischen, psychologischen und medizinischen Beistand, das Bewusstsein NICHT selbst Schuld gewesen zu sein, nicht die Möglichkeit vor Augen, nun entweder in der “Gosse”, auf dem “Strich” oder im Knast zu landen.
Ich gehe davon aus, dass es auch für Herrn Oetker schlaflose Nächte, Ängste und Stunden des Grauens geben wird.
Aber ich gehe ebenso davon aus, dass Herr Oetker in solchen Fällen keine allzu großen Schwierigkeiten haben wird, sich Erleichterung zu verschaffen – zumindestens wird diese für ihn finanzierbar sein! Und er wird mit Sicherheit auf kein Angebot der Entführer zurückgreifen müssen, ihm zu helfen! Ebensowenig, wie die Entführer selbst entscheiden durften, wie ihre Strafe auszusehen habe oder ob sie überhaupt bestraft werden würden…
Ein Vergleich mit N. Kampusch oder den Kindern von Fritzl, könnte ich eher nachvollziehen. Es waren Kinder, die über zig Jahre eingesperrt wurden.
Diese Fälle haben die Oberflächlichkeit und Unfähigkeit der Behörden und das Wegschauen der Bevölkerung dokumentiert. Die Konsequenzen daraus sind vergleichsweise gering. Für die Eingesperrten sind die Auswirkungen fatal.
Vergleichbar mit der Gefangenschaft von Oetker wäre m. E. zum Beispiel: die Angst, das Alleingelassensein, das Ausgeliefertsein, die Ohnmacht, die physischen und psychischen Misshandlungen.
Im Gegensatz zu Oetker, der einschätzen konnte: es ist nicht normal, was hier passiert, fehlte uns die Orientierung, ob das, was mit uns passierte “normal” ist, ob das sein darf… Möglicherweise haben wir als Kinder nicht einmal in Erwägung gezogen, das Unrecht mit uns geschieht. Mit dem Erwachsenwerden hat sich das geändert.
Gefasst sind nicht nur die Oetker-Entführer. Gefasst sind auch unsere Täter. Die Verurteilung unserer Täter wird wohl nicht stattfinden, da stehen uns Verjährungsfristen im Wege. Und die Übernahme der ethisch/moralischen Verantwortung mit ihren notwendigen Konsequenzen wird mit Duldung der Gesellschaft nicht vollzogen.
Ich glaube nicht, dass Herr Oetker in der Lage ist, das Leben vor seiner Entführung heute führen zu können. Die extremen Belastungen haben sicherlich bei ihm, wie bei anderen Entführungsopfern auch, Spuren hinterlassen – gravierendere als “ein paar schlaflose Nächte” oder ein paar “grauenvolle Stunden”.
Im Gegensatz zu vielen ehemaligen Heimkindern ist Herr Oetker in der komfortabelen Situation, sich die medizinischen und psychologischen Hilfen einkaufen zu können, die er situationsbezogen braucht.
Wenn von Schuld geschrieben wird, dann kann man im Fall Oetker davon ausgehen, dass sein Reichtum “Schuld” an seiner Entführung war.
Die pauschale Feststellung, dass im Gegensatz zu Oetker, ehemalige Heimkinder die Möglichkeit vor Augen hatten, “nun entweder in der Gosse, auf dem Strich oder im Knast zu landen”, halte ich für sehr gewagt.
sabine s.
Ein anderes prominentes Entführungsopfer war Jan Philipp Reemtsma, vielleicht schweigt er deshalb zum Thema Heimerziehung in einem „Rechtsstaat“?
Immerhin gründete er 1984 die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und hat einige Texte veröffentlicht, die von dem Thema nicht so weit weg sind:
„Verbrechensopfer. Gesetz und Gerechtigkeit“
„Vertrauen und Gewalt“
„Folter im Rechtsstaat?“
fragen sie ihn doch mal nach seinen keller-erinnerungen und wie er die heimkinderschicksale sieht.