Dierk Schaefers Blog

Auschwitz auf der Opernbühne

Posted in Geschichte, Gesellschaft by dierkschaefer on 26. Januar 2014

Ein großer Verbrennungsofen, darüber ein Schwebekran. Die Tür zum Ofen ist ein opakes Schauglas. Gerade wurde jemand in den Ofen gestoßen, Feuerschein leuchtet auf, aus dem Kamin steigt Rauch. Was über der Tür fehlte, war die Schrift „Jedem das Seine“.

Ein Hinweis, daß die Hexen unser Unglück sind, war nicht nötig. Das entnimmt man dem Stück, und weil man das Märchen kennt, weiß man es ohnehin. Alles ist ganz normal und harmlos. In der Ulmer Inszenierung von Humperdincks Hänsel und Gretel ist zwar manches anders als üblich. Doch der große Verbrennungsofen ist die größte Geschmacklosigkeit.

Bin ich der einzige mit dieser Assoziation? Die Kritiken sind durchaus kritisch, doch niemanden scheint diese Szene gestört zu haben.

Nun ist dieser Märchenstoff ohnehin problematisch: Die Hexe wird verbrannt und alle sind glücklich. Das Libretto mit den detaillierten kannibalistischen Gelüsten der Hexe ist noch schlimmer als das Märchen.

Hexenverbrennungen waren einmal fürchterliche Realität. Wer sich in Rottenburg die „Verbrennung der Fasnet“ am Fastnachtsdienstagabend anschaut, sieht eine lebensgroße Hexenpuppe in Flammen aufgehen und das Johlen der Zuschauer übertönt die Kracher und Luftheuler.

Spricht heutzutage jemand ohne Beleidigungsabsicht von Negern oder Zigeunern, muß er sich belehren lassen, daß dies politisch nicht korrekt ist. Aber Frauen dürfen noch immer sehr realistisch als Hexen verbrannt werden. Alles ganz harmlos – oder nicht?

Advertisements

3 Antworten

Subscribe to comments with RSS.

  1. Rosi A. said, on 26. Januar 2014 at 20:33

    Es ist doch psychologisch , ein Märchen, Hexen , und auch der Scheiterhaufen an Fasnacht. Sicher lassen sehr viele angestaute Wut und Dampf ab , einfach bei Übertragung manch eigener Gefühle beim Anschauen einer Inzenierung oder Events. Umgekehrt beim Schwanensee oder romantischen Inszenierung kommen eher die zärtlichen romantischen Gefühlen zum asooziiertem Tragen bei den Zuschauern.
    Sicher können im ersteren Fall die Hassgefühle unter Umständen , wie in der Zeitgeschichte erlebt, überhand nehmen, durch ein Schüren der Glut verstärkt , wo es dann im Extremfall nach Auschwitz führte.
    Ich hatte eine Zeit in der Ich gerne Boxkämpfe anschaute und natürlich mir einen Favoriten aussuchte den Ich gerne hätte gewinnen sehen. Ich dachte ganz ordentlich mit wie er auf den andern einprügeln könnte . Das war auch z.T. Dampf ablassen von meinen Aggressionen. Ich meine solange es dabei bleibt ist es menschlich. man muss die Grenzen ziehen und das im Vorraus , Prioritäten setzen bei was man,, Dampf ,,ablassen will.

    Ich bin sicher die Gedanken an Auschwitz kamen mit dem Ofen u.a. auch auf der Opernbühne bei den Schauspielern, aber sie dürfen auch böses eben Schauspielern.

  2. m.dahlenburg said, on 27. Januar 2014 at 22:48

    „Bin ich der einzige …“ , „Alles ganz harmlos ..“
    NEIN !

  3. Heidi Dettinger said, on 27. Januar 2014 at 22:53

    Eine Märchengeschichte, die ein Vernichtungslager kolportiert?
    Oder Frust rauslassen und Agressionen abbauen, indem Frauen zum Spaß als Hexen verbrannt werden? Mal eben so Leid und Elend, Massenmord und Entsetzen „gespielt“, als Volksbelustigung?
    Das ist weder harmlos, noch lustig, das ist kein Sport, das ist widerwärtig!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: