Dierk Schaefers Blog

Großartige Frauen im Schatten der Medien

Posted in Journalismus, Medien, Politik by dierkschaefer on 7. Januar 2014

Großartige Frauen im Schatten der Medien

 

Denn die einen stehn im Dunkeln

Und die andern stehn im Licht.

Und man sieht nur die im Lichte,

die im Dunkeln sieht man nicht.

Bertold Brecht

15 Kommentare! Mit gemischten Gefühlen nahm ich die Resonanz zur Kenntnis. Wozu der Hype? hatte ich geposted[1] und damit selber im Rahmen meines kleinen Blogs so etwas wie einen Hype ausgelöst. Doch die Kommentare lösten sich schließlich von der Person, deren Unfall den Hype ausgelöst hatte und kamen zum für mich interessanten Thema:

O   Wie funktioniert die Entstehung einer Nachrichtenwelle?

O   Wie kommt ein Thema ganz nach vorn?

O   Im Hintergrund die Frage: Warum hat es das Heimkinderthema nicht geschafft, ganz nach vorn zu kommen, im Gegensatz zum isolierten Mißbrauchsthema?

O   Auch die Frage, warum ein selbstverliebter Bischof mit einer vergleichsweise lächerlichen Schadenssumme wochenlang eines der Top-Themen lieferte, – getoppt nun allerdings von einem Rennfahrer auf Skiern.

Unabhängig von der medialen Aufmerksamkeit ist die Frage nach ihrer Wirkung zu stellen. Da kann nicht nur die Rennfahrerstory schnell abgehakt werden. Denn es geht, ähnlich wie bei Lady Di oder anderen (warum auch immer) Publikumslieblingen um das ergreifende Schicksal. Prominenz im Scheinwerferlicht bietet Identifikationsmöglichkeiten, positive oder auch negative, wie im Fall des Bischofs. Je nach Fall werden Mitleid und Anteilnahme ausgelöst oder auch Haß, je nach Disposition des gaffenden Publikums. Bedeutende politische Konsequenzen sind in der Regel nicht zu erwarten, doch die Neugier des Publikums wird bedient, zuweilen auch erst geweckt, wenn es sich um ein sensationelles schicksalhaftes Szenario von Nobodies handelt, die erst durch das Unglück ins Licht der Öffentlichkeit geraten, so beim Zugunglück von Eschede, das auch schon lange abgehakt ist. „Jahrestage“ bieten dann die Gelegenheit für einen „Wiederaufguß“ in den Medien – und wir nehmen zur Kenntnis, wie die Zeit vergeht: Was, ist das schon so lange her?

Die Interessen und die Neugier von Publikum und Medien bedingen und bedienen sich gegenseitig und greifen ineinander. Als mein Kollege der Familie Bischof die Todesnachricht überbrachte, hingen, als er aus dem Haus kam, die Bäume und Büsche voller Fotografen. „It’s history, Madam“, sagte der Fotoreporter, als er die Witwe Kennedy beiseite drängte, um ein Bild von der Leiche zu schießen. Doch Sensationslust beim Gladbecker Geiseldrama hatte keine historische Legitimation. Tödliche Sensation als Entertainment – die Spiele zum Brot. Wenn das Interesse von Medien und Öffentlichkeit bedient ist, wandert es weiter und zurück bleiben die Betroffenen mit ihrem nun uninteressanten Schicksal, das sie lebenslänglich belastet.

 

Wie kommt es, daß die Medien manchmal nur versteckt oder gar nicht berichten? Dann merken wir nur durch Zufall, daß da was war. So ging es mir vor wenigen Tagen mit Liberia. Vor vielen Jahren war ich für sechs Wochen in Monrovia, so daß Liberia für mich bis heute einen gewissen, wenn auch begrenzten Aufmerksamkeitswert hat. Ich lese nicht nur die Nachrichten, soweit das Land in den Medien überhaupt auftaucht. Auch das Buch der derzeitigen Präsidentin, Ellen Johnson-Sirleaf,[2] habe ich interessiert gelesen.[3] Vor ein paar Tagen sah ich mir den Film über die Frauen Liberias und ihre Rolle bei der Befriedung dieses vom Krieg zerfressenen Landes an[4] – und war erstaunt. So erstaunt, daß ich trotz vorgerückter Stunde, es war kurz vor Mitternacht, im Buch der Präsidentin nachlas. Denn was der Film zeigte, schien mir neu – oder hatte ich es nur vergessen? Die Präsidentin hatte gemeinsam mit Leymah Gbowee, der Protagonistin des dokumentarischen Films, den Friedensnobelpreis erhalten.[5]+[6] Im Register des Buchs taucht der Name aber nicht auf. Auch im Kapitel über die Friedensverhandlungen in Accra, der Schlüsselszene im Film, ist nichts vom maßgeblichen Einsatz der liberianischen Frauen zu lesen. Merkwürdig! Laut Information auf der Hülle der DVD hat die Regisseurin ein besonderes Interesse, die positive Rolle von Frauen hervorzuheben. Bin ich etwa einem feministischen Fake aufgesessen? Der Film endet mit der Wahl der Präsidentin – und der Enttäuschung, daß die Warlords mit Ämtern bedacht werden und damit, daß Leymah Gbowee sagt, die Wahl von Ellen Johnson-Sirleaf[7] sei nur der Zuckerguß auf dem Kuchen. – Ich nehme mir vor, am nächsten Tag das Bonusmaterial der DVD anzuschauen.

Das bot dann eine doppelte Überraschung. Eine eher banale. Alle drei Beiträge kamen aus Tübingen, aus dem mir gut bekannten „Arsenal“, ein kleines Programmkino mit Ausschank. Dort hatte „TERRE DES FEMMES“ 2009 eine Veranstaltung mit Leymah Gbowee zu diesem Film organisiert. In zwei Diskussionsrunden gab sie Auskunft zu der Friedensaktion der Frauen in Liberia. Der lag eine Strategie zugrunde. Die Friedensdemonstration einer kleinen Gruppe aus der Evangelisch-lutherischen Kirche[8] in Monrovia war der Beginn: „Wir beten für den Frieden.“ Beim zweiten Mal war die Gruppe schon größer. Dann wandte man sich erfolgreich an die Bischöfe und an den Imam mit der Bitte, ihren Aufruf zu unterstützen, und fünfzehntausend Frauen machten mit. Zum ersten Mal Christinnen und Musliminnen gemeinsam. Sie zogen singend, betend und tanzend zum Präsidentenpalast – und konnten nun nicht mehr ignoriert werden. Der Diktator Charles Taylor[9] nahm ihre Forderung nach Frieden öffentlich entgegen. Er war der Drahtzieher des Krieges in Westafrika. Er war verantwortlich für die Bewaffnung der RUF[10], für die Kindersoldaten, für die Gemetzel in Sierra Leone, und das alles für Diamanten, die als „Blutdiamanten“[11] bekannt wurden. Doch nun willigte er – auch auf internationalen Druck – in eine Friedenskonferenz in Accra ein. Da saßen sie nun, die verschiedenen Warlords im besten Konferenzhotel und genossen das Leben. Sie hatten keine Eile. Die Verhandlungen kamen ins Stocken. Die Frauen aus Liberia sahen den Frieden verraten und blockierten das Hotel. Sie erhielten Zusagen, zudem platzte in die Konferenz die Nachricht von der Anklage gegen Charles Taylor vor dem internationalen Gerichtshof. Er ist der erste amtierende Staatschef, dem die Immunität nicht half. Der Friede wurde geschlossen. Die Warlords teilten die Ministerämter als Beute unter sich auf, aber Ellen Johnson-Sirleaf ging als Siegerin aus den Wahlen hervor.[12]

Leymah Gbowee war in beiden Diskussionsgruppen sehr beeindruckend[13]. Der dritte Beitrag im Bonusmaterial war eine Diskussion zwischen Irene Jung[14] und der Journalistin Sabine Freudenberg[15]. Da lag meine zweite Überraschung. Denn das Ausmaß der liberianischen Frauen am Friedensschluß, ja deren Mitwirkung überhaupt, war auch der Journalistin neu, so wie mir auch.[16] Wie kommt es, fragten sich die beiden Frauen, daß nichts davon in unseren Medien stand. Es gab, wie eine von beiden sagte, auch kaum authentisches Filmmaterial von der Beteiligung der Frauen aus Liberia. Ist dieser „Dokumentarfilm“ eine Geschichtsfälschung? Hypothesen wurden angeboten, glaubwürdig zwar, aber nur Hypothesen. Kriegsberichterstattung sei wie der Krieg überhaupt Sache von Männern. Die Kriegsberichterstatter seien aufs Kampfgeschehen konzentriert, nicht auf gewaltlosen Widerstand. An ihre Kunden, also letztlich an uns!, könnten sie auch nur Berichte über Kriegsgewalt verkaufen und ohnehin seien sie innerlich wie auch real den Kampfhandlungen näher. Das mag so sein. Aber reicht das als Erklärung aus?

Warum haben deutsche Medien nicht wenigstens die publikumswirksame Lysistrata-Strategie der liberianischen Frauen aufgegriffen? Beim Googeln fand ich auf den ersten drei Link-Seiten nur eine deutschsprachige Veröffentlichung[17].

Als ich dann wegen des Massakers in Conakry recherchierte, es wurde von in der Diskussion erwähnt, war es das gleiche Bild: Fast ausschließlich englischsprachige Artikel[18].

„Wenn hinten, fern in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen“ …zu Goethes Zeiten war die Berichterstattung offensichtlich besser. Bei uns ist und bleibt Schwarz-Afrika ein schwarzer Kontinent, von dem wir durch unsere Medien kaum etwas erfahren, jedenfalls nicht in Artikeln, die der Größe des jeweiligen Massakers angemessen sind.

Dafür erfahren wir aber alles über Schumi und neuerdings über den Skiunfall von Angela.

 

Warum lassen wir uns das gefallen?


[3] Ellen Johnson Sirleaf, Mein Leben für Liberia – Die erste Präsidentin Afrikas erzählt

[4] Gini Reticker, Zur Hölle mit dem Teufel – Frauen für ein freies Liberia, Zweitausendeins Edition, 23

[8] In einer Information über Leymah Gbowee wird sie auch als „Kirchenpräsidentin“ bezeichnet.

[12] Wenn man inzwischen ihren Namen in Verbindung mit „Korruption“ googelt, wird man leider fündig. Sie hat ihren Söhnen gut dotierte Posten verschafft – doch das kennen wir aus Deutschland ja auch. Nur daß es hier eher um verdiente Parteimitglieder geht, die weiterhin gut verdienen wollen.

[13] Eine Zusammenfassung der Diskussionen: http://www.frauenrechte.de/film/2009/de/r-diskussion.htm

[14] Irene Jung, Leiterin des Filmfestes FrauenWelten von TERRE DES FEMMES, http://lokalmagazin.wueste-welle.de/wp-content/uploads/2010/11/P1000107.jpg

[16] Die Nachrichten gab es, aber gut versteckt: http://www.gwi-boell.de/downloads/Leitstern_Liberia.pdf Seite 2

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