Dierk Schaefers Blog

Die Beschneidungsversuche des Ethikrates

Posted in Kinderrechte, Menschenrechte, Politik, Theologie by dierkschaefer on 24. August 2012

»„Der Gesetzgeber ist in einer Art rechtspolitischem Notstand“, sagte der Hamburger Strafrechtler Reinhard Merkel. Er hob das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Priorität des Kindeswohls hervor. Nur eine Art „Sonderrecht“ könne die Beschneidung gegen alle strafrechtlichen Einwände für rechtmäßig erklären. Allerdings gebe es wegen des deutschen Massenmordes an den Juden eine „Pflicht zur besonderen Sensibilität“«.

In diesem Dilemma griff der Ethikrat zur Schere und beschnitt das Recht auf Beschneidung in einer Art, von der er gewußt haben muß, daß das nicht funktionieren kann. »Ja zur Beschneidung von Juden und Muslimen in Deutschland, aber nur unter Auflagen«.

»Notwendig sei eine umfassende Aufklärung über mögliche Risiken ebenso wie die fachgerechte medizinische Ausführung des Rituals. Mindeststandards seien außerdem eine qualifizierte Schmerzbehandlung und die Anerkennung eines entwicklungsabhängigen Vetorechts der betroffenen Jungen, hieß es in einer Mitteilung des Ethikrats«.

Der Ethikrat hat nur Empfehlungsbefugnisse. Wetten, daß von den Auflagen allenfalls die fachgerechte medizinische Ausführung und die qualifizierte Schmerzbehandlung kommen wird – ohne daß die Einhaltung dieser Auflagen kontrolliert wird.

Es ist ja ohnehin skurril, daß Ärzte (von denen übrigens nicht die Rede ist, ein Schnellkurs für Beschneider wird wohl auch ausreichen, – auch ist nur von Schmerzbehandlung die Rede, nicht aber von Schmerzvermeidung durch Narkose), es ist also ohnehin skurril, daß fachliches Know-how für medizinisch nicht nötige Eingriffe, noch dazu bei Schutzbefohlenen eingesetzt und vielleicht auch noch vom Gesundheitssystem finanziert wird.

Doch davon abgesehen: Der dummdreiste Auftritt des Oberrabbiners Metzger war vorab eine Absage an diesen Teil der Auflagen. Fragen des Kindeswohls sprach er den Medienberichten zufolge nicht an, sondern bagatellisierte den Eingriff und verwies im übrigen auf den Gottesbefehl. Gottesrecht bricht Menschenrecht. Für Fundamentalisten jeder Art ist das eine unumstößliche Grundlage.

Was gewiß nicht kommen wird, ist ein ernstzunehmendes entwicklungsabhängiges Vetorecht der betroffenen Jungen. Da Kinder nicht geschäftsfähig sind, benötigten sie für Zustimmung wie für Verweigerung einen Betreuer – so eine Art Anwalt des Kindes. Wenn der tatsächlich dem Kindeswohl verpflichtet und nicht an religiösen Vorgaben orientiert ein Kind aufklärt, so daß es zu einer eigenständigen Entscheidung kommen könnte, so ist die Beschneidung von Babies ohnehin ausgeschlossen. Herr Metzger wird Zeter und Mordio schreien und die Antisemitismuskeule schwingen. Diese Vorgabe ist also allenfalls bei der muslimischen Beschneidung denkbar. Ob sich streng religiöse Menschen allerdings auf einen nicht-muslimischen Betreuer einlassen werden, ist kaum anzunehmen.

Das Kernstück des Ethikvorschlages, das Vetorecht des Kindes, ist also wider besseren Wissens unrealistisch. Die Beschneidung der Beschneidungsrechte mag gut gemeint sein – doch für unverbindliche gut gemeinte Ratschläge muß man keinen Ethikrat finanzieren.

Quellen: http://www.zeit.de/gesellschaft/2012-08/beschneidung-betaeubung-ethikrat/komplettansicht?print=true Freitag, 24. August 2012

http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1353831 Donnerstag, 23. August 2012

10 Antworten

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  1. E.Kronschnabel said, on 24. August 2012 at 20:49

    Und in zehn Jahren sind dann die Mädchen dran…

    Schütte ich wirklich das Kind mit dem Bad aus, wenn ich ein – auch mit Gewalt durchsetzbares! – Verbot
    ALLER Kirchen fordere? Kriminelle Vereinigungen sind es, weiter nichts! Morden, quälen, verstümmeln im
    Namen eines sogenannten Gottes…

    • Hermann Aichele (@HumanoTheol) said, on 5. September 2012 at 13:13

      Könnte vielleicht jemand von denen, die hier auf solche Verbote aus sind, erklären, in welchen Kirchen religiöse Beschneidung praktiziert wird? Ein bisschen Input von Info würde vielleicht nichts schaden.
      OK, da gebe ich zu, jetzt bin ich auch wütend.

  2. Heidi Dettinger said, on 24. August 2012 at 22:52

    Ich finde nicht, dass Sie das Kind mit dem Bade ausschütten, Herr Kronschnabel. Nur durchsetzbar wird das Leeren der Badewanne kaum sein. Muss es ja nicht mal unbedingt, wenn den Kirchen (ALLER Kirchen) bestimmte zivile und zivilrechtliche Gebote auferlegt werden.

    Mit anderen Worten: Sollen sie beten, sollen sie ihren Gott verherrlichen… Aber sollen sie bitte schön die Grundrechte aller respektieren! Aller! Das beinhaltet auch Kinder, die ja immerhin zu den sogenannten „Auch-Menschen“ zählen:

    Wenn es – und das ist überdeutlich – nicht möglich ist, die freie Meinung eines Kindes zur Beschneidung einzufordern, sollte eben diese Beschneidung verboten sein. Punkt. Was zum Henker gibt es da noch zu diskutieren?

    Und bei all dem Gestammere um Narkose und Schmerzfreiheit oder zumindest -reduzierung (wir krank ist das eigentlich?) wird ein Punkt außer acht gelassen: Das Kind hat nicht die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden. Aber – mein Körper gehört mir! – ohne dies Entscheidungsfreiheit sollte nichts – nichtmal das Stechen eines Ohrloches! – möglich sein!

    Was ist eigentlich das Problem? Warum kann man nicht warten und die Kinder einfach FRAGEN, was sie wollen. Wenn sie alt genug sind und FÜR eine Beschneidung optieren, mag man feiern, jubeln, jubilieren und meinetwegen auch noch tirilieren… Aber warum muss man Klein- bis Kleinstkinder ohne deren Einwilligung verstümmeln?

    Und ein Verstümmeln ist es, wenn man neueren Forschungen glaubt. Das geht von einem traumatischen Erlebnis (nicht unbedingt durch Narkose verhinderbar!) über die deutliche Verminderung des Lustempfindens des so Verstümmelten bis hin zu Krankheitsanfälligkeit aller Art.

    Mensch! Unsere Kinder sind mit 14 beschränkt geschäftsfähig, ab einem bestimmten Alter können sie „beiwohnen“, mit 18 sind sie mündig.

    Warum, zur Hölle kann man nicht warten, um ihnen den Pimmel zu verunstalten? Oder sollte es tatsächlich so sein, dass Rabbi, Imam und letzten Endes auch Pfarrer (nicht alle, in keinem der drei genannten Fälle) Angst haben, dass die mündigen, geschäftsfähigen jungen Männer ein lautes, deutliches NEIN für ihren mittelalterlichen Hokuspokus übrighaben – dessen Folgen im Übrigen nicht Pfaffe, nicht Imam, nicht Rabbi ertragen muss, sondern das Kind, das vor ihnen liegt.

    Bäh, wie eklig noch?

    • Hildegard Neumeyer said, on 25. August 2012 at 10:10

      Heidi Dettinger
      Wunderbar dargestellt, kann jeder wohl nach vollziehn??? LG

  3. Hermann Aichele (@HumanoTheol) said, on 5. September 2012 at 13:55

    Och was, was ich vorher mit meinem Tweet („OK, da entlang! (bes. Merkel!) „) wollte:
    Unter Ausnützung des doppeldeutigen Namens „Merkel“ hinweisen auf die bemerkenswerte Rede von Reinhard Merkel. Auch wenn der Ethikrat da noch nicht sehr weit gekommen ist, meine ich doch, es geht nur, wenn man wie RMerkel wenigstens den „rechtspolitischen Notstand“ angesichts der besonderen deutschen Geschichte ernst zu nehmen bereit ist. Nur so einer kann auch glaubwürdig negative Folgen aufzeigen. Und er hat sie ja drastisch genug aufgezeigt.
    Ja, es ist manches an der Empfehlung des Ethikrates unrealistisch; aber viell ist doch realistisch zu sagen: Nur über solche unrealistischen Zwischenschritte kann man weiter kommen. Deshalb: „da entlang“ – auch wenn es noch nicht weit genug ist.
    Gehört übrigens auch mal die Altersgrenze mit der Religionsmündigkeit hinterfragt, wenn man sie auf Beschneidung übertragen will. Man vgl. mal die Konfirmation / Firmung – beides in religionsmündigem Alter. So richtig mündig sind viele solcher Entscheidungen auch nicht. Nun ja, die innerfamiliären Konflikte in dieser Sache haben wenigstens keine so *einschneidenden* Folgen. Und zur Beschneidung: Da wäre sogar manche Entscheidung eines 18-Jährigen nicht so selbständig: Komm, lass dich beschneiden, sonst kriegst den Führerschein nicht bezahlt…
    Übrigens habe ich auch Freunde/Bekannte, die positiv über ihre Beschneidung (jeweils im Alter von über 10 Jahren und garantiert nicht aus religiösen Gründen) reden. Da musste ich – gegen meinen Widerwillen – was pro Beschneidung lernen. Und jetzt – man lernt nie aus – schon wieder lernen: von den möglichen Folgeschäden hört man erst jetzt so deutlich. Und das verdankt man der jetzigen Diskussion. Deshalb ist sie notwendig.

    • dierkschaefer said, on 5. September 2012 at 19:40

      O, da habe ich zum Namen Merkel dummerweise nachgelegt, ohne zu bemerken, daß Sie bereits vorgelegt haben.
      Die Frage der Religionsmündigkeit ist tatsächlich in diesem Zusammenhang eine schwierige. Nun lassen ja viele den Konfirmationsunterricht über sich ergehen, weil es dann Geschenke gibt, so wie viele kleine Mädchen gern Ohrringe tragen wollen. Doch man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ein körperlicher Eingriff mit Schmerzen und Risiken sollte im Kindesalter gar nicht und im Jugendalter allenfalls nach sorgfältiger externer Beratung gestattet sein. Daß es wohl auch Jugendliche gibt, die, wie Sie schreien, positiv von ihrer Beschneidung reden, will ich nicht bestreiten, halte es aber für unerheblich angesichts inzwischen vieler gegenteiliger Berichte. Die Nicht-Beschneidung ist hier das geringere Übel.

  4. […] https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/08/24/die-beschneidungsversuche-des-ethikrates/ Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies gefällt. […]

  5. Wacholderbaum said, on 19. August 2014 at 10:13

    #Hermann Aichele („in welchen Kirchen religiöse Beschneidung praktiziert wird“)

    Sehr geehrter Herr Aichele, Ihre Frage beantworte ich gerne: in der Koptischen Kirche, der Äthiopischen Kirche, der Orthodoxen Kirche von Eriträa sowie in einigen der sogenannten Afrikanischen Kirchen wird die Beschneidung der Jungen aus religiösen Gründen praktiziert.

    it is customary among the Coptic, Ethiopian, and Eritrean Orthodox Churches, and also some other African churches

    http://en.wikipedia.org/wiki/Religious_male_circumcision#In_Christianity

    Auch teutonische Theologen sollen dann und wann was dazulernen, denn wie wahr: „Ein bisschen Input von Info würde vielleicht nichts schaden.“

    Mutilated Humanity
    Ashley Montagu

    http://www.nocirc.org/symposia/second/montagu.html

    DOCTORS OPPOSING CIRCUMCISION (D.O.C.)
    Physicians for Genital Integrity

    http://www.doctorsopposingcircumcision.org/

  6. Wacholderbaum said, on 19. August 2014 at 10:16

    Europa 25 Jahre nach dem First International Symposium on Circumcision. Genital Intactness statt Beschneidung auf Kinderwunsch

    Vortragsskript von Edward von Roy
    Köln 14. Februar 2014

    http://eifelginster.wordpress.com/2014/02/15/373/

    Ob Mädchen bzw. Frau oder Junge bzw. Mann:
    Keine Beschneidung unter achtzehn!


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