Dierk Schaefers Blog

Entschädigungsfragen

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 25. Februar 2010

Entschädigungsfragen

Bevor der Runde Tisch sich zum Thema Entschädigung äußert, dürfte es gut sein, daß die ehemaligen Heimkinder sich selber darüber klar werden, was sie wollen – und sie sollten es über die drei Vertreter der ehemaligen Heimkinder am Runden Tisch in die Tagesordnung einbringen, unabhängig davon, wie gut sich jeder/jede Einzelne von den Vertretern vertreten fühlt. Wenn die ehemaligen Heimkinder eine Diskussion zum Thema zustande bringen und realisierbare plausible Vorschläge machen, werden die Vertreter nicht umhin können, diese am Runden Tisch wiederzugeben.

Was muß also jeder Einzelne zunächst für sich, dann aber möglichst alle miteinander klären?

Da ist zunächst einmal die Motivation.

Ich zähle die von mir wahrgenommenen Motive auf:

1. Die einen wollen einen öffentlichen symbolischen Akt. Sie sagen, was mir angetan wurde, kann ohnehin nicht mit Geld wieder gutgemacht werden. Es geht also um öffentliche Rehabilitation, ohne weitergehende Ansprüche.

2. Andere wollen eine Art Genugtuung durch Demütigung der Täter(-organisationen). Sie haben erklärtermaßen einen Haß, zumeist auf die Kirche und ihre Einrichtungen. Dies ist ein Rachemotiv, verbunden mit hohen Geldforderungen. „Die sollen bluten!“ Ich nenne dies Motiv ohne jede moralische Beurteilung, denn ich kann es verstehen. Doch ich halte es für aussichtslos, auch nur in die Nähe der geforderten 25 Milliarden zu kommen. Es sei denn, jemand schafft es, gerichtlich per Einzel- oder Sammelklage eine präzedenzhafte Regelung zu erreichen. siehe auch:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2009/12/03/wer-ist-fit-fur-die-ochsentour/

3. Wieder andere wollen eine sachliche Aufrechnung: Geleistete Arbeit, verlorene Zeit, (Aus-)­bildungsdefizite, erlittene Qualen. Dafür wäre ein Preis auszuhandeln.

4. Eine weitere Gruppe möchte eine Aufbesserung ihrer bedrängenden Lage (Hartz IV) inform einer Opferrente.

5. Schließlich ist noch das Motiv „Alters- und Pflegeheim“ zu nennen. Diese Gruppe sieht sich in absehbarer Zeit wieder in eine totale Institution verfrachtet und befürchtet Retraumatisierungen. Sie möchten eine andere Form der Altersunterbringung – einige haben schon konkrete Vorstellungen.

Die Motivgruppen sind hier getrennt, doch in der Realität überlappen sie sich. Jeder kläre für sich sein Hauptmotiv und was ihm am zweitwichtigsten ist, falls das erste Ziel unerreichbar bleibt. Jeder überlege auch, ob ihn das Erstrebte wirklich zufrieden stellen wird.

Testfrage: Wie werde ich mich fühlen, wenn ich mein Ziel erreicht habe? Welche Probleme kommen danach auf mich zu? (Es könnten unbedachte neue sein.) Also: „Was will ich wirklich?“

Nun zum Thema Entschädigung  – Für die einzelnen Fonds verweise ich wieder einmal auf meine Verfahrensvorschläge.  Verfahrensvorschläge-RT

Vorab: Rentenfonds und Therapiefonds

Nicht verhandelbar sollten die Ansprüche auf Rentenersatzleistungen und Therapiekostenersatz sein. Für den Rentenersatzfonds sollte man nur auf die geleistete Arbeit abzielen, die ohne Sozialabgaben und meist auch ohne Bezahlung erbracht wurde. Der Zwangsaspekt, die Schläge, die Belohnung mit Suchtmitteln (Zigaretten) gehören in den Schmerzensgeldfonds.

Rentenersatz und Therapiekostenersatz sind zwar Einzelfallentscheidungen, die jedoch gruppenmäßig bei Vorliegen der Kriterien (Zwangs-)arbeit und Therapiebedürftigkeit zugesagt werden können.

Wenn diese beiden Fonds nicht zugestanden werden, und zwar recht großzügig, dann braucht man nicht mehr zu fragen, ob die andere Seite überhaupt guten Willens ist und die Notlage der ehemaligen Heimkinder verstanden hat. Man muß allerdings auch sehen, daß bei einer wie auch immer rechtlich gestalteten Anerkennung im Regelfall sich die Einkommenslage der ehemaligen Heimkinder nur geringfügig verbessern dürfte.

Doch für diese Forderungen sollte man zwei spezielle Fonds fordern, weil die Bedingungen nicht auf alle ehemaligen Heimkinder zutreffen. Zudem sollten diese Forderungen nicht mit anderen Arten des Entschädigungsanspruchs verrechnet werden, zumal für den Rentenfonds auch die Wirtschaftsbetriebe heranzuziehen sind, die damals von der Kinderarbeit profitiert haben. Das sind Firmen, landwirtschaftliche Betriebe und die Heime in ihrer Funktion als Wirtschaftsbetrieb.

Schmerzensgeldfonds und Verteilungsprobleme

Die weiteren Entschädigungsaspekte sind schwieriger zu regeln. Man muß bedenken, daß die in der Summe beachtlichen Zahlungen in Irland offensichtlich auf einer einzigen Grundlage beruhen: dem sexuellen Mißbrauch. Die Lage der deutschen Heimkinder war differenzierter. Nicht alle Schädigungen in der Biographie treffen auf jeden zu: Demütigung, der Zwangsaspekt bei der Zwangsarbeit, Verweigerung von Bildung und Ausbildung, Mißhandlung, Mißbrauch. Dies macht eine Pauschalregelung unmöglich.

Gesetzt den Fall, es gäbe eine große Pauschalsumme à la Irland: Nach welchen Gesichtspunkten sollte die halbwegs gerecht aufgeteilt werden? Der VeH und seine „Opferanwälte“ müssen sich fragen lassen, wie sie sich die Verteilung eventueller Entschädigungsgelder gedacht haben. Es geht ja schließlich nicht nur darum, möglichst hohe Summen zu erstreiten, sondern so weit wie möglich Rechtsfrieden zu bewirken, auch unter den ehemaligen Heimkindern selber. So kann die im Heim verbrachte Zeit allein kein Maßstab sein. Nicht alle Heime und Gruppen in den Heimen waren gleich schlimm. Es gab sogar gute Heime. Mit denen, die Glück gehabt haben, werden die anderen wohl nicht teilen wollen. – Und die Geldgeber, wer auch immer das sein wird, werden allenfalls für die schlimmen Fälle zahlen wollen, nicht aber für „Trittbrettfahrer“.

Wie sind also die einzelnen Beschwerdeinhalte zu werten? Was „kostet“ die Demütigung, was ist anzusetzen für die Mißhandlung, den Mißbrauch, was für die verweigerte Bildung?

Das sind noch nicht alle Probleme. Erfahrungsgemäß verarbeiten die Menschen schlechte Erlebnisse unterschiedlich. Manche kommen mit Fürchterlichkeiten klar, andere können auch weniger Fürchterliches nicht „wegstecken“. Es gibt keine Gleichheit im Leiden. Soll also die anhaltende Retraumatisierbarkeit der Meßfaktor sein? Und wer beurteilt deren Schweregrad?

Schließlich wird die Frage auftauchen, was die einzelnen ehemaligen Heimkinder vermutlich im Leben erreicht hätten, wenn sie nicht im Heim gewesen wären. Bei vielen dürften die familiären Verhältnisse nicht unbedingt förderlicher gewesen sein als die schulischen und beruflichen Angebote in den Heimen.

All diese Fragen und vielleicht noch mehr müssen mit Überlegung und mit Einbeziehung der ehemaligen Heimkinder angegangen werden. Es wäre gut, wenn die ehemaligen Heimkinder ihre Vorstellungen und Forderungen rechtzeitig einbringen. Sonst laufen sie Gefahr, daß gegessen werden muß, was auf den Tisch kommt – und das haben sie ja oft genug leidvoll erfahren.

Ein Nachtrag zum Thema Verjährung.

Da ich kein Jurist bin, kann ich diese Frage rechtlich nicht beurteilen. Doch als Pfarrer sage ich: Wenn Institutionen, die mit Ewigkeitswerten handeln, sich formaljuristisch hinter „Verjährung“ verstecken, dann haben sie ihre Glaubwürdigkeit gründlich verspielt.

Ein Angebot an die Kirchen, ihre Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen, war mein öffentlicher Bußaufruf. Bisher sehe ich nicht, daß eine irgendeine kirchliche Stelle in irgendeiner Weise konstruktiv darauf reagieren will.

Hier noch einmal der Bußaufruf: http://www.petitiononline.com/heimkids/petition.html

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