Dierk Schaefers Blog

Beschämend

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 24. Juli 2009

Beschämend

Es ist beschämend, auch für mich, denn daran hatte ich bisher nicht gedacht.

Beim Expertengespräch/Heimkinder am 3. Juni 2009 hatte ich zusammen mit Herrn Schiltsky den Vorschlag gemacht, die ehemaligen Heimkinder könnten auch selber forschen. Auf der letzten Folie hatte ich hinzugefügt: „Wir sollten ihnen dabei aber etwas behilflich sein.“ Dabei dachte ich an professionelle Hilfe.

Vor einer Woche rief mich eine Frau an. Sie ist eines von sieben Geschwistern, die – teilweise in Unkenntnis voneinander – in verschiedenen Heimen aufgewachsen sind. Auf der Suche nach ihren Geschwistern und deren Schicksal wird sie durch die Gebühren der Einwohnermeldeämter finanziell belastet, die über ihre finanziellen Möglichkeiten als Hartz-IV-Empfängerin hinausgehen.

An so etwas Banales, aber Grundlegendes hatte ich nicht gedacht. Wie gesagt, beschämend. Da bleibt nur die Hoffnung, daß der Runde Tisch sich dieser Sache annimmt. Sonst wäre auch er beschämt.

Die andere Frage ist, ob der Runde Tisch die Idee, daß die ehemaligen Heimkinder auch selber forschen könnten, aufnimmt. Es gibt dort zwar inzwischen eine Anlaufstelle. Aber ob und wie die Lebenszeugnisse gewürdigt werden, die sich in großer Vielzahl bei den verschiedenen Vertrauenspersonen der ehemaligen Heimkinder befinden, das ist bisher noch völlig unklar.

Der Runde Tisch müßte sich erklären:

Will er diese Berichte berücksichtigen?

Wie will er das Vertrauen der Vertrauenspersonen gewinnen?

Wie respektiert er die zumindest vorläufige Anonymität der ehemaligen Heimkinder?

Wie geht er damit um, daß ein Teil der ehemaligen Heimkinder nur über ihre Vertrauenspersonen erreichbar ist?

Fragen über Fragen, die öffentlich zu beantworten sind, wenn das Mißtrauen der ehemaligen Heimkinder nicht weiter genährt werden soll.

Die Regelung für ehemalige Heimkinder im Gebiet der ehemaligen DDR schürt dieses Mißtrauen.

Nach einer Meldung des Naumburger Tageblatts sei „nach dem Rehabilitierungsgesetz … ein finanzieller Ausgleich von 306,78 Euro für jeden Monat unter haftähnlichen Bedingungen vorgesehen.“

Dies ist natürlich völlig unzureichend. Es handelt sich eben nicht um eine Haftentschädigung. Es geht vielmehr um die Beschädigung von Lebensläufen, Beschädigungen, die weitreichende Auswirkungen hatten, weil Kinder in ihrer dafür wichtigsten Lebensphase Mißtrauen gelernt haben statt Vertrauen, weil sie durch Zwangsarbeit ausgebeutet wurden, weil sie mißhandelt wurden, weil sie mißbraucht wurden, kurz gesagt: weil sie so gedemütigt wurden, daß sie fortwirkenden Schaden an Leib und Seele genommen haben.

„Mein vom Heim verpfuschtes Leben als Krüppel“, schreibt ein ehemaliges Heimkind, und ich weiß, daß er das Schlimmste auch noch schamhaft verschwiegen hat.

Hier hilft keine „Haftentschädigung“. Es hilft aber auch keine Pauschalregelung für die individuellen Leidensgeschichten. Abgesehen von der Zwangsarbeit, die man pauschaliert behandeln könnte, wird man individuelle Lösungen brauchen, um dem Einzelnen gerecht zu werden.

Allerdings wird bereits für die unzureichende, weil billige! Haftentschädigung eine Einzelfallprüfung gefordert, obwohl man diesen relativ simplen Teil locker pauschal regeln könnte (Zeit- und Aufenthaltsnachweis).

Es ist beschämend.

PS: Mehr zum Thema Entschädigung ehemaliger Heimkinder in der DDR fand ich heute unter:

http://www.mvticker.de/mv/news_id6132_justizministerin_uta_maria_kuder_cdu_ddr_heimkinder_koennen_bei_vorliegen_besonderer_voraussetzungen_opferentschaedigung.html

fürwahr: eher abschreckend.

PPS: Bitte den Kommentar beachten!

Eine Antwort

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  1. dierkschaefer said, on 24. Juli 2009 at 22:16

    Da habe ich wohl ein Faß aufgemacht. Von wegen Forschung – und Auskünfte einholen! Postwendend bekomme ich das Schreiben einer Stadtverwaltung gemailt. Unter Bezugnahme auf die Satzung über die Benutzung des Stadtarchivs könne die gewünschte Auskunft personenbezogenen Archivguts erst nach Ablauf einer Schutzfrist von 10 Jahren nach dem Tod bzw. 90 Jahren nach der Geburt des Betroffenen gegeben werden. Eine Schutzfristverkürzung bedürfe der Zustimmung des Oberbürgermeisters.
    So sieht die datenschutzgemäße Wirklichkeit aus. Da mag der Runde Tisch noch so sehr empfehlen, die Akten der ehemaligen Heimkinder sollten zugänglich sein. Er kann eben nur empfehlen und nicht befehlen. Schon gar nicht, wenn jemand nach Leidensgenossen aus seiner Heimzeit zur Absicherung seiner erinnerten Daten sucht. Das sind schließlich die Daten eines Dritten, die gehören geschützt. Es gibt nicht einmal das Angebot, das Ersuchen des Nachsuchenden an den Gesuchten weiterzuleiten, damit er selber entscheiden kann, ob er den Kontakt aufnehmen will. Wie unter solchen Umständen eine Einzelfallprüfung ausgehen wird, ist klar. Unter den bekannten Prämissen der Verwaltung, das habe man schon immer so gemacht, bzw. da könne ja jeder kommen, haben die ehemaligen Heimkinder keinerlei Chance. Wahrscheinlich müssen sie für solche Null-Auskünfte auch noch Gebühren zahlen.
    Angesichts der Empfehlung des Runden Tisches könnte man also von einem zahnlosen Tiger sprechen – allerdings ist er gar nicht erst als Tiger angetreten. Von weiteren Ausflügen ins Tierreich möchte ich absehen.


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