Dierk Schaefers Blog

Sülze?

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Menschenrechte, Theologie by dierkschaefer on 24. April 2012

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Starnitzke,

 

ein ehemaliges Heimkind schickte mir einen Link: http://www.wittekindshof.de/wittekindshof/der-wittekindshof/aufarbeitung-der-geschichte/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen/anerkennung-bitte-um-verzeihung-unterstuetzung-abbau-von-exklusionssystemen.html

Unter „Betreff“ stand das Wort „Sülze“. Mein Mailschreiber war offenbar der Meinung, hier werde nur rumgesülzt.

Dies veranlaßte mich, dem Link zu folgen und auch Ihr Geleitwort zur Arbeit von Schmuhl/Winkler zu lesen.

Ihre „Stellungnahme“ unterscheidet sich in einer Hinsicht positiv vom Geleitwort, denn hier werden in sehr deutlicher Sprache die schlimmen Erlebnisse der ehemaligen Heimkinder an prominenter Stelle genannt. In Ihrem Geleitwort nennen Sie dagegen zunächst die damals allgemein schlimmen Verhältnisse und der Leser fragt sich, wer mehr zu bedauern ist, das Personal oder die Kinder.

Was Sie nirgendwo erwähnen, ist die Behandlung der Heimkinderfrage durch den Runden Tisch, die von Beginn an auf Übervorteilung aus war. Das ist vielfach belegt, doch es wurde souverän ignoriert.

Die Heimträger argumentierten zunächst, man wolle dem Runden Tisch und seinen Ergebnissen nicht vorgreifen, um nach dem Schlußbericht darauf zu verweisen, daß man ja nun seinen Anteil in den Fonds einzahle. Kein Wort über Regelungen im Ausland, kein Wort über die Firmen, die von der Zwangsarbeit profitiert haben, kein Wort über die asymmetrische Machtverteilung am Runden Tisch.

Wenn Sie in Ihrer Stellungnahme um Verzeihung bitten, erscheint das eher als Wunsch nach billiger Gnade und muß für die ehemaligen Heimkinder wie Gesülze klingen.

 

In Ihrem Geleitwort schreiben Sie: »Orientierungspunkt ist dabei der Gedanke der Inklusion, also der vollen Einbe­ziehung von Menschen mit Behinderungen in das gesellschaftliche Leben, wie sie in der UN-Konvention gefordert wird. Hilfreich wäre dafür die von Prof. Schmuhl einmal in einem Vortrag so genannte Vorstellung der „Vielfalt als Normalfall“. Das entspricht meines Erachtens der grundlegenden Einsicht des Christentums, wie sie in den frühen Texten des Neuen Testamentes wiedergegeben ist: Dass nämlich die christliche Gemeinde als Gemeinschaft gleichberechtigter Menschen unabhängig von ihren Eigenschaften zu verstehen ist, die alle in gleicher Weise von Gott geliebt sind.«

Sie berufen sich damit auf eine Quelle, die schon damals galt, gehen aber nicht auf die kognitive Dissonanz ein. Das ist schade, macht aber auf nicht Eingeweihte einen guten Eindruck.

Ich könnte mich allerdings in einem Punkt irren. Es mag ja sein, daß Sie nichts von den kritischen Stimmen zum Runden Tisch mitbekommen haben. Darum füge ich einige Links an, die solche Wissenslücken schließen können.

Da sind zunächst die Beiträge von Prof. Kappeler, einem Spezialisten für den Themenbereich:

http://helmutjacob.over-blog.de/article-prof-dr-manfred-kappeler-zwischen-den-zeilen-gelesen-kritik-des-zwischenberichts-des-runden-tisches-heimerziehung-46060529.html

http://gewalt-im-jhh.de/hp2/Kritik_Endbericht_RTH_Zwischen-den-Zeilen-III-1.pdf

Von mir kann ich meinen Artikel im Pfarrerblatt beisteuern, der weitere Links enthält:

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/05/essay-pfarrerblatt.pdf .

 

Für Rückfragen stehe ich gern zur Verfügung.

 

Mit freundlichem Gruß

 

Dierk Schäfer

Freibadweg 35

73087 Bad Boll

Fon: (0 71 64) 1 20 55

 

PS: Dieses Mail ist auch in meinem Blog zu lesen.

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3 Antworten

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  1. Wenz Flash said, on 25. April 2012 at 20:11

    Um Verzeihung bitten ist nur die eine Seite der „Medaille“, zur anderen Seite gehört die Buße. Über die Buße können weitestgehend objektiv nur Externe bestimmen, d.h. Menschen die weder mit den Opfern noch mit den Täterorganisationen zu tun hatten. Ich habe mich noch für einen anderen Weg entschieden und erinnere an die Worte Jesu am Kreuze: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“, und sie wissen es heute auch noch nicht bzw. wollen es nicht wissen.
    Wenz, denn für ein Kind ist eine dauerhafte Bezugsperson so wichtig wie Nahrung und Wärme. Wer nicht genug zu essen und zu trinken bekommt, verhungert, eine Tötung auf Raten, eine Tötung der kindlichen Seele.

  2. […] kritische Aufarbeitung in den Einrichtungen und nennen als positives Beispiel den Wittekindshof. [ https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/sulze/ ]. Das sehe ich anders. Die Wissen­schaftler, voran Schmuhl/Winkler arbeiten sich zwar tapfer und […]

  3. […] [5] Ihre „Stellungnahme“ unterscheidet sich in einer Hinsicht positiv vom Geleitwort, denn hier werden in sehr deutlicher Sprache die schlimmen Erlebnisse der ehemaligen Heimkinder an prominenter Stelle genannt. In Ihrem Geleitwort nennen Sie dagegen zunächst die damals allgemein schlimmen Verhältnisse und der Leser fragt sich, wer mehr zu bedauern ist, das Personal oder die Kinder. https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/04/24/sulze/ […]


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