Dierk Schaefers Blog

Gottesdienst zum Gedenken an die Gewaltopfer

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Theologie by dierkschaefer on 18. Oktober 2012

Vorbemerkung

Wenn man, selber Pfarrer, für ein nicht theologisch vorgebildetes Publikum die Predigt eines Kollegen kommentiert[1], ist es nötig, ein paar Worte über Predigten im allgemeinen vorwegzuschicken. Viele Zeitgenossen haben zudem kaum noch Erfahrung mit dieser Form des Vortrags, manchen ist sie nicht nur fremd, sondern auch suspekt.

Aufgabe einer Predigt ist es, einen Bibeltext mit der Situation der Predigthörer ins Gespräch zu bringen. Diese Situation kann ganz speziell sein, besonders bei einer anlaßbezogenen Predigt, kann aber auch allgemein grundlegende oder aktuelle Fragen aufgreifen.

 

Wie funktioniert das?

Meist entnimmt der Prediger den zugrunde liegenden Bibeltext für seine Predigt der sogenannten Perikopenreihe, die sich über sechs Jahre erstreckt. So auch in diesem Fall. Der Prediger leitet ein mit den Worten »Liebe Gemeinde, der für den heutigen Sonntag laut Predigtordnung vorgeschlagene Predigttext, auf den ich gern mit ihnen höre möchte, steht in der Apostelgeschichte im 12. Kapitel «[2]. In diesem Einleitungssatz  wird nicht nur der Text genannt, sondern zum Ausdruck gebracht, daß der Prediger gemeinsam mit der Predigtgemeinde auf diesen Text hören möchte. Der Text soll also beide ansprechen, ihn und die Gemeinde. Dieses Textverständnis  finde ich sympathisch und halte den Satz nicht nur für eine rhetorische Figur. Selbstverständlich hat der Prediger seiner Gemeinde etwas voraus. Er wußte, was allerdings jeder wissen kann, wenn er will, welcher Text „drankommt“ und er hat sich in seiner Vorbereitung intensiv mit dem Text beschäftigt. So hat er es im Studium gelernt. Dazu gehört auch die Benutzung von Fachliteratur. Am Ende dieses Teils der Vorbereitung weiß er den Text in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen und welche Funktion dieser in der damaligen Gemeinde hatte (Warum schreibt Lukas diese Episode?). Wenn der Prediger auf den Text „gehört“ hat, überlegt er, auf welche Situation er stoßen wird. Die Datei, die mir zugeschickt wurde, trägt den Titel: Gottesdienst zum Gedenken an die Gewaltopfer 2012. [3] Nach der Predigt, sagt der Prediger, soll eine wissenschaftliche Untersuchung über die Geschichte des Wittekindshofes vorgestellt werden. Gewalt ist ein wichtiges Thema darin. Damit ist auch der Personenkreis der Predigthörer abschätzbar: Neben Menschen, die nicht aus einem speziellen Interesse hergekommen sind, dürften viele Zuhörer aus dem Bereich des Wittekindshofes und auch aus dem Umkreis der Buchautoren im Gottesdienst sein. Nicht nur mit seinen, sondern auch sozusagen mit deren Ohren hört der Prediger in seiner Vorbereitung auf den Text und sucht darin nach Antworten, die zur Situation der Predighörer passen könnten.

Er bemüht sich sogar, die Hörer einzubeziehen: »Liebe Gemeinde, was ist für sie der Kern des Evangeliums? Was ist für sie das Zentrum der frohen Botschaft von Jesus Christus? (Antworten abwarten)«, steht im Manuskript. Vielleicht ist er mit dieser Frage, soweit er nicht oben auf der Kanzel stand, aufmunternd durch den Mittelgang gegangen. Damit kann man zwar die letztlich monologische Kommunikationsstruktur einer Predigt nur scheinbar auflockern. Doch dafür kann der Prediger nichts, er hat sich immerhin bemüht. Doch das Risiko, bei solch einem Unterfangen total unpassende Antworten zu bekommen, ist gering.

 

 

Aber nun zur Predigt selbst Gottesdienst zum Gedenken an die Gewaltopfer 2012 [4]

Auf den ersten Blick erscheint der Predigttext sehr passend und führt zu dem, was der Prediger für zentral hält: »… besteht der Kern des Evangeliums für mich aus einem einzigen Wort, und das ist Freiheit«. Wer allerdings die Geschichte der Heimkinder auch im Wittekindshof kennt, dem fallen doch wohl die „Kabäuschen“ ein, die „Besinnungskammern“, die Kellerverliese, in die Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen gesperrt wurden, oft tagelang allein, bei Wasser und Brot, ohne zu wissen, wann sie wieder da raus kommen – und kein Engel erschien ihnen, der sie in die Freiheit brachte. Kamen sie schließlich raus, war das Gefängnis nur größer. Das ist die Situation, an die die Opfer denken.

Was hat der Prediger, der zusammen mit den anwesenden Opfern auf den Text hören will, daraus gemacht?

Er sagt, im später vorgestellten Buch »finden sich … auch viele Seiten, auf denen die Geschichte der vom Wittekindshof unterstützten Menschen nicht gerade als eine Freiheitsgeschichte erscheint«. Der Wittekindshof hatte es also mit Menschen zu tun, die er unterstützt hat. Der Titel des ersten Buches straft die Fiktion Lügen: „Als wären wir zur Strafe hier“. Doch selbst wenn man auf eine stattliche Menge hilfreicher unterstützender Maßnahmen verweisen kann: Sollte dies nicht der Gottesdienst zum Gedenken an die Gewaltopfer sein? Über die Vergasungsopfer wird gesagt, daß sie in „staatlichen Anstalten“ vergast wurden, also nicht im Wittekindshof. Und für die Zeit danach werden wieder die Umstände aufgeführt, die das Ganze erklären sollen – oder gar entschuldigen? Da wird die Überbelegung genannt:

»Es ist deshalb kein Wunder, dass auch in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Kriege mindestens die Einschränkung von Freiheit und die Anwendung von Gewalt auch im Wittekindshof weiter an der Tagesordnung waren. Zu viele Bewohner in viel zu engen und maroden Räumlichkeiten betreut von zu wenig Mitarbeitenden, die zudem dafür meist nicht besonders ausgebildet waren. Auf einen Mitarbeitenden im Pflegedienst kamen bis zu 17 Bewohner. Mit viel Engagement und Geduld konnte dabei in den meisten Fällen zumindest das Leben, die bloße Existenz der Bewohner bewahrt werden. Aber Erfahrungen von Gewalt, Schmerz und Verlust der Freiheit haben dabei viele Bewohner/innen noch viele Jahrzehnte machen müssen. Sie durften sich oft nicht frei bewegen, wurden auch weggesperrt und mit Gewalt im Zaume gehalten. Und wenn der Wittekindshof mal versuchte, sie am Leben in der Gesellschaft teilhaben zu lassen, dann können noch heute viele Mitarbeitende davon erzählen, dass die Menschen, auf die sie in den Städten bei ihren Ausflügen trafen, froh waren, wenn sie dann wieder hinter den Mauern der Anstaltsgebäude verschwanden«.

 

Noch einmal: » Mit viel Engagement und Geduld konnte dabei in den meisten Fällen zumindest das Leben, die bloße Existenz der Bewohner bewahrt werden«. War das der ganze Auftrag, für den das Heim bezahlt wurde?

 

Ausgangspunkt der Predigt ist eine Wundergeschichte. Doch Wunder geschahen und geschehen eben nicht:

»Es ist deshalb kein Wunder«. Genau diese Differenz zwischen Wunder und Realität einer christlich geführten Einrichtung hätte theologisch reflektiert werden müssen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte schon Petrus kein Befreiungswunder aus einem veritablen Gefängnis erlebt. Warum also wurde der frühchristlichen Gemeinde eine Wundergeschichte präsentiert? „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“, sang Zarah Leander – und wir wissen, warum. Mit welcher theologischen oder auch nur logischen Berechtigung erzählen wir gerade Opfern von Wundern? Die wissen doch: Es gab kein Wunder! – Wir haben allenfalls davon geträumt.

Der Prediger zeigt eine Zukunftsperspektive auf: »Liebe Gemeinde, wer frei sein kann, der soll auch aufstehen und die Freiheit annehmen. Es geht darum, die Chance der Befreiung zu ergreifen und mutig das Gefängnis der Unfreiheit zu verlassen. So möchte ich uns alle ermuntern, solche Schritte der Freiheit zu wagen. Schritte heraus aus dem Gefängnis der Unfreiheit – so wie das auch Petrus getan hat«. Doch dieser Zuspruch hat eher die Qualität mancher Kondolenzformeln: „Ohren steif halten. Wird schon wieder“. Schlimmer noch, was therapeutisch stimmen mag und mühselig vermittelt und erarbeitet werden muß, kommt hier als billiger Rat auf die Opfer nieder: „Du mußt dich nur anstrengen, den Schritt wagen“. Das werden die Opfer sicherlich beherzigt haben. Vielleicht haben sie sich in der Woche nach der Predigt doch noch bei der Meldestelle für ehemalige Heimkinder angemeldet, um eine Unterstützung zu erhalten, die völlig freiwillig, also gnädig gewährt wird. In diesen Fonds hat auch der Wittekindshof eingezahlt – doch immerhin protzt der Prediger nicht auch noch damit. Es wäre auch nicht fair, dem Prediger zu unterstellen, daß er sich schont. Immerhin sagt er: »In der letzten Woche haben wir wieder ein Bewohnerjubiläum gefeiert. Es gibt davon im Wittekindshof vier pro Jahr mit etwa 150 Menschen, die seit 25 bis 75 Jahren vom Wittekindshof im Wohnen unterstützt werden. Ich muss ihnen gestehen: Spätestens seit ich die Texte der beiden Bücher von Prof. Schmuhl und Dr. Winkler kenne, frage ich mich, was es da eigentlich zu feiern gibt. Ich sage den Menschen, die sich bis heute vom Wittekindshof unterstützen lassen, bei den Jubiläumsfeiern und auch heute hier im Gottesdienst, dass es mich beschämt, was sie alles erleben mussten. Am meisten beschämt es mich, dass Sie mit ihren Angehörigen und Betreuern bis heute das Vertrauen aufbringen, sich hier unterstützen zu lassen.« Für einige mag der nächste Satz ja zutreffen: »Was man allerdings feiern kann, ist das eine: dass Gott Sie, liebe Bewohnerinnen und Bewohner, in alldem und auch mit der Hilfe vieler engagierter Menschen bis heute erhalten hat – und dass sie ihr Leben zudem oft mit soviel Freude und Dankbarkeit leben«. Aber die anderen, die sich über den Runden Tisch gezogen fühlen, die ihre Selbstachtung dadurch erlangen, daß sie die angebotenen Almosen ablehnen?

 

„Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu mißhandeln“. Herodes ist der böse Bube. Schon bei der Geburt Jesu – und dann erst beim Kindermord zu Bethlehem. Mitarbeiter des Wittekindshofes also in der  Rolle des Herodes? Und nicht nur die einfachen Mitarbeiter. Sie waren gedeckt von ausgebildeten Theologen, die offensichtlich keine Schwierigkeiten hatten, Kindern die Freiheit zu nehmen und sie in vielfältiger Weise zu mißhandeln. Da hat doch offensichtlich etwas mit der Theologie nicht gestimmt. Dazu hätte ich als Theologe aus dieser Predigt gern etwas mitgenommen.

 

Ich habe zusammen mit dem Prediger auf den Text gehört – und viele Fragen sind offen. Er hat nicht mit mir als „Hörer“ rechnen können, doch von den Opfern hatte er dank der Arbeit der Wissenschaftler Kenntnis[5]. Aber die Opfer wurden nicht ernst genommen.

 

Eigentlich schade, wenn eine handwerklich gut gemachte Predigt den eigentlichen, den  schwierigsten Punkt, den erforderlichen Skopus mißachtet.


[1] Zitate aus der Predigt sind »kursiv« wiedergegeben.

[2] Der Text ist vorgeschlagen für den 16. Sonntag nach Trinitatis. Das war in diesem Jahr der 23. September. Die liturgische Farbe für diesen Sonntag ist grün.

[3] Der Begriff Gewaltopfer kommt zwar in der Predigt selbst nicht vor, dafür aber Opfer von Gewalt, und viel häufiger Gewalt.

[4] Den Text der Datei, wie sie mir vom Vorzimmer des Predigers für den Blog zugemailt wurde, habe ich unverändert gelassen,. Ich habe lediglich das WORD-Dokument in ein PDF umgewandelt.

[5] „Ich war sehr aufgewühlt, auch sehr zornig“ schreibt eines dieser Opfer.

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3 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 18. Oktober 2012 at 23:27

    Dieser Prediger, so scheint mir, hat nicht gerade viel gelernt. Wer davon spricht, dass Kinder „im Zaum“ gehalten werden mussten, ist entweder unbelehrbar, hat ein schlechtes Verständnis von Sprache oder er arbeitet – wenn auch handwerklich gut, wie Herr Schäfer meint – sprachlich äußerst schlampig.

    Ein Zaum dient zum Zügeln am Kopf von Zug-, Last- und Reittieren. Als Redewendung meint es auch, „jemanden beherrschen“.

    Eines muss man ihm immerhin zu Gute halten: Seine Wundergläubigkeit ist schon konsistent: Der eine wird „durch ein Wunder“ befreit – für die vielen anderen ist es „deshalb kein Wunder, dass auch in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Kriege mindestens die Einschränkung von Freiheit und die Anwendung von Gewalt auch im Wittekindshof weiter an der Tagesordnung waren“.

    Warum eigentlich?
    Kommt Freiheit nur in Engelsgestalt zu uns und ist für Kinder schon gleich gar nicht zu haben?
    Ist Freiheit überhaupt „ein Wunder“ und nicht ein Recht jedes Menschen?
    Wenn und wo Unfreiheit herrscht – ist Freiheit da nicht das Resultat von Kampf, Anstrengung und Mut (und manchmal Revolution)?
    Und sollte wir nicht alle daran arbeiten, unsere Kinder in Freiheit zu sehen? Egal ob heute, morgen oder auch nach Kriegsende scheint mir DAS Pflicht und Aufgabe zu sein/gewesen zu sein. Und nicht etwa, „das Leben, die bloße Existenz“ hinüber zu retten.

    Hätte der Prediger etwas gelernt, hätte er auch wissen müssen, dass viele nämlich genau „das Leben und die bloße Existenz“ bei Pein und Prügel, Hunger und Durst, Arbeit und Gewalt NICHT lebbar erschien und sie sich für den Tod als Erlösung entschlossen. KINDER!

  2. […] auf den Text und sucht darin nach Antworten, die zur Situation der Predighörer passen könnten.« https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/10/18/gottesdienst-zum-gedenken-an-die-gewaltopfer/ […]


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