»Ich soll heute hier die Rede halten …
… zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus«.
Und dann redet er, Marcel Reich-Ranicki, im Bundestag, vor den Rechtsnachfolgern der Täter für uns, für die Nachgeborenen der Täter über einen Tag in seinem Leben.
Die auf die Straße hinausgehenden Fenster standen an diesem warmen und besonders schönen Tag weit offen. Das Wetter karikierte diesen besonderen Tag, an dem das Ende begann. Der Tag war also kein beliebiger der schlimmen Tage aus dem Warschauer Ghetto, keiner wie der, von dem Alexander Solschenizyn in Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch aus der Alltäglichkeit stalinistischer Straflager berichtet. Der Bericht von Reich-Ranicki schließt mit den Worten: Die in den Vormittagsstunden des 22.Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die „Umsiedlung“ der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rede-zum-gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus-ein-tag-in-meinem-leben-11627427.html Sonntag, 29. Januar 2012



Warum wehrte sich niemand, fragte ich mich, als ich einige Jahre aus dem Kinderheim entlassen worden war und von der Judenvernichtung im 3. Reich erfuhr. Ich erinnerte mich ans Kinderheim und erlebte dort ähnliches: eine Erzieherin prügelte nach vollen Kräften und die übrigen Kinder schauten zu. Scheinbar hatte jeder der übrigen Angst, dass ihm gleiches widerfuhr. Offenbar hatte der Stärkere auch das Recht dazu, doch woher? So wie die Kinder im Kinderheim, so ließen es auch die Juden geschehen, offenbar in der Hoffnung, daß es doch nicht so schlimm wird und wer kann schon an das Unfaßbare denken? Der Tod, so lehrte es die Religion, kommt nur von dem überirdischen Wesen namens Gott. Und wenn Gott die Zeit dafür sieht, so möge es geschehen. War das doch ein einfaches Spiel für die Herrschenden? Nicht ganz so einfach, denn es hat ja Widerstand gegeben, doch der Stärkere setzt sich eine Zeitlang durch, zumindest solange, bis er fällt. Es hatte leider zulange gedauert, die Welt drumherum schaute ebenfalls zu. Doch dafür gleich einen Krieg riskieren? Nein, das Volk muss es selbst geregelt bekommen. Das braucht viel Zeit. Es wird viele Opfer kosten, denn der Mutigen gibt es nur zu wenige. Das deutsche Volk bekam es leider nicht geregelt, andere mußten helfen und sie halfen. Für viele war es dennoch zu spät, einige überlebten und geben nun ihre Erinnerungen preis. Ich freue mich über jeden, der dies kann. Doch es gibt auch viele, die dies nicht können oder noch nicht können. Was meine Umsiedlung als deutsches Kind von meinem Elternhaus in den 1960er Jahren betraf, unterscheidet nur eines zur obigen Aussage: Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: Friß oder Stirb. Entweder die Heimkinder kapierten es irgendwann, was man mit ihnen vorhatte oder sie gingen zugrunde, denn die letzten beißen die Hunde.
Wenz, Heimkind der 1960er Jahre, denn Kinderheime und Waisenhäuser sind das Relikt der Kriege. Obwohl es schon in den 1960er Jahre genügend Eltern gab, die Kinder aus den Heimen geholt hätten obsiegt der bürokratische Egoismus und beläßt die Kinder in seinem Schicksal allein zur seelischen Verkümmerung. Und noch heute phantasiert unsere Bürokratie und psychiatrische Fachleute von “nicht familiengeeigneten Kindern” (gelesen in Mittendrin, Zeitschrift für Behinderte, Ausgabe 6/2011 S. 29).
Ich glaube, die Frage ist so nicht richtig gestellt. Und der Vergleich stimmt so auch nicht wirklich.
Die im Deutschen Reich lebenden Juden verstanden sich – wie könnte es anders sein – als ganz normale Deutsche. Und konnten sich kaum vorstellen, dass sich der Staat mit aller Gewalt gegen sie richten würde und nur noch ihre maximale Ausbeutung und dann ihren Tod im Sinn hatte. So einen Gedanken kann man gar nicht haben, nicht zulassen – schon gar nicht VOR der Tat!
Und dann wurden sie Schritt für Schritt recht- und wehrlos gemacht: Erst wurden ihnen jegliche Waffen, ihr Vermögen (und sei es noch so mickrig), ihre Häuser und Wohnungen genommen. Ihre Berufe verboten. Dann ihre Identität, ihre Freiheit, ihr Leben. In der Reihenfolge liegt die besondere Perfidie.
Dennoch sind viele Menschen geflohen, haben sich gewehrt, haben für sich und andere gekämpft. Das alles ging immer nur unter Einsatz des eigenen Lebens. Gerade der Aufstand des Warschauer Ghettos ist in seiner Tragik und seiner Heldenhaftigkeit in die Geschichte eingegangen (sehr gut nachvollziehbar in “Der Pianist”, Film von Roman Polanski). Ingrid Strobel hat ein Buch über jüdische Frauen im Widerstand geschrieben: “Sage nie, du gehst den allerletzten Weg”. In Polen gab es jüdische Partisanengruppen, die gegen die mörderischen Invasoren kämften.
Selbst noch in den den KZs ging der Kampf weiter. Führend (weil am besten organisiert) waren hier die Kommunisten. So wurde z.B. Buchenwald von den Gefangenen befreit. Ebenso Sobibor. Was diese Menschen – Juden und nicht Juden, Kommunisten, Sozialisten und Roma und Sinti in den Lagern der Nazis geleistet haben, gehört zu den ganz großen Heldentaten. Allerdings: Wenig beschrieben, wenig kommentiert… Warum wohl?
Der Vergleich mit dem, was in Kinderheimen passierte, hinkt. Kinder, die sich Erwachsenen gegenüber wehren, dürften viel mehr noch eine Ausnahme sein. Denn Kinder werden nicht hilflos gemacht (sie können sich also auch nicht an eine “wehrbare” Zeit erinnern), Kinder sind wehr- und schutzlos eben weil sie Kinder sind. Und sie haben keine Erfahrung von Kampf und Auseinandersetzung. Ich glaube, dass darf man nicht unterschätzen!
Es war nur meine Wahrnehmung als Heimkind: wir schauten zu, wie andere Heimkinder fast totgeprügelt wurden und wir waren natürlich zu schwach um gegenzuhalten. Doch was macht die Erwachsenenwelt: auch sie schaut zu. Wir schauen heute nach Ägypten, Syrien und überall dorthin, wo Gewalt den eigenen Landsleuten angetan wird und lassen uns dies durch die Presse mitteilen. Nun die Länder sind weit weg, sie müssen es selbst geregelt bekommen. Was ist mit Heimkindern? Auch sie sind weit weg vom normalen Bürger und der Staat bemächtigt sich dieser Kinder, vertreten durch Erzieher/innen, die zur Außenwelt kraft ihrer Berufsrolle und ihrem Selbstverständnis ja nur das beste für die Heimkinder tun wollen. Doch ist das Beste in diesem Fall leider nicht genug, es fehlt einfach die dauerhafte Bezugsperson, an denen Kinder sich nachhaltig orientieren können, ein Grundrecht für ein Kind. Das hat die Psychologische Wissenschaft längst begriffen. Doch unsere Politik läßt Auftragsforschung betreiben und setzt Rahmenbedingungen voraus, wie unsere Regelungen des Grundgesetzes, das keine Kinderrechte kennt, obwohl bereits die Vereinten Nationen Ende der 1950er Jahre Kinderrechte definiert haben. Wir bleiben hier ein Entwicklungsland. Kinder sind entrechtet, es gilt das Elternrecht, dass den Heimkindern versagt bleibt, denn es wird ersetzt durch Staatsrecht, das rein materialistischer Natur ist. Als ich im 7. Lebensjahr meiner Heimat beraubt wurde, kam dies einer Aussiedlung gleich. Ich wollte zu meiner Mutter, doch eine Erzieherin erzählte mir, sie sei verstorben und ich könne sie nicht mehr sehen. Die anderen Kinder gaben mir Lebensmut und viele teilten mein Schicksal. Als hätte uns das Schicksal nicht schon genug gestraft mit dem Verlust der Eltern, so mußten die Heimkinder auch noch fast tot geprügelt werden, um sie vollends ihrer Persönlichkeit zu berauben. Der Tod wurde billigend in Kauf genommen, auch wenn das ein Erzieher nicht begreifen brauchte. Die Umsiedlung von Heimkindern hat(te) ein Ziel: die Heranbildung eines Subjektes (=veraltet für Landeskind) nach dem Motto Friß oder Stirb und Bete und Arbeite bevor du stirbst.