Dierk Schaefers Blog

Angst vor der Wahrheit

Posted in Gesellschaft, heimkinder by dierkschaefer on 19. Januar 2014

Vom Umgang mit bösen Wahrheiten

 

Gewiß gibt es schlimmere Kinderheime als das von Halinka. Ob man es „normal“ nennen kann, weiß ich nicht. Mirjam Pressler[1] hat aus der Perspektive des Mädchens Halinka geschrieben.

 

Beim Vorlesen stieß ich auf Seite 143 auf den Umgang mit Wahrheiten, über die „man“ sich schämt.

 

»Jedenfalls ist es gut, dass du’s ihr mal gezeigt hast«, sagt Duro. »Jetzt wird sie dich in Ruhe lassen.« Sie fischt ein Stückchen Speck aus der Suppe. »Um was ist es eigentlich gegangen? Warum habt ihr euch geschlagen?« Das hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen, da haben die anderen den Mund gehalten. Ich schiele zu Rena hinüber. Sie setzt sich aufrecht hin und räuspert sich, als wolle sie etwas sagen, aber erst mal bekommt sie kein Wort heraus. Sie hustet und dann sagt sie es doch. »Meine Mutter«, sagt sie, »sitzt im Gefängnis. Deshalb bin ich hier. Elisabeth wollte mich damit ärgern und Halinka hat mir geholfen. Deswegen haben sie sich geprü­gelt.«

Ich senke den Kopf über meinen Teller und wage nicht hochzuschauen. Warum hat sie das gesagt? Das tut man doch nicht. Jetzt wissen alle am Tisch, dass ihre Mutter im Gefängnis sitzt, und spätestens morgen früh weiß es das ganze Heim. Böse Worte haben Flügel, und sind sie erst einmal ausgesprochen, lassen sie sich nicht mehr einfan­gen, auch wenn man das möchte.

Inge stößt einen bewundernden Pfiff aus. Warum? Ist das etwa was Tolles, wenn die Mutter im Gefängnis sitzt? »Klasse«, sagt Inge. »Ich finde es klasse, dass du’s gesagt hast. Jetzt brauchst du wenigstens keine Angst mehr da­vor zu haben, dass die anderen es rauskriegen.«

 

Ich denke, Inge hat recht.

 

Mirjam Pressler beschreibt sehr einfühlsam die Situation Halinkas im Heim, auch wenn es kein „schlimmes“ Heim ist, möchte man nicht dort sein.

Wir sind erst auf Seite 151 – und ich bin gespannt, wie’s weitergeht.

 

Mirjam Pressler, Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.


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