Dierk Schaefers Blog

Ernst Klee ist tot[1]

Posted in Geschichte, Politik, Soziologie by dierkschaefer on 19. Mai 2013

Er hat schonungslos aufgedeckt, wie schonungslos unsere Gesellschaft mit Behinderten umgeht und hat manchen die Augen geöffnet. Es ist (mit) Ernst Klees Verdienst, daß Menschen mit Behinderung inzwischen bessere Zugangsmöglichkeiten in diversen öffentlichen Einrichtungen haben – auch wenn noch manches zu wünschen übrig läßt. Er hat zudem die Nazi-Täter beim Namen genannt, auch die, die als Gutachter im braunen Geiste noch nach dem Krieg Unheil anrichten konnten.

Und mit Amüsement erinnere ich mich an seinen Artikel in der ZEIT: Ich bin eine männliche Pfarrfrau.

Schade, daß er tot ist.


Tagged with:

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. helmutjacob said, on 19. Mai 2013 at 22:28

    schade! wir hatten etliche gemeinsame tagungen in der ev. akademie iserlohn. er war freund behinderter und ihr sprachrohr und streiter. schade!

  2. sabine s. said, on 19. Mai 2013 at 23:30

    Ein bewundernswerter Mensch, der sich beim Aufzeigen von Missständen und Verbrechen nicht zurückhalten ließ.

  3. m.dahlenburg said, on 25. Mai 2013 at 01:56

    drei Bücher gibts gratis

    Buch 1)

    „NS-Behindertenmord, Verhöhnung der Opfer und Ehrung der Täter“
    (Autor: Ernst Klee)
    http://bidok.uibk.ac.at/library/beh6-99-ns.html#idp216752

    die wohl wichtigste Aussage in diesem Buch steht am Anfang:
    Zitat:
    NS-Behindertenmord: Verhöhnung der Opfer und Ehrung der Täter

    „Es wird wieder gestorbenwerden müssen“

    Ein weltweit einmaliges Verbrechen: Psychiater versuchen, Kranke und Behinderte komplett auszurotten. 1940/41 werden in insgesamt sechs Vergasungsanstalten

    70273 Menschen ermordet. Im August 1941 verordnet Hitler einen Vergasungsstopp. Dennoch wird weiter gemordet: mit Medikamenten, mittels Hunger. Und: Gemordet wird auch nach der „Befreiung“: In manchen Anstalten sterben danach mehr Menschen als zur Nazi-Zeit. Zahlreiche Behinderte werden vor der Tötung als menschliche Versuchskaninchen zu Menschenversuchen benutzt. Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was nicht Psychiater, Behindertenpädagogen etc. lange vor den Nazis gefordert hatten. Die Psychiatrie wurde nicht von den Nazis mißbraucht: Sie brauchte die Nazis.

    1940/41 werden in insgesamt sechs Vergasung anstalten 70 273 Menschen ermordet. Das Gas liefern die IG Farben Ludwigshafen. Das Zahngold der Ermordeten bekommt die Degussa. Die Gehirne verarbeiten das Kaiser-Wilhelm-Institut für Gehirnforschung in Berlin und das Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie in München (beide heute Max-Planck-Institute).

    Den Gasmord organisiert eine Zentralstelle in der Berliner Tiergartenstr. 4 (T4). Im August 1941 verordnet Hitler einen Vergasungsstopp. Dennoch wird weiter gemordet: mit Medikamenten, mittels Hunger, im Einzelfall per Elektroschock. Ein weltweit einmaliges Verbrechen: Psychiater versuchen, ihre Kranken auszurotten.
    Die Psychiatrie brauchte die Nazis

    Zwischen 1933 und 1945 geschieht nichts, was nicht Psychiater lange vor den Nazis gefordert hatten. Emil Kraepelin 1918: „Ein unumschränkter Herrscher, der … rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen einzugreifen vermöchte, würde im Laufe weniger Jahrzehnte bestimmt eine Abnahme des Irreseins erreichen können.“

    Hermann Simon, Anstaltsleiter in Gütersloh, definiert 1931 den Personenkreis angeblich Minderwertiger: Körperschwache, Kränkliche, Schwächlinge, Schwachsinnige, Krüppel, Geisteskranke. Er kommt zu dem Schluß: „Es wird wieder gestorben werden müssen.“

    Ernst Rüdin 1934: „Der Psychiater muß sich mit den Gesunden gegen Erbkranke verbünden … Dem hohen Zuchtziel einer erbgesunden, begabten, hochwertigen Rasse muß der Psychiater dienstbar sein.“ Rüdin, der die Zwangssterilisierung als „die humanste Tat der Menschheit“ bezeichnete, 1934 über Hitler: „Die Bedeutung der Rassenhygiene ist in Deutschland erst durch das politische Werk Adolf Hitlers allen aufgeweckten Deutschen offenbar geworden, und erst durch ihn wurde endlich unser mehr als dreißigjähriger Traum zur Wirklichkeit, Rassenhygiene in die Tat umsetzen zu können.“ Die deutsche Psychiatrie wurde von den Nazis nicht mißbraucht, sie brauchte die Nazis.

    Psychiater diffamierten ihre Patienten aus Schwäche, denn sie kannten weder Therapie noch Heilung. Sie beseitigten zuerst jene, die ihnen ihr Unvermögen vor Augen führten: die chronisch Kranken, die sog. Unheilbaren. Der nahezu unaussprechliche Höhepunkt deutscher Psychiatriegeschichte: Sie sagten „behandeln“, wenn sie mordeten.

    Es gibt keinen Psychiater, der dem Massenmord Widerstand leistete. Im Gegenteil: Direktoren der württembergischen Anstalten besichtigen die Vergasungsanstalt Grafeneck, die Vergasung ihrer Patienten inklusive. In der bayerischen Diakonie-Anstalt Neuendettelsau meldet Rektor Lauerer Patienten nach, weil sie als Hilfskräfte für die Hausarbeit nicht in Betracht kommen. Die westfälische Heilerziehungsanstalt Wittekindshof bittet die Generalstaatsanwaltschaft Hamm, schwierige Patienten in ein Arbeitslager, sprich KZ, einzuweisen.

    Die Vernichtung der Unheilbaren versetzte die Beteiligten, so T4-Psychiater Prof. Friedrich Panse, in „eine berauschende Gehobenheit“. Prof. Paul Nitsche, psychiatrischer Leiter beim Massenmord: „Es ist doch herrlich, wenn wir in den Anstalten den Ballast los werden und nun wirklich richtige Therapie treiben können.“ Richtige Therapie, das heißt: Cardiazol-Schocks, Insulin-Schocks, Elektro-Schocks.

    Buch 2)

    „Schöne Zeiten, Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer.“
    Fischer, 1988. (Autoren: Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß)
    http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Judenmord.htm

    die Einführung (steht auch auf der oben verlinkten Seite ):
    Einführung (Seiten 7-9)

    »Schöne Zeiten« heißt eine Überschrift im Fotoalbum des letzten Kom­mandanten von Treblinka. »Schöne Zeiten« stand über Bildern aus dem Vernichtungslager. Mindestens 700.000 Menschen sind hier »ins Gas« geschickt worden.

    Ein Medizinprofessor wurde in den Semesterferien nach Auschwitz be­ordert. Was er sah, ließ ihn schaudern. Doch in seinem Tagebuch rühmt er das ausgezeichnete Essen (»herrliches Vanilleeis«). Und immer wie­der heißt es: »Lebendfrisches Material von Leber, Milz und Pankreas entnommen und fixiert«. Der Mediziner, dem in Auschwitz der Appetit nicht verging, forschte über die Einwirkung des Hungers auf den menschlichen Organismus.

    »Machen wir uns doch nichts vor«, so ein Polizist über Kollegen, die an Juden-Massakern teilnahmen, »das war für die ein Fest, da gab es Gold und Geld… Bei den Judenaktionen war immer was zu holen«. Mitge­fühl entwickelten die Täter in eigener Sache. Als in Babi-Yar innerhalb von zwei Tagen 33.771 Juden erschossen wurden, meinte einer der Schützen: »Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Nervenkraft es kostete…«

    Was waren das für Männer, die Mord als Alltagsarbeit billigten? Es waren ganz normale Menschen. Nur: Sie konnten sich als »Herrenmen­schen« aufführen, entschieden über Leben und Tod, hatten Macht. Un­geahnte Beförderungschancen taten sich auf. Es gab zusätzlichen Sold, Urlaub und Vergünstigungen (z. B. Alkohol und Zigaretten). Und, bei allem Machtgefühl: Der Staat nahm ihnen jede persönliche Verantwor­tung bereitwillig ab.

    Sicher, es gab vereinzelt Proteste seitens der Wehrmacht. So beklagte der Oberbefehlshaber Ost das Austoben tierischer und pathologischer Instinkte. Mordschützen brachen zusammen, einige verübten Selbst­mord (zur Schonung der Schützen tötete man bei einigen Kommandos mit Gaswagen, was die Qual der Opfer noch erhöhte). Es gab sogar SS-Leute und Polizisten, die sich weigerten Mordbefehle auszuführen. Sie sahen trotz aller Propaganda Juden noch als Mitmenschen und nicht als Ungeziefer an, konnten nicht auf Wehrlose und Unschuldige schie­ßen. Sie wurden deshalb als Feiglinge und Schwächlinge beschimpft -und einem Befehl Himmlers entsprechend in andere Einheiten versetzt oder ausgetauscht. Entgegen allen Legenden: Niemand wurde erschos­sen oder ins KZ gesperrt, wenn er sich weigerte, Juden zu morden.

    Ein Volksfest waren vielfach die öffentlichen Massen-Exekutionen. Im litauischen Kowno beklatschten Einheimische – Mütter mit ihren Kin­dern darunter – jeden Juden, der öffentlich erschlagen wurde. Immer wieder gab es Bravo-Rufe und Lachen. Deutsche Soldaten standen da­bei und fotografierten. Der Armeestab wußte davon und griff nicht ein. Deutsche Landser nahmen mitunter lange Wege in Kauf, um beim bluti­gen »Schützenfest« die besten Plätze zu ergattern. Mitunter muß man schon von Hinrichtungs-Tourismus sprechen. Das Buch dokumentiert, daß der Massenmord lange Zeit in aller Öffentlichkeit geschah.

    Am 20. Januar 1942 trafen sich in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin Vertreter von Ministerien, SS- und Polizeidienststellen. Thema: die »Endlösung der Judenfrage«. Die »Wannsee-Konferenz« hatte die Aufgabe, die einzelnen Dienststellen von den bereits getroffenen Ent­scheidungen zu unterrichten und die Fortsetzung des Massenmordes in noch größerem Maßstab zu organisieren. Denn der Massenmord war längst im Gange: Die Einsatzgruppen und Einsatzkommandos der Si­cherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) wüteten unter der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Ab Mitte Oktober 1941 waren mehrere zehntausend Juden aus dem Reichsgebiet in pol­nische Ghettos deportiert worden. Viele Juden, die aus dem Reichsge­biet in die sowjetischen Städte Kowno, Riga und Minsk kamen, wurden gleich nach ihrer Ankunft erschossen. In Chelmno fuhren schon die Gaswagen, in denen die Menschen qualvoll erstickten. Im KZ Auschwitz hatte man längst mit der Verwendung von Zyklon B begonnen, und das Vernichtungslager Belzec war im Bau.

    Mit der »Endlösung« im Generalgouvernement Polen hatte Himmler den SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, SS-Brigadeführer Odilo Globocnik, beauftragt. Als Tarnbezeichnung wurde später der Name »Aktion Reinhard« gewählt – wohl in Erinnerung an den im Juni 1942 nach einem Attentat gestorbenen Reinhard Heydrich (Chef des Reichs­sicherheitshauptamtes).

    Die restlose Ermordung der Juden war jedoch mit den üblichen Methoden – Massenerschießungen oder Gaswagen – unmöglich. Deshalb bediente sich Himmler eines etwas abgewandelten Mordverfahrens, das man 1940/41 bei der »Euthanasie«, dem Massen­mord an psychisch Kranken, Behinderten und anderen »Ballastexisten­zen«, angewandt hatte:

    Waren die Kranken in den Vergasungsanstal­ten Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hadamar, Sonnenstein und Hartheim mit CO-Gas aus Gasflaschen der IG-Farben ermordet worden, verwendete man nun die Abgase von Dieselmotoren.

    Es wurden drei Vernichtungslager errichtet: Belzec (in der Nähe von Lemberg), Sobibor (nahe der Stadt Wlodawa) und Treblinka (nahe des Ortes Malkinia). Das Vernichtungslager Belzec begann im März 1942 mit den Massenvergasungen, Sobibor im Mai und Treblinka im Juli. Die Schlüsselpositionen wurden mit ehemaligen »Euthanasien-Gehilfen be­setzt. Der Mordbetrieb in Belzec endet im Dezember 1942, in Treblinka und Sobibor im Herbst 1943, nachdem es dort im August bzw. Oktober zu Aufständen der »Arbeitsjuden« gekommen war. Die Angehörigen der »Aktion Reinhard« wurden anschließend in den adriatischen Kü­stenraum befohlen, wo sie mithalfen, die dortigen Juden nach Auschwitz zu deportieren. Zu dieser Zeit war Auschwitz ein gigantisches Mordzentrum.

    Nicht alle, die in diesem Buch zu Wort kommen, sind Täter im streng juristischen Sinne. Manche waren nur kleine Rädchen im Mordgetriebe, halfen z. B. beim Transport der Opfer oder beim Absperren des Mordge­ländes. Mancher – Befehlsgeber wie Befehlsempfänger – könnte auf einen juristischen Freispruch, und sei es aus Mangel an Beweisen, ver­weisen. Oder denken wir an die »Kriegspfarrer« (so die damals übliche Bezeichnung), die in dem ukrainischen Ort Bjelaja-Zerkow dem Sterben von Kindern zusahen und lediglich Berichte verfaßten, »damit über die Zustände nicht noch mehr geredet« werde.

    Kein Staatsanwalt würde die Geistlichen – zwei von ihnen wurden nach dem Kriege Weihbi­schöfe – anklagen, weil sie Unmenschlichkeit nicht öffentlich anpran­gerten. Ganz zu schweigen von jenen, die den Judenmord neugierig begafften oder fassungslos zusahen. Doch sie wurden alle, gewollt oder ungewollt, zu Mitwissern.

    Die hier vorgelegten Texte wurden in keiner Weise stilistisch überarbei­tet. Es wurden lediglich offenkundige Schreibfehler korrigiert und der besseren Lesbarkeit wegen Abkürzungen aufgelöst.

    Die meisten Täter versuchen, ihre eigene Beteiligung an den Morden abzuleugnen oder Tatsachen zu verharmlosen. Aber selbst hinter ihren Ausflüchten und Verschleierungsversuchen bleibt die grausige Wahrheit unerträglich deutlich zu erkennen. Für viele waren die Jahre unter nationalsozialisti­scher Herrschaft »schöne Zeiten«, selbst im Vernichtungslager.

    direktlinks zum Buch:
    Teil 1 DjVu – 1,5 Mb http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Judenmord1.djvu
    Teil 2 DjVu – 1,4 Mb http://ldn-knigi.lib.ru/JUDAICA/Judenmord2.djvu
    Format DjVu benötigt ein spez. (kostenloses) Leseprogramm – info und download hier: http://ldn-knigi.lib.ru/DJVU.htm

    Buch 3)

    „Behindert, Über die Enteignung von Körper und Bewußtsein“
    (Autor: Ernst Klee)
    http://bidok.uibk.ac.at/library/klee-behindert.html#idp9529696

    1980 geschrieben, ist das Buch noch immer über weite Strecken hochaktuell!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: