Dierk Schaefers Blog

JUBILATE

Posted in heimkinder, Kirche by dierkschaefer on 9. September 2011

Martin Mitchell/Australien schreibt in seinem Kommentar:

»MICHAEL HÄUSLER war auch schon „federführender Archivar“, „DAS GEDÄCHNIS DES DIAKONISCHEN WERKES DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN DEUTSCHLAND“, im Jahre 1998, als, als GRUNDPFEILER, in einer 6 Monate langen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin das SACHBUCH / der AUSSTELLUNGSKATALOG »DIE MACHT DER NÄCHSTENLIEBE – Einhunderfünfzig Jahre Innere Mission 1848-1998« herausgegeben wurde, worin die nachkriegdeutsche „Fürsorgeerziehung“ und „Freiwillige Erziehungshilfe“, und die leitende unrühmliche Rolle die die INNERE MISSION / DIAKONIE darin spielte, total verschwiegen wurde.«

Selbiger Michael Häusler führt die Korrespondenz für das Versöhnungsfestival am kommenden Sonntag in Berlin. Da frage ich mich: Warum steht ausgerechnet ein Archivar in der vordersten Reihe?

Normalerweise arbeiten Archivare im Verborgenen. Sie kennen ihr Archiv und helfen beim Recherchieren. Nach außen hin treten sie nur in Erscheinung, wenn es um das Abfassen und die Gestaltung firmenspezifischer Verlautbarungen geht. Dabei treten sie normalerweise nicht in eigener Verantwortung auf, sondern die Firmenleitung hat Vorgaben gemacht und sich für die Veröffentlichung das letzte Wort vorbehalten. Das ist ein normaler Vorgang. Der Archivar ist dann sozusagen der vergangenheitsorientierte Öffentlichkeitsreferent. Wir kennen Beispiele aus der Geschichte deutscher Firmen, die es nach Jahren des Schweigens gewagt haben, ihre Archive für unabhängige Wissenschaftler zu öffnen und sie nicht in ihrer Arbeit behindert haben. Die Archivare waren bei der Recherche dieser Wissenschaftler oft eine Hilfe, weil sie wußten, wo „die Leichen“ versteckt liegen.

Ein solcher Archivar ist Herr Häusler anscheinend nicht. Was aber treibt ihn an die Front? Sind es seine Dienstherren, die lieber im Hintergrund bleiben oder ist es eigener Eifer, weil er sich dermaßen mit seiner Institution identifiziert, daß er nicht nur das Image der Firma, sondern auch ihre Kasse schützen will?

Ich weiß es nicht.

Aber was könnte zum „Vorschwein“ kommen (um eine berühmte Freud’sche Fehlleistung zu zitieren)? Man muß bedenken, daß das Diakonische Werk der EKD nur der Dachverband der Diakonischen Werke der einzelnen evangelischen Landeskirchen ist. Diese wiederum sind nur der Dachverband der Diakonischen Einrichtungen innerhalb einer Landeskirche, soweit diese Einrichtungen Mitglied im Diakonischen Werk ihrer Landeskirche sind. Mancher Schachtelkonzern könnte ob dieses Wirrwarrs, der nicht der einzige ist, vor Neid erblassen. Doch was könnte das für die Archive bedeuten?

Wohl kein Heim hat die Verbrechen und groben Mißhandlungen aktenkundig gemacht. Erst wenn das Dienstrecht, und damit also ein Mitarbeiter tangiert war, dürfte es zu protokollierten Vorgängen gekommen sein. Es ist unwahrscheinlich, daß solche Notizen den Weg ins Archiv des Diakonischen Werkes der zuständigen Landeskirche gefunden haben, geschweige denn, in das vom DW/EKD, schließlich verfolgen all diese Einrichtungen (in Grenzen) ihre eigene Politik. Es ist insofern nicht erstaunlich, daß die Festschrift »Die Macht der Nächstenliebe – Einhunderfünfzig Jahre Innere Mission 1848-1998« nicht auf die Vorgänge in den Heimen eingeht, denn im Archiv lagern in diesem Zusammenhang mutmaßlich und hauptsächlich die Festschriften all dieser Einrichtungen, die in der Struktur zwar nachgeordnet, dennoch aber unabhängig sind. Wie ich hörte war man jedoch erstaunt, daß zum Jubeljahr die Diakonie nicht stärker am Vorbild vom Gründervater Wichern gekratzt wurde.

Was aber sicherlich im Archiv vorhanden und nicht veröffentlicht ist, dürfte der Ge- und Mißbrauch der Nächstenliebe sein. Die Geschäftspolitik wird in den Top-Etagen immer wieder Thema gewesen sein.

  • Welchen Einfluß nimmt wer auf welche politischen Mandatsträger?
  • Wie können wir expandieren, auch wenn wir offiziell keine Gewinne machen dürfen?
  • Wo müssen wir uns mit der Konkurrenz im gemeinsamen Interesse abstimmen?
  • Wie können wir uns trotzdem profilieren?
  • Wie schalten wir die Gewerkschaften aus?
  • Wie halten wir uns die Landeskirche auf Distanz?
  • Wie kommen wir zu öffentlichen Zuschüssen?
  • Wie verhandeln wir mit den Krankenkassen?
  • Wie soll unsere Öffentlichkeitsarbeit sein und wie verkaufen wir das Elend auf der Welt, damit möglichst viele Spenden reinkommen?

Ich will nicht unterstellen, daß die Spenden zweckentfremdet werden. Fälle wie der ehemalige Augsburger Bischof Mixa dürften die Ausnahme sein. Aber mit der Größe und Bedeutung der Organisation wächst auch die Zahl der Posten, wachsen auch die Gehälter – in den obersten Etagen.

Ich will auch nicht unterstellen, daß die Gründerväter und –mütter dieser Einrichtungen solche Entwicklungen bedacht haben. Doch auf dem Sozial- wie auf dem Spendenmarkt sehen wir zuweilen diesen Mechanismus, und zwar nicht nur bei religiösen Organisationen: Man gründe einen Idealverein mit humanitären Zielen. Man lasse ihn so groß werden, daß er zumindest im lokalen Rahmen an öffentliche Aufträge und Unterstützung kommt und man aktiviere mitfühlende Menschen zu Spenden oder ehrenamtlichen Aufgaben. Man professionalisiere schließlich die Öffentlichkeitsarbeit und halte die Ausgaben möglichst niedrig.

Manchmal fällt es aber auf, wie im Fall der Berliner Altenpflegerin.

Aber wer wird seine egoistischen Absichten enttarnen und öffentlich Fehler, Verstöße oder gar Verbrechen auf seiner Web-Seite bekennen?

Ein Archivar hat dienende Funktion. Er kann oft nicht so, wie er sich berufsethisch sauber verhalten müßte. Es muß Jubelunterlagen liefern, wenn sie vorhanden und gefragt sind. Aber er muß sich nicht zum Lügenbaron machen (lassen). Hat Herr Häusler ja auch nicht. Er sagt nur nicht alles, was er sagen könnte – darf er ja wohl auch nicht.

Vielleicht befolgt Herr Häusler auch nur die alte juristische Regel: Quod non est in actu, non est in mundo. Was nicht in den Akten steht, das gibt es auch nicht.

11 Antworten

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  1. helmutjacob said, on 9. September 2011 at 17:20

    warum häusler an der front steht? weil wir schneider und co. so was von wurscht sind, wurschter ( 😉 geht’s nicht. wir sind die schmeißfliegen an den fracks der Bidermänner, die es abzuklatschen gilt.

  2. Heidi Dettinger said, on 9. September 2011 at 18:42

    Nicht mal ein Klatschen mehr, lieber Herr Jacob… Wir werden weggelächelt. Weggehändeschüttelt. Weggesteckt in die Betroffenheitskiste… Und wie geht es weiter? Alle sind sie, ach, so betroffen. Für uns. Mit uns. Über uns. Das fühlt sich gut an. Ein bisschen so, wie wennste selbst gelitten hast…

    Und dann geht es weiter. Es kommt die gerechte Frage: Was wollen sie denn eigentlich noch alles von uns, diese Ehemaligen??? Wir haben:

    – uns betroffen gezeigt
    – uns auf den Boden gelegt (vorsichtig, damit es auch schön telegen bleibt)
    – wir haben in guter, christlicher Sitte Almosen angeboten
    – sogar unsere Hand haben wir geboten
    – wir haben uns öffentlich entschuldigt und
    – wir haben unseren Gott um Vergebung angefleht…

    Immer noch sind sie nicht zufrieden… Da weiß man ja schon gleich gar nicht mehr, was man sonst noch bieten soll…

    (Flüsternd: nee, neee, an unser Bankkonto kommen die NICHT ran! Niemals! Alles unser, unser, unser!!!)

    Übrigens – nur als kleine Kuriosität am Rande: Ich war mal befreundet mit einem etwas dissidenten Diakon der evangelischen Kirche. Der hat mir auf dem Dachboden des Kirchengebäudes die Schätze gezeigt, die da im Laufe der Zeit gehortet worden waren – und immer noch wurden: Teppiche, Gemälde, antike Möbel, Uhren, Schmuck… Zusammengetragen von alten Menschen, die in der Einsamkeit und der Angst des Sterbens diese Dinge überschrieben haben. Die Geldwerte, Grundstücke, Immobilien hat er nur erwähnt, die waren schlecht zu zeigen. In einer anderen Ecke lagen all die Dinge (eher etwa auf einen Haufen geworfen), die von Konfirmanden „gebethelt“ worden waren: Kleidung, Schuhe etc. Zusammengetragen, aber nie weitergegeben.

    Warum ich das hier aufzähle? Weil die Relationen, die „Fürsorge“, die „Nächstenliebe“ mich gerade mal wieder zum speien bringt!

    • helmutjacob said, on 9. September 2011 at 23:32

      ich erlebe gerade im engsten freundeskreis, liebe frau dettinger, daß 2 stramme, ja erzkonservative, katholiken nie mehr ihre kirche betreten wollen. es steht schlimm um die kirchen. aber mitleid für die kirchen nach 5 jahren blick hinter die kulissen? null.

  3. wessi said, on 9. September 2011 at 23:24

    Der Unterschied zwischen Historikern (Archivaren) und Gott?

    Gott kann die Vergangenheit NICHT ändern.

  4. Roswitha Schnabel said, on 11. September 2011 at 01:05

    Heidi, die Aufzählungen an Reichtum und Güter das die Machtgeilen Kirchen, vor allem bei Menschenschicksalen sich schamlos einsacken, ist ja, wie wir wissen bei weitem noch längst nicht alles. Die ca. 65 Millionen Euro aus Kirchensteuer und vom Vater Staat kommen auch noch jährlich hinzu.Diese unvorstellbaren Summen kann man nicht oftgenug betonen. Die leben wie die Marde im Speck. Brot für die Welt, dafür werden wir aufgerufen um zu spenden. Werden die Kirchen dazu auch aufgerufen? Was kostet der Papstbesuch in Berlin???? „Kirchen schaft euch ab“ Dann gibt es bedeutend weniger Elend auf der Welt.

    • dierkschaefer said, on 11. September 2011 at 09:37

      Zwar wissen wir spätestens seit Goethe, daß die Kirche einen guten Magen hat. Es ist allerdings Mephisto vorbehalten zu sagen: Die Kirche hat einen guten Magen, hat ganze Länder aufgefressen und doch noch nie sich übergessen; die Kirch allein, meine lieben Frauen, kann ungerechtes Gut verdauen.
      Doch die bei Heimkindern und auch bei organisierten Kirchenfeinden beliebte Kritik ist überzogen und nicht durchdacht. Zwar gibt es mit Recht viel zu kritisieren, doch so wie manche Kritiker sich die Liquidation der Kirchen vorstellen (wenn sie denn realistisch möglich wäre), ist grenzenlos naiv. Dies kann man Menschen, die es nicht wissen können, nachsehen. Nicht aber z.B. Herrn Dr. Frerk vom Humanistischen Pressedienst.

  5. Roswitha Schnabel said, on 11. September 2011 at 09:25

    Ich muss, was die jährlichen Summen an Einnahmen der Kirchen, korrigieren. Darüber setze ich ein link.
    Kann man ja nicht oft genug denen unter die Nase halten.

    http://hpd.de/node/10633.

    Sollte man auch unbedingt unsere Bundeskanzlerin Merkel als Pflicht Lektüre zum lesen übergeben.

    • dierkschaefer said, on 11. September 2011 at 15:47

      Noch einmal: Was Dr. Frerk schreibt, ist zwar in vielem richtig, aber dennoch Propaganda, also unseriös.

  6. wessi said, on 12. September 2011 at 20:06

    Eine bequeme Ausrede, Kritik an einer staatstragenden, vom Staat getragenen Institution als Propaganda zu stigmatisieren. Propaganda macht hier bestenfalls die Kirche, der es sogar erlaubt ist ihren Glauben Minderjährigen zu vermitteln.

    Es geht bei Frerk und dem von Siegfried R. Krebs besprochenen Buch um Geld.

    Sonja Djurovic am 11.09.2011 in Berlin: „…Die Kollekte für den Klingelbeutel beim sonntäglichen Kirchgang wurde uns, ohne unser Wissen, von unserem wenigen Taschengeld abgezogen…“

    Das ist so lächerlich, dass es totgeschwiegen werden muss, bestenfalls kann eine pauschale Verjährung postuliert werden. Reine Propaganda!

  7. Roswitha Schnabel said, on 13. September 2011 at 10:51

    Noch einmal Herr Schäfer, wie Sie meinen, was Dr. Frerk teilweise Propaganda und unseriös schreibt..Setze ich nochmals, auch zum mithören diesen link hinein.

    http://www.staatsleistungen.de/rubrik/daten-und-fakten

    • dierkschaefer said, on 13. September 2011 at 11:09

      Aber natürlich dürfen Sie das, Frau Schnabel.
      Die Ansichten von Dr. Frerk sind lesenswert und vielfach treffend.
      Aber er geht teilweise von falschen Voraussetzungen aus und trägt nicht vor, wie die Folgen, auch die finanziellen, für die Gesellschaft wären, wenn er seine Vorstellungen umsetzen würde.
      Da ich ihn nicht für dumm halte, nehme ich an, daß er Gegenargumente kennt.
      Da er sie nicht nennt, betreibt er kirchenfeindliche Propaganda. Selbstverständlich darf er das. Aber es ist eben Propaganda und entwertet seine Argumentation.

      Daß ehemalige Heimkinder dieser Argumentation gern Glauben schenken, verstehe ich. Doch Sie erlauben mir bitte, seine Äußerungen etwas differenzierter zu betrachten.


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