Dierk Schaefers Blog

DIE BASISUMFRAGE: Helmut Jacob fragte, Dierk Schäfer antwortete

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 2. März 2011

Herr Schäfer, die Abstimmung auf Ihrem Blog ist beendet. Wie lautet das Ergebnis?

Es gingen 52 Stimmzettel ein, davon waren 48 gültig. Darunter waren 3 Ja-Stimmen für die Akzeptanz der Ergebnisse des Runden Tisches, 44 Nein-Stimmen und eine Enthaltung. Es gab auch zwei Doppelabstimmungen, die ich dann als jeweils eine Stimme gewertet habe.

Dann haben nur50 Personen an der Abstimmung teilgenommen. Macht Sie das zufrieden oder nachdenklich?

Wenn man Erfahrung mit Umfragen hat, in diesem Fall aber keine repräsentative Stichprobe ziehen konnte, dann ist man nur zufrieden, wenn sehr viele Stimmen eingehen. Ich hatte mit rund 500 gerechnet und frage mich, warum es nicht mehr waren. Das stimmt mich schon sehr nachdenklich.

Wie bewerten Sie die Stimmverteilung?

Schwierige Frage. Das Ergebnis ist zwar sehr eindeutig, allerdings angesichts der geringen Beteiligung wird, wer es will, dieses Ergebnis ohne Probleme ignorieren oder gar schlußfolgern, daß die meisten Heimkinder kein Interesse mehr haben. Wenn man denkt, daß in der Öffentlichkeit Schätzungen von 800.000 ehemaligen Heimkindern genannt wurden, darf man sich über solche Interpretationen nicht wundern.

„Nein, ich akzeptiere das Ergebnis des Runden Tisches [Heimerziehung] nicht.“ So haben die meisten Teilnehmer abgestimmt. Welche Signalwirkung hat dieses Ergebnis für die ehemaligen Teilnehmer des Runden Tisches?

Ich glaube nicht, daß die dieses Signal nötig hatten. Wer in dieser Weise ein Problem versucht auszusitzen und die äußerst geschickte Taktiererei der Moderatorin erlebt hat, ich denke besonders an die ganz spezielle Einbindung eines Heimkindervertreters und an den Psychodruck in der letzten Sitzung, so jemand wird sich keinen Illusionen hingegeben haben, daß der Schlußbericht von der Basis akzeptiert werden könnte. Doch die Basis hat sich bei mir nicht gemeldet.

Welche Wirkung müßte das Ergebnis auf die bevorstehende Debatte zur Einrichtung des vorgeschlagenen Fonds im Deutschen Bundestag haben?

Ich befürchte, daß dieses Ergebnis trotz seiner Eindeutigkeit eher dazu angetan ist, dem Bundestag zu signalisieren, daß das Mengenpotential der unzufriedenen ehemaligen Heimkinder so groß doch nicht ist, und daß man fortfahren kann, die ohnehin schlechten Lösungsvorschläge vom Runden Tisch für die einzelnen Betroffenen weiter zu verschlechtern; der Gang der Gesetzgebung und die Verwaltung der Ansprüche bieten dafür viele Möglichkeiten.

Kann man die geringe Teilnehmerzahl auch in Bezug zur geringen Zahl der bekannt gewordenen Opfer setzen?

Prof. Kappeler nennt zweieinhalbtausend, die sich an die verschiedenen Anlaufstellen gewendet haben. Ich denke, das ist die einzig relevante Bezugsgröße, auch wenn ich annehme, daß es immer noch viele gibt, die sich lieber verstecken; dafür dürften andererseits sich auch manche bei mehr als einer Anlaufstelle gemeldet haben. Da diese Personen jedenfalls etwas wollen, egal ob Entschädigung, Rehabilitierung oder Entschuldigung, sollte man annehmen, daß sie sich an einer zu nichts verpflichtenden Umfrage beteiligen. Doch auch, wenn ich von den zweieinhalbtausend ausgehe, ist die Beteiligung von nur 50 Personen nicht geeignet für eine plausible Darstellung der ablehnenden Haltung der ehemaligen Heimkinder.

Was soll mit dem Ergebnis Ihrer Abstimmung passieren? Wo geht sie hin?

Ich habe die Ergebnisse, so wie ich es zugesagt habe, bereits verbreitet, also an den Bundestagspräsidenten, die Familienministerin, die Fraktionsvorsitzenden, den Petitionsausschuß, den Familienausschuß und den Rechtsausschuß. Dazu habe ich einige Pressedienste mit einer Presseinformation bedient. In allen Fällen war es mir wichtig, nicht nur Prozentangaben zu machen, sondern auch die absoluten Zahlen zu nennen. Ich möchte mir keine unseriöse Arbeitsweise vorwerfen lassen. Doch insgesamt kam ich mir komisch vor. Wenn ich selber eine solche Umfrage bekäme, würde ich sie kaum beachten.

Inwiefern bestimmt das Abstimmungsergebnis Ihr weiteres Handeln?

Ich frage mich natürlich, was ich nach diesem Ergebnis noch für die ehemaligen Heimkinder tun kann; das fragt mich mein Umfeld auch.

Zu einem anderen Thema, Ihrem Bußaufruf. Vor über einem Jahr riefen Sie die Kirchen zur Buße auf. Jetzt kommt einiges in Bewegung. Bischof Bode hat sich im Osnabrücker Dom büßend zum Altar gelegt. Wie bewerten Sie diese Geste?

Ja, da gab es auch noch die Fußwaschung. Es sind durchaus bewegende Gesten, die im kirchlichen Rahmen angemessen sind. Doch solange es nur Gesten bleiben, handelt es sich um bloße Inszenierungen, mit anderen Worten: Alles Theater.

Konservative Kritiker bedauern diese Geste. Was meinen Sie dazu?

(http://www.noz.de/deutschland-und-welt/politik/niedersachsen/49571028/konservative-kritiker-bedauern-bischoefliche-bue-nach-missbrauchsfaellen)

Wenn jemand ernsthaft sagt: „Bischof Bode noch immer im Missbrauchs-Wahn“, dann soll er das im Jüngsten Gericht verantworten, an das er doch hoffentlich glaubt.

Kardinal Meißner trug seine Bußworte gesanglich vor. Hat er damit überzeugt?

(http://www.youtube.com/watch?v=iWfdApi8trI)

Ich habe mir das soeben erst angehört und – Entschuldigung – ich mußte lachen. Man könnte noch mehr dazu sagen, doch das lohnt nicht. Eins aber doch: ehemaligen Heimkindern dürfte nicht zum Lachen zumute sein. Wenn ich Betroffener wäre, käme eine unsägliche Wut in mir hoch über die unglaublich umsichtige Empathiebezeugung dieses hochrangigen kirchlichen Würdenträgers.

Die Bischofskonferenz will im Rahmen ihrer nächsten Vollversammlung im März in Paderborn in einem Bußakt „die Opfer und Gott um Vergebung“ bitten. Kommt dieser Akt nach Ihrer Meinung im Rückblick auf das bisherige Verhalten der katholischen Kirche bei den Opfern an?

(http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article12668028/Kirche-sendet-Signal.html)

Das kann ich mir nicht vorstellen – es sei denn, es werden großzügige Entschädigungen angekündigt. Doch es scheint ohnehin nur um Mißbrauchsfälle zu gehen, diese Fixierung auf Sex ist schon interessant. Die ehemaligen Heimkinder bleiben wieder einmal als Schmuddelkinder außen vor.

Wie sieht Ihre weitere Arbeit in Sachen ehemalige Heimkinder aus?

Im jetzigen Stadium kann ich das noch nicht absehen.

So auch bei:

http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Aktuelles/aktuelles.html
http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Abstimmung_uber_den_Runden_Tis/abstimmung_uber_den_runden_tis.html
http://www.gewalt-im-jhh.de/hp2/Runder_Tisch_Heimkinder__Vollm/runder_tisch_heimkinder__vollm.html

4 Antworten

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  1. Helga Weitzel said, on 2. März 2011 at 20:13

    Gefunden im Spiegel Nr. 39/27.09.2010

    KIRCHE

    Induviduelle Entschädigung

    Die kath. Kirche will Missbrauchsopfer finanziell nicht durch eine pauschale Summe entschädigen, sondern induviduell je nach Schwere des Falls. Diesen Vorschlag wollen die deutschen Bischöfe an diesem Donnerstag beim Runden Tisch „Sexueller Missbrauch“ einbringen. Dabei gehe es um Summen, „die der Schwere der Tat angemessen sind und die den Opfern wirklich Helfen“ kündigt ein Vertreter der Bischofskonferenz an. Das könnten, wie es in ähnlichen Fällen auch von deutschen Gerichten entschieden worden sei, zwischen 5000 und 10.000€ sein, jedoch nichtdie von Opfervertrtern pauschal gefordeten 82.273€.
    Allerdings sollen Kosten für Teraphie und andere Hilfsleistungen auch in größerem Umfang von der Kirche erbracht werden. Die höchste bbisher bekanntgewordene Summe betrug 25.000€. Auch wenn die ersten Zahlungen noch in diesem Jahr erfolgen könnten, kritisiert Christine Bergmann (SPD), die vom Bund berufene „Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs“, die Haltung der Kirche als zu zögerlich: “ Die Betroffenen wollen, Dass Täter oder Instutionen für das Unrecht Verantwortung übernehmen. Die meisten, die sich bei uns melden, wollen eine finanzielle Entschädigung, weil sie durch das Missbrauchsgeschehen im beruflichem Leben oft nicht Fuß fassen konnten oder starke finanzielle Einbußen durch zum Teil langjährige Therapien hinnehmen mussten. Der Opfersprecher Matthias Katsch drängt darauf, dass es „kein bürokratisches Anerkennungsverfahren“ geben wird; außerdem sei es abwegig, wenn die Kirche mit der Opferentschädigung einen Klageverzicht verbinde: “ Diese Koppelung darf es nicht geben.“

    Was hat sich bis heute getan?

  2. Helga Weitzel said, on 2. März 2011 at 20:32

    hier noch zwei Links zur Entschädigung ehemaliger Heimkinder

    http://www.dielinke-nrw.de/linksletter/ll_aktuell/detail_ll/zurueck/linksletter-aktuell/artikel/unrecht-und-leid-zum-abschlussbericht-des-runden-tisch-heimerziehung-teil-i
    http://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-berichte/saarland/30-nbsp-000-Antraege-von-frueheren-Heimkindern-;art2814,3579833

    Die ganze Welt weiß es, aber unsere Regierung macht eine kreative Arbeitspause.

    Wunder dauern bekanntlich etwas länger!!!!!!!!!!!

  3. Helga Weitzel said, on 2. März 2011 at 20:51

    Soeben Nachrichten vom Mdr im Fersehen gehört und gelesen.

    Videotext Seite 123Die kath. Kirche hat den Opfern sexuellen Missbarauchs den Opfern 5.000 € angeboten.
    Der Betrag entspricht dem, was der Jesuiten Orden angeboten hat.
    Anträge können ab 10.03. einen Antrag stellen

  4. […] Schäfer auf die Frage, welche Signalwirkung dieses Ergebnis für die ehemaligen Teilnehmer des Runden Tisches habe: “Ich glaube nicht, daß die dieses Signal nötig hatten. Wer in dieser Weise ein Problem versucht auszusitzen und die äußerst geschickte Taktiererei der Moderatorin erlebt hat, ich denke besonders an die ganz spezielle Einbindung eines Heimkindervertreters und an den Psychodruck in der letzten Sitzung, so jemand wird sich keinen Illusionen hingegeben haben, daß der Schlußbericht von der Basis akzeptiert werden könnte.” […]


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