Dierk Schaefers Blog

über VERGEBUNG

Posted in heimkinder, News by dierkschaefer on 19. Oktober 2009

Aus dem Mailwechsel mit einem ehemaligen Heimkind:

Sie haben mir geschrieben:

ich kann nicht vergeben, weil ich das nicht gelernt habe.

Angefügt haben Sie aus dem Internet eine Anfrage (offenbar an Alice Miller) mitsamt deren Antwort.

Frage: Erwachsenen, die als Kinder misshandelt wurden, wird meist geraten, ihren Misshandlern zu vergeben. Die Religionen lehren das, sowie die meisten psychotherapeutischen Ansätze. Diesem Ansatz widersprechen Sie in Ihren Büchern. Warum?

Antwort: Wie ich schon sagte: Der Körper versteht nichts von Religion und Moral. Wenn wir seine Erfahrungen der Grausamkeiten ignorieren, bezahlen wir unseren Selbstverrat mit Krankheiten oder lassen unsere Kinder ihn bezahlen, oder tun beides. Das Vergeben heilt nicht die Wunden, diese können nur durch das Zulassen der schmerzhaften Wahrheit ausgeheilt werden, nicht aber durch den Selbstbetrug. Um zu heilen, müssen die Wunden aufgedeckt werden und nicht verborgen bleiben. Viele Priester gebrauchen fremde Kinder für ihre sexuellen Wünsche, WEIL sie es niemals wahrhaben wollen, dass auch sie in der Kindheit so missbraucht wurden. Sie vergeben jeden Morgen global ihren Sündigern und wissen nicht, dass sie vom Zwang getrieben werden, das einst Erfahrene zu wiederholen und zu verleugnen. Würden sie sich mit der Geschichte der eigenen Kindheit konfrontieren und in einer aufdeckenden Therapie mit Zorn auf das ihnen Zugefügte protestieren, müssten sie nicht zwanghaft das Leben ihrer Ministranten gefährden. Dieses Konzept der Therapie beschreibe ich in meinen beiden letzten Büchern, vor allem in „Dein gerettetes Leben“.

Lassen Sie mich bei Ihrer Aussage beginnen, daß Sie nicht vergeben können, weil Sie das nicht gelernt haben.

Lernen kann man Vergeben auch nicht, jedenfalls nicht so, wie wir die Grundrechenarten lernen und dann können. Wir lernen, daß man vergeben soll, das kann ein moralischer Appell sein oder wir lernen es von einem glaubwürdigen Vorbild. Das ist vielleicht die Art Vergebung, von der Frau Miller spricht und die sie zu Recht ablehnt. Denn eine solche Vergebung ist nur angelernt. Das gilt nicht für die kleinen Dinge, bei denen die Entschuldigung und das War nicht so schlimm! im Rahmen zivilisierter Höflichkeit ablaufen. Ich spreche, und das meinen Sie ja auch, von dem großen Unrecht, das uns jemand angetan hat und das wir nicht leichthin vergeben können.

Vergebung läßt sich nicht einfordern! Niemand kann Sie zur Vergebung verpflichten. Niemand darf Sie moralisch nötigen, Ihren Peinigern zu vergeben. Vergebung ist eine freie (und befreiende) Handlung. Sie kann von dem Schuldigen erbeten werden. Das setzt aufrichtige Reue voraus, verpflichtet Sie aber dennoch nicht. Sie können nur vergeben, wenn Sie sich innerlich von der schlimmen Vergangenheit befreit haben. Das heißt nicht, daß Sie sie vergessen oder verdrängt haben, sondern Sie haben sich damit auseinandergesetzt und die Gewißheit und die Kraft gewonnen, daß diese Vergangenheit keine Macht mehr über Sie haben soll. Die glaubwürdige Reue eines Täters kann Ihnen helfen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, weil damit Unrecht als Unrecht anerkannt wird und Sie in Ihrer Verletztheit gerechtfertigt sind. Bleibt die Reue des Täters aus, wird der Weg zum inneren Frieden länger.

Das Unrecht, das Sie erlebt haben, hat Sie zutiefst verletzt, hat Zorn, vielleicht auch Haß ausgelöst oder aber Sie in Selbstzweifel und Resignation gestoßen. All dies ist selbstzerstörerisch, denn es hält die Wunden offen. Es ist ja nicht nur das erlebte Unrecht. Mindestens ebenso schlimm ist die Folge, daß Sie kaum noch nach vorn schauen können, weil Sie immer zurückblicken müssen. Ihre Vergangenheit ist zu Ihrer Gefangenheit geworden, die Gefangenheit in der Opferrolle. Wenn Sie überleben wollen müssen Sie da rauskommen. Aber wie?

Ein Patentrezept dafür gibt es nicht. Wie kann es ein Außenstehender wagen, Ratschläge zu geben, die Sie ausbaden müssen? Nicht vergeben zu wollen ist Ihr gutes Recht.

Nicht vergeben zu können, ist Ihr Problem.

Vergebung ist ein schmerzhafter Prozeß, sie kostet Selbstüberwindung. Denn der Geschädigte geht erneut und immer wieder durch das Tal seiner Tränen, er klagt und klagt an, bis seine Klage Erfolg hat, und sei es nur der Erfolg vor Gericht, das dem Täter bescheinigt, im Unrecht zu sein und ihn dafür wie auch immer bezahlen läßt. Das kann auch ohne Reue hilfreich sein, und es funktioniert auch ohne Vergebung, weil der Geschädigte schließlich gesiegt hat. Doch der Erfolg kann auch ausbleiben.  Wenn der Geschädigte wieder nach vorn schauen und leben will, wird er akzeptieren müssen, daß er das Erleben als eine Art Schicksal hinnehmen muß. Das ist der lange, der schwere Weg. An seinem Ende kann, muß aber nicht, so etwas wie Vergebung stehen, eine Vergebung, die nicht mehr darauf angewiesen ist, daß der Täter bereut, weil der Vergebende sich als der stärkere Charakter erwiesen hat, stark geworden durch seinen Leidensweg und dessen Bewältigung.

Vergebung heißt: Das Unrecht kann ich nicht vergessen und du sollst es nicht vergessen. Aber es soll keine Macht mehr haben über uns, nicht  über mich, auch nicht über dich. Ich habe dich freigesprochen, ich bin so frei.

Für das Unrecht, daß über uns kommt, sind wir nicht verantwortlich, aber für das, was wir daraus machen.

Der Schweizer Schriftsteller Ludwig Hohl schreibt:

Das Unglück allein

ist noch nicht das ganze Unglück;

Frage ist noch,

wie man es besteht.

Erst wenn man es schlecht besteht,

wird es ein ganzes Unglück.

Das Glück allein

ist noch nicht das ganze Glück.

Vergeben können ist eine Chance, das Unglück zu bestehen.

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