Dierk Schaefers Blog

Verführer und Verführte

Posted in Gesellschaft, Justiz, Kinderrechte, Kriminalität, Menschenrechte, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 28. Mai 2013

Zum Tod von Otto Muehl hatte ich gestern einen Beitrag in den Blog gestellt, verbunden mit einigen allgemeinen Gedanken über Künstler, soweit sie über ihr Kunstwerk hinaus weitergehende Ansprüche an die Lebensgestaltung ihrer „Follower“ erheben und durchsetzen können.[1]

Dazu erhielt ich einen Kommentar, den ich an dieser Stelle kommentieren möchte.:

 

»So wie etliche Kirchenmänner und -frauen die Spur von Gewalt, von Blut und Tränen, die sie quer durch die deutschen Heime gezogen haben, als „Gottgefälligkeit“ verkauf(t)en, hat der Muehl seinen Muell als Kunst verkauft. Und Jimmi Savile den seinen beim BBC als „Showbiz“«.

Letzten Endes haben sie alle eines gemeinsam: Sie sind Schweine und Lumpen, Folterer, Vergewaltiger und Drecksäcke!«

 

Ich denke, man sollte sich nicht mit den – wenn auch berechtigten – Beschimpfungen zufrieden geben. Das Gemeinsame der hier genannten Personen bzw. Gruppen ist die überwertige Idee.[2] Im Unterschied zur Krankheitsdiagnose finden diese Personen jedoch Follower für ihre Ideen und werden zum Guru. Nun könnte man problemlos in Außenansicht wohl alle Religionen als von überwertigen Ideen begründet ansehen, was kein Unwerturteil sein muß. Schließlich neigt der Mensch zum Transzendieren; er sucht nach dem Sinn seines Daseins, und der Mensch, der vom Brot allein lebt, ist ein armer Mensch, auch wenn das Brot gut belegt ist.

Der Knackpunkt ist jedoch die Wahrung der Menschenrechte. Lade ich meine Mitmenschen freundlich ein, mein Gedankengebäude zu betreten, oder zwinge ich sie dazu? Hierzu gibt es den unmittelbaren Zwang[3], der auch mit einer als richtig geglaubten überwertigen Idee nicht zu rechtfertigen ist, jedenfalls nicht nach heutigen ethischen Standards. Doch es gibt auch die überwältigende Macht der Idee – und die muß nicht immer „ideal“ sein.[4] Hier gilt: Wer sich verführen läßt, ist für sich selber verantwortlich. Doch die Kinder der Ge- oder Verführten!

Im Fall von Gesetzesverletzungen geht es ganz banal um Kriminalität. Wer sich zu Höherem berufen fühlt, wähnt sich frei vom Gesetz, und gehört bestraft.

Im Falle von Muehl ist die Berufung auf die Freiheit der (seiner) Kunst interessant und als Parallele zu einer mißbrauchten Religionsfreiheit zu sehen. Was den genannten Herrn von der BBC betrifft: Die Allgemeinheit läßt ihren Idolen so manches durchgehen und verschließt die Augen vor dem nicht-Tolerierbaren, bis es nicht mehr zu übersehen ist. Doch wenn das Idol fällt, hat nur sein Fall Nachrichtenwert, nicht aber die Opfer. So auch zu sehen im Falle der schließlich gescheiterten Würdigung von Herrn Cohn-Bendit[5]. Letzteres ein grünes Kapitel, das demnächst hier noch aufzugreifen sein wird.


[4] Ganz nebenbei: Mancher mag als Guru, Religionsführer, Demagoge oder Künstler, gestartet sein und wurde – von der Verehrung seiner Follower überwältigt (und der Machtfülle über sie)– zum Zyniker und Manipulator.

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Eine Antwort

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  1. Heidi Dettinger said, on 29. Mai 2013 at 15:00

    So ganz, Herr Schäfer, kann ich Ihrer Argumentation nicht folgen. Denn wir sprechen – oder doch: ich spreche – in allen Fällen von Kindern. Und Kinder sind Opfer, nicht „Verführte“.

    Was die Erwachsenen – im Falle Muehl die erwähnten Kommunarden – tun oder lassen, sei ihnen überlassen, das interessiert mich höchstens als Randnotiz. Sie können – da haben Sie Recht – selbst entscheiden, solange sie nicht unmittelbarem Zwang ausgesetzt sind.

    Nicht so Kinder! Weder die Kinder der Verführten, wie im Falle Muehl, noch die Opfer von Savile, noch viel weniger die Überlebenden deutscher Heimkinderhöllen hatten eine Wahl.

    Im Übrigen sehe ich die Parallele in den von mir aufgezeigten Fällen (und es gibt, das werden Sie wissen, viele weitere Beispiele – genannt sei hier stellvertretend die Colonia Dignidad in Chile) NICHT in der transzendentalen Überhöhung von Kunst oder Machtfülle, sondern darin, dass all die genannten Menschen KINDER benutzt haben, um ihre Macht zu stabilisieren und auszubauen. Sie haben diesen Machtmissbrauch lediglich je nach eigener Situation oder eigenen „Fähigkeiten“ unterschiedlich begründet.

    Zu Ihrer Anmerkung (4): Wer als Guru, Religionsführer, Demagoge oder Künstler startet und dann – von der Verehrung seiner Follower überwältigt – zum Zyniker und Manipulator wird, hat, dieselbe Möglichkeit, der Verführung zu widerstehen und seinen Hut zu nehmen, welche Sie den Verführten (Erwachsenen!) zugestehen.

    Noch ein Letztes: Nicht überall in der Welt ist die Sicht auf TäterInnen/Opfer so, wie in Deutschland und vielleicht sollten wir uns hüten, Deutschland als Nabel der Welt zu sehen – auch im Negativen, nämlich dem Umgang mit kindlichen Opfern und Überlebenden.


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