Dierk Schaefers Blog

Vom Almosengeben

Posted in heimkinder, Religion, Theologie by dierkschaefer on 25. Januar 2013

An der Figur des Sankt Martin hat sich in Freiburg ein Streit entzündet, wie wir heute in der Printausgabe der FAZ lesen. Die Leser dieses Blogs haben eine eigene Auffassung vom Almosen geben bzw. empfangen. Darum dürfte der Freiburger Streit interessieren.

 

Das Martinstor in Freiburg ziert nicht etwa der Heilige Martin, sondern ein das Logo einer Fast-food-Kette. Das ist unpassend. Man will etwas tun. Doch was?

Es gibt den Entwurf eines Martinstor-Fres­kos aus dem achtzehnten Jahr­hundert. Sozialkitsch nennen es die Grünen. Sie sind gegen die Darstellung des römischen Soldaten, der vom hohen Roß herab mit herablassender Geste seinen Mantel mit dem demütig knieenden Bettler teilt und denken dabei offensichtlich an die Hartz-IV-Empfänger.

 

Sankt Martin ein Vorbild oder ein Problem fürs Almosen-Geben?

 

Schon die Quellenlage ist problematisch. http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_von_Tours Die Mantelteilung ist eine – durchaus schöne – Legende. Weil sie so schön ist, gibt es eine unübersehbare Zahl von Darstellungen in Bild und Skulptur. Martin auf dem Pferd wendet sich dem Bettler im Schnee zu, hält in der einen Hand ein Ende seines Mantels und schneidet ihn mit dem Schwert durch. Eine noble Geste. Aber Stoff kann man nicht mit einen Schwert teilen, noch dazu ohne jede Unterlage. Doch nehmen wir ruhig die Legende, wie sie erzählt wird, und schauen uns an, was daraus geworden ist.

 

Die Darstellungen mit Martin auf dem Pferde sitzend waren früher nicht anstößig. Doch das hat sich geändert. Mir ist aber bisher nur eine Version von Martin und dem Bettler auf Augenhöhe bekannt. Sie steht in Rottenburg und ist eine eindeutige Abkehr der überkommenen Ikonographie: http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7300522972/ auch

http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4948063715/ .

Doch die Darstellung „hoch zu Roß“ ist die schlimmste nicht. Am Ulmer Münster und im Dom zu Xanten wird der Bettler zur Fußnote gemacht. Sankt Martin braucht hier kein Pferd. Stolz abgeklärt blickt er ins Publikum http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8239345614/ und http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7727027136/ . Der Martin vom Xantener Dom muß nicht einmal mehr seinen Mantel teilen: https://dierkschaefer.files.wordpress.com/2010/11/dies-irae-1.pdf Eine Münze tut’s auch.

 

Der historische Martin kann nichts dafür, was die Nachwelt aus ihm gemacht hat. „Tue Gutes und rede darüber“, wird wohl nicht seine Maxime gewesen sein. Das Neue Testament hält auch nichts davon: Matthäus 6, 1-3: Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden.

 

Und heute? In Freiburg will man die Menschenwürde des sozial Bedürftigen achten. Der großherzige Martin soll im Verborgenen bleiben. Das ist zwar Geschichten-Klitterung aber doch ehrenvoll.

Wenig ehrenvoll ist es, wenn kirchliche Einrichtungen gern und laut darauf verweisen, daß sie aus freien Stücken in den Heimkinderfonds eingezahlt haben. Sie brüsten sich und meinen, die Flecken auf ihrer Weste damit weggebürstet zu haben. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden.

7 Antworten

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  1. m.dahlenburg said, on 25. Januar 2013 at 07:23

    „Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden.“

    … es sei denn du hast mehr Gold und Silber als Kaiser und Kirche zusammen.
    Fugger, Fuggerei …. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/jung/jugend-schreibt/fuggerei-88-cent-kaltmiete-und-drei-gebete-1995219.html

    • m.dahlenburg said, on 25. Januar 2013 at 09:17

      Zitat
      „Zudem ist die katholische Konfession Voraussetzung für einen Einzug. Dies lässt sich auf die Vertragsbedingung zurückführen, dass jeder Bewohner der Fuggerei dreimal täglich für die Familie der Fugger beten soll: ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und ein Ave Maria, eben ein rein katholisches Gebet.

      „Aber diese Tradition wird heutzutage ja nicht mehr überprüft“, sagt die Rentnerin und verzieht ihr Gesicht zu einem verschmitzten Lächeln“,
      Zitat Ende

      Gebetet werden muss/soll – solange die Knochen noch mitmachen – in der Kirche; also öffentlich. Da muss kein Fugger nachprüfen, Es wäre sonst wohl auch das einzige Dorf, wo die Leut sowas nicht selbst erledigen.

  2. m.dahlenburg said, on 25. Januar 2013 at 08:39

    „Sozialkitsch nennen es die Grünen. Sie sind gegen die Darstellung des römischen Soldaten, der vom hohen Roß herab mit herablassender Geste seinen Mantel mit dem demütig knieenden Bettler teilt und denken dabei offensichtlich an die Hartz-IV-Empfänger“

    Klar doch, Olivgrüne können nicht verstehen, wenn ein hoher Soldat und Sklaventreiber einen Bettler einfach nur so fördert ohne ihn zuvor auch richtig gfordert zu haben. Immerhin hätte aus dem nackten Bettler noch ein schön uniformierter Kriegstoter in Mali (upps) werden können, oder ein hoch motivierter Küchensklave in einem evangelischen Altersheim (uppsupps) für Ex-Heimkinder.
    Noch nicht mal zur Selektionsrampe (Psychologischer Dienst) musste der arbeitsscheue Nackten. Das hätte ihm wenigstens einen warmen (vielleicht auch heißen) Sklavenarbeitsplatz in der Werkstatt-für-behinderte Menschen (uppsuppsupps) eingebracht.

    Leider aber gabs die Olivgrünen damals noch nicht, so dass die Rechnung des lieben Martin aufging. Der wusste genau, dass sein Fetzen Mantel den Tod des Bettlers nur sehr kurz hinauszögern konnte. Der Bettler erfror exakt 6 Stunden und 12,7 Minuten nach der von Gott vorbestimmten Zeit (!)
    Dass Christen das alles noch immer so richtig geil finden, zeugt wie so vieles andere von wahrhaft verabscheuungswürdigen christlichen Werten.

  3. Heidi Dettinger said, on 25. Januar 2013 at 16:20

    „Sankt Martin ein Vorbild oder ein Problem fürs Almosen-Geben?“ ist mal wieder die falsche Frage.

    Das Almosen-Geben selbst ist das Problem! Und wie man am Beispiel vom ollen Martin sieht, war es das auch schon zu römischen Zeiten.

    Ein Mensch, wohl bekleidet, wohl genährt und sicher mit dem einen oder anderen Goldstück versehen, reicht (ob vom Pferd herunter oder in „Augenhöhe“, who cares…) einem armen Mann die Hälfte seines Mantels.

    Dümmer und arroganter geht es kaum: Dem Bettler dürfte mit einem halben Mantel kaum geholfen sein. Martin hingegen hätte den Verlust des ganzen Mantels wahrscheinlich locker verschmerzen können.

    Aber so ist das mit den Almosen: Sie wärmen nicht wirklich, stillen Hunger oder Durst allerhöchsten kurzfristig und sind für die Empfänger obendrein demütigend,

    Und genauso geht es dann auch mit den Verklärungen, die uns in niedlichen Geschichtchen überliefert werden:

    – Aus Martin wird Sankt Martin, Wohltäter der Armen.
    – Aus Almosen werden Entschädigungen.

    Wahrscheinlich lernen unsere Urenkel irgendwann mal in der Schule die Mär von Santa Antje, die es – in heiligem Zorn und Liebe zugleich – geschafft hat, die armen, bettelnden, verwahrlosten, am Hungertuche nagenden ehemaligen Heimkinder wahrhaft fürstlich zu entschädigen. Halleluja!

    • Hildegard Neumeyer said, on 26. Januar 2013 at 16:22

      Hallo Heidi
      Ich hoffe das es unsere Enkelkinder schon heute vermittelt bekommen,was es bedeudet Almosem zubekommen
      bedeudet.

  4. Heidi Dettinger said, on 26. Januar 2013 at 17:00

    Ja, aber hoffentlich hören nicht die schon die Sage von der gütigen Santa Antje (Vollmer, falls es Zweifel gibt), die ihren halben Mantel für uns hingab.

  5. H.Wartner said, on 2. Oktober 2014 at 15:07

    Meiner Ansicht nach ist es unfair und dumm, wie hier in einigen Kommentaren über Bildnisse des Hl. Martins hergezogen wird. Vor allem sollte den Zeitgenossen doch bewusst sein, dass es nicht unbedingt ihre Interpretation sein muss, die dabei als maßgeblich anzusehen wäre. Natürlich ist es ein Problem, dass es überhaupt Menschen gibt, die auf Almosen angewiesen sind. Die Steinbildnisse aber sind m.E. nicht die richtige Adresse, um das anzuprangern. Dem Autor des Beitrages oben würde ich zudem empfehlen sich einmal in die Kunstgeschichte einzulesen, und dann erst zu beurteilen mit welchen Gesichtszügen die Bildhauer des Mittelalters „abgeklärten Stolz“ zum Ausdruck brachten. Man stelle sich zudem eine Bildersprache vor, bei der ein Armer einem Armen etwas abgibt. Ironie: Damit hätten wir ja eine schöne und interessante „Botschaft“ für die Reichen, – nicht wahr? (Ironie Ende) Obwohl es kein glücklicher und gerechter Zustand ist, wird es doch immer wieder die Situation geben, dass einige mehr haben als andere, – und was ist so verkehrt daran, an die Verantwortung letzterer zu appellieren?

    Übrigens, ein Mantel war seinerzeit nicht irgendein Kleidungsstück. Der Mantel war neben Statussymbol auch ein Zeichen für Schutz schlechthin. (siehe Schutzmantelmadonna) Den Mantel zu teilen bedeutete also erst einmal sein eigenes Prestige abzugeben bzw. als nichtig zu erachten. Der Empfänger konnte sich nun zudem selbst schützen. Was ist an dieser Aussage verwerflich?

    Was ich generell nicht verstehe, ob bei diesem Thema oder einem anderen, wie schnell sich Zeitgenossen einfinden, um erst einmal kräftig und undifferenziert auf Kirche, Glauben und die damit zusammenhängende Kultur einzutreten. Der Gedanke der Nächstenliebe ist doch zunächst einmal etwas Gutes und Schönes. (wie ich empfinde) Heute wird dieser Humanismus lächerlich gemacht, bspw. indem man als „Gutmensch“ diskreditiert wird. Besonders wird das durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten, und jenen die ihnen nachfolgen deutlich, tagtäglich hundertfach in Zeitungskommentaren und anderen Webseiten nachzulesen.


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