Dierk Schaefers Blog

Die Welt ist voller Morden

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Kriminalität, Politik, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 24. März 2013

Ein Photo aus dem 1. Weltkrieg wird im März 2013 innerhalb von knapp zwei Tagen 29 mal bei Flickr angeklickt. Das ist ungewöhnlich. Denn man sieht namenlose Soldaten, unspektakulär für die Aufnahme gruppiert.

Was ist daran interessant und wie kam das Photo zu Flickr?

Ich fand es in einem alten Familienalbum. Villers-la-Ville stand in schöner Handschrift auf der Rückseite, mehr nicht. Ein zweites Photo trug denselben Vermerk und von anderer Handschrift die Information Karl, 3. von links, 1915.

Karl war der Bruder meiner Großmutter, war Musiker und ist 1915 „gefallen“ – so der falsche Sprachgebrauch. Denn Karl stand nicht wieder auf, war also nicht nur gefallen. Auf dem kleinen Photo sitzt er noch fröhlich mit anderen Soldaten in einer Sitzschlange im Gras, Soldatenfreizeitspaß.

Auf dem großen Photo habe ich Karl unter den 33 Männern nicht herausgefunden, doch er wird dabei sein, sonst wäre das Photo nicht im Album. Insofern für mich eine beliebige Gruppenaufnahme, wie auch andere Gruppenaufnahmen im Album von damals. Aber der Hintergrund: Eine Kirchenruine verleiht dem Photo einen Hauch von wehmütiger Romantik, wie auf manchen Bildern von Caspar David Friedrich, eine Wehmut voller Morbidität http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/8575350968/in/photostream/ .

Morituri, die Todgeweihten; sie stehen vor passender Kulisse – und kaum einer wird lebend von der Front zurückgekehren, im Westen nichts Neues.

Unter dem Titel morituri in Villers-la-Ville 1915 stellte ich das Photo bei Flickr ein und fügte eine Strophe aus den „Wildgänsen“ hinzu:

„Wir sind wie ihr ein graues Heer
Und fahr’n in Kaisers Namen,
Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Morituri – Das Lied „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ haben wir in meiner Jugendzeit oft und gern gesungen und dabei jeweils in der zweiten Hälfte der Strophen die Wehmut ausgekostet. –  So ein Quatsch. Das Lied ist ein gesungenes Kriegerdenkmal und zudem pseudoreligiöser Kitsch, eine Verbindung, die viele Kriegerdenkmäler auszeichnet, Tod und Religion, Kriegspredigt, Todgeweihte vor Kirchenruine, das paßt.

Übrigens: Ein Kriegerdenkmal funktioniert auch ohne Religion, dann tritt an die Stelle nationales Pathos http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/6949557245/ und am schlimmsten ist die Kombination von beidem http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/3597633061/in/set-72157619532877956/ .

 

Ein paar Links:

de.wikipedia.org/wiki/Wildg%C3%A4nse_rauschen_durch_die_N…
de.wikipedia.org/wiki/Walter_Flex

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:0_Villers-la-Ville_050910_%2827%29.JPG .

2 Antworten

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  1. Helmut Jacob said, on 24. März 2013 at 17:12

    Es ist erschreckend, welchen Blödsinn man noch Anfang der 70er Jahre nachgesungen hat. Selbst ich, der eine CVJM-Gruppe mitgegründet hat, habe mit den CVJMlern dieses Lied geschmettert. Durch Sie, lieber Herr Schäfer, aufgeschreckt, habe ich mir das Lied noch einmal per Youtube reingepfiffen:

    Grauenhaft! Gut, dass niemand meine Schamesröte sah.

  2. Heidi Dettinger said, on 24. März 2013 at 23:15

    Oh Mann!
    Da gab es jede Menge Schund- und Schandlieder! Mir ist sofort eines eingefallen, das ich in einem relativ kurzen Intermezzo bei der DJO (Deutsche Jugend des Ostens – mich graut’s!) als etwa 10-Jährige lernte und fröhlich trällerte: „Heia Safari“… Von der glorreichen Zeit deutscher Kolonien in Afrika. Vom Völkermord an den Herero lernte ich erst ein paar Jahrzehnte später!
    Spannend finde ich, Herr Schäfer, dass Sie in Ihrem Posting auf die Blödsinnigkeit des Wortes „gefallen“ hinweisen – sollten Sie zu einem Gutsprech mutiert sein?


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