Dierk Schaefers Blog

Die Amtskirche ging vorbei

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 27. September 2009

Die Amtskirche ging vorbei

Da war einer unter die Räuber gefallen. Ein Priester und ein Levit gingen einfach vorbei. Sie stehen bei Lukas 10 (ab Vers 30) für die damals etablierte Religion, modern gesprochen für die Amtskirche. Erst der Samariter, in den Augen der anerkanntermaßen Rechtgläubigen ein Ungläubiger, kümmerte sich um den halbtot-Geschlagenen.

In der Nachkriegszeit und teilweise bis weit in die 70er Jahre fand die Nazi-Pädagogik in zahlreichen Kinderheimen ihre Fortsetzung im Gewand kirchlicher Fürsorge: Wenn die Kinder, die unehelichen, die widersetzlichen, die verdorbenen, kurz, die Kinder der Sünde in ihrem irdischen Leben schon leiden, bleibt ihnen vielleicht die ewige Verdammnis erspart (dies war eher die katholische Version, evangelische Heime kamen ohne Fegefeuer aus, doch das änderte weiter nichts).

Heute wissen wir, daß diese Kinder unter „die Räuber“ geraten waren und sprechen von Mißhandlung, Mißbrauch, Körperbeschädigung und Seelenmord.

Auch die Amtskirchen wissen es. Doch es hat den Anschein, daß sie vorbeigehen möchten. Allerdings nicht ohne ihre Betroffenheit kundzutun. Sie verweisen auf andere, die unter die Räuber gefallen waren. Die Zwangsarbeiter des Nazireichs und ihre magere Entschädigung sollen der Maßstab sein für eine eventuelle Entschädigung der ehemaligen Heimkinder, und das auch nur auf Nachweis.

Das ist politisch korrekt. Denn wo kämen wir hin, wenn die Verbrechen in den Kinderheimen in bundesrepublikanischer Zeit, unter kirchlicher und staatlicher Verantwortung, übler gewertet würden, als die der Nazis? Die Opferhierarchie muß eingehalten werden. So schlimm wie die Nazis können ihre Nachfolger doch gar nicht gewesen sein.

Matthäus 18,6: Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.

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Eine Antwort

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  1. Anke Medrington said, on 30. September 2009 at 17:15

    Lieber Dierk Schäfer, wie gut und wichtig, Sie wieder zu lesen, nach einem Monat Pause! Ich folge Ihrem Blog seit einigen Monaten in England, da ich Deutschland kurz nach Beendigung meiner „Fürsorgeerziehung“ für immer verließ.
    Es ist fast unbeschreiblich, wie erschütternd und gleichzeitig heilsam es ist, wenn nach jahrzehntelangem Schweigen jemand plötzlich sagt:“Du warst nicht schuld(dass du unter die Räuber gefallen bist)“. Sie sind für mich wie eine Stimme in der Wüste, hoffentlich finden Sie mehr und mehr Gehör.


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