Dierk Schaefers Blog

Entzauberung der Welt

Posted in Gesellschaft, Kirche, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 9. Juli 2013

»Der Soziologe Max Weber hat gesagt, dass der Protestantismus wie keine andere Religion an seiner eigenen Auflösung arbeite, weil er die Entzauberung der Welt vorantreibe. Einverstanden?
Einverstanden bin ich vor allem mit der Aussage, dass der Protestantismus die Welt entzaubere. Zum Glück tut er das stets von neuem, schliesslich tauchen ständig neue Zauberlehrlinge auf. Ich denke an Sekten, aber auch an die ­Versprechen der Ökonomen oder der Biotechnologie. Entzauberung ist ein Grundauftrag. Protestanten sind Meister im Entzaubern.«

 

»Die reformierte Kirche wird kleiner, älter und ärmer – verliert sie irgendwann ihren Rang als Landeskirche, kommt es zur Trennung von Kirche und Staat?
Nicht zwangsläufig. Der Staat, das sind wir alle. Solange wir die Kirche wertvoll finden – also ihre Werte, ihren Beitrag ans gemeinschaftliche Leben –, sollten wir sie schützen und fördern. Zudem hat die stärkere Präsenz des Islam dazu geführt, dass ich bei unseren Eidgenossen ganz neue Seiten kennen gelernt habe. Sie entdecken plötzlich wieder ihre Kirche. Dabei käme es den meisten zwar nie in den Sinn, sonntags in eine zu gehen. Aber sie halten sie für eine Institution, die unsere Werte schützt. Je selbstbewusster andere Religionen auftreten, umso mehr wächst die Sensibilität für unsere Werte – und dafür, dass nicht alle Religionen dieselbe Vorstellung haben vom Geschlechterverhältnis, von Minderheitenschutz oder Religionsfreiheit.[1]«


5 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 10. Juli 2013 at 11:12

    Du meine Güte, was für ein Schaumschläger, dieser Gottfried Locher, „oberste Schweizer Protestant“. Redet von Freiheit – seiner Freiheit, selbstverständlich, und die seiner Töchter – und impliziert im gleichen Atemzug die Unfreiheit anderer Religionen.

    Was er hervorragend kann, ist verdrehen:
    Leere Kirchen (zu Gottesdienstzeiten?) werden zu Oasen der Stille.
    Schweizer Protestanten zu einem Garant der Freiheit und des Minderheitenschutzes.
    Das Absinken von 60 auf 25 % des Protestantismus innerhalb von 70 Jahren wird zu einer etwas mysteriösen Stärke desselben umformuliert.
    Das alles ist schlicht lächerlich.

    Gefährlich wird es, wenn man die Essenz seiner Aussagen ansieht: „Protestantismus macht frei“ lautet die nämlich.

    Das klingt nicht nur ähnlich wie „Arbeit macht frei“ sondern ist genauso verachtend wie der berühmt berüchtigte Slogan über den Toren von Auschwitz und Theresienstadt.

  2. Erika Tkocz said, on 10. Juli 2013 at 22:48

    Also wie das nun genau Max Weber gemeint hat lassen wir einmal außen vor, weil ich nicht weiß ob er es bedauert, dass mit dem zunehmenden Prozess der Aufklärung, auch eine gewisse Entzauberung der Welt verbunden ist, also eine Abkehr von der Magie. Sicherlich verlieren damit die Religionen immer mehr an Bedeutung und nun ist guter Rat teuer, denn was macht man mit den Menschen, die nicht mehr bereit sind vertrauensvoll irgend einer Religion zu folgen? Da muss eine neue Idee her oder sind wir schon reif genug ohne Religionen auszukommen? Was immer wird oder worauf wir hin steuern, neu ist mir aber dann doch, dass der Protestantismus die Entzauberung der Welt vorantreibe. Sollte der Protestantismus ein wenig Aufklärung hinsichtlich andere Sekten etc. betreiben, hat das nicht wirklich irgendwie bemerkenswert zu Veränderungen beigetragen und schon gar nicht entzaubert. Hier bloß nicht übertreiben, es sei denn ich hätte die letzten Jahrzehnte verpennt und da irgendetwas verpasst . Der Protestantismus und auch der Katholizismus arbeitet an seiner eigenen Auflösung, weil Letztere an überflüssige auch sinnlose Dogmen festhält und Erstere also der Protestantismus auch nicht irgend eine gute Ideen hat, seine Schäflein Halt -und Unterhaltung zu bieten.
    Also da kann ich Heidi beipflichten, was für ein Schaumschläger er doch ist dieser Gottfried Locher. Dass er nun den größten Freund des Protestantismus in der Freiheit sieht kann ich aber so gar nicht nachvollziehen . Der Protestant als ein Kämpfer jeglicher Denkverbote? Das hört sich ja fast so an als wenn die Protestanten die Kritiker schlecht hin sind, möglicherweise Widerstandskämpfer und die einzigen Helden die es noch auf dieser Welt gibt? Also hier sollte man dann doch die Kirche im Dorf lassen.

    • Heidi Dettinger said, on 10. Juli 2013 at 23:49

      och – ich finde, die darf ruhig abgerissen und ihre Steine für den Hausbau benutzt werden. Oder auch den Stall, je nachdem, was grad dringlicher ist 😛

  3. Erika Tkocz said, on 11. Juli 2013 at 00:56

    Auf jeden Fall müssten die Kirchen nicht leer stehen, umbauen zu Wohnungen und zu angemessenen Mieten armen Menschen zur Verfügung stellen. Ach ja ich weiß und sage mir schon selber: träume schön weiter“, denn eher lassen die Verantwortlichen dieser Zunft ihre Kirchen leer stehen und warten auf ein Wunder. Wie fragte sich doch Protestant Gottfried Locher:
    „Die Frage ist doch vielmehr: Können wir Protestanten uns aus der Stärke, die wir haben, weiterentwickeln? Dass wir dazu Köpfe und Gesichter brauchen, ist klar. Zuerst und vor allem aber brauchen wir Substanz und Botschaften, die man versteht.“

    Meine Botschaft wäre: leer stehende Kirchen umbauen und diese Idee bzw. Botschaft kann man doch verstehen oder? Also arme Menschen werden diese Botschaft verstehen, oder ist die Kirche gar nicht für arme Menschen gedacht?
    Auf jeden Fall die nächsten Jahrzehnte darauf zu warten, dass sich die Kirchen wieder füllen entspricht nicht der Idee…so doch Hr. Locher….. dass die Protestanten zur Entzauberung dieser Welt beitragen. Nee tun sie nicht!

    • Helmut Jacob said, on 13. Juli 2013 at 14:04

      Ich glaube, der Institution Kirche ist es nicht gar so wichtig, dass die Kirchen voll sind. Sie finden immer wieder Rechtfertigungsgründe für kaum besetzte Kirchenbänke. Allerdings sind die Kirchen ein Status- und damit ein Machtsymbol. Je mehr Kirchturmspitzen in der Landschaft stehen, egal, was darunter los ist, desto mächtiger ist die Institution Kirche. In den Volmarsteiner Anstalten wurde um 1963 die „Martinskirche“ eingeweiht. Einige Bewohner gaben ihr den Spitznamen „Invalidendom“. Die Eigenmittel, die aufgebracht werden mussten, wurden zum Teil auf Kosten kleiner Kinder aufgetrieben. Ihnen wurde täglich im Johanna-Helenen-Heim ein Schweinefraß vorgesetzt. Der Versuch der Evangelischen Stiftung in Volmarstein, diesen Saufraß mit der Nachkriegsarmut zu begründen, konnte nicht ziehen, weil wir ermittelten, dass in den Lehrlingsheimen und besonders in der Orthopädischen Klinik, das Essen um Welten besser war. Aber scheißegal, Hauptsache wir haben eine Kirche und Ernst Kalle, damaliger Anstaltspfarrer und Leiter, sein Denkmal. So richtig voll war der Laden nur zweimal im Jahr, und heute ist die Kirche leer. Die Anstaltsgemeinde wurde der Dorfgemeinde zugeordnet und der Invalidendom steht immer noch. Ein Verwaltungsdirektor aus jener Zeit sagte mir einmal vertraulich: Wenn ich damals zu sagen gehabt hätte – auf dem Grundstück hätte ein Schwimmbad für behinderte Menschen gestanden.


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