Dierk Schaefers Blog

»Credo« – Kirchenmarketing – teuflisch gut gemacht.

Posted in Geschichte, Kirche, Religion, Theologie by dierkschaefer on 6. Juli 2013

Credo heißt das Magazin. Es »erscheint, in Kooperation mit L’Osservatore Romano, als Beilage überregionaler deutscher Tageszeitungen am 20. Juni (Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT) und am 24. Juni 2013 (Frankfurter Allgemeine Zeitung).[1] Ziel dieses Magazins ist es, auf der Grundlage des katholischen Glaubens Themen der Zeit zu behandeln und ein breites Publikum mit hoher journalistischer und grafischer Qualität für Fragen von Religion und Gesellschaft zu interessieren«.[2]

Zunächst das Positive: Das Heft ist professionell gemacht, flott und ansprechend, auch das Editorial des einen Herausgebers, Peter Seewald[3] [4], der andere ist Bischof Gregor Maria Hanke[5]. Gute Photos, durchdachtes Layout, übersichtliche Daten. Das Titelbild[6] zeigt eine nachdenklich nach unten blickende Frau. Blau gewandet erinnert sie an Marien-Darstellungen und auf Photos im Heft sieht man, daß sie schwanger ist. Der Schriftzug Wo ist Gott? kann als nicht ausgewiesene Sprechblase verstanden werden. Bei einem professionell produzierten Heft hat das Titelbild eine eminent wichtige Funktion, hier offensichtlich die der Filterung. Angesprochen werden sich Menschen fühlen, denen die Frage nach Gott und die nachdenkliche Haltung nicht fremd sind. Andere werden das Heft zumeist als langweilig einschätzen und nicht beachten. Mit der Millionenauflage gehen also große Streuverluste einher, doch desinteressierte Menschen werden keinen Anstoß nehmen, weil sie das Heft wohl gleich zur Seite legen, es schadet also nicht weiter. Der kritisch eingestellte Leser, – nun ja, er lernt eine kirchenfromme Spielart des Katholizismus kennen, die sich mit seinen Erfahrungen kaum deckt.

Doch nun zu den Inhalten: Auf der Grundlage des katholischen Glaubens; – das Heft hält, was es verspricht. Auch Themen der Zeit kommen vor, sogar unbequeme werden tangiert – werden aber auf der Grundlage des katholischen Glaubens, wie er hier präsentiert wird, nicht ernst genommen. Sogar das Stichwort Mißbrauch kommt vor, auch andere dunkle Seiten des Christentums und der katholischen Kirche werden gestreift. Doch alle Mißstände entsprechen nicht »der authenti­schen Lehre der Kirche«[7]. So einfach ist das.

Auch die Testimonials[8] von mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten[9] sind in ihrer Strickart einfach, doch in der Werbung – für was auch immer – bewährt.

Großen Raum nimmt ein Interview mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel ein. Dummerweise ist sie evangelisch und Pfarrerstochter zudem. Aber Papst Franziskus hatte ihr versichert, daß auch protestantische Gebete ihm helfen können. Der Protestantismus kommt ohnehin nicht gut weg. Luthers Seelennöte erscheinen eher persifliert[10]. Auch habe ich mir eine „Kircheneintrittsstelle“ in etwa so leer und den Betreiber so hilflos einsam vorgestellt wie im Photo auf Seite 16[11], doch die entsprechenden katholischen Photos sind weniger deprimierend gehalten.[12] Und der Text im Artikel könnte einen Evangelen neidisch machen, wenn er denn zutreffen würde: »Aktion „Nightfever“: Was 2005 vom katholischen Weltjugendtag in Köln ausging, zieht inzwischen in der halben Welt junge Leute zu zwanglosen Andachten in die Kirchen. Selbst in Berlin.« Überhaupt die Erfolgsmeldungen – wie der eingespielte Applaus in manchen Fernsehshows. Über Religion stolpere man geradezu, heißt es; damit wird Normalität vortäuscht und die hier angepriesene Religion normalisiert. So hat Notre-Dame in Paris endlich wieder ordentliche Glocken erhalten; ein Erfolg über die Revolutionäre. Sie hatten die alten zu Kanonenkugeln umgegossen. Ein wirklich wunderschönes Photo[13], das zum „trotzigen katholischen Einspruch gegen die grassierende französische Kirchenmüdigkeit, ja Kirchenfeindlichkeit“ deklariert wird. Wer die Tristesse des Zustandes wohl der meisten französischen Provinz- und sonstigen Nebenkirchen kennt,[14] weiß die Rolle der Religion im öffentlichen Frankreich richtig einzuschätzen.

Regelrecht ins Staunen kommt man als Theologe, wenn man sich den „Faktencheck“ zu Jesus durchliest. Der ist schlimmer, als die Süddeutsche schreibt.[15] Schon jeder Oberstufenschüler wäre im Religionsunterricht mit diesen Kenntnissen durchgefallen. Religionsunterricht sieht nämlich anders aus, auch der katholische. Hier wird ganz einfach gelogen, indem seit vielen Jahrzehnten vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden. Denn »die historisch-kritische Methode ist bis heute in der evangelischen und katholischen Kirche die Standardmethode der Bibelauslegung«.[16] Da die im Artikel genannten Autoren das wissen müssen, ist dieser Check in vollem Umfang unseriös. Sie hätten ja schreiben können, daß sie die Methode ablehnen. Wer dumm bleiben will, hat das Recht dazu. Er soll aber nicht so tun, als ob es neben seiner nur durch den Glauben begründeten Ansicht keine anderen, wissenschaftlich anerkannten Erkenntnisse gibt.

Schließlich haben die Herausgeber mit Kardinal Brandmüller[17] eine besondere Spätlese an Bord geholt.[18] Sein Beitrag über „Gott und die Deutschen“[19] strotzt geradezu vor Schönfärberei des Katholizismus und übler Nachrede auf die Aufklärung und den Protestantismus. Karlheinz Deschner[20] hat eine „Kriminalgeschichte des Christentums“[21] geschrieben, und zwar erklärtermaßen einseitig mit Hinweis, es gebe ja genug andere Darstellungen. Brandmüller stellt die Geschichte beschönigt bis falsch dar, suggeriert aber Objektivität. Die Nonnen von Sant’Ambrogio[22] scheinen ihm fremd zu sein und damit der dubiose Verfasser des Unfehlbarkeitsdogmas. Es heißt, die halbe Wahrheit sei die gefährlichste Lüge. Das stimmt. Leider wird der Protestantismus von nicht differenzierungsfähigen Kirchenfeinden oft an Beispielen aus dem katholischen Raum gemessen. So gibt es Leute, die aus der evangelischen Kirche austreten und dies mit der „Rückständigkeit“ der katholischen begründen. Was nicht heißen soll, daß nicht auch der Protestantismus seine Leichen im Keller hat.

Credo als PR-Broschüre ist wie der naive Leser seine Zeitung gern hätte: möglichst nur Positives. Doch ich kenne fast nur Katholiken, die an ihrer Kirche leiden, es aber nicht öffentlich sagen, kenne die katholische Theologin, die nun evangelische Pfarrerin ist. Sie kam nicht vom Regen in die Traufe, allerdings umgekehrt, und der evangelische Regen ist ihr allemal lieber. Die von ihrer Kirche überzeugten Katholiken trifft man hier, im Credo. Soll mir ja auch egal sein.

Aber im Credo begegnet uns der Katholizismus wie er lebt und lügt. Glücklicherweise gibt es auch noch anderen Katholizismus.

kräähdo in unam ecclesiam

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


[1] Ich fand die Broschüre bei meiner Rückkehr aus dem Urlaub vor.

[4] Seewald hat mehrere Millionen Euro von Großspendern aufgetrieben und ein professionell produziertes Heft auf die Beine gestellt, das vergangene Woche der Zeit, der Frankfurter Allgemeinen und der Süddeutschen Zeitung beilag und so eine Millionenauflage erreicht hat. Quelle: http://www.sueddeutsche.de/medien/magazin-credo-zum-jahr-des-glaubens-in-scham-vereint-1.1706780

[7] Nicht selten kann man lesen, dass die Glaubens­welt des mittelalterlichen Menschen von Höllen-und Dämonenangst verdüstert gewesen sei und die Gläubigen unter dem harten Leistungsdruck ge­stöhnt hätten. So steht es in der Polemik der Refor­matoren des 16, Jahrhunderts, Nun ja, pathologi­sche Formen des Religiösen hat es immer gegeben, und es gibt sie auch heute. Aber in der authenti­schen Lehre der Kirche finden sich solche Horrorvorstellungen nicht. Auch nicht im Mittelalter. Credo S. 77 http://www.credomagazin.de/#/76

[9] Auf den 140 anzeigenfreien Seiten schreiben überwiegend konservativ-katholische Autoren. Aus: http://www.sueddeutsche.de/medien/magazin-credo-zum-jahr-des-glaubens-in-scham-vereint-1.1706780

[15] Ein angeblicher „Faktencheck“ zum Leben Jesu, mit dem jeder Proseminar-Student durchgefallen wäre. Aus: http://www.sueddeutsche.de/medien/magazin-credo-zum-jahr-des-glaubens-in-scham-vereint-1.1706780

[18] Nomen est omen. So sein Brandbrief zum Zölibat: http://www.kath.net/news/29865

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