Dierk Schaefers Blog

Wenn der U-Haftvollzug humaner ist als ein Jugendamt, dann stimmt etwas nicht, und zwar mit dem Jugendamt.

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Menschenrechte, Politik by dierkschaefer on 7. November 2012

Beate Zschäpe, des Terrorismus verdächtigt, sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf ihren Prozeß. Heute kann man in der FAZ lesen, daß sie sich als Oma-Kind bezeichnet habe. Die Oma war wohl die einzige feste Bezugsperson in ihrem Leben. »In der Untersuchungshaft wurde sie von der Kölner JVA, in der sie untergebracht ist, für kurze Zeit in eine Haftanstalt in der Nähe der greisen Großmutter verlegt, damit sich die beiden Frauen noch einmal sehen konnten«.

Ein vorbildliches Beispiel von Menschlichkeit unter schwierigen Bedingungen!

 

Ich möchte an Julia erinnern. Sie lebt gegen ihren Willen und dem ihrer Mutter im Heim. Als es darum ging, daß Julia und ihr todkranker Opa sich noch einmal sehen wollten, blieb das Jugendamt harthörig. Und als Julias Mutter ihr am Telefon vom Tod des Opas berichtete, wurde Julia der Telefonhörer weggenommen, denn die Mutter hätte ihr das nicht erzählen dürfen. https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/10/14/auf-jeden-fall-stehe-es-mir-nicht-zu-mit-julia-uber-den-tod-des-opas-zu-reden/

Glückliches Deutschland, das Häftlinge humaner behandelt als Heimkinder.

12 Antworten

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  1. Helmut Jacob said, on 8. November 2012 at 00:59

    In der Zeit, als ich in der Jugend- und Freizeitarbeit für behinderte Menschen tätig war, haben wir auch Begegnungen Behinderter und Nichtbehinderter, so auch Behinderter mit Strafgefangenen organisiert. Im Rahmen einer solchen Begegnung besichtigten wir eine Jugendstrafanstalt und sprachen mit den Häftlingen (die übrigens alle unschuldig waren; schuldig waren die Umstände und die Gesellschaft) über ihr Freizeitprogramm. Da waren wir doch baff erstaunt. Fernseher auf den Zimmern, Hofgang, Bibliothek, Spielsaal, Sportsaal (im Volksmund „Muckibude“ genannt), es fehlte an nichts.
    Die behinderten Bewohner des Franz-Arndt-Hauses der Evangelischen Stiftung Volmarstein (damals hieß sie noch „Orthopädische Anstalten Volmarstein“) konsternierten: Das alles gibt es bei uns überhaupt nicht. Schnell kamen viele Behinderte zu der Einsicht: Im Knast lebt es sich schöner, als im Heim.
    Noch ein Hinweis zu den Hofgängen: Aus Personalnot, quasi seit Jahrzehnten, sehen viele Behinderte nur ihr Zimmer oder den Außenbereich vor der Haustür.
    Wir sollten die Behinderten bitten, ihre Pfleger zu beißen, damit sie in den Knast kommen.

    • dierkschaefer said, on 8. November 2012 at 10:29

      Würde ich ja gern weiter-twittern. Doch eine Frage und eine Bemerkung.

      Aus welcher Zeit stammen die Beobachtungen, sind sie heute noch aktuell?

      Ich möchte nicht in den Chor der Punitivitätsfreunde einstimmen, die für Strafverschärfung (auch im Strafvollzug) eintreten.

      • Helmut Jacob said, on 8. November 2012 at 19:12

        meine lange antwort wartete auf freischaltung und ist nu wech …

  2. helmutjacob said, on 8. November 2012 at 15:06

    Lieber Herr Schäfer,

    die Beobachtungen stammen aus den 70er Jahren bis Anfang der 80er. Sie sind aber heute noch mehr als aktuell und zum Teil noch katastrophaler. Als es die Abteilung Freizeitarbeit noch gab, waren täglich „Freigänge“ für wenigstens acht bis zehn Heim“insassen“ drin. Auch war die Personalnot nicht so groß wie heute. Durch intensiv gepflegte Kontakte zwischen Gruppen Nichtbehinderter (z.B. Haus der offenen Tür in Wuppertal und Hagen) waren auch private Begegnungen und Freizeitaktivitäten ohne Organisation durch unsere Abteilung möglich. In den Oster-, Pfingst-, Herbstferien und bei Brückentagen beliefen sich die „Freigänge“ auf drei bis vier Tage, weil dann Freizeitmaßnahmen durchgeführt wurden. Im Sommer wurde ein Sommerprogramm mit täglichen Ausflügen durchgeführt. Unterm Strich konnte jeder schwerbehinderte Bewohner zwei bis drei „Freigänge“ und gelegentliche „Hofgänge“ genießen. Dies ist heute größtteils nicht mehr gegeben. Zwar existiert irgendwo ein Freizeitheim der Stiftung, aber dieses umfangreiche Freizeitprogramm mit statistisch täglich einer Aktivität gibt es nicht mehr. Was am meisten wehtut: Heiligabend haben mein Chef und ich die „Insassen“ im Gemeindezentrum um uns gescharrt und mit ihnen ein langes Abendprogramm mit schönem Essen, Dia-Show, Liedern und Gedichten und mit „Klönen“ erlebt. Es hat mir nichts ausgemacht, dass ich Heiligabend erst um elf Uhr nachts zu meiner Familie kam, denn diese Stunden waren auch für mich eine Erbauung und die Bewohner sprachen das ganze Jahr darüber. Anekdote am Rand: Wir hatten Kontakte zur katholischen Nachbargemeinde hergestellt. Die Jugendlichen fuhren mit unseren Männern in die einzelnen Fußballstadien. Unter anderem haben wir bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 360 Behinderte und 300 Mitarbeiter zu elf Spielen in 14 Tagen gebracht. Ein Mammut-Unternehmen und alle Eintrittskarten waren frei. Jetzt der Knüller: 30 Jahre später gehen mein Freund Paul und ich am Männerheim vorbei und es brüllt eine Stimme zu uns hoch: „Paul! Weißt Du noch, wenn wir immer zu Fußballspielen gefahren sind? Das war schön!“

    Ich will damit ausdrücken: Zwar hat jeder, der sich leisten kann, einen eigenen Fernseher, aber sonst ist der „Knastalltag“ noch eintöniger geworden. So berichten es mir zumindestens Bewohner. Die Stiftungsleitung wird sicher völlig anders denken. Ach ja: Die Bibliotheken beschränken sich in einigen Häusern auf eine Ansammlung von Gesangbüchern, die zu Wochengottesdiensten genutzt werden.

  3. sabine s. said, on 10. November 2012 at 12:48

    Zum Glück sind heute Behindertenheime (in der Regel) anders geführt, als hier beschrieben. Mir sind Behindertenheime bekannt, die sich nach außen hin längst geöffnet haben, sich auch mit Geschäftsleuten anlegen, wenn diese glauben, geistig behinderte Menschen dürften sich in ihrem Laden z. B. keine Tabak kaufen, die in die City gehen und sich auch in dem Getümmel bei Volksfesten aufhalten, die Ausflüge und, Reisen mit den Bewohnern machen (in Kleingruppen), eine Tagesstruktur vorhalten auch für diejenigen, die nicht „werkstattfähig“ sind, aufgrund ihrer Schwerstbehinderung, und die auch ein gut funktionierendes Beiratssystem haben (da ist z. B. ein Selbsthilfevertreter im Beirat willkommen, der parteilich für die Bewohner ist).
    Natürlich kann eine dünne Personaldecke nicht darüber hinwegträuschen, dass eine Familiensituation nicht hergestellt werden kann.
    Ein Beispiel möchte ich dafür geben, was auch im Bereich der Gesundheitsversorgung möglich ist: Geistig behinderte Menschen können sehr schlecht bis oftmals gar nicht Schmerzen oder andere Symptome artikulieren. Ärzte in den Krankenhäusern nehmen sich nicht ausreichend Zeit, auf diese Menschen einzugehen. Die Behinderteneinrichtung hat in mühsamen Gesprächen um Sensibilität „geworben“. Inzwischen hat ein praktischer Austausch stattgefunden: Personal und Ärzte des Krankenhauses haben in der Behinderteneinrichtung hospitiert -. umgekehrt ist Personal der Einrichtung in das Krankenhaus gegangen.

    Ich will die Gesamtsituation gar nicht schön reden – pauschale Aussagen nur ein wenig relativieren.

    sabine s.

  4. sabine s. said, on 10. November 2012 at 12:54

    Ergänzung: Zur Wohnsituation eine kleine Anmerkung: Die behinderten Menschen leben heute auch nicht mehr in zig-Bett- sondern 2-Bett oder -Einzelzimmer. Sie sind auch mit Fernseher, Musikanlagen, Bücher und und und ausgestattet.

    Wenn die Situation in Volmarstein eine anders sein sollte, wird es Zeit, auf die Umsetzung des WTG (Wohn- undTeilhabe-Gesetz NRW) zu drängen.

    sabine s.

  5. Heidi Dettinger said, on 11. November 2012 at 16:06

    Warum sieht man dann Menschen mit Behinderung kaum jemals im Straßenbild? Warum gibt es noch immer so viele öffentliche Gebäude (und Bahnhöfe!), die mit Rolli kaum zugängig sind? Warum ist erst seit aller kürzester Zeit an einigen (!) deutschen Schulen die sog. „Inklusion“ eingeführt?

    Und – noch viel dramatischer – Während in Europa die exorbitante Zahl von 1 in 5 gilt (einer von fünf Menschen hat Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht), gilt für Menschen mit Behinderung: 80% haben sexuelle Gewalt erlitten. 80%!

    Der Sinn einer Einrichtung für Behinderte kann m. M. nach doch nur darin liegen, dass jeder Mensch die Zuwendung, Pflege, Freundlichkeit etc. bekommt, die er/sie braucht. Und dass gleichzeitig größtmögliche Integration betrieben wird. Was bedeuten würde, dass Menschen mit Behinderungen in unser tägliches Lebensbild gehören, an allen Bereichen des öffentlichen Lebens ohne Beschränkungen teilnehmen können, an Schulen mit nicht-behinderten Kindern lernen und spielen. Und natürlich: Nicht ob ihrer evtl. Hilflosigkeit besonders ausgebeutet und misshandelt werden. Oder vergewaltigt!

    • Helmut Jacob said, on 11. November 2012 at 22:01

      sie haben den nagel auf dem kopf getroffen, frau dettinger!

  6. sabine s. said, on 12. November 2012 at 01:59

    Liebe Frau Dettinger, sie können sicher sein, dass ich auf Ihren Kommentar gern antworten werde. Aber nicht mehr heute Nacht.

    Gute Nacht!

    sabine s.

  7. Heidi Dettinger said, on 14. November 2012 at 23:53

    aha

  8. […] Wenn der U-Haftvollzug humaner ist als ein Jugendamt, dann stimmt etwas nicht, und zwar mit dem Jugendamt. November 2012, https://dierkschaefer.wordpress.com/2012/11/07/wenn-der-u-haftvollzug-humaner-ist-als-ein-jugendamt-… […]


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