Dierk Schaefers Blog

Das kapieren die Kirchen leider nicht …

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 8. November 2010

Der Bußaufruf von Dierk Schäfer – ein Interview

 

Herr Pastor Schäfer, nennt man Sie Pastor oder Pfarrer? Worin liegen die Unterschiede?

Meine korrekte Amtsbezeichnung ist Pfarrer im Ruhestand. Ob Pfarrer oder Pastor ist von Landeskirche zu Landeskirche verschieden, meint aber dasselbe.

 

Vor einem Jahr haben Sie zur Buße aufgerufen. Wen?

Mein Bußaufruf richtete sich an die beiden Großkirchen in Deutschland und die ihnen zugerechneten Einrichtungen in Diakonie und Caritas, dazu auch an die Ordensgemeinschaften.

 

Hat Ihr Bußaufruf noch Gültigkeit?

Ja, natürlich. Als Termin hatte ich den diesjährigen Buß- und Bettag genannt, wahlweise den Tag der unschuldigen Kindlein, das ist der Gedächtnistag für die angeblich von Herodes ermordeten Säuglinge und Kleinkinder in Bethlehem, der 28. Dezember. Da es nicht danach aussieht, daß die Kirchen dem Bußaufruf Folge leisten, ist er zwar in seinem Kern ignoriert worden, aber damit nicht ungültig. Buße, also Umkehr von falschem, von sündhaftem Tun und überzeugend tätige Reue sind immer nötig, in diesem Fall jedoch nach wie vor von besonderer Dringlichkeit, weil es Opfer gibt, die noch heute unter den Folgen ihres Aufenthalts in kirchlichen Einrichtungen leiden.

 

Wieviele Reaktionen haben Sie erhalten?

Unterstützt haben den Bußaufruf als Petition an die Kirchen bis heute 240 Personen.

Reaktionen vonseiten kirchlicher Stellen gab es nur wenige. Zumeist bedauerte man einerseits das Geschehene, verwies ansonsten aber auf die Beratungen am Runden Tisch. In kirchlicher Tradition gesprochen gab es, und das unabhängig von meinem Bußaufruf, eine Art unausgereifter Reue inform von Betroffenheitsgesten, teilweise sogar Schuldbekenntnissen, doch zur ausgereiften Reue, der contritio, gehört mehr – und dazu hatte ich aufgerufen.

 

Welche Reaktionen haben Sie besonders berührt?

Zum einen manche Reaktion von ehemaligen Heimkindern, auch die Unterstützung von nicht-Betroffenen. Belustigt hat mich die Reaktion eines Kollegen, der meinte, mir sozusagen augenzwinkernd mitteilen zu sollen, er wisse auch, wie man Öffentlichkeitsarbeit macht.

 

Haben Sie Heimopfer unter den Eintragungen zum Bußaufruf in Ihrem Blog entdeckt?

Ja, sie haben sich „geoutet“, wie man heute sagt. Das können Sie nachlesen unter http://www.petitiononline.com/mod_perl/signed.cgi?heimkids

 

Wieviele Pfarrer oder Pastoren haben mit direktem Eintrag oder in privater Korrespondenz auf Ihren Bußaufruf reagiert?

Das kann ich nicht genau sagen, weil für die Petition nicht nach dem Beruf gefragt wurde. Dort sind es mindestens fünf, von denen ich es genau weiß. Ein paar Reaktionen, aber auch nur ganz wenige, erhielt ich auf meinen Beitrag Scham und Schande im Deutschen Pfarrerblatt. Nachzulesen unter https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf . Besonders gefreut hat mich, daß eine Kollegin diesen Beitrag kopiert hat, einem ehemaligen Heimkind gab und ihm sagte: Das ist Ihre Geschichte. Er nahm daraufhin Kontakt mit mir auf – und anscheinend konnte ich ihm sogar ganz konkret helfen.

 

Worauf führen Sie die erschreckend geringe Zahl theologischer Reaktionen zurück?

Wenn Sie mit der Frage die geringe Zahl von unterstützenden Pfarrern meinen: Manche sehen wohl ein Problem in der Loyalität gegenüber ihrem Dienstherrn. Ein von mir durchaus geschätzter Kollege antwortete mir, „wir Pfarrer“ seien wohl die letzten, die ihre Kirche zur Buße rufen könnten. Ich antwortete: Wer, wenn nicht wir?

Wenn Sie die ausgebliebenen theologischen Reaktionen meinen, also die immer noch ausstehende theologische Aufarbeitung kirchlicher Heimerziehung, dann dürfte wohl ein Problem darin gesehen werden, daß es geradezu ans „Eingemachte“ geht. Auf dem Prüfstand stehen nicht nur die pädagogischen „Heiligen“ beider Kirchen, also die Gründerväter der Heimeinrichtungen, die zu unanfechtbaren Vorbildern tätiger Menschenliebe stilisiert worden sind, sondern mehr noch: es geht um die mangelnde Diesseitsorientierung einer Theologie, die das Leben auf Erden nur als Vorstufe zum eigentlichen, also ewigen Leben erkennt und vor radikalen Maßnahmen folgerichtig nicht zurückschreckt. Das sind zwar eher die Probleme von vorgestern, doch man will an die Vergangenheit nicht ran. Wie lebendig solche Denkweisen heute wieder sind, erleben wir zur Zeit allerdings im islamistischen Fundamentalismus, der eigenes und fremdes Leben zugunsten des (eigenen) sicheren Paradieses opfert.

 

Seit wieviel Jahren setzen Sie sich für ehemalige Heimkinder ein?

Das begann etwa im Jahr 2000 mit meinen Kriegskindertagungen an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Dort lernte ich zum ersten Mal bewußt ehemalige Heimkinder und ihre Traumatisierungen kennen.

 

Welches Erlebnis eines Heimkindes hat Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Da müßte ich eine ganze Reihe von Episoden berichten, die mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließen.

 

Sie schrieben irgendwann, dass Sie unangemeldet beim Runden Tisch unter Vorsitz von Dr. Antje Vollmer erschienen. Wie war das? Wie reagierten die Tischmitglieder?

Das Gerücht scheint unausrottbar. Ich erschien nicht unangemeldet, sondern wurde zur Anhörung eingeladen und meine Auslagen wurden vom Runden Tisch erstattet. Wie die mir zu dieser Zeit nicht bekannten Teilnehmer am Runden Tisch reagierten, kann ich nicht sagen. Die Anhörung war eine Anhörung, mehr nicht. Es gab lediglich eine Rückfrage von Frau Rupprecht (MdB). Da ein echter Meinungsaustausch nicht vorgesehen und ich auch nicht zu den weiteren Tagesordnungspunkten an diesem Termin des Runden Tisches zugelassen war, hatte ich mir nicht mehr Zeit genommen, als unbedingt nötig. Ich bin am selben Tag wieder heimgefahren. Ein eher unerfreuliches Erlebnis.

 

Am Runden Tisch haben Sie Ihre „Verfahrensvorschläge zum Umgang mit den derzeit diskutierten Vorkommnissen in Kinderheimen in der Nachkriegszeit in Deutschland“ erläutert. Erhielten Sie irgendeine Reaktion?

Nein.

 

Wie schätzen Sie die bisherige Selbstdarstellung der Heimopfer ein? Haben die Grabenkämpfe untereinander den Opfern geschadet? Warum?

Zum Glück haben wohl nur Insider das unerträgliche und abträgliche Hick-Hack der ehemaligen Heimkinder wahrgenommen. Dennoch hat es ihnen geschadet, denn das hat es dem Runden Tisch leicht gemacht hat, die Regularien nach Gutsherrenart zu bestimmen.

 

Sie betreiben einen Blog, der das Thema Heimopfer beinhaltet. Wird das Thema ausreichend im Internet behandelt?

Da ich mich nur selten in die Foren verirre, kann ich dazu wenig sagen. Mein Google-Alert Heimkinder bringt mir eine Menge Meldungen, mein Blog taucht im Alert allerdings nie auf.

 

Eine ganz persönliche Frage: Hat die Beschäftigung mit dem Leid vieler Heimkinder vor 40 bis 60 Jahren Ihr Leben verändert?

Ja. Zum Beispiel dominiert die Heimkindersache meinen Blog – das hatte ich nicht so geplant.

 

Stehen Sie auf Kriegsfuß mit Ihrer Kirche? Was würden Sie ihr anraten?

Wenn ich mit meiner Kirche auf dem Kriegsfuß stünde, würde ich sie nicht verteidigen, wenn sie unsachgemäß angegriffen wird. Ich hätte auch keinen Bußaufruf verfaßt, sondern ein Pamphlet.

 

Sind die Kirchen noch glaubwürdig?

Das ist zu pauschal gefragt. Doch die Kirchen haben stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt, wobei das Wort eingebüßt interessant ist, denn da steckt Buße drin. Einbußen erleidet man, tut man jedoch aktiv Buße, bewahrt man seine Handlungsfreiheit und seine Glaubwürdigkeit, das kapieren die Kirchen leider nicht.

 

Warum sind Sie einer der wenigen in kirchlichen Diensten Stehenden, die dieses eklatante Versagen der Kirchen bearbeiten?

Das wüßte ich auch gern.

 

Was würde Jesus zu der Feigheit seines „Bodenpersonals“ sagen?

Das ist eine hypothetische Frage, zudem enthält sie eine unbelegte Annahme. Ich weiß nicht, ob es sich um Feigheit handelt.

 

Wie verträgt sich die „Frohe Botschaft Jesu Christi“ mit dem Umgang der Kirchen mit ihren Heimopfern?

Natürlich verträgt sich das nicht miteinander. Hier müßte nun die theologische Arbeit ansetzen: Wie konnte es zu diesen Verbrechen kommen? Welchen Anteil hatte die damals herrschende theologische Meinung daran? War das Ganze vielleicht nicht nur zeitbedingt, sondern offenbart es einen grundlegenden Fehler im „System“ von (christlicher) Religion? Den ehemaligen Heimkindern werden solche Gedanken weitgehend egal sein, doch als Theologe und Seelsorger würde ich mich freuen, wenn sich die Theologie endlich dieses Themas annehmen würde. Ich will demnächst in meinem Blog etwas dazu schreiben, weiß aber, daß es nicht darauf ankommt, was gesagt wird, sondern wer es sagt. Ich bin nur ein einfacher Pfarrer.

 

Fragen: Helmut Jacob

Tagged with: , ,

5 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Martin Mitchell said, on 9. November 2010 at 04:06

    .
    Ich bin der Meinung, „das kapieren die Kirchen“ schon – nur all zu gut !; aber dem „Buße tun“, dem verschließen sie sich.
    Das passt nicht in ihren GASCHÄFTSPLAN, denn KIRCHE ist GESCHÄFT !!!
    „Buße tun“ ist für andere — es ist etwas was in den KIRCHEN gepredigt wird.

    Wie groß dieses GESCHÄFT ist, dazu gibt es jetzt auch „Neue Berechnungen“:

    THEMA : Kirchen
    Neue Berechnungen
    Staat stützt Kirchen mit Milliarden
    DER SPIEGEL ( 06.11.2010 ) @ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727683,00.html

    Und siehe auch die dortige dazugehörige Diskussion @ http://forum.spiegel.de/showthread.php?postid=6580111

    KIRCHEN – ihre Schulden zu begleichen und ihre Opfer zu entschädigen, dazu haben sie kein Geld. Darum werden sie auch keinen „Bußaufruf“ unterzeichnen oder sich zum „Buße tun“ verpflichten.

    When hell freezes over – maybe.

  2. Joachim Kelke said, on 10. November 2010 at 13:14

    Worüber sich die Kirchen Gedanken machen und sich weiter unangemessen „beteiligen“ sieht man hier am aktuellen Beispiel, den Botschaftendes neuen EKD-Chefs Nikolaus Schneider: „Hannover (dpa) – Der neue Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, hält am politisch engagierten Kurs der Kirche fest. Unmittelbar nach seiner Wahl kritisierte der rheinische Präses den Atomkurs und den Castortransport nach Gorleben heftig. Auf der Tagung des Kirchenparlaments in Hannover wurde Schneider zum Nachfolger von Margot Käßmann an die Spitze der 25 Millionen Protestanten gewählt.“

    Wann hört endlich diese unheilige Allianz zwischen Staat und Kirchen auf? Schuster bleib bei deinem Leisten!

    • dierkschaefer said, on 10. November 2010 at 23:27

      Da bin ich anderer Meinung, lieber Herr Kelke. Die Kirche soll sich durchaus in die Politik einmischen. Doch solange sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat, sieht sie dabei alt aus. Wer Heimkinder schnöde auf die lange Bank schiebt, hat seine Glaubwürdigkeit verloren.
      Die Parteien stehen übrigens nicht besser da. Die Kirchen haben das Pech, daß sie als Moralprediger auch an moralischen Maßstäben gemessen werden. Von Politikern erwartet man ja kaum noch den aufrechten Gang.
      Und Hand aufs Herz: Stehen wir selbst immer so vorbildlich da, wie wir es von anderen erwarten?
      Viele Grüße

      ds

  3. […] Einen Kommentar schreiben « Das kapieren die Kirchen leider nicht … […]

  4. Rolf said, on 11. November 2010 at 11:47

    Hier muß ich mich den Worten, von Martin Mitchell anschließen.
    Er hat recht, wenn Er sagt: Buse tun ist für andere da, nur nicht für die Kirche selbst.
    Die Diskusion um die Entschädigung, für die Heimkinder hat viel zu spät eingesetzt.
    Man hätte damals als es bekannt wurde, dass die Heimkinder so erbärmlich behandelt wurden über Jahrzehnte, sofort einen Aufruf starten müssen, aber die betroffenen Heimkinder waren so traumatisiert und mit sich und Ihrer neuen Situation beschäftigt,
    das sie gar nicht wahrgenommen haben, was da passiert war?
    Ich selbst, Jahrgang 1934, habe erst in diesem Jahr 2010 erfahren, das es da einen runden Tisch gibt, wo über die Vergangenheit der Ehemaligen Heimkinder verhandelt wird.
    Freundl. Grüße an alle EM. Heimkinder
    Rolf


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: