Dierk Schaefers Blog

Rede -(Gegenrede) – Antwort

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Menschenrechte, Theologie by dierkschaefer on 26. April 2012

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Starnitzke,

zunächst einmal herzlichen Dank für die ausführliche Antwort! Als mich gestern ein Wittekindopfer anrief (eine andere Person, als die, die mir den Link geschickt hatte) und sich in einem ausführlichen Gespräch für die Veröffentlichung bedankte, sagte ich, daß ich nicht mit einer Antwort rechne. Sie haben geantwortet.

Zur Sache: Sie beklagen sich, daß ich Ihren Einsatz für die Heimkinder, speziell für die behinderten, nicht gewürdigt habe. Nun, ich habe mich an die mir zugänglichen Texte gehalten, und da ich seit langem im Gespräch mit vielen ehemaligen Heimkindern bin, weiß ich sehr gut, wie sie auf solche Verlautbarungen reagieren.

Es ist jedoch durchaus nicht meine Art, anderen nach dem Mund zu reden. Aber in der Heimkinderdebatte steht unübersehbar groß nicht nur das Schicksal der ehemaligen Heimkinder in den diversen Heimen im Vordergrund, sondern auch die Abspeisung am Runden Tisch, die ja auch Sie, wenn auch nicht mit drastischen Worten, beklagen. Auf die Verbrechen in den Heimen folgte der Betrug am Runden Tisch. Das können manche ehemalige Heimkinder nicht immer in der für die Debatte erforderlichen Weise voneinander trennen. Bei der Diskussion in der Christuskirche anläßlich der unsäglichen Preisverleihung an Frau Vollmer trat das deutlich zutage: Die Traumatisierungen drängten sich in den Vordergrund, was in der Natur der Sache liegt, aber die Logik der Auseinandersetzung dermaßen stört, daß kein Erfolg zu erringen war.

Wie ich sehe, werden Sie mich gegoogelt haben und sind auf meinen Blog gestoßen. Sie werden sich verständlicherweise die Artikel nicht von Beginn an zu Gemüte geführt haben. Sonst hätten Sie gesehen, daß ich mich seit langem und umfassend mit der Materie beschäftige, ja sogar für manche ehemalige Heimkinder eine seelsorgerliche Funktion habe, obwohl sie Kirche und Gott mehr als satt haben.

Sie hätten sehen können, daß ich bereits am 2. April 2009 bei meiner Anhörung am Runden Tisch nicht nur die aktuelle und sich noch verschärfende Problemlage benannt habe

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/runder-tisch-bericht-ds.pdf,

sondern auch Verfahrensvorschläge unterbreitet habe, die diese Problemlage berücksichtigten:

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2009/04/verfahrensvorschlage-rt.pdf

Doch davon wollte man nichts hören und für die Protokollierung meines Beitrags mußte ich angesichts der gewählten Arkandisziplin selber sorgen.

Auch die fachkundigen Beiträge von Prof. Kappeler fanden weder Resonanz noch Dokumentierung. Man hatte ihn vorsorglich von der Teilnahme am Runden Tisch ausgeschlossen. Und so saßen drei unbedarfte ehemalige Heimkinder als private Einzelpersonen einer Schar von Verhandlungsprofis mit einer manipulierenden Moderatorin gegenüber. Damit konnte man die Situation nicht befrieden.

Und so muß alles, was vonseiten der „Täterorganisationen“ (ein ungutes Wort) kommt, als Gesülze erscheinen, weil die Ehrlichkeit vermißt wird. Sie sind auf die Argumente leider nicht eingegangen. Dies sehe ich nun tatsächlich so, wie die ehemaligen Heimkinder.

Leider verweisen Sie, was die theologischen Hintergründe betrifft, nur auf Ihr Buch, das ich nicht kenne. Ich weiß zur Zeit niemanden, der auf die kognitive Dissonanz zwischen Wort und Tat eingegangen ist. Allenfalls in Ansätzen Herr Zollitsch, der immerhin von einer sündigen Kirche sprach, für einen katholischen Bischof unerhört, aber leider nicht weiter ausgeführt, geschweige denn, daß er Konsequenzen gezogen hätte. Auch auf meinen Artikel im Pfarrerblatt gab es keine fachlichen Reaktionen. Es ist so, bitte verzeihen Sie die Drastik, als hätte ich einen Furz gelassen, den man verschämt ignoriert. Ich kann damit leben, doch es erstaunt mich schon sehr. Mein Blog wird meines Wissens auch von Kollegen gelesen. Aber auch auf die theologischen Ansatzpunkte hat niemand reagiert:

https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/01/traumhaft/

Das Thema Verjährung, auf die die Kirche ja in Nächstenliebe verzichten könnte, hat durchaus theologische Dimensionen:

https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2011/07/das-jc3bcngste-gericht2.pdf

Mit freundlichem Gruß

Dierk Schäfer

Freibadweg 35

73087 Bad Boll

Fon: (0 71 64) 1 20 55

PS: Auch dieses Mail ist in meinem Blog zu lesen. Ich biete Ihnen gern Platz für Ihre Antworten in meinem Blog an, brauche dafür aber Ihr Einverständnis.

PPS: Zur Entschädigungsfrage hat ein Herr Jacob in seinem Blog einen vorzüglichen Beitrag geschrieben: http://helmutjacob.over-blog.de/article-haftentschadigung-fur-ehemalige-heimkinder-die-moral-der-tatervertreter-104056349.html

3 Antworten

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  1. Helmut Jacob said, on 26. April 2012 at 22:13

    das besagte buch habe ich besprochen und dafür gerade zufällig lob ergoogelt (die buchbesprechung kann also nicht so schlecht gewesen sein):

    „Als wären wir zur Strafe hier“ – Buchrezension über Gewalt in einem Behindertenheim + „Runder Tisch Heimerziehung (RTH)“ fest in TäterInnenhand
    By seelenlos on Thursday 7 July 2011, 00:44 – Die anderen – Permalink
    Ein weiterer „Blick über den eigenen Tellerrand hinaus“:

    >>> Gelungene Rezension von Helmut Jacob über das Buch der HistorikerInnen Hans-Walter Schmuhl und Ulrike Winkler: „Als wären wir zur Strafe hier“. Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren. Der Clou der Besprechung ist dabei, wie Helmut Jacob den belegten erschreckenden Tatbeständen die Rechtfertigungen und Beschönigungen aus dem „Geleitwort“ von Prof. Dr. Dierk Starnitzke gegenüberstellt, seines Zeichens Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof und somit quasi heutiger Rechtsnachfolger der seinerzeitigen TäterInnen.
    http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2011/07/07/zur-Strafe-hier-Buchrezi-Gewalt-Behindertenheim-RTH-Tater

    und hier die buchbesprechung:

    http://www.readers-edition.de/2011/07/04/als-waeren-wir-zur-strafe-hier-buch-ueber-gewalt-in-einem-behindertenheim/

  2. Wenz Flash said, on 27. April 2012 at 11:03

    Bei Prof. Starnitzke fällt mir Kirsten Heisig ein mit ihrem Buch „Das Ende der Geduld“. Autorin Heisig in besten Familienverhältnissen groß geworden und voller Idealismus um den mißratenen Kindern unserer Gesellschaft eine Perspektive geben zu wollen. Kirsten Heisig verlor zuletzt dann selbst die Geduld und entschied sich für den Suizid. Das wird hoffentlich Prof. Starnitzke nicht passieren, Doch mit Manifestierung bestehender Verhältnisse und Bücherschreiben ist den Heimkindern nicht zu helfen. Es bleibt ein Kurieren an Symptomen.
    Wenz, erfreut über jeden Mitmenschen, dem das Schicksal Kinderheim erspart blieb, denn er wird es nie begreifen, was einem Kind passiert, wenn es ohne persönliches Vorbild aufwachsen muß: „Fühle mit allem Leid der Welt, aber richte deine Kräfte nicht dorthin, wo du machtlos bist, sondern zum Nächsten, dem du helfen, den du lieben und erfreuen kannst“ (Hermann Hesse, Literaturnobelpreisträger)


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