Dierk Schaefers Blog

Remember, remember …

Posted in Geschichte, heimkinder, Kirche, Politik, Theologie by dierkschaefer on 21. Mai 2012

… the fifth of November“ beginnt ein populäres Gedicht in Erinnerung an die Schießpulververschwörung vom 5. November 1605. Der protestantische König von England, Jakob I., seine Familie, die Regierung und alle Parlamentarier sollten getötet werden. Jedes Jahr erinnert man daran und stellt die Aufdeckung des Anschlags nach. Eine folkloristisch-populäre Form von Erinnerung. Diese Form von Erinnerung macht Spaß.

Von der Geschichte der IRA in Irland wissen wir, daß Erinnerung auch provokativ sein und gewaltsame Auseinandersetzungen wiederbeleben kann.

Wer sich mit Erinnerung und Erinnerungskultur beschäftigt, findet heute ein interessantes Spektrum von Erkenntnissen vor und muß feststellen, daß noch viel zu tun ist. Ein Sammelband über „Erinnerung und Gesellschaft“, herausgegeben von W. R. Assmann und A. Graf von Kalnein über die „Formen der Aufarbeitung von Diktaturen in Europa“ überrascht mit der Erkenntnis, daß „von 27 Mitgliedsstaaten der EU 17 Erfahrungen mit Diktaturen haben, zwei Drittel der europäischen Gesellschaften also in ihrer Geschichte von Staatsterror geprägt sind.“ Dies aber sei kein Thema, für das sich die europäischen Institutionen interessieren.

 

Um diesen europäisch-internationalen Aspekt soll es hier aber nicht gehen, auch wenn ich der Meinung bin, daß dieser Aspekt unbedingt aufgegriffen werden muß.

Ich berufe mich auf die Rezension von Vera Lengsfeld: Last oder Chance? Die Aufarbeitung von Diktaturen in Europa und die Probleme gemeinsamen Erinnerns (FAZ Montag, 21. Mai 2012).

Dort werden vier Modelle der Erinnerung referiert, die Aleida Assmann im erwähnten Buch nennt. Inwiefern sind sie wohl auch auf die interne nationale Erinnerung an gesellschaftliche Problemlagen anwendbar?

Die innerstaatliche und innergesellschaftliche Anwendung der Modelle ist so abwegig nicht. Werden im Buch die terroristischen Greuel von Staaten als Erinnerungsaufgabe genannt, so haben wir im Heimkinderbereich den praktizierten Terror des Personals und die große Gelassenheit beim Wahrnehmen von Rechtsverletzungen an den Schutzbefohlenen, Rechtsverletzungen durch Mißachtung der Verfahren und durch die der Blindheit der Aufsichtsorgane für die Verbrechen an den ehemaligen Heimkindern. Als schließlich die Erinnerungen ans Tageslicht drängten, kamen zur Mißachtung der Verfahren Übertölpelung und Betrug hinzu.

 

Zunächst die vier Modelle von Aleida Assmann:

1. Das dialogische Vergessen meint die Fälle, in denen Gegner und Vertragspartner übereingekommen sind, einen Schlußstrich zu ziehen und nach vorn zu schauen. „Einvernehmlich: Schwamm drüber“, möchte ich es nennen. Assmann erwähnt als Beispiel den Friedensschluß nach dem 30jährigen Krieg.

2. Erinnern, um niemals zu vergessen. Hier wird die Erinnerung kultiviert und „für Opfer und Täter zu einem unverzichtbaren Teil ihres Selbstbildes. Der Holocaust nimmt dabei den Charakter einer »normativen Vergangenheit« an.“

3. Erinnern um zu überwinden „ist das »öffentliche zur Kenntnis nehmen«“, ist „auf Versöhnung und Integration ausgerichtet.“ Beispiel dafür ist der Versuch, Diktaturen in demokratische Gesellschaften umzuwandeln. „Anerkennung und Erinnerung an das Leid der Opfer gelten als wichtiger Teil einer sozialen Umwandlung, der dem Systemwechsel folgen muß.“ „Wahrheitskommissionen“ sind eine Methode dafür.

4. Beim dialogischen Erinnern geht es um die Erinnerungspolitik mehrerer Staaten, „die durch eine Gewaltgeschichte miteinander verbunden sind. … Dialogisches Erinnern nimmt das Leid des Nachbarn ins eigene Gedächtnis mit auf.“

 

Versuchen wir einmal die vier Modelle auf den Umgang unserer Gesellschaft und ihrer kirchlichen und staatlichen Institutionen mit Kindern und Jugendlichen zu übertragen, die nicht (durchgängig) in einer Familie aufgewachsen sind, sondern in einem wie auch immer gearteten Heim waren. Als Zeitraum sei die Heimeinweisung heute noch lebender ehemaliger Heimkinder bis heute genommen. Die Problemlage kann ich hier als bekannt voraussetzen.

 

1. Von einem dialogischen Vergessen wird man nicht sprechen können. Auf beiden Seiten gab es die Verdrängung der Erinnerung an den Heimalltag. Die ehemaligen Heimkinder brauchten eine „Quarantäne“ von ca. 40 Lebensjahren und brauchten Anlässe und Auslöser für die schmerzhaften Erinnerungen. Die andere Seite wollte dann zunächst einfach nicht wahrhaben, was die Opfer berichteten und versuchte vielfach, sie mundtot zu machen. Als sich Mißhandlungen und Zwangsarbeit nicht mehr leugnen ließen, kam es nicht zum Vergessen, sondern es gab eine „Wahrheitskommission“, genannt Runder Tisch. Dazu unter 3.

2. Erinnern, um niemals zu vergessen. Dies hätte ein wichtiger Aspekt der Erinnerungskultur werden können. Doch nach dem Stand der Dinge ist diese Chance bisher verpaßt und wird wohl auch nicht mehr ergriffen werden. Helmut Jacob hat sehr rührig in seinem Blog das „Entschuldigungsgestammel“ untersucht (http://helmutjacob.over-blog.de/) und belegt, wie die betroffenen Institutionen einseitig das Modell „Schwamm drüber“ praktizieren. Wenn sie diesen Teil ihrer Geschichte überhaupt innerhalb ihrer Selbstdarstellung erwähnen, dann allenfalls an verschämt versteckter Stelle. Bis heute hat keine dieser Institutionen gesagt, daß dieser Teil ihrer Geschichte als Irrweg und Dauergefährdung einen wichtigen, prophylaktischen Platz einnehmen muß und in die Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehört. Erinnern, um niemals zu vergessen ist nur das Schicksal der Opfer: Sie können nicht vergessen.

3. Erinnern um zu überwinden – wenn ich entgegen meiner gewachsenen Meinung unterstelle, daß die Moderatorin des Runden Tisches eine ehrliche Person ist, dann wäre die Idee einer Wahrheitskommission ein brauchbares Leitbild für ihre Aufgabe gewesen. Sie hat jedenfalls den Begriff benutzt, die Aufgabe jedoch von Beginn an verfehlt (oder verraten?). Wenn „Anerkennung und Erinnerung an das Leid der Opfer wichtiger Teil einer sozialen Umwandlung sind, der dem Systemwechsel folgen muß“, dann hätte es hier einen Ansatzpunkt gegeben. Doch es hätte ein Verfahren „auf Augenhöhe“ sein müssen, nicht mit dieser Fehlkonstruktion von asymmetrischer Machtverteilung. Was nützt lebenden Opfern die Wahrheit, wenn sie nur als preiswertes Barbiturat für ihre Seelenlage dienen soll? Was tatsächlich am Runden Tisch überwunden werden sollte, waren die Ansprüche der ehemaligen Heimkinder. Die Wunden der Erinnerung wurden nur aufgerissen, um sie geöffnet liegen zu lassen. Zum ehrlichen Überwindungsversuch hätten Entschädigungen gehört – für die Machtseite bis heute ein Tabu. Doch auf den „Systemwechsel“ weist man stolz hin: Heute sind die Heime ja ganz anders. Wozu also die lästige Erinnerung!

4. Dialogisches Erinnern soll das Leid des anderen ins eigene Gedächtnis mit aufnehmen. Dazu ist unter dialogischem Vergessen schon alles gesagt. Es gab keinen Dialog, sondern nur die Vortäuschung eines solchen.

 

Was bleibt, ist einerseits die Machtlosigkeit der ehemaligen Heimkinder, die als krönender Abschluß noch von der EKD-Leitung in einem Versöhnungsgottesdienst nach allen Regeln der Kunst vorgeführt wurden. [https://dierkschaefer.wordpress.com/2011/09/13/das-war-spitze-herr-ratsvorsitzender/] Es bleibt die ungewisse Hoffnung, per Gericht die Erinnerungen materialisieren zu können.

Auf der anderen Seite bleibt der schändliche Sieg über ehemals Schutzbedürftige, die weiterhin wehrlos gehalten wurden, und es bleibt die Macht des Aussitzenkönnens eines medial verbrauchten Problems.

Angesichts der Austrittszahlen beider Kirchen könnte man auch von einem Pyrrhussieg sprechen.

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