Dierk Schaefers Blog

Zur Frage der „Verjährung“ im Zivilrecht

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Politik, Theologie by dierkschaefer on 25. Februar 2012

Ein offener Brief, der Verbreitung verdient:

Herrn Bischof
Dr. Stephan Ackermann
Beauftragter der Bischofskonferenz
für alle Fragen im Zusammenhang des
sexuellen Missbrauchs Minderjähriger
im kirchlichen Bereich
Bistum Trier
54203 Trier

20. Februar 2012

Schadenersatz für die Opfer
hier: Verzicht auf Verjährungseinreden

Sehr geehrter Herr Dr. Ackermann

als ein Anwalt, der seit Jahren Opfer sexueller Gewalt durch katholische Priester in Deutschland und Österreich berät und vertritt, bin ich immer wieder damit konfrontiert, dass sich die Kirche gegenüber Schadenersatzansprüchen auf die Einrede der Verjährung beruft. Auf diese Weise entledigt sie sich der Hauptlast der Wiedergutmachung der verheerenden Schaden, die Kindern und Jugendlichen durch die Sexualverbrechen ihrer Priester zugefügt wurden.

In der Öffentlichkeit besteht der Eindruck, der auch von kirchlicher Seite immer wieder bestärkt wird, dass Verjährungsfristen unüberwindliche Hindernisse darstellen, die nur der Gesetzgeber beseitigen könnte, und auch dies nur für die Zukunft. In diesem Sinne forderten auch Sie vor kurzem eine Verlängerung oder Aufhebung der Verjährungsfristen im Zivilrecht.

In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um einen großen Irrtum und vielleicht auch eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, denn Verjährungsfristen greifen nur, wenn und solange sich die Kirche darauf beruft. Würde sie dies nicht tun, könnten einschränkungslos alle Missbrauchsfälle, gleich wie lange sie zurückliegen, in Zivilprozessen aufgearbeitet werden und den Opfern durch angemessene Entschädigung ihr schweres Schicksal wenigstens teilweise erleichtert werden. Ich erlebe gegenwärtig zum Beispiel, dass einer heute 50-jährigen Frau, der als Kind und junges Mädchen von einem katholischen Priester jahrelang sexuelle Gewalt zugefügt wurde, Schadenersatz für den großten teil ihrer Leidenszeit von vornerein deshalb vorenthalten bleibt, weil sich der Würzburger Bischof auf Verjährung beruft.

Wie wollen Sie derartiges mit den wiederholten Beteuerungen Ihrer Kirche, Wiedergutmachung zu leisten, vereinbaren? Wäre es nicht ein Gebot des Anstandes und der Ehrlichkeit, auf die Verjährungseinrede grundsätzlich zu verzichten, um die restlose Aufklärung und Entschädigung aller Missbrauchsfälle möglich zu machen? Solange Ihre Kirche das nicht tut, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie den Opfern klerikaler Kinderschädung eine angemessene Entschädigung bewusst verweigert, um sie stattdessen mit Almosen abzuspeisen.

Als einer der Vertreter dieser Opfer fordere ich Sie als den Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz auf, auf Ihre Amtsbrüder und alle Verantwortlichen in kirchlichen Einrichtungen einzuwirken, ab sofort auf die Flucht in die Verjährungseinrede zu verzichten und endlich den Weg für eine angemessene Entschädigung der furchtbaren Qualen der Missbrauchsopfer freizugeben.
Da es sich um eine Angelegenheit von überragender öffentlicher Bedeutung handelt, schreibe ich diesen Brief als offenen Brief an Sie und erwarte auch eine öffentliche Antwort. Der jüngste Hinweis Ihres Sprechers, dass Sie auf offene Briefe nicht antworten würden, kann im vorliegenden Fall nicht gelten.

Mit freundlichen Grüßen

Christian Sailer

Dr. Sailer

………………………………………………………………………………………………………………..

Doch der Ackermann wird nicht antworten, denn die Verjährungseinrede war nur ein Vorspiel für eine bedeutendere Unternehmung:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/07/03/das-jungste-gerucht-vom-jungsten-gericht/


6 Antworten

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  1. wessi said, on 26. Februar 2012 at 00:54

    War es nicht Dr. Sailer, der auf der Pressekonferenz zum Zwischenbericht „auffällig“ wurde, neben anderen Fragestellern?

    In der Folge wurde dann die PK zum Abschlussbericht zum „closed shop“. (Mit „embedded journalists“?)

    Ich kann nicht sehen, weshalb ein Ackermann auf einen offenen Brief antworten muss.

    Die eigentliche „Schweinerei“ ist doch, dass diese HERRschaften so tun, als müssten sie Schadenersatz, Schadenersatz der diesen Namen verdient, aus ihrer privaten Tasche bezahlen!?

    • alexa whiteman said, on 26. Februar 2012 at 11:02

      wessi?
      was heißt da auf fällig? herr sailer hat frau volmer in der pressekonverenz öffentlich auf die verjährung angesprochen und sonst nichts. frau volmer war die jenige die maßiv geziegt hat, weil ein jurist die warheit aus gesprochen hat. dann musste er das micro an prof. kappeler weiterreichen. vielleicht solltest du dir das video noch mal anschauen.
      ein offener brief muss beantwortet werden egal wie oder von wem.
      warum tun heimkinder die menschen die es mit uns verdammt gut meinen, in der öffentlichkeit schlecht machen? das ist fraß für die täterschaft und sonst nichts.

      alexa
      überlebende/bayern
      1960-1978

  2. Heidi Dettinger said, on 28. Februar 2012 at 14:22

    Herr Sailer war gut auf der Pressekonferenz, zweifellos! Gut war besonders, dass hier auch dem letzten eigentlich hätte auffallen müssen, welch perfides Spiel A. Vollmer betreibt.

    Wenn also „auffällig“ im Sinne von „auffallen“ wie oben beschrieben gemeint ist, hat Wessi zweifellos Recht. Und das die nächste Pressekonferenz zu einer geschlossenen Veranstaltung wurde, ist der Dame zuzuschreiben, die damit zumindest die von ihr großspurig behauptete „Transparenz“ ganz schnell unter den Tisch gewischt hat.

    Übrigens: auf einen Brief antworten MUSS niemand – auf einen offenen nicht und auch auf sonst keinen. Und ich verwette meinen Hut: Ackermann wird nicht antworten. Denn der ist 1. zu feige und 2. hat er sicher die eine oder andere Weisung.

    @ Wessi,
    für so manch einen würde eine angemessene Entschädigungszahlung an uns mit Sicherheit was heißen? Genau! Sie verlieren ihren Job, stolpern die Karriereleiter nach unten nicht nach oben (wie es z.Z. üblich ist)… Und das heißt dann soviel wie aus der eigenen Tasche. Und da wir für die meisten eh noch immer Pack sind, mag hier jeder seine Rückschlüsse ziehen.

    Aus einem Schreiben an den VEH von einer Journalistin, die Kontakt zu Überlebenden via Kontaktstelle haben wollte:

    „Heute wurde ich zurückgerufen, dass sie keines der ehemaligen Heimkinder fragen werden und dass ich mich in Acht nehmen soll, dass viele, die zur Beratungsstelle kämen sich die Misshandlungen und Ungerechtigkeiten alle nur einbilden!!! Das wäre ein psychologisches Krankheitsbild und das hätten sie bei vielen eindeutig feststellen können…“

    Noch Fragen?

    • dierkschaefer said, on 28. Februar 2012 at 15:29

      wenn sie schreiben; „“Heute wurde ich zurückgerufen, dass sie keines der ehemaligen Heimkinder fragen werden und dass ich mich in Acht nehmen soll, dass viele, die zur Beratungsstelle kämen sich die Misshandlungen und Ungerechtigkeiten alle nur einbilden!!! Das wäre ein psychologisches Krankheitsbild und das hätten sie bei vielen eindeutig feststellen können…““, dann wüßte ich gern roß und reiter.

  3. Heidi Dettinger said, on 28. Februar 2012 at 22:57

    Da werden Sie sich wohl vorerst damit begnügen müssen, dass Sie mir vertrauen, so wie ich meiner Quelle vertraue. Aber ich verspreche:

    Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat! (Ironie)

    • dierkschaefer said, on 28. Februar 2012 at 23:58

      war kein mißtrauen, sondern neugier – und vielleicht die möglichkeit, die aussage aufzugreifen


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