Dierk Schaefers Blog

»Arbeitsmethoden unter Rechtfertigungszwang«

Posted in heimkinder, Kirche, Politik, Theologie by dierkschaefer on 27. Oktober 2011

»Arbeitsmethoden unter Rechtfertigungszwang«

photo: dierkschaefer

»Dass die Sklaverei sich vierhundert Jahre lang halten konnte, zwingt uns zum Nachdenken. Wie waren Gräueltaten wie jene gegen die Afrikaner und gegen die Ureinwohner Nord- und Südamerikas vereinbar mit dem kultivierten Europa? Zum einen waren vor dem Hintergrund der Grau­samkeit, die damals überall auf der Welt herrschte, die Methoden der Sklaverei gar nicht so ungewöhnlich. In einem Parlamentsreport aus dem 19. Jahrhundert finden wir etwa eine nüchterne Darlegung der Gründe, weshalb junge Mädchen zur Beförderung von Kohlewagen durch enge Bergwerksstollen besser geeignet seien als Maultiere. Die Gefühlskälte, die den afrikanischen Männern und Frauen entgegenschlug, war dieselbe, die all jene zu spüren bekamen, deren Wohl und Wehe von ihren Vorge­setzten abhing. Hinzu kommt die Gabe des Menschen, stets Gründe für sein Handeln zu finden, mögen sie auch noch so absonderlich sein.

Bedenken wir auch, wie wir Heutigen etwa mit dem Leid der hungernden Massen umgehen. Die Redensart »Aus den Augen, aus dem Sinn« trifft das Verhalten der meisten von uns wohl am besten. Nur ein sehr geringer Prozentsatz der europäischen Bevölkerung kam damals mit der Sklaverei in Berührung. …

Der Kapitalismus pervertierte das Verhältnis zwischen den Rassen auf eine besonders abstoßende Weise. Der Grund dafür liegt auf der Hand, entzieht sich aber zugleich einer tieferen Erklärung. Der Kapitalismus entstand als Produktionssystem, das angetrieben wurde von dem unersättlichen Verlangen nach Profit. …

Betrachtet man die üblichen Rechtfertigungsversuche der Sklavenhändler, so macht sich stets das schlechte Gewissen bemerkbar, das das Unrechtssystem begleitete. … Nachdem sich die Sklaverei erst einmal etabliert hatte, war jedes Argument zur Herabsetzung der Afrikaner willkommen. … Die unschönen Persönlichkeitsmerkmale, die die Sklaverei Kindern und ihren Eltern anerzog – Trägheit, Frechheit, Schwerfälligkeit, Lethargie -, wurden zu genau jenen Merkmalen umfunktioniert, mit denen man die Versklavung begründete. Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich in Europa ein neues Verständnis von Freiheit und Gleichheit so weit durchgesetzt, dass Sklavenarbeit allgemein verurteilt wurde. Trotzdem fiel auch die letzte Bastion der Sklaverei in Brasilien erst im Jahr 1888. Und niemand wollte sich zu dem Thema äußern. Ein englischer Historiker des 20. Jahrhunderts merkte spöttisch an, dass der Sklavenhandel in den Geschichtsbüchern lediglich im Kontext seiner Abschaffung erwähnt werde.«

Aus: Joyce Appleby, Die unbarmherzige Revolution, Eine Geschichte des Kapitalismus, Hamburg 2011, S. 186 ff – Ein Buch, das zu lesen sich lohnt.

Wenn man bedenkt, daß die Sklaven im Gegensatz zu den Heimkindern nie den Status von Schutzbefohlenen hatten, dann erscheint die Zwangsarbeit der ehemaligen Heimkinder unter einem noch grelleren Licht.

3 Antworten

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  1. Rolf Schmidt said, on 28. Oktober 2011 at 09:44

    Die Sklavenarbeit wurde in Brasilien 1888 abgeschaft, na prima.
    Hier in Deutschland habe ich in meiner Lehrzeit, von 1950 bis 1953 täglich 14 bis 16 Stunden arbeiten müssen, in der Bäckerei, bei dem Innungsobermeister K. K. in N.
    Als eltern loses Heimkind, war das möglich, ich wohnte im Haus und war somit immer greifbar, auch Samstags, Sonntags und Feiertags, denn die Tiere mußten auch versorgt werden.
    MfG.
    alrosch

    • dierkschaefer said, on 28. Oktober 2011 at 15:36

      Sklaverei und Menschenhandel gibt es auch heute noch, mitten in Europa. Nicht nur den Frauenhandel. Höre heute im Radio von Menschenhandel in Tschechien. Leute werden angeworben für Forstarbeit in den böhmischen Wäldern, 12 Stunden am Tag, und nicht bezahlt. Die Firma hat einen Vertrag mit dem Staat. Und die Behörden recherchieren, und recherchieren, und recherchieren …

  2. Martin Mitchell said, on 30. Oktober 2011 at 13:18

    .
    Absolut zutreffend dieser Abschlussabschnitt !

    »Wenn man bedenkt, daß die Sklaven [aus Afrika] im Gegensatz zu den Heimkindern nie den Status von Schutzbefohlenen hatten, dann erscheint die Zwangsarbeit der ehemaligen Heimkinder unter einem noch grelleren Licht.«

    .
    Ich schrieb ja schon einmal Ende des Jahres 2009 — und auch das trifft weiterhin zu:

    .
    ANFANG DES ZITATS.

    „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer von 1945-1985“ und die ihnen wiederfahrenen Leiden müssen angemessen entschädigt werden !

    Meines Erachtens, sehr, sehr wichtig zu berücksichtigen in dieser ganzen Sache und ganz besonders auch in der diesbetreffenden ENTSCHÄDIGUNGSFRAGE, ist, daß wir ja keinen Krieg mehr hatten als diese Geschehen stattfanden, daß es keinen Führer mehr gab, der solche Dinge wie sie Heimkindern in Westdeutschland widerfahren sind angeordnet hatte, und dessen Befehl man auszuführen hatte. Mit solchen Ausreden können sich die Täter und ihre Rechtsnachfolger also nicht herausreden. Und gerade dieser Unterschied, sollte, meines Erachtens, auch immer und immer wieder hervorgehoben werden. Die Verbrechen, die gegen UNS begangen wurden, zu Friedenszeiten, und in einer „Demokratie“, müssen daher, unter jeder Rechtsordnung, rechtsmäßig als viel, viel schlimmer eingestuft und bewertet werden, als Verbrechen begangen unter einer „Diktatur“; und eine und jede den Opfern zustehende ENTSCHÄDIGUNG muß auch dies in Betracht ziehen und berücksichtigen, und die einem jeden zustehende ENTSCHÄDIGUNG muß daran gemessen werden. Bisherige Aussagen, daß es den Täterorganisationen „Leid tut“ was da damals vor sich ging, überzeugen mich leider nicht, und sind, meines Erachtens, alles nur leere Worte – „zu banal“.

    Man kann und darf nicht darüber hinwegsehen und nicht vergessen, daß die „Zwangsarbeit“ der HEIMKINDEROPFER „Zwangsarbeit“ zu Friedenszeiten war – im „Wirtschaftswunderland Westdeutschland“ erzwungen wurde ! – und nicht auf einen „Kriegszustand“ bedingt gewesen war oder „vom Führer befohlen“ worden war.

    ENDE DES ZITATS.

    Ebenso absolut zutreffend !


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