Dierk Schaefers Blog

Anhörung Runder Tisch, 2. April 2009

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 5. April 2009

Anhörung am Runden Tisch „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“
Berlin, Donnerstag, 2. April 2009    Dierk Schäfer

Ohne Auftrag von dritter Seite und in meiner freien Zeit bin ich freiwillig zu dieser Anhörung erschienen. Ich habe auch weder die Absicht noch die Aussicht auf irgendeine Honorierung meines Beitrages.
Ich bin Pfarrer der evangelischen Landeskirche Württemberg, seit Februar dieses Jahres im Ruhestand. Mit Heimkindern bin ich in Kontakt seit meiner ersten Kriegskindertagung an der Evangelischen Akademie Bad Boll im Jahr 2000. Neben einigen persönlichen Kontakten gibt es viele per Telefon und eMail. Manche Gespräche nehmen zuweilen seelsorgerlichen Charakter an. Hierbei dürfte auch meine langjährige Beschäftigung mit Traumatisierungen und der Notfallseelsorge eine Rolle gespielt haben. Aufgrund dieser Kontakte und einiger schriftlicher Äußerungen im Internet zur Heimkinderproblematik haben einige ehemalige Heimkinder gefordert, mich an den Runden Tisch zu berufen. Dies ist nicht erfolgt. Mein heutiger Beitrag geschieht lediglich im Rahmen einer Anhörung.

Für diesen Beitrag haben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Runden Tisches die Texte „Verfahrens-vorschläge-RT“ und „Rueck-Sicht“ als handout vorgelegen. Sie stehen in Zusammenhang mit diesem Bericht. Die „Verfahrensvorschläge“ sind eine anläßlich der Anhörung leicht überarbeitete Fassung eines Vorläufertextes, mit ergänzenden Fußnoten und zwei integrierten Anlagen.

Dokument als PDF bitte hier runterladen

Anlage „Verfahrensvorschläge“ hier als PDF runterladen

Anlage „Ruecksicht“ hier als PDF runterladen

6 Antworten

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  1. Zweckoptimist said, on 26. Mai 2009 at 09:20

    Lieber Dirk Schaefer,

    ich komme gerade aus Irland zurück und konnte der dortigen Diskussion über „Folterheime“ daher nicht entgehen. Ich wähle absichtlich diesen Ausdruck, weil anfänglich in den Diskussionen noch von „Misshandlungen“ die Rede war, während, als der Keany-Bericht von einer zunehmenden Öffentlichkeit gelesen wurde, immer häufiger der zuvor „Missbrauch“ genannte Sachverhalt durch den Ausdruck „Folter“ ersetzt wurde.

    Genauso wie Sie suchten auch viele Iren nach Gründen für dieses System gulag-ähnlicher Einrichtungen inmitten eines demokratischen Gemeinwesens ohne faschistische Vergangenheit. Den meines Erachtens bislang erhellendsten Erklärungsversuch fand ich merkwürdigerweise in der Irish Times von letztem Samstag (23. 5. 2009). Dort wurden die Gründe erläutert als:
    * Religion
    * Sex
    * Klasse

    1. Religion: Die katholische Kirche galt im Berichtszeitraum als faktisch unantastbar. Dies galt insb. auch für die Aufsichtsorgane des Staates, der seine Legitimation ja zum Großteil aus der katholischen Selbstbestätigung gegenüber dem protestantischen Britannien bezog. Eine Kritik an der katholischen Kirche gefährdete damit letztendlich das gesamte Legitimationsgebäude von Staat und Gesellschaft Irlands.

    2. Sex: Die europäischen Gesellschaften sind in der Regel leibfeindlicher als die meisten anderen Gesellschaften der Welt, aber dies gilt in ganz besonderem Maße für die katholische Kirche, und nochmals verstärkt auf den britischen Inseln und nochmals verstärkt in Irland. Dieser Konflikt zwischen theoretischem Anspruch einerseits und realexisiterender Körperlichkeit andererseits dürfte daher kaum irgendwo so groß gewesen sein wie in Irland. Dies gilt im besonderen Maße noch für das Personal in den kirchlichen Einrichtungen, die den innerlichen Gegensatz oftmals nach außen projezierten, indem die – noch – körperorientierteren Kinder als „Schmutz“ interpretiert wurden, den man durch rigorose Einschränkung und brutale und insb. sexualisierte Strafe wieder „sauber“ bekommen musste. Nur so kann die hohe Rate an sexuellen Übergriffen, die aus dem Keany-Report hervorgeht, einigermaßen schlüssig erklärt werden.

    3. Klasse: Die betroffenenen Kinder (übrigens zu ca. 2/3 Jungs) hatten alle ein gemeinsames Merkmal – sie waren alle sehr arm. Die irische Mittelschicht hatte – übrigens ebenso wie die deutsche Mittelschicht gegen Ende der Weimarer Republik – geradezu panische Angst sowohl vor dem eigenen sozialen Abstieg einerseits als auch davor, dass die eklatant unterpriviligierten Unterschichten sich – evtl. auch gewaltsam – einen gerechteren Anteil am Wohlstand verschaffen wollten. Die Erziehungseinrichtigen (deshalb bezeichnerderweise „Industrial Schools“ genannt) waren daher auch Maßregelinstitute, um die irischen Unterschichten in Schach zu halten und durch vollkommen Unterwerfung wieder „einzunorden“. Für diese gesellschaftspolitischen Zwecke war den irischen Mittelschichten tatsächlich jede nur denkbare Erniedrigung und Gewaltanwendung ein moralisch nicht nur zulässiges Mittel, sondern es handelte sich gleichsam um „Klassennotwehr“.

    Wenngleich es sicherlich einige Überschneidungen mit der Situation in Deutschland geben wird, so fallen doch eher die Differenzen auf. So spielt hierzulande – zumindest außerhalb Bayerns, das einen Teil seiner Legitimation ebenfalls aus der katholischen Kirche speist – Religion eine untergeordnete Rolle. Leibfeindlichkeit wiederum trat in Deutschland meines Erachtens eher in Schüben auf, auffällig etwa in der Zeit der Adenauer-Restauration, was dann auch mit einer beobachtbaren Zunahme von Misshandlungen in Kinderheimen zusammenfällt, während es sich in Irland um eine mindestens 100-jährige Konstante handelt. Der 3. Faktor allerdings, ich nennen ihn mal „Klassenhass der Mittelschichten“, der fällt recht gut mit der irischen Situation zusammen, stellt aber im europäicshen Kontext überhaupt keine Besonderheit dar, ganz im Gegenteil handelt es sich seit der industriellen Revolution um eine gemeineuropäische Erscheinung, ohne die etwa der Faschismus nicht zu erklären und darüber hinaus schlicht unmöglich wäre.

    Es würde mich freuen, wenn meine Anmerkungen einige neue Facetten zum Thema betragen konnten.

    Herzliche Grüße

    Gerold Schwarz

    lieber gerold schwarz,

    vielen dank für den ausführlichen kommentar. er bringt tatsächlich weitere facetten. insbesondere natürlich durch ihre kenntnis der offensichtlich sehr speziellen irischen situation.
    ich möchte kurz auf ihre drei genannten bereiche eingehen und überlegen – ex hohlo baucho, weil ohne einschlägige untersuchungen, was sie für die deutsche situation bedeuten:

    Religion: im fraglichen zeitraum fand in deutschland die kriegsfolgenbedingte durchmischung früher homogen-religiöser gebiete statt, die in den köpfen nach meiner einschätzung jedoch erst ab den 70er jahren platz griff. wir hatten also echt katholische wie auch echt evangelische heime mit einem personal aus den jeweiligen meist ungetrübten milieus. gestärkt waren beide kirchen durch das völlige militärische wie moralische desaster des nazireichs, sie galten als integer. (das verhalten der kirchen während der nazizeit wurde erst viel später problematisiert – es war ja auch problematisch genug.) die konfessionen hatten also, wenn auch nebeneinander, im nachkriegsdeutschland eine sehr starke stellung. ihr tun wurde nicht hinterfragt. sie haben sich in vielen fällen erfolgreich und lange gegen eine kontrolle ihrer heime und erziehungsmethoden wehren können.

    Sex: beiden kirchen (und der gesellschaft schlechthin) gemeinsam war die distanz zu sexuellen themen. das war nicht unbedingt eine generelle körperfeindlichkeit, aber der sexualität räumte man allenfalls einen verschämten platz ein, und den ausschließlich in der ehe. das schloß natürlich sexualität nicht aus. die pubertierenden onanierten (mit schlechtem gewissen), harmlose nacktphotos hatten den rang von pornographie – und katholischerseits galt wohl für all dieses die beichtpflicht. das tabu wurde jedenfalls vielfach gebrochen, doch es bewirkte, daß eine kommunikation über sexualität kaum stattfand. die verbindung von unerlaubtem sex und beichtpflicht wäre interessant: wurden die sexuellen vergehen an kindern und jugendlichen gebeichtet? die beichtspiegel fragen ja in fast verräterischer weise nach den diversen „fleischlichen“ sünden einschließlich den rein gedanklichen.
    ich sehe zwei möglichkeiten:
    1. die vergehen wurden komplett gebeichtet und mit den üblichen auflagen vergeben – und das immer wieder. das beichtgeheimnis verhinderte die weitergabe der erkenntnisse. wie dann die beichtväter mit ihrem wissen von der gefährdung nicht nur der beichtkinder, sondern auch der heimkinder umgingen, wäre eine psychologisch wie pastoraltheologisch wichtige frage.
    2. die vergehen wurden nicht, oder nur abgemildert gebeichtet. dann wären die beichtväter entlastet, jedenfalls die, die nicht selber solcher vergehen schuldig wurden.

    in den evangelischen heimen mit ihrem personal wird es wohl keine der beichte analoge seelsorgerliche gespräche über sexuelle verfehlungen gegeben haben. hier war, typisch evangelisch, der einzelne allein vor seinem gott – und seinen sexuellen problemen.

    spannend wird die sache für beide konfessionen in den fällen, in denen die verfehlungen und das wissen davon kollektiv waren. hat es regelrechte orgien gegeben? ich vermute, wohl eher nicht. doch es hat wohl gewaltorgien gegeben, die eine sexuellen konnotation hatten, aber wegen der vermeintlich/vorgeblich erzieherischen absicht für erlaubt angesehen wurden.

    Klasse: meine vermutung ist, daß in den heimen der nachkriegszeit kinder (vorwiegend) aus der unterschicht erziehern übergeben wurden, die auch weit unten rangierten. es gibt viele beispiele für ähnliche arrangements und in wohl allen fällen geht es denen ganz unten besonders schlecht, denn sie sind der willkür ausgeliefert, weil sich die „gute“ gesellschaft für das, was da unten geschieht, wenig interessiert. – und wenn es dann noch um sexuelle dinge (unappetitlich und tabuiert) geht, um so weniger. die unausgesprochene aufgabe der heime war, der gesellschaft diese kinder vom leibe zu halten. dem sind sie nachgekommen.

    es wäre schade, wenn die diskussion über schwarze pädagogik und die rolle der heime dazu führen sollte, daß die öffentliche erziehung der heutigen zeit mit ihrer aufgabe, nicht korrigierbares versagen der familien zu kompensieren, diskreditiert würde.

    herzliche grüße

    dierk schäfer

  2. […] Zu den Stilmitteln: Ich habe alles versucht, angefangen von der sachlichen Problemdarstellung und den Lösungsmöglichkeiten [https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/04/05/anhorung-runder-tisch-2-april-2009/] […]


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