Dierk Schaefers Blog

Kein Preis für Zivilcourage

Posted in Politik by dierkschaefer on 31. Dezember 2011

Für Brigitte Heinisch hatte ich das Bundesverdienstkreuz beantragt.

Frau Heinisch ist die Berliner Altenpflegerin, die nicht vor ihrem Arbeitgeber kuschte, dem „Vivantes – Netzwerk für Gesundheit“. In dessen Pflegeheim mußten die inkontinenten Alten zuweilen bis in den Mittag hinein in ihren verdreckten Windeln liegen – an Windeln sollte gespart werden und an Personal wurde gespart.

Frau Heinisch verhielt sich korrekt: Sie informierte zunächst ihren Arbeitgeber über die Mißstände, als das ergebnislos blieb, den Medizinischen Dienst, der die Mißstände bestätigte, aber auch keine merkliche Verbesserung durchsetzten konnte, und dann zeigte sie Vivantes an – und erhielt die Kündigung.

Zum Glück für uns alle, die wir auch einmal auf ein Pflegeheim angewiesen sein könnten, gab sie sich nicht geschlagen, sondern kämpfte auf dem Rechtsweg bis nach Straßburg – und bekam Recht. Ein Sieg für die Menschenrechte, ein Sieg für Zivilcourage.

Preiswürdig, dachte ich und wandte mich am 4. August 2011 zuständigkeitshalber an den Regierenden Bürgermeister von Berlin. Im Postskriptum schrieb ich: „Der Arbeitgeber von Brigitte Heinisch firmiert als Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. Es handelt sich offensichtlich um einen großen Berliner Sozialkonzern mit zahlreichen Verflechtungen in Berliner Politik und Verwaltung. Ich würde mich freuen, wenn daraus für mein Begehren kein Nachteil erwachsen würde“.

Ob meine Befürchtung zugetroffen hat, weiß ich nicht. Am 2. Dezember erhielt ich die Auskunft, „dass nach Abschluß des hierfür erforderlichen Prüfungsverfahrens die Voraussetzung für eine Ordensverleihung an Frau Heinisch nicht gegeben sind.“

Der Hinweis auf ähnlich gelagerte Fälle stimmte mich natürlich hoffnungsfroh, denn diesen Ansturm von zivilcouragierten Fällen hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Es steht also gut in unserem Lande mit der Zivilcourage, so gut, daß sie schon normal und damit nicht preiswürdig ist. Auch wenn sie in diesem Fall erst beim EuGH erkämpft werden mußte. Weitere Auskünfte konnte ich wegen des „Grundsatzes der Vertraulichkeit in Ordensangelegenheiten“ nicht erhalten.

Nun gut, dachte ich. Man darf den Bundespräsidenten ja auch nicht über die Gebühr beanspruchen. Wenn er jeden Tag mindestens ein Bundesverdienstkreuz für Zivilcourage verleihen müßte … der arme hat ja schließlich noch mehr zu tun.

Als ich dann von seinem Kredit erfuhr, war ich richtig froh, daß Frau Heinisch nicht noch einmal zur Zivilcourage herausgefordert wurde. Wenn ich mir vorstelle. Diese Frau, die ohne Rücksicht auf eigene Verluste ihrem Gewissen gefolgt ist, sollte von jemandem eine Ehrung erfahren, der ohne Rücksicht auf die Würde seiner Ämter seine Privatinteressen verfolgt hat und nun, ganz couragiert, eine Halbwahrheit nach der anderen einräumen muß …

Es kann eine Ehre sein, nicht geehrt zu werden – und das ist nicht nur gut so, sondern auch sexy.

8 Antworten

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  1. helmutjacob said, on 31. Dezember 2011 at 15:01

    Jetzt, wo Sie es schreiben, lieber Herr Schäfer, fällt mir ähnliche Geschichte ein: Vor mehr als sechs Jahren hatte ich für eine engagierte Frau das Bundesverdienstkreuz beantragt. Weil mir der NRW-Landtagspräsident persönlich bekannt war, richtete ich den Antrag an ihn. Wofür hatte die Frau diese Auszeichnung (Materialwert um 10 €) verdient? Sie hat Jahrzehnte verschiedene Chöre gleichzeitig dirigiert und unausgebildete Stimmen zu Hochleistungen gebracht. Nebenher hat sie ihren behinderten Mann nicht nur gepflegt, sondern ihm auch ermöglicht, sinnvoll für die Mitmenschen zu arbeiten und zu publizieren. Nebenher hat sie einem lange Jahre volltrunkenen Ehepaar die Wohnung gewischt und Sterbenden die Hand gehalten. Nebenher war sie bei ihren jüngeren Chormitgliedern auf den Entbindungsstationen und hat Neubürger begrüßt. Nebenher hat sie selbst ihre Kinder großgezogen. Nebenher hat sie das geleistet, was man unter „Behindertenarbeit an der Front“ versteht. Nachdem ein Jahr oder länger gar nichts passiert ist, wandte ich mich an das Präsidialamt und kassierte eine ähnliche Niederlage mit ähnlich dämlicher Begründung, wie Sie auch. Heute weiß ich: Es ist ehrenhafter, einen solchen Orden nicht zu erhalten. Wenn ich die Vergangenheit revue passieren lasse, waren es eher Gauner und Ganoven, die mit diesem Orden strunzten. Da ist der Heimleiter, der seine ihm anvertrauten behinderten Männer um ihr Kleidergeld beschissen hat, ihnen Spendenklamotten angedreht und den Gegenwert eingesackt hat. Da ist der Mann, der Kinder sexuell missbrauchte, da ist der Anstaltsleiter, der beide Augen fest zugekniffen hat und von der Vergangenheit gar nichts wissen wollte. Die Liste ist unendlich, wenn man sich die Ordensträger über den eigenen Tellerrand hinaus anguckt. Und in der Tat müssten jedem die Finger kleben, der heute mit warmem Händedruck eine solche Auszeichnung aus Berlin erhält.

  2. Wenz Flash said, on 1. Januar 2012 at 14:41

    Erfreut es wirklich einen Mitmenschen, wenn ich versuche, ihm eine Ehre zukommen zu lassen, die dieser vielleicht selber gar nicht wünscht? Es gibt viele Mitmenschen, die lieber arbeiten im Verborgenen, sind „Brückenbauer“, getragen von einer inneren Energie, die Liebe zum Menschen bedeutet. Ich benötige dafür keine fremden Federn, zumal ich nicht weiß, ob diese Ehrung von Herzen kommt. Klar ist der Mensch voll Verlangen nach Glück, doch wie Hermann Hesse treffend schlußfolgert erträgt er das Glück auch nicht lange Zeit. Das was mir am besten hilft, ist Nachahmer zu finden. Und das kostet mehr Kraft, als ein Schriftstück aufzusetzen, um jemandem eine Ehre in Form eines Metall- und Schriftstücks zukommen zu lassen. Die obigen Beispiele klingen vielleicht tragisch, doch es treffen hier gegensätzliche Welten zusammen: die Welt zur Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes ist anderer Natur als die Welt des Normalbürgers und die Welt unserer Vorbilder in der Gesellschaft. Zudem kann niemand darauf hinarbeiten, ein Bundesverdienstkreuz zu erhalten. Was soll es also? Ein Bundesverdienstkreuz ist ein Insignium der staatlichen Macht und wird daher nur verliehen, wenn es den Anforderungen staatlicher Instanzen genügt. Und sonst nichts. Es interessiert die Meinung des gemeinen Volkes nicht. Sie kann zwar gehört werden, aber die Entscheidung bleibt in alleiniger Verantwortung der Staatsmacht.
    Wenz, Heimkind der 1960er Jahre, „Tragödien sind nie zu verhindern, denn sie sind nicht Unglücksfälle, sondern Zusammenstöße gegensätzlicher Welten“ (zitiert nach Hermann Hesse).

  3. […] Es ist allgemein bekannt, daß die Ämter ihrer Aufsichtspflicht über die Heime meist nicht oder nur unzulänglich nachgekommen sind. Und gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, das beklagte Landesjugendamt wäre die rühmliche Ausnahme: Wie sind dann die Mißhandlungen zu erklären, um die es wohl auch in diesem Fall geht? Hätte das Amt kontrolliert – um so schlimmer, weil die Mißstände nicht abgestellt wurden! So etwas kommt ja auch heute noch vor: https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/12/31/2243/ […]


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