Dierk Schaefers Blog

Die FAZ informiert über den kirchlichen Lernprozeß

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 24. Januar 2012

Zwei Jahre ist es her, schreibt heute die FAZ, daß Pater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, den sexuellen Mißbrauch in seinem Internat offenbarte.
Der Mißbrauchsbericht, im April 2010  bei einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei in Auftrag gegeben, habe die »schlimmsten Befürchtungen« bestätigt: Es sei überaus schwierig gewesen, an die benötigten Personalakten heranzukommen und »nicht wenige Akten seien unvollständig oder bewusst gesäubert worden«. »„Die durchgängig, wenn auch in unterschiedlicher Entschlossenheit ausgeprägte Bereitschaft, selbst gravierende Vergehen unaufgeklärt und ungesühnt zu belassen, findet ihre Wurzel in einem nach Überzeugung der Gutachter fehlinterpretierten klerikalen Selbstverständnis, das einem brüderlichen Miteinander verpflichtet in einem im Ergebnis rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes eine Rechtfertigung für eine nicht tolerable Vertuschung sucht“, hieß es in der Zusammenfassung«.

Dann wurden zwei Aufträge wurden vergeben:
Ein Forschungsauftrag an das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN),
der auf erhebliche Vorbehalte gestoßen sei. »In vielen Bistümern drohen Priester und Priestergruppen mit juristischen Mitteln, sollten bei der Erhebung oder Weitergabe von personenbezogenen Daten an das Institut Vorschriften des Datenschutzes und des Arbeitsrechts missachtet werden. Unterstützung finden diese Bedenken ausgerechnet im Erzbistum München. Die Bistumsleitung hat Ende vergangenen Jahres die Zusammenarbeit mit dem KFN und die Mitarbeit im Beirat des Forschungsprojektes so lange ausgesetzt, bis alle juristischen Fragen im Spannungsfeld zwischen Aufklärung und Fürsorgepflicht vertraglich so geklärt sind«.
Das zweite wissenschaftliche Projekt »sollte ein umfassendes Bild der Täterpersönlichkeiten« zeichnen. Den Auftrag hierzu erhielten ausschließlich jene drei Psychiater, die in den vergangenen Jahren im Auftrag der Bischöfe in Verdachtsfällen forensische Gutachten verfasst hatten. … Aus wissenschaftsethischen Gründen wäre es geboten gewesen, die Gutachten einer Bewertung durch Dritte zu unterziehen anstatt die Gutachter ihre eigenen Gutachten auswerten zu lassen«.
Der Beitrag der FAZ birgt noch andere Facetten, die ich in einem Leserbrief an die FAZ erörtern möchte.

13 Antworten

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  1. manfred.d. said, on 25. Januar 2012 at 13:45

    Dierk Schäfer mit Bezug auf FAZ-Artikel:
    “Das erste Forschungsprojekt „Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ wird unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Pfeiffer durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e. V. durchgeführt.”
    Das entsprechende wörtl. Zitat aus dem FAZ-Artikel (erhalten von M. Mitchell) :
    “Im Juli 2011 wurde zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), das von dem umtriebigen ehemaligen niedersächsischen Justizminister Pfeiffer geleitet wird, ein entsprechender Vertrag geschlossen.”

    Hr. Schäfer, aus wissenschaftsethischen Gründen wäre es auch geboten gewesen, die kriminologische Bewertung nicht – voraussehbar – durch Prof.Pfeiffer samt seinem kriminologisches Institut verwässern zu lassen.

    Zum Experten mit Scheuklappen Prof. Christian Pfeiffer siehe Skydaddys äußerst aufschlussreichen Artikel: http://skydaddy.wordpress.com/2011/07/22/experten-mit-scheuklappen-1-prof-christian-pfeiffer/
    Prof. Christian Pfeiffer, der von den deutschen Bischöfen mit einer Untersuchung beauftragt wurde, u.a. Einflussfaktoren zum sexuellen Missbrauch zu erfassen, zeigt sich geradezu sträflich blind für offensichtliche Zusammenhänge, die er selbst erläutert. [.................]

    Mit der Erlaubnis des Blogbetreibers zitiere ich zum gleichen Sachverhalt ungekürzt aus seinem Artikel vom Montag, 11. Juli 2011
    http://skydaddy.wordpress.com/2011/07/11/interessenkonflikte-bei-missbrauchs-untersuchung/

    [...] Prof. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Pfeiffer, von dem im Internet auch mal eine – mittlerweile entfernte – Predigt zum Thema „Verbot von Killerspielen“ existierte, schrieb am 14. März 2010 in der Süddeutschen Zeitung –, die katholische Kirche habe „kein primär quantitatives, sondern vor allem ein qualitatives Problem“ und verwies darauf, dass nur 1 Promille der des sexuellen Missbrauchs Verdächtigten katholische Priester seien. Allerdings „vergaß“ Prof. Pfeiffer, diese Zahl in Bezug zum Priesteranteil an den potenziellen Tätern zu setzen: Wie ich hier gezeigt habe, dürfte der Anteil der Priester an den (vermutlich hauptsächlich als Täter infrage kommenden) Männern über 30 Jahre nur 0,66 Promille betragen – somit wären Priester ca. 40% öfter verdächtig als der Durchschnitt. Und Pfeiffers Verdächtigenzahlen (aus dem SPIEGEL Nr. 6 vom 8. Februar 2010) stammen noch aus der Zeit, bevor die Masse der Missbräuche 2010 bekannt wurde.

    Erst vor kurzem machte Pfeiffer mal wieder von sich reden, als er mit der These an die Öffentlichkeit trat, katholische Jugendliche seien gewaltfreier. (Domradio meldete: „Mehr Ministranten = weniger Gewalt“.) Nun mag es zwar durchaus einen Zusammenhang zwischen Gewalttätigkeit und Kirchlichkeit oder Katholizismus geben. Der Grund dafür dürfte allerdings im Stadt-Land-Gefälle liegen: In Städten ist die Kriminalität höher als auf dem Land und die Kirchlichkeit niedriger. Das heißt allerdings nicht, dass die Kirchlichkeit die Straftaten verhindert, sondern dürfte ganz einfach daran liegen, dass die Anonymität der Stadt sowohl Straftaten begünstigt als auch den Kirchenaustritt. Ein Zusammenhang ist nicht gleichbedeutend mit einem Wirkungszusammenhang: Korrelation ist nicht gleich Kausalität – diese statistische Binsenweisheit müsste Prof. Pfeiffer eigentlich bekannt sein.

    Sowohl Pfeiffers „1 Promille“-Artikel als auch seine Behauptung, katholische Jugendliche seien weniger gewalttätig, erwecken den Eindruck von Gefälligkeiten für die katholische Kirche, und beide weisen methodische Mängel auf. Habe ich erwähnt, dass Prof. Pfeiffer der andere Experte ist, der die Missbräuche in den deutschen Bistümern „wissenschaftlich aufarbeiten“ soll?

    Ein Team von Pfeiffers Institut, bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, soll alle Personalakten der katholischen Diözesen aus den letzten zehn Jahren – in neun Bistümern sogar zurück bis ins Jahr 1945 – auswerten, um mit den möglichen Opfern und Tätern Kontakt aufzunehmen. Dazu sollen in einem ersten Schritt Kirchenmitarbeiter die Akten „unter Aufsicht [des] KFN-Teams“ auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen.

    Man fragt sich natürlich, was da – ein Jahr nach dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals – noch zu finden sein soll. Insbesondere, nachdem z.B. bekannt wurde, dass in der Erzdiözese München und Freising systematisch Akten vernichtet und ausgelagert hat, Taten geschönt und offenbar homosexuelle Mitarbeiter erpresst wurden, um Aufklärung zu verhindern. Oder dass sich im Bistum Rottenburg-Stuttgart der Diözesanpriesterrat und der Bischof 1984 darauf verständigten,

    dass künftig in den Personalakten keine Verfahrensunterlagen mehr abgeheftet werden dürfen, was auch für Meldungen der unangenehmen Art galt. „Die Akten in der Registratur sind seitdem klinisch sauber“, bestätigt ein Insider. So bleibt auch von der Anzeige der Kirchenleute aus jener Zeit nichts weiter als die Erinnerung.“ [Hervorhebung von mir.]

    Davon abgesehen: Was für „Kirchenmitarbeiter“ sollen das sein, die die Akten auf Hinweise untersuchen sollen? Die gleichen, die in den vergangenen Jahren die Akten geführt haben? Sollen die jetzt etwa die Hinweise finden, denen sie damals nicht nachgegangen sind?

    Es dürften also weder die federführenden Experten noch die beteiligten Kirchenmitarbeiter ein Interesse an einer wirklich kritischen Aufarbeitung der Akten haben. Beide beauftragten Experten sind bereits durch wissenschaftlich äußerst zweifelhafte Statements zugunsten der katholischen Kirche aufgefallen. Am Ende der (offenbar) dreijährigen Untersuchung dürfte wohl ein ähnlich wertloses Ergebnis stehen wie bei einer ganz ähnlichen Untersuchung im Auftrag der US-amerikanischen Bischofskonferenz, die im Mai veröffentlicht wurde.

    Dafür spricht auch die erste Erklärung der Bischofskonferenz:

    „Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung werden verlässliche Informationen zu den Fällen des Missbrauchs, zu Vorgehensweise und Motiven der Täter und den Opfererfahrungen angestrebt“, teilte die Bischofskonferenz am Donnerstag in Bonn mit. Die Untersuchungen sollten vor allem zu einer wirksameren Vorbeugung vor sexuellem Missbrauch beitragen, hieß es.

    Mit der Frage, ob Missbräuche vertuscht oder die Leitlinien ignoriert wurden, sollen sich die pensionierten Staatsanwälte und Richter offenbar gar nicht befassen.

    hier noch mal die Links zu den Artikeln:
    http://skydaddy.wordpress.com/2011/07/22/experten-mit-scheuklappen-1-prof-christian-pfeiffer/
    http://skydaddy.wordpress.com/2011/07/11/interessenkonflikte-bei-missbrauchs-untersuchung/

  2. anonym@anonym.de said, on 2. Februar 2012 at 10:48

    “Der Beitrag der FAZ birgt noch andere Facetten, die ich in einem Leserbrief an die FAZ erörtern möchte”

    und ….. nu ist es schon eine woche später …

    was solls, wer a sagt muss nicht b sagen ….

    • dierkschaefer said, on 2. Februar 2012 at 13:04

      wer anonym schießt, ist ein heckenschütze.
      übrigens: mein brief ging an die faz – wenn die ihn in den nächsten tagen nicht abdruckt, stelle ich ihn vielleicht in den blog.
      aber vielleicht klappen sie mal ihr visier hoch, ganz ritterlich.

      • Heidi Dettinger said, on 3. Februar 2012 at 11:14

        Aha! Wer schießt denn auf andere und gibt dabei seine Identität preis? Helden? Amokläufer? Soldaten? Partisanen (gern auch “Heckenschützen” genannt)?

    • helmutjacob said, on 4. Februar 2012 at 02:47

      was wollen sie mir/uns denn nun begreiflich machen? und was meint anonym@anonym.de mit: “was solls, wer a sagt muss nicht b sagen ….” ?

      • Heidi Dettinger said, on 5. Februar 2012 at 20:11

        Das der Betrachter aus einem “anerkannten” Soldaten einen “Heckenschütze” macht und umgekehrt. Beispiel?
        Im italienischen Appennin wurden die Partisanen von den deutschen Besatzern als despektierlich als “Heckenschützen” bezeichnet, gejagt und hingerichtet.

    • sabine s. said, on 5. Februar 2012 at 01:15

      …wer a sagt muss nicht b sagen…

      er kann auch erkennen, dass A falsch war.

      (Bertold Brecht)

  3. Heidi Dettinger said, on 3. Februar 2012 at 11:10

    Vielen Dank, Manfred d., für den überaus spannenden Artikel über die “Pfeiffersche und die Kirchliche Missbrauchsaufarbeitung”. Ich werde auf jeden Fall den Blog verlinken!

    Man stelle sich vor, dass die Funktionäre der NPD und bekennende Nazis den Auftrag bekämen, die Verbrechen der Nazis aufzuarbeiten. Oder (ehemals) hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter das Unrecht der DDR. Man könnte ja auch mal dem Kapitän Dingenskirchen von der Costa Concordia den Auftrag geben, die Gründe für das verheerende Schiffsunglück zu untersuchen. Und seine Ergebnisse dann natürlich gebührend feiern.

    Das alles ist – zu Recht – undenkbar. Nur bei den Verbrechen begangen in Säuglings-, Kinder und Erziehungsheimen wird genau so vorgegangen. Ich frage mich immer wieder, woher die Täterorganistionen die Chuzpe nehmen, ihre eigenen Untaten und Verbrechen selbst zu “begutachten” und “aufzuarbeiten”.

  4. manfred.d. said, on 4. Februar 2012 at 21:08

    von gott, heidi, von gott ! [gröhl]

    deshalb ist doch auch niemand für die “aufklärung” christlicher verbrechen besser geeignet als gottgläubige bibelfeste fundis wie eben beispielsweise prof. christian pfeiffer.

    übrigens, zu seiner predigt (ja du liest richtig) gehts hier : http://www.kfn.de /versions/kfn/assets/predigt.pdf

    mehr zu pfeiffer von fefe http://blog.fefe.de/?ts=b0e6024e und von BILDblog, der nahelegt das Pfeiffer eine eigene Studie nicht kennt http://goo.gl/ZBPAg

  5. helmutjacob said, on 5. Februar 2012 at 21:42

    wer was schreiben möchte, braucht keine mütze bis zum hals. meine bisherigen erfahrungen: die “nick”-namensträger haben zahlreiche foren platt gemacht oder sind gerade dabei. die meisten (nicht alle) fabrizieren müll und betreiben krieg gegen andere. die meisten lesenswerten beiträge stammen aus den federn solcher, die sich nicht vermummen.

  6. manfred.d said, on 6. Februar 2012 at 08:23

    @schäfer und helmutjakob und manch andere vllt mitlesende selbsternannte heimkinderfürsprecher und blog- und forenbetreiber

    wer scheinheilig klagt, dass heimkinder jahrzehntelang schwiegen, nicht einmal ihre ehepartner informierten und gleichzeitig dieselben terroropfer beleidigend heckenschützen und blogzerstörer nennt, wenn sie sich nicht weltweit outen, hat nur eines im sinn. sein eigenes ego.

    ich schlage vor ihr macht eure blogs und foren immun gegen anonyme heckenschützen und blogzerstörer ….
    und merkt dann ……..
    hoffentlich sehr schnell ….
    dass euch keiner mehr folgt.

    macht es eurem glaubensbruder nach [ http://www.mediaite.com/online/florida-pastor-calls-for-an-atheist-registry-media-points-and-laughs/ ] . fordert die öffentliche registrierung von ehemaligen heimkindern

  7. dierkschaefer said, on 6. Februar 2012 at 11:24

    Hat er nun – oder hat er nicht?
    Es ist müßig zu spekulieren, warum eine Zeitung Leserbriefe nicht veröffentlicht. Dazu müßte man einen Überblick über alle nicht veröffentlichten haben.
    Hier jedenfalls mein nicht veröffentlichter Leserbrief vom 24.01.2012 14:58
    Der Artikel von Daniel Deckers (Fehlinterpretiertes Selbstverständnis, Sexueller Mißbrauch / 24. Januar 2012) bringt auch dem Leser neue Informationen, der die Debatte von Beginn an verfolgt hat. Vielen Dank dafür. Weiterführend fallen mir zwei Aspekte auf:
    1. Sexueller Mißbrauch scheint die Form von Kindesmißhandlung mit dem größten Aufmerksamkeitswert zu sein. Die vielfältigen Kindesmißhandlungen in den Heimen haben weniger journalistische Beachtung erfahren, und auch die politische Behandlung des Themas an den Runden Tischen verdeutlichte die Unterschiede. Das ist schade, verstärkt dies doch bei den ehemaligen Heimkindern den Eindruck, wieder einmal schlechter behandelt zu werden.
    2. Ratzinger, schreibt Deckers, habe »sich in Jahren von 1977 bis 1981, in denen er an der Spitze der größten bayerischen Diözese stand, am wenigsten zuschulden kommen lassen«. Ja, wieviel denn? Und sei es nur etwas, wäre es doch wohl gravierend genug. Dagegen sind die Vorwürfe gegen unseren nur peinlichen Bundespräsidenten wirklich „Peanuts“; doch dafür soll er zurücktreten.
    Deckers belegt, daß offensichtlich immer noch versucht wird, Vorwürfe des sexuellen Mißbrauchs ins Leere laufen zu lassen, um die Kirche und damit auch die Täter zu schützen. Dies findet eine gewisse Parallele in der „Lösung“ der Heimkinderangelegenheit: Eine Art „Gutscheinlösung“ wurde von Staat und Kirchen durchgesetzt und wird von den Medien fälschlicherweise als „Entschädigung“ apostrophiert. Hier ging es nicht so sehr um Imagewahrung, sondern um die Schonung der eigenen Finanzen. In beiden Fällen haben Staat und Kirchen versagt.


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