Dierk Schaefers Blog

Fritz Roth ist tot – Ein Nachruf auf einen besonderen Menschen.

Posted in Kirche, Psychologie, Theologie by dierkschaefer on 17. Dezember 2012

Gestern abend noch finde ich in der Post den Jahresgruß von Fritz Roth – wie immer selbst konzipiert: Thema Sterben. Heute früh lese ich, daß er einem Krebsleiden erlegen ist. Sein Jahresgruß hatte also seine ganz existentielle Komponente.

Fritz Roth gehörte zu den wenigen besonderen Menschen außerhalb des eigenen Familienkreises, von denen ich sagen kann. Es hat mir gutgetan, daß ich ihn kennengelernt habe.

Das sagt man von Bestattern wohl selten, selbst wenn sie ihren Job gut gemacht haben. Doch Fritz Roth machte keinen „Job“. Er hatte eine Mission und er wurde gehört, weil es an der Zeit war, Tod und Trauer nicht den Experten zu überlassen. Ich habe solche Experten einmal Periletalexperten genannt. Sie sind Fachleute um das Todesgeschehen herum und ihre spezialisierte Fachkunde läßt sie oft die eigene Sterblichkeit vergessen. Sie machen in der Regel ihren Job ordentlich, sogar gut, aber gegenüber den Trauernden sind sie oft hilflos. Fritz Roth markiert einen Wendepunkt nicht nur im „Bestattungsgeschäft“. Er hat das Todesgeschehen und die Trauer wieder sprachfähig gemacht. Das war notwendig und das hat uns zusammengeführt.

Unvergeßliche Momente: Im Museum für Sepulkralkultur berichtete er mit seinem rheinischen Humor von einer alten Dame, deren sehnlichster Wunsch es war, noch einmal auf dem Rhein am Kölner Dom vorbeizufahren. In Umgehung sämtlicher Bestattungsvorschriften setzte er sich mit der Urne und dem Neffen, dem einzigen Hinterbliebenen, ans Rheinufer, „und so haben wir über die Tante gesprochen und sie schüppchenweise am Dom vorbeischippern lassen“.

Doch es geht nicht nur um solche „Döntches“. Fritz Roth hat Trauer und Tod noch mehr abgewinnen wollen. 1999 organisierte er ein großes, gut besuchtes internationales Symposium: Sterben, Tod und Trauer: Impulse zur Erneuerung von Ethik und Spiritualität?. Für sein Bestattungsunternehmen hätte er das nicht gebraucht. Sein Chauffeur, der mich vom Flughafen abholte, meinte, die Bestatterkollegen hielten so etwas für Spinnereien.

Sicherlich möchten nicht alle Hinterbliebenen die Leiche von Opa möglichst lange daheim lassen, vielleicht sogar bei der Leichenwäsche selber mithelfen, oder aber im Haus der menschlichen Begleitung Abschied nehmen, wo die Kinder Opas Sarg bemalen und ihm auf ihre Weise à-dieu sagen können. Doch das Thema ist angekommen. Immer mehr Bestatter haben verstanden, daß sie nicht nur Bestatter, sondern Trauerbegleiter sein müssen. Hoffentlich wird das aber keine „Geschäftsidee“. Fritz Roth hat seine Idee überzeugend gelebt. Seine Wanderausstellung der „Koffer für die letzte Reise“ tourt seit sechs Jahren durch Deutschland. Erst kürzlich hat eine Freundin dabei meinen Koffer in der Berliner Gedächtniskirche entdeckt.

Als Pfarrer gehöre auch ich zu den Periletalexperten und muß selbst- wie zunftkritisch sagen, daß wir von Fritz Roth vieles lernen mußten und noch vieles lernen können. Fritz Roth war für uns und für die ganze Gesellschaft ein Leuchtfeuer. Er sei friedlich, zufrieden und im Einklang mit sich eingeschlafen, berichten die Angehörigen.

Tagged with: , , , ,

2 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Helmut Jacob said, on 17. Dezember 2012 at 16:45

    Er hat sich gegen die Ent(d)sorgungsmentalität gestellt und die Angst vor toten Menschen genommen. In einer mir bekannten Verabschiedung in seinem Haus durften die Familienmitglieder dem Toten Gegenstände in den Sarg legen. So legte der Sohn seinem behinderten Vater jene Urinflasche unter die Decke, die der Vater immer bei Ausfahrten mit sich führte.
    Sie haben Fritz Roth einen zutreffenden kleinen Nachruf geschrieben, lieber Herr Schäfer!
    http://www.ruppiner-hospiz.de/plugins/Foto_Galerie/galerie.php?thema=%22Ein+Koffer+f%C3%BCr+die+letzte+Reise%22&id=5

  2. Jutta Otto said, on 17. Dezember 2012 at 19:32

    Ja, er war was Besonderes…
    Jutta Otto


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: