Dierk Schaefers Blog

Eine Zeitdiagnose: Die Mitgliedschaftsumfrage der EKD

Posted in Gesellschaft, Kirche, Religion, Soziologie by dierkschaefer on 12. März 2014

Zwischen Fundamentalismus und Moderne – Das Dilemma der Kirche(n) ist auch eins der Gesamtgesellschaft.

 

Erosion auf fast allen Ebenen konstatiert Reinhard Bingener in seinem Beitrag über die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche.[1] Er gibt einen guten Überblick über die Ergebnisse von hohem religionssoziologischen Interesse. Sie dürften die Kirchenmanager alarmieren und verdienen auch die Aufmerksamkeit des interessierten Zeitgenossen. Mit der Verdunstung von Religiosität werden wir Zeuge von langfristigen Veränderungen, die nun beim besten Willen nicht mehr zu leugnen sind und die noch nicht ausgelotete Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft haben (werden), unabhängig von unserer jeweiligen Einstellung zu Religion und Kirche.[2] Wer blind für die Folgewirkungen dieser Veränderungen ist, könnte sich zu früh in Genugtuung zurückgelehnt haben.

 

1. Mitgliederschwund und die Verbundenheit mit der Kirche.

Die demographischen Veränderungen (Überalterung, andersreligiöse Zuwanderer) sind bekannt und die Abnahme der Mitgliederzahl der Großkirchen in absoluten Zahlen gemessen ist nicht weiter erstaunlich. Neu sind dagegen die Veränderungen unter den verbleibenden Mitgliedern, doch diese Veränderungen werden Auswirkungen haben, die den Entkirchlichungsprozeß beschleunigen werden.

Da sind einerseits die Mitglieder, die sich ihrer Kirche „sehr“ oder „ziemlich“ verbunden fühlen2+[3]. Dann die Gruppe „derer, die sich ihrer Kirche „kaum“ oder „überhaupt nicht“ verbunden fühlen, aber nicht austreten wollen.[4] Ihre Erwartungen richten sich „eher auf biografisch grundierte Handlungsfelder, z. B. Kasualien2“+[5] Diese beiden Gruppen sind stärker geworden, während derAnteil der „etwas“ Verbundenen „mit 25% auf dem niedrigsten Stand seit 1992 ist.“2+[6] Wir haben also die Situation, daß die hochengagierten wie auch die desinteressierten Mitglieder ihren relativen Anteil gesteigert haben. Doch diese Polarisierung ist nur eine scheinbare, denn von den kaum oder überhaupt nicht Interessierten geht keine Gestaltungskraft aus, so daß die mit ihrer Kirche stark Verbundenen ihre Definitionsmacht darüber, was und wie Kirche sein soll, ausbauen können, während der Einfluß der Mittelposition im Schwinden ist.

Die mit ihrer Kirche stark Verbundenen lassen sich nach meiner Einschätzung unterteilen in einerseits Evangelikale, das sind biblisch bis fundamentalistisch orientierte Kirchenmitglieder und andererseits solche, die ohne eine eng-biblische Orientierung in ihrer Ortsgemeinde eine sozial-religiöse Heimat gefunden haben. Die innerkirchliche Konfrontation, die sich mehr oder weniger heftig daraus ergibt, finden wir beispielsweise in Baden-Württemberg in den Synodalflügeln von „Lebendiger Gemeinde“ und „Offener Kirche“ deutlich ausgeprägt.

Der Versuch von Kirchenleitungen die Spannungen auszugleichen, dürfte sich tendenziell erübrigen, weil sich das Schwergewicht verlagert. Schon jetzt fühlen sich Bischöfe, dem Vernehmen nach, fallweise von ihren Evangelikalen getrieben, Positionen gegen ihre eigene Überzeugung zu beziehen.

Wenn Kirche sich in diesem Spannungsfeld erkennbar und einseitig positioniert, verschärft sie ihr gesellschaftliches Dilemma[7]. Das spiegelt sich in den Leserkommentaren zum Artikel1. Da gibt es Kritik von eher streng biblisch orientierten Kreisen, hinter denen man einen mehr oder weniger ausgeprägten Fundamentalismus verorten darf. Pauschal gesagt beklagen sie die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist; so wird u.a. die Stellung zur Homosexualität genannt, und ein, in meinen Worten, wischi-waschi-Christentum, das keine klare biblische Botschaft mehr verkündet. Diesen Vorwurf scheint auch der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf zu teilen, wenn auch nicht aus evangelikaler Sicht: Der Beruf des evangelischen Pfarrers werde zu einem Frauenberuf, hat er beklagt; in seinen Seminaren dominierten neuerdings: „junge Frauen, meistens eher mit einem kleinbürgerlichen Sozialisationshintergrund, eher Muttitypen als wirklich Intellektuelle, und eine Form von Religiosität, in der man einen Kuschelgott mit schlechtem Geschmack verbinden kann“[8]. Bereits 1992 urteilte der Sozialanthropologe Ernest Gellner, „die modernistische christliche Theologie mit ihrem verschwommenen Gehalt, der sich asymptotisch dem Nullwert nähert,“ liefere „den mit Abstand besten Beweis für die Säkularisierungsthese“.[9] Soweit die (noch) vorhandenen innerkirchlichen Polaritäten. Doch die Kirche wird überleben, – als Sekte, so Dirk Baecker von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, oder als NGO, wie er zur Erleichterung seiner Zuhörer spezifizierte. „Weder der Protestantismus noch der Katholizismus haben demnach als Amtskirchen eine Zukunft. Überlebensaussichten bestünden in der globalisierten Welt nur für die Gläubigen, die sich auch als Gläubige ähnlich wie eine Nichtregierungsorganisation präsentieren. Der Auftritt werde an den von Sekten erinnern.“ Die Kirche werde noch einmal dem Druck der Säkularisierung ausgesetzt sein wie zu Beginn der Moderne, meint Baecker, „aber sie wird nicht die gleichen Antworten geben können“[10].

 

2. Säkularisierung und der Schwund von Religion und Kirchlichkeit

Die Säkularisierung ist älter und subtiler als die Schwächung der politisch-gesellschaftlichen Position der Kirchen durch die Wiedervereinigung. Mit den Einwohnern der ehemaligen DDR wurde der Anteil der Konfessionslosen und damit die Religionslandkarte Deutschlands spektakulär modifiziert. Der Erosionsprozeß hatte schon früher eingesetzt: Die Säkularisation brachte die Entzauberung und Verweltlichung der modernen Welt und damit den Vorwurf, die Kirche sei von vorgestern. Mehrere Kommentare zum Artikel von Bingener machen das deutlich. Nur ein Beispiel: Doch seit immer weiteren Kreisen bewusst geworden ist, dass Beten keine Naturgesetze aufhebt, kommen immer mehr Leute ohne Kult … aus1. Wir haben es mit einem Schwinden von Religiosität überhaupt zu tun. Wer aus der Kirche austritt, dem ist sie nicht nur weitgehend gleichgültig, sondern man gibt auch an, für seinen Lebensalltag einfach keine Religion mehr zu benötigen.2 So ist vielerorts nicht die Konfessionslosigkeit begründungspflichtig[11], sondern die Konfessionszugehörigkeit.2 Die Studie spricht von der geringen sozialen Bedeutung von Religion für das alltägliche Leben der Konfessionslosen, die mittelfristig keine größeren Veränderungen erwarten lasse2.

Der Befund der Studie widerspricht damit der neuesten Position von Peter L. Berger. Er ist der Begründer der Säkularisationstheorie[12], die man auf eine simple Formel bringen kann: Vernunft vertreibt Religion. Berger sagt es genauer. Die grundlegende Annahme sei: „dass nämlich die Moderne notwendigerweise einen Rückgang von Religion bewirke.“[13] Und er fährt fort: „Ich denke, dass diese Annahme empirisch falsifiziert worden ist.“ Berger erklärt die europäische Entwicklung zur Ausnahme und nennt als Beleg für den „Niedergang der Säkularisationstheorie … das leidenschaftliche Wiederaufleben des Islams, das die gesamte muslimische Welt von Nordafrika bis Indonesien sowie die muslimische Diaspora im Westen umfasst, und die gewaltige Ausbreitung des pfingstlerischen oder charismatischen Christentums, das Umfragedaten zufolge mittlerweile um die 600 Millionen Anhänger zählt.“[14] Ihm wurde auf dem Symposium der Universität Münster zu diesem Thema deutlich widersprochen. Die Säkularisationstheorie sei zwar zu differenzieren, sei aber damit nicht widerlegt. Ich erinnere mich an einen Besuch von Joachim-Ernst Berendt. Er wollte, daß ich eine Tagung anbiete über Mystik und fernöstliche Religion. Berendt „war über vierzig Jahre lang Redakteur beim damaligen Südwestfunk in Baden-Baden und damit der dienstälteste Jazzredakteur der Welt,“ schreibt Wiki[15] und der SPIEGEL nannte ihn den Jazzpapst.[16] Er war – nicht nur musikalisch – in fernöstliche Regionen abgedriftet und meinte, die bisherige Religiosität und Kirchlichkeit der westlichen Menschen werde fast nahtlos und selbstverständlich durch die Religiosität ersetzt, die hinter den östlichen Klängen steht. Nada Brahma − die Welt ist Klang waren sein Buchtitel und sein Anliegen. Er reagierte unwirsch als ich bestritt, daß der Religionswechsel von West nach Ost oder in andere mystische Religionen oder aber in „Aberglauben“ eine geradezu normale Folge sei, wenn jemand die christliche Religion verlasse. Ein Einvernehmen zwischen uns war nicht möglich und es kam nicht zur Tagung. Meine Auffassung fand ich viele Jahre später bestätigt durch Michael Roth: „Seit einigen Jahren erfreut sich die Rede von der »Wiederkehr der Religion« großer Beliebtheit. … Mittlerweile meldet sich aber auch erhebliche Skepsis gegenüber der Feier der Renaissance der Religion zu Wort und ernst zunehmende Fragen an der Rede von der »Wiederkehr der Religion« werden laut.“[17] Auch die nichtrationalen Momente in der Welt der Nichtreligiösen sind kein Beleg für verkappte Religiosität.[18] Roth wird von der neuesten Mitgliederbefragung bestätigt. In der Studie heißt es, die Kirche habe für die Religion nach wie vor eine wichtige Bedeutung. Breche die kirchliche „Interaktionspraxis“ ab, so sinke nicht nur das Gefühl der Verbundenheit mit der Kirche, sondern auch die individuelle Religiosität werde abgeschwächt2.

 

3. Allah ist groß – oder die neue Einkehr von Religion im ehemals christlichen Abendland

Mag sein, daß die Pfingstler und der Bible-belt nach Prämissen laufen, die nichts mit der Säkularisierung zu tun haben, – oder noch nicht? Doch „das leidenschaftliche Wiederaufleben des Islams“ beschert uns allen in unserer säkularisierten Welt ein anderes Dilemma. Ich interpretiere den Einzug einer streitbaren Fremdreligion in Europa als eine unzeitgemäße Antwort auf eben diese Säkularisierung. Die muslimische Zeitrechnung beginnt mit der Hidschra im Jahre 622 der christlichen Zeitrechnung. Wie sah das Bild unserer Religion vor 622 Jahren aus?[19] Die islamische Theologie hat einen liberalen Umgang mit dem Koran bereits Mitte des 11. Jahrhunderts verworfen[20]. Zwar meint Gellner, nur der Islam scheine in der Lage, sich seinen vorindustriellen Glauben in der modernen Welt zu bewahren[21]. Doch dagegen stehen andere Autoren, wie Bassam Tibi, die das Problem des Islam in der kulturellen Bewältigung des sozialen Wandels sehen.[22] Die Heftigkeit islamistischer Fundamentalisten und ihr derzeitiger Erfolg sprechen für diese Ansicht. So haben wir jedenfalls das Phänomen, daß sich das religiös ermüdete Abendland einer Religiosität gegenüber sieht, die es nicht mehr verstehen kann und der es nicht gewachsen ist.

Anführer extremer muslimischer Gruppen, schreibt Harm de Blij, „übertragen höchst unflexible und rückwärtsgewandte Eigenschaften ihres Glaubens in ein Europa, das immer noch die Narben aus Glaubenskriegen von vor einem halben Jahrtausend trägt. Das ist ein Kampf grundsätzlicher Gegensätze in einer Gegend, deren Bevölkerungszahlen schrumpfen, und Viele durch Überlegungen den Glauben an den Glauben verloren haben – und nun werden sie demographisch wie religiös mit der Vitalität eines unendlichen Stroms von Einwanderern mit einem unerschütterlichen Glauben an den Glauben konfrontiert.[23]

 

Wenn ich es richtig sehe, hat die Studie über die Mitgliederbefragung dieses Dilemma der europäischen Gesellschaften nicht thematisiert. Vielleicht aus political correctness?


[2] Wer mehr wissen will, kann sich die V. KMU (Mitgliedschaftsuntersuchung) genauer anschauen unter http://www.ekd.de/EKD-Texte/kmu5_text.html

[3] mit umfangreichen Erwartungen für die kirchliche Begleitung am Lebensende, in Bezug auf ethische Werte, welche die evangelische Kirche vertritt und für diakonisches Handeln.2

[4] Für sie „ist hingegen Tradition das wesentliche Bindungsmotiv.“2

[5]  Kasualien sind im Kirchenjargon die fallbezogenen kirchlichen Angebote zu Taufe, Konfirmation, Eheschließung und Bestattung.

[6] Dieser Befund zeigt sich auch bei den Jugendlichen: „Mehr Jugendliche fühlen sich heute schwach verbunden; und mehr Jugendliche fühlen sich heute stärker verbunden als vor 10 Jahren. Wir haben es also mit einer Polarisierung zwischen starker und schwacher Verbundenheit zu tun, während das „etwas verbundene“ Mittelfeld ausdünnt.2

[7] Dies ist eigentlich nicht neu, sondern war auch ein uns damals überraschendes Ergebnis in unserer Kirchenaustrittsuntersuchung Mitte der 70er Jahre: Die Mitgliederschaft spiegelt ein dermaßen breites Spektrum der verschiedensten Ansichten, daß eine eindeutige Positionierung die jeweils anderen zum Austritt animiert.

Die bisherige Erfahrung lehrt allerdings, dass es in Teilen der Führung der evangelischen Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten, so Bingener, s. Anmerkung 1.

[9] Ernest Gellner, Der Islam als Gesellschaftsordnung, München 1992, S. 20

[11] Als wir im Institut für christliche Gesellschaftslehre ( s. auch Anmerkung 7) Mitte der 70er Jahre die damals erste Kirchenaustrittswelle untersuchten, fühlten wir uns veranlaßt, undercover aufzutreten und den Kirchenaustritt als solchen nicht zu thematisieren.

[17] Michael Roth, Abwege kirchlicher Verkündigung – Gott braucht kein Sühnopfer, aber die Kirche gute Pfarrer und Pfarrerinnen, in: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3392 [zuletzt Freitag, 28. Juni 2013]

[19] 1486 wurde der „Hexenhammer“ veröffentlicht. http://de.wikipedia.org/wiki/Hexenhammer

[21] Ernest Gellner, Der Islam als Gesellschaftsordnung, München 1992, S. 20

[22] Bassam Tibi, Der Islam und das Problem in der kulturellen Bewältigung des sozialen Wandels, Frankfurt 1985.

[23] Harm de Blij, The Power of Place, Oxford University Press, Oxford, New York 2009, S. 69

3 Antworten

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  1. Thomas Jakob said, on 13. März 2014 at 15:00

    Gute Analyse. Aber was tun?

    • dierkschaefer said, on 13. März 2014 at 16:07

      Unsere Gesellschaft hat dank Aufklärung und Säkularisierung gegenüber manchen anderen einen Vorsprung im nüchtern-kritischen und menschenrechtsorientierten Denken. Es ist „uns“ gelungen, den Vorrang der Menschenrechte vor anderen Werten und „göttlichen“ Geboten zu proklamieren –manchmal sogar erfolgreich. Je ehrlicher wir im Spagat zwischen Proklamation und Lebensweise sind, um so mehr können wir andere überzeugen. Wir müssen auch kritisch sein, wenn die Forderung nach Menschenrechten nur ein Vorwand für andere Machtansprüche ist. Da gibt es noch viel zu tun.


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