Dierk Schaefers Blog

Prof. Dr. Manfred Kappeler: Vom „Zwischenbericht“ des Runden Tisches Heimerziehung zum Entwurf des „Endberichts“ – Zwischen den Zeilen gelesen II

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 12. November 2010

Entwurf des „Endberichts“ – Zwischen den Zeilen gelesen II

 

http://s3.directupload.net/images/101111/o8kbtiaq.pdf [Freitag, 12. November 2010]

 

Das ist eine wichtige Expertise, die man unbedingt lesen sollte, egal, ob man ehemaliges Heimkind ist oder Interessenvertreter am Runden Tisch. (Vielen Dank an Herrn Mitchell/Australien für den Hinweis!) Angeschlossen ist dort eine Kommentierung der wegweisenden »Entscheidung des Landesversorgungsamtes Bayern vom 7.10.2010 zu Gunsten eines ehemaligen Heimkindes«. Das Landesversorgungsamt hat eine positive Entscheidung nach dem Opferentschädigungsgesetz getroffen. Ich hatte in meinem Blog am 12. Mai auf diese Möglichkeiten hingewiesen und freue mich, daß das zu der Zeit schon lange schon laufende Verfahren erfolgreich war. https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/05/12/das-opferentschadigungsgesetz-und-die-verjahrungsfrage/

 

Aus dem Beitrag von Prof. Kappeler zitiere ich hier den Absatz, der die Kirchen betrifft, habe aber meine Zweifel, daß die Kirchen diese letzte Möglichkeit ihr Gesicht zu wahren ergreifen werden.

 

»Eine neue Dynamik würde entstehen, wenn ein Glied der „Verantwortungskette“ den Mut aufbringen würde, den Verweis auf die Kettendisziplin aufzugeben, öffentlich seinen Beitrag zur Entschädigung zu beziffern, zu versichern, diesen Betrag auch unabhängig von der Entscheidung der anderen „Kettenglieder“ zu zahlen. Mit der Wahrnehmung seiner ethischen und moralischen Verantwortung für das in den eigenen Heimen den Kindern und Jugendlichen angetane Unrecht und Leid, würde dieses „Kettenglied“ die Anderen in der „Kettenglieder“ auffordern, diesem Beispiel zu folgen. So ein Schritt – Heraus aus der Verschanzung hinter „den Anderen“ und „noch nicht geklärten Beträgen und Verfahrensweisen“ – stünde den beiden Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden gut an. Sie würden damit ihrer von ihnen immer wieder reklamierten Bedeutung als das soziale Gewissen der Gesellschaft gerecht. Die „Verantwortungskette“ ist gegenwärtig eine Verantwortungsverhinderungskette geworden. Am deutlichsten wird das an der Position der Länder, die sich nur dann an einer finanziellen Entschädigung beteiligen wollen, wenn alle westdeutschen Bundesländer dem zustimmen. Was hindert eigentlich Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die großen „rot-grün“ und „schwarz-gelb“ regierten sogenannten Flächenländer daran, für die Länder ein Beispiel zu geben?«

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9 Antworten

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  1. Rolf said, on 12. November 2010 at 11:15

    Möchte Prof. Kappeler schon Recht geben mit seiner Darlegung.
    Aber hier sind nicht nur die verschiedenen Religionen gefordert und die einzelnen Bundesländer, sondern der deutsche Staat insgesamt.
    Denn einige Schandtaten reichen bis in die Jahre der Nazie Zeit zurück.
    Wenn man einzelne Bundesländer die Verantwortung zuschiebt, dann wird wieder gastritten, wer wohl wieviel zahlen soll und nach welchem Schlüssel, das geht dann wieder in die Jahre und alles verläuft im Sande, denn es lebt dann kein Berechtigter mehr.
    Freundliche Grüße,
    (von 1936 bis 1947 in verschiedene Anstalten unter gebracht).
    Rolf

    • dierkschaefer said, on 12. November 2010 at 11:48

      Generell ist hier in erster Linie der Staat gefordert, denn er trägt die Verantwortung, weil er in die Erziehung durch die Eltern eingegriffen hat. Damit hätte er eine bessere Erziehung gewährleisten müssen. Somit ist es Aufgabe des Staates, für die Entschädigung der Opfer zu sorgen, natürlich unter Einbeziehung der Heimbetreiber (meist die Kirchen) und der Auftraggeber für die Kinder-Zwangsarbeit.
      Die Wut der ehemaligen Heimkinder richtet sich verständlicherweise hauptsächlich gegen die Kirchen und ihre Einrichtungen, die ja die konkreten Täter waren. Dennoch ist die Reihenfolge der Verantwortung wichtig und bei der Pressekonferenz zum „Zwischenbericht“ des Runden Tisches wurde sehr deutlich, daß die Vertreter des Staates sich juristisch herauswinden. Hinter denen werden sich, fürchte ich, dann die Kirchen verstecken.

  2. Tkocz said, on 12. November 2010 at 14:53

    Pokerspiel

    Bei der Entschädigungslösung geht es um die Verantwortungskette und sie fängt tatsächlich beim Staat an. Justiz und Jugendämter haben versagt und sie haben die Voraussetzungen für die Einweisung in den Heimen geschaffen. Und nun kommt das Aber- diese Instanzen sind nicht moralisch verpflichtet, die Moral gehört zur Abteilung der Kirchen und an ihren Taten soll man sie erkennen. Wer macht nun den ersten Schritt? Und wer sollte diesen machen?
    Möglicherweise eine Entscheidung zwischen Recht und Moral und wer den Kirchen sowieso noch nie etwas zugetraut hat was im Zusammenhang mit Ihrer Verantwortung steht, sollte schon Bund und Länder auffordern, den ersten Schritt zu machen. Es wäre tragisch, wenn der Runde Tisch sich zu einem Pokerspiel entwickelt, dass sich dahingehend interpretieren lässt, bloß nicht mit dem Auge zucken oder die Nerven verlieren, dann bist Du dran. Bis jetzt macht es den Eindruck -so ist es- und da kann man nun wirklich nicht mehr nachvollziehen, wieso die Verantwortungsträger sich nicht ihrer Verantwortung bewusst werden und die Chance ergreifen, ein wenig Glaubwürdigkeit herzustellen. Zuckt nicht mit dem Auge sondern macht Euern Mund auf, es wird Zeit!

    Erika Tkocz

    • dierkschaefer said, on 12. November 2010 at 15:36

      Nicht daß ich die Kirchen schonen will, aber der Staat hat in dem Sinne moralisch zu handeln, als er sich an seine Gesetze hält, dazu gehört seine Verpflichtung, Kindeswohlgefährdungen abzufangen. Das war schließlich der rechtliche Grund seines Eingreifens. Nur daß die Kinder häufig dadurch vom Regen in die Traufe kamen. Darum hat er die Entschädigung zu regeln, selbstverständlich unter Inanspruchnahme der Co-Verantwortlichen, also der Kirchen und der Auftraggeber für Kinderzwangsarbeit.
      Auf die Kirchen kommt allerdings eine zusätzliche Verantwortung hinzu. Wer von Gottesebenbildlichkeit redet und sie bei den Kindern nicht erkannt hat, sollte, wie Prof. Kappeler ganz richtig appelliert, als Glied der Verantwortungskette mit gutem Beispiel vorangehen. Doch ich fürchte, daß die Kirchenoberen das Jüngste Gericht nicht fürchten (weil sie nicht daran glauben?)

  3. Wenz Flash said, on 12. November 2010 at 17:50

    Die staatlichen Instanzen verweisen gerne auf die gesetzliche Verjährung, doch für die Kirchen gibt es keine Verjährung, nur Reue und Buße. Die katholische Kirche ist laut Konkordat von 1933 verpflichtet, ihre Tätigkeit in öffentlichen Einrichtungen seelsorgerisch durchzuführen und dazu gehörte keine Züchtigung. Warum dennoch auch Nonnen zuschlugen bis zur eigenen Erschöpfung bleibt rätselhaft.
    Die Bundestagskommission RTH bräuchte also im rein staatlichen Rechtssinne gar nicht tätig zu sein, doch ihr Auftrag ist es eben auch Schäden von den beiden großen Kirchen in Deutschland abzuwenden und kraft des Konkordates von 1933 Meinungsverschiedenheiten mit den katholischen Würdenträgern gemeinsam zu behandeln. Nun ist der Erziehungskrieg verloren gegangen und viele damaligen Heimkinder fordern Wiedergutmachung, wobei die Jugendlichen, die in Erziehungslager arbeiten mussten, erstmal ihr Recht auf erbrachte Arbeitsleistung adressieren müssen, was schon immense Kosten für den Rechtsstaat bedeutet. Kann ich fürwahr von einer Kriegsführenden Partei erhoffen, dass sie mir entstandene Schäden ausgleicht? Nicht ernsthaft, das wäre wie wenn Deutschland nach dem Krieg ihren Siegern gesagt hätte, was sie zu bekommen haben. Das konnten natürlich nur die Siegermächte tun. Doch wer gilt in der Kinderheimerziehung als Sieger oder Verlierer? Leider sind alle Verlierer. Die Kinder, die Züchtigungen erdulden mussten, die Heimerzieher, selbst einfachst qualifiziert und einer Horde von Kindern überlassen, deren wesentliches Ziel es war aus den Kindergefängnissen herauszukommen. Die Heimkinder galten als faule Subjekte (=veraltet für Landeskind) und mussten zurechtgeklopft, sprich sozialisiert werden. Das Chaos nahm seinen Lauf. Heute wollen Nachfolgeorganisationen das besser machen? Und dann soll nun eine Bundestagskommission mit Verlierern der Gesellschaft, Tätern und Opfern, reinen Tisch machen können, wo noch nicht einmal im Grundgesetz definiert ist was Kinderrechte sind.
    Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland kennt in Artikel 6 nur das Elternrecht und keine Kinderrechte und spricht nur vom Wohl des Kindes. Das Recht der Natur ist biologisch und psychologisch beidseitig wirksam: Die Eltern haben ein Recht auf die Erziehung ihrer Kinder und die Kinder haben ein Recht auf ihre Eltern. Wenn Eltern dies nicht können, sind Ersatzeltern zu beschaffen und keine Verwahranstalten. Die Kinder brauchen zumindest bis zur Pubertät, dem Loslösungsprozess von den Eltern, eine dauerhafte Bezugsperson. Es ist ein natürliches Recht eines Kindes, zumindest eine dauerhafte Bezugsperson als Elternersatz zu haben. Solange dieses natürliche Recht eines Kindes und damit sein Menschenrecht, in unserem Grundgesetz fehlt, bleibt das Kind als Verlierer zurück. Daran kann leider auch die Bundestagskommission RTH nichts ändern, an dieser Menschenrechtsverletzung des Kindes, der Vorenthaltung einer dauerhaften Bezugsperson.
    Insofern gehört das ganze Verfahren vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, jene Instanz, die Hoffnung gibt, das Kind nicht mehr nur als Verlierer zu sehen, sondern als Gewinner. Ich verbleibe mit der Hoffnung, dass es irgendwann in unserem Grundgesetz auch definierte Kinderrechte gibt, die bereits im Jahre 1959 von den Vereinten Nationen formuliert wurden.
    Mit stillem Gruß
    Wenz Flash, denn ein gravierender Blitz traf mich als Kind (die Kinderheimeinweisung) und das Gewitter (der Kinderheimaufenthalt) dauerte über sechs Jahre, für ein Kind eine Ewigkeit, für einen Erwachsenen der Planansatz seiner Lebensgestaltung.

  4. Heidi Dettinger said, on 1. Dezember 2010 at 01:10

    Wirklich, ich möchte hier nicht in Diskussionen um Moral einsteigen. Moral ist interpretierbar, Moral ist eine Frage der Ehtik, Moral dem einen ist Unmoral dem anderen.

    Mir geht es primär um etwas anderes:

    Der Staat und seine Organisationen im weitesten Sinne (Bund, Länder, Jugendämter, Gerichte) haben die Verpflichtung, bei Gefährdung des Kindeswohles einzugreifen, das Kind – dessen Wohl gefährdet war – zu beschützen und zu behüten. Dieser Verpflichtung ist der Staat nicht nachgekommen, seine Beamten haben ihre Pflicht, die sie mit ihrer Vereidigung eingegangen sind, wissentlich (!) vernachlässigt – aus Faulheit, Trägheit, Lust oder einem durch nichts (auch damals nicht!) zu rechtfertigendem „Staats- und Obrigkeitsbewusstsein“.

    Der Staat also hat die Kinder, Säuglinge, Jugendliche massenhaft in „Heime“ (welch Euphemismus, welche Verlogenheit!) verbringen lassen, in dem sie psychisch, physisch und sexuell gefoltert wurden, ausgebeutet, ohne Liebe, Hoffnung, Ausbildung und Beruf aufwuchsen, geschädigt ihr Leben lang, traumatisiert bis ins hohe Alter.

    Der Staat hat diese kleinen Menschen dorthin verbracht – aber die, die ihrer dann habhaft wurden, haben ihnen alles weitere angetan. Zur Befriedigung ihrer perversen Gelüste – seien sie machtlüstern, sexueller oder sonstiger Art gewesen. Mitnichten kam ein Beamter des Jugendamtes vorbei, ein Säugling an sein Bettchen zu binden, ein Kleinkind zu vergewaltigen, einen Jugendlichen zu verprügeln. Und wahrscheinlich haben auch kaum Richter feuchte Hände und Hosen gehabt, wenn sie mit einem Kind gesprochen haben. Oder wieviele Ministerpräsidenten oder Gemeinderäte werden jungen, pubertierenden Mädchen gesagt haben, dass sie eh nur einen Dreck Wert und eh im Bordell landen werden? Tag für Tag.

    All dies und noch einiges mehr aber ist den Überlebenden zugefügt worden von Priestern und Pfarrern, von Mönchen, Brüdern, Nonnen, Diakonen und Diakonissen, von Erzieherinnen und Erziehern, von Ordensschwestern und Jesuiten.

    Wenn man die prozentuale Beteiligung an Hand von „Heimen“ unter Führung und in Besitz verschiedener Religionsgemeinschaften in Betracht zieht und das hochrechnet, kommt man zu dem Schluss, dass an dem Leiden der Einzelnen – den Traumata durch einmalige oder wiederholte Vergewaltigungen, an den Knochenbrüchen und versenkten Hoden, dem unendlichen psychischen Leid, den Ängsten, die das tägliche Leben bis in die Traumwelt hinein durchziehen, dem Minderwertigkeitsgefühl und den Schuldkomplexen durch den über sie tagtäglich vergossenen Hohn und Spott, die Schädigungen durch Liebesentzug, dem Hospitalismus, die mangelnde Ausbildung (und damit Partizipation an dem gesellschaftlichen Reichtum) doch Angehörige, Angestellte, Abhängige der Kirchen die Verantwortung trugen. Und heute noch tragen!

    Natürlich – und damit gebe ich Herrn Schäfer Recht – wäre es Aufgabe des Staates und seiner Organe gewesen, die Heime zu kontrollieren. Wahrscheinlich hätte auch einiges verhindert werden können. Aber die eigentlichen Schuldigen sind nun mal nicht die, die wegschauen, sondern diejenigen, die den Dolch führen, der das Innere zerfetzt! Und genauso ist auch in unserem Strafgesetzbuch vorgesehen: Der Mord wird deutlich höher bestraft, als die Beihilfe zu selbigem oder die unterlassene Hilfeleistung.

    Also – lassen wir die Kirche mal da, wo sie hingehört: Vor den Richter und an die Kasse!!!

    • dierkschaefer said, on 1. Dezember 2010 at 10:50

      Völlig richtig, liebe Frau Dettinger,

      es kann auch nicht darum gehen, die Kirchen in irgendeiner Weise zu entlasten. Hier sind die Tat-Schuldigen zu suchen. Vom Staat ist lediglich, abgesehen von seiner direkten Verantwortung für die staatlichen Heime, zu fordern, daß er die Entschädigungen organisiert und dann aber auch seinen finanziellen Teil beisteuert für sein Versagen und für das Versagen der Gesamtgesellschaft.
      Wer, wenn nicht der Staat, kann die Kirchen nötigen, den Hauptanteil zu tragen? Auf freiwillige tätige Reue wird man bei den Kirchen wohl vergeblich warten – doch ich fürchte, der Staat ist nicht besser.

      Viele Grüße

      dierk schäfer

  5. Martin MITCHELL said, on 23. Januar 2016 at 01:05

    .
    Der Verein ehemaliger Heimkinder e.V. (VEH e.V.) hat gleichfalls für seine Mitglieder sowohl wie auch für Betroffene (Ehemalige Heimkinder!), die nicht Mitglieder im Verein sind *mehr eingehend ausgeführt* was genau es sich mit dem „Aufruf an Ehemalige wegen OEG = Opferentschädigungsgesetz!“ auf sich hat.

    Diese detailierte Ausführung, unter dem Titel „Juristische und psychologische Hilfen beim OEG-Verfahren“ ist jetzt an vielen, vielen Stellen im Internet aufrufbar, u.a., auch auf der Vereinswebseite des VEH e.V.

    @ http://www.veh-ev.eu/home/vehevinf/public_html/gerichtsverhandlungen/juristische-und-psychologische-hilfen-beim-oeg-verfahren/

    und auf dem informativen Internetauftritt EHEMALIGE-HEIMKINDER-TATSACHEN.COM

    @ http://www.ehemalige-heimkinder-tatsachen.com/viewtopic.php?p=1081#p1081
    .


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