Dierk Schaefers Blog

Gibt es einen Widerspruch zwischen Auftragsforschung und Wissenschaft?

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 23. Januar 2012

Im Beitrag der heutigen FAZ (S. 10) geht es um staatliche Auftragsforschung, um die NS-Vergangenheit von Ministerien und staatlichen Ämtern, auch um Geschichtsforschung im Auftrag von Firmen. Berichtet wird von einer Veranstaltung mit dem Titel Quo vadis zeitgeschichtliche Auftragsforschung? in Potsdam.

Weil von Seiten ehemaliger Heimkinder zuweilen reflexartig unterstellt wird, Forschungen seien parteilich, allein schon weil der Auftrag von kirchlichen Einrichtungen gekommen sei oder aber die beteiligten Forscher Theologen seien, ist es sinnvoll zu sehen, welche Erfahrungen Historiker mit staatlicher Auftragsforschung gemacht haben. Sind sie durch die Auftragsvergabe zu willfährigen Forschern geworden. Zitate aus dem FAZ-Artikel sind durch »…« kenntlich gemacht.

»Dass in den Sicherheitsbehörden und Ministerien eine Vielzahl von Männern arbeitete, die vor 1945 an den Verbrechen des NS-Regimes mitgewirkt haben, ist vielfach belegt. Doch erst jetzt, wo die letzten „Schüler“ der belasteten Gründergeneration in Rente sind und ihren „Amtsvätern“ keinen Schutz mehr bieten können, wird das Drama von Verschweigen, Vertu-schen und auch Strafvereitelung erkennbar, das sich hinter der rechtsstaatlichen Kulisse abspielte«.

So kam es auch erst in neuerer Zeit zu den Forschungsprojekten, von denen im Artikel berichtet wird.

»Der Privatdozent und Forscher Johannes Bahr, der unter anderem 2008 eine Studie zum Flick-Konzern veröffentlichte, sagte, nie habe ein Unternehmen seine Arbeit beeinflussen wollen, ihm seien „weder kostengünstige Urlaubsreisen noch ein Hauskredit angeboten worden“. Die Trennung zwischen Universitäts- und Auftragsforschung sei „konstruiert“, denn es gälten dieselben wissenschaftlichen Standards«.

Dies ist der durchgängige Tenor. Man könne sich gar nicht leisten, dem Geldgeber gefällig zu sein und die wissenschaftlichen Standards zu mißachten, sonst man sei wissenschaftlich out.

Es gibt auf anderem als dem historischen Gebiet allerdings Gutachten, bei denen Zweifel an der Unabhängigkeit der Gutachter begründet sind. Zum Beispiel, wenn es es um die Nützlichkeit, Unbedenklichkeit oder Schädlichkeit von Produkten der Auftraggeber geht. Doch wenn die Vergangenheit erst einmal „abgelagert“ ist und heute noch lebende Personen keine Nachteile befürchten müssen, scheint das Image einer Behörde oder einer Firma auch unabhängige Untersuchungen auszuhalten.

Nun liegen Untersuchungen über die Vergangenheit einiger Heime vor, teils als Auftragsarbeit (dabei auch kirchliche Auftraggeber). Das obige Zitat von den letzten „Schülern“ der belasteten Gründergeneration, die nunmehr in Rente ihren „Amtsvätern“ keinen Schutz mehr bieten können, kann in dieser Form nicht herangezogen werden. Die Untaten in dem Heimen sind noch nicht abgelagert genug, was schon allein durch den zu Anfang irrationalen Widerstand deutlich wurde, der auch einem Herrn Wensierski entgegenschlug: Pure Verleugnung bis hin zur Verleumdung.
Doch gilt das auch für die dann folgenden Untersuchungen?
Die haben eine unterschiedliche Qualität. Einige sind in Ordnung, trotz kirchlicher Auftragsforschung (z.B. Volmarstein), bei einigen hat der Geldgeber ein bagatellisierendes Vorwort zur guten Untersuchung geschrieben (Wittekindshof), und dann gibt es auch Untersuchungen, bei denen die beteiligten Wissenschaftler selber ihre Ergebnisse interpretierend abschwächen (Ruhr-Universität; wobei ich betonen muß, daß ich nicht die Untersuchung gelesen habe, sondern nur die von der Universität vorgestellte Zusammenfassung).

Was folgt daraus?
Genau hinschauen und prüfen. Eine reflexartige Verdächtigung zeugt nur von biographisch erworbenen Scheuklappen. Daß jemand Theologe ist oder von der Kirche bezahlt wird, heißt noch lange nicht, daß der das Lied dessen singt, dessen Brot er ißt.

Es ist natürlich deprimierend, um auf die Inhalte des FAZ-Artikels zurückzukommen, wenn den Opfern erst in den Geschichtsbüchern so etwas wie Gerechtigkeit widerfährt.

5 Antworten

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  1. Wenz Flash said, on 24. Januar 2012 at 21:45

    Auftragsforschung und Wissenschaft sind zweierlei. Bei der Auftragsforschung sind die Mittel zweckgebunden und Ergebnisse innerhalb einer bestimmten Zeit zu erbringen, also Zeit- und Handlungsdruck. Es greifen dann ganz einfach die psychologischen Phänomene von Opportunismus u. staatlicher Sachzwänge, wie z.B. das Grundgesetz, dass keine Kinderrechte kennt, sondern nur das Elternrecht. Was die Heilung von Krankheiten betrifft, wird die Schulmedizin addressiert, wie der Abschlußbericht der Bundestagskommission RTH zeigt. Bei der Wissenschaft besteht kein Ergebnisdruck, sondern bestenfalls der sogenannte Erkenntnisdruck, die Erkenntnistheorie. So ist es in der Psychologie anerkannt, dass ein Kind bis zu einem bestimmten Alter zumindest eine dauerhafte Bezugsperson benötigt. Und was es bedeutet, ein Kind seiner Heimat zu berauben, ist nun auch hinreichend bekannt. Wissenschaft ist unabhängig von Geld- und Zeitdruck, eine Theorie gilt solange, bis sie widerlegt ist. Hier ist Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft voneinander zu unterscheiden, d.h. in der Regel ist Naturwissenschaft mathematisch/physikalisch beweisbar, die Geisteswissenschaft im wissenschaftlichen Rat einer herrschenden Meinung, einer überwiegend anerkannten Theorie begründbar. Danach ist z.B. die Heilung von Krankheiten unabhängig von schulmedizinischer Ausrichtung. Wissenschaft bedeutet Wissen zu schaffen, d.h. nicht Glauben zu schaffen. Daher sind für mich Religionen auch keine Wissenschaft, sondern Glaubensbekenntnisse, ein Bekennen zum Glauben.
    Der Widerspruch zwischen Auftragsforschung und Wissenschaft liegt eben darin, dass die Auftragsforschung nur die halbe Wahrheit ist und die Wissenschaft zur ganzen Wahrheit führt.
    Wenz, Heimkind der 1960er Jahre: Ich frage mich mit 12 Jahren, warum gibt es soviele schlaue Leute, Professoren genannt, die es zulassen, dass ich hier fast totgeschlagen werde. Wissen diese Leute es nicht, wollen sie es nicht wissen? Es interessierte sie nicht und wußten es daher nicht. Sie lebten im Elfenbeinturm!

  2. Heidi Dettinger said, on 3. Februar 2012 at 11:31

    Wie, bitte schön, sollte denn eine unabhängige Forschung aussehen? Forschung wird – wie alles andere auch – immer gefiltert. Gefiltert duch Wissen und Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein kommt nicht zuletzt durch den Arbeit- und Geldgeber zustande. Und zu dem Verhältnis in dem der Forschende zu diesem steht. Hat er – wie Johannes Bahr – einen zeitlich begrenzten Vertrag mit einer Firma, geht nach Beendigung des Forschungsprojektes fröhlich pfeifend seiner Wege, mag es angehen, dass er recht störungsfrei arbeiten kann und das auch tut.
    Ist der Forschende aber gewissermaßen in Lebensstellung der (sagen wir mal) Kirche verpflichtet, sieht in ihr seine berufliche und weltanschauliche Heimat, bezweifle ich stark, dass eine auch nur halbwegs ausgewogene Forschung von Ursachen und Auswirkungen der Misshandlungen in kirchlichen Heimen möglich ist.
    Wenn dann noch eine gewisse Loyalität des Forschenden zur Institution Kirche hinzukommt, dürfte es noch schwieriger werden.

  3. manfred.d. said, on 5. Februar 2012 at 11:26

    „Daß jemand Theologe ist oder von der Kirche bezahlt wird, heißt noch lange nicht, daß der das Lied dessen singt, dessen Brot er ißt.“

    das schreibt jemand der sowohl psychologe als auch pfarrer ist. der es schon deshalb doppelt besser wissen müsste. entweder wollen sie hr. schäfer ihre erwünschten und die unerwünschten bloggäste verarschen oder sie wollen sich selbst lächerlich machen.

  4. Frank Kampehl said, on 17. Februar 2012 at 14:37

    Stützstrümpfe als Entschädigung.

    Und ewig grüßt das Murmeltier…..

    Wieviel darf`s denn sein? Und wieder hinten rein?
    Der Vater nach Mauerbau rübergemacht.Die Mutter mit ihren 5 Kindern
    nicht hinterher gelassen, als Geisel in der DDR behalten! Als Kind in ein
    Spezialkinderheim gesteckt worden, um die überforderte Mutter zu
    *entlasten* und um das störrische 8-jährige (!) Kind nach der
    Makarenko-Methode auf Linie zu bringen.
    Bestrafungen statt Liebe. Und jetzt fragt man mit Gutscheinbündeln in
    der Hand:* Wie stark genau hatt man dir wehgetan?*

    Antwort:

    Sehr stark, denn es waren zwei auf einmal!
    **-Zwei deutsche Staaten****


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