Dierk Schaefers Blog

Kindesmißbrauch, zweiter Anlauf der Bischöfe

Posted in Kirche, Kriminalität, Theologie by dierkschaefer on 25. März 2014

Der erste Versuch war mißlungen. Das KFN, das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter dem ehemaligen niedersächsischen Justizminister Christian Pfeiffer hatte die Mißbrauchshandlungen an Minderjährigen in der katholischen Kirche wissenschaftlich durchleuchten sollen. Das Vorhaben scheiterte, weil Pfeiffer die Ergebnisse veröffentlichen wollte. Nun soll ein Wissenschaftlerkonsortium der Universitäten Heidelberg, Mannheim und Gießen die Aufgabe übernehmen, und zwar ausschließlich für den Verantwortungsbereich der verfaßten katholischen Kirche in Deutschland, nicht aber für die Ordenseinrichtungen. Geplant ist ein Zeitraum von 3 ½ Jahren. Das Projekt soll nach Aussagen der Wissenschaftler so durchgeführt werden, wie sie „Standard für Drittmittelprojekte“ sind. Diese Drittmittel kommen ausschließlich von der katholischen Kirche.

Was ist zu erwarten?
1.Quantitative Daten über die Mißbräuche durch Geistliche, also die Fallzahlen.
2. Eine qualitative Analyse institutioneller Einflüsse im Sinne einer „Täter-Opfer-Institutionen-Dynamik.
3. Eine Zusammenschau mit den international vorliegenden Befunden und den Ergebnissen, die bereits in Bereich der Deutschen Bischofskonferenz vorliegen. Dazu dürften dann auch schon vorliegende Befunde über Mißbräuche im Bereich diverser Ordenseinrichtungen gehören.
Erklärtes Ziel des Forschungsvorhabens ist laut Bischof Ackermann, zitiert in der FAZ vom Dienstag, 25. März 2014 (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/katholische-kirche-in-deutschland-neuer-anlauf-fuer-missbrauchsstudie-12860861.html ): „eine vertiefte Einsicht über das Vorgehen der Täter und über das Verhalten von Kirchenverantwortlichen in den zurückliegenden Jahrzehnten.“ Die Aufarbeitung der Vergangenheit geschehe „um der Opfer willen, aber auch, um selbst die Verfehlungen zu sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen.“
Mißbrauchsopfer „sollten“, so Prof. Harald Dreßing, der Koordinator des Forschungsverbundes, von Beginn an in das Projekt einbezogen werden. „Das gelte für die Entwicklung der Forschungsinstrumente wie für die Interpretation der Ergebnisse.
Den Wissenschaftlern soll ein Beirat aus Betroffenen, Wissenschaftlern und Kirchenvertretern zugeordnet werden, um das Projekt „wissenschaftlich und ethisch [zu] begleiten“.
Ackermann erinnerte an bereits von der Kirche Geleistetes: „deutlich verschärfte Leitlinien, sowie eine „umfassende und gerade auch im staatlichen Bereich hoch anerkannte Rahmenordnung zur Prävention, die materielle Anerkennung erlittenen Leids, Therapiebegleitungen, zahlreiche Fortbildungen und unser Engagement auf der internationalen Ebene.“
Soweit die Darstellung, in der heutigen FAZ vom Dienstag, 25. März 2014.

Kommentar

1. Schon die Erhebung der Zahlen dürfte Probleme in der Spannung von Hell- und Dunkelfeld bereiten. Zwar gibt es eine gestiegene Bereitschaft von Opfern sich zu outen, weil sie inzwischen wissen, daß ihr Schicksal kein Einzelschicksal ist. Doch dieses Wissen schützt gerade nicht in diesem Tatbestand vor Retraumatisierungen. Die Angst davor wird eine schwer abschätzbare Zahl von Opfern davon abhalten, sich ihrer traumatischen Vergangenheit und diese dann auch noch zur Verfügung zu stellen.
2. Das Ziel der Untersuchung, die „Täter-Opfer-Institutionen-Dynamik“ zu analysieren ist tatsächlich wichtig und so erhellend wie weiterführend. Doch werden sich Opfer dafür auf einen für 3 ½ Jahre veranschlagten Weg begeben, der ihnen selbst nichts nutzen wird?
3. Und überhaupt: Wer wird sich bereit finden zur Teilnahme am Beirat? Die professionell Beteiligten werden dafür bezahlt, und die Opfer? Hier droht nicht nur die gleiche Asymmetrie, wie an den Runden Tischen, sondern man darf auch eine psychische Disponiertheit der Opfervertreter vermuten, die sie von den verdeckt bleibenden Betroffenen unterscheidet und dafür sorgen könnte, daß sie von den Opfern als ihre Vertreter eben nicht anerkannt werden. Von einer psychisch-seelsorgerlichen Begleitung dieser Opfer ist bisher nichts zu lesen. Sie könnten aber als Vorzeigeopfer und Alibi wenn nicht mißbraucht, so doch verschrien werden. Vertrauenssteigernd wäre ein qualitativer Vergleich der psychischen Situation und Entwicklung der Betroffenengruppe im Beirat (so sie sich denn als „Gruppe“ versteht), mit einer parallel zu betreuenden Anzahl von Opfern, die nicht im Beirat sind. Auch von einer rechtlichen Beratung und Vertretung der Betroffeneninteressen ist nicht die Rede. Alles schon gehabt. Wo? Am Runden Tisch.
4. Die Drittmittelfinanzierung und die Standards: Wenn ich es nicht falsch sehe, haben Drittmittelgeber eine wichtige Stellung bei der Publikation der Ergebnisse, bis hin zum Vetorecht. So ist die Studie für die Münchner Erzdiözese bis heute nicht veröffentlicht worden. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Wollen die Betroffenen da mittanzen? Sie sollten sich hüten, denn ihre Leidensgenossen werden sie dafür prügeln, jedenfalls wenn „nur“ wissenschaftliche Ergebnisse herauskommen, aber keine auch nur halbwegs anständige Entschädigung, eine Entschädigung mit Rechtsanspruch, kein gnädig und auf Antrag gewährtes Almosen, wie bisher für die ehemaligen Heimkinder üblich.
5. Ackermann erwähnt als bisherige Leistungen für die Opfer „die materielle Anerkennung erlittenen Leids und Therapiebegleitungen“. Materielle Anerkennung, das klingt nicht nach Entschädigung. Zwar kann es die nie vollwertig geben, aber doch eine annäherungsweise und faire Abschätzung der wirtschaftlichen Folgen der Beschädigung einer Lebensbiographie. Materielle Anerkennung heißt allenfalls, die beim besten Willen nicht bezifferbaren Folgen von Traumatisierung anzuerkennen, wie z.B. die Unfähigkeit, erfüllte partnerschaftliche Beziehungen einzugehen.

Fazit: Hier findet zwar kein Kongreß der Weißwäscher statt. Das ginge bei der vorhandenen Daten-Lage gar nicht. Aber hier soll ein Beitrag geleistet werden zur Einhegung eines Konflikts zwischen Opfern und Tätern zugunsten der Institution Kirche. Da dieser Versuch der Konfliktberuhigung die Opfer nicht beruhigen wird, seien sie davor gewarnt, sich den Mechanismen einer zwar sinnvollen wissenschaftlichen Untersuchung zu unterwerfen, die aber nicht den Interessen der Opfer dienen wird. Profitieren werden allenfalls die Wissenschaft, dann die Kirche und last but not least künftige Generationen, denen die Opferrolle erspart werden könnte. Dies allenfalls rechtfertigt das Vorhaben auch ethisch – bei allen ethischen Bedenken.

PS: Merkwürdig stimmt, daß die ehemaligen Heimkinder inzwischen völlig in den Hintergrund gedrängt wurden. Von den Belastungen, denen sich die katholische Kirche aktuell gegenüber sieht, wird inzwischen nur noch der Mißbrauchsskandal erwähnt. Ich halte den Heimkinderskandal für mindestens gleichwertig, unter theologischen Aspekten für wesentlich schlimmer.

 

PS: Weitere Links zum Thema

http://www.dw.de/pfeiffer-die-kirche-hat-dazugelernt/a-17516485
http://www.dw.de/kirche-neue-forschung-zum-missbrauch/a-17517726
http://www.dw.de/hagenberg-miliu-missbrauchte-sch%C3%A4men-sich/a-17516189

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2 Antworten

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  1. helmutjacob said, on 26. März 2014 at 23:35

    Es wird ein bisschen rauskommen und dokumentiert. Gerade soviel, dass der Bericht nicht völlig zur Lachnummer verkommt. Für mich stellt sich die entscheidende Frage: Was wird alles verschwiegen?
    Und sicher wird es dauern und dauern und dauern und dauern; ganz die uns bekannte Salamitaktik.

  2. Alex said, on 27. März 2014 at 00:27

    Vier Jahre hat es gedauert- und herausgekommen ist wenig, allenfalls etwas, was man Feigenblatt nennt.

    · Da erhalten renommierte Experten einen Forschungsauftrag und akzeptieren, dass sie keinen freien Zugang zu den Unterlagen haben.

    · Da wird ein frühester Zeitpunkt der Veröffentlichung mit 2018 genannt. Und bis dahin gibt es keine Information mehr mit dem Hinweis auf eine laufende Untersuchung. Wie geschickt, wenn ich nicht an Aufarbeitung interessiert bin.

    · Da verkündet die Bischofskonferenz groß eine einmalige Studie und beschränkt sie gleichzeitig auf wenige Jahre: zu untersuchender Zeitraum 27 Bistümer mal 68 (1946-2014) Jahre = 2322 Jahre. Tatsächlich untersuchter Zeitraum: 9 Bistümer á 68 Jahre (612) + 18 Bistümer á 14 Jahre (252) = 864 Jahre
    tatsächlich untersuchter Zeitraum = 37 %.

    · Die reichste Kirche der Welt, die katholische Kirche Deutschlands, gebiert einen Untersuchungsauftrag, der mit unter 1Million Euro weniger als die Hälfte der Untersuchung kosten soll, die sich die kleine Kirche der Niederlande bereits 2010 zugemutet hat. Die Deetmann- Studie hat über 2 Millionen Euro gekostet. Beschämend!

    · Und dann das: die Orden sind nur insofern berücksichtigt, als sie in einem konkreten Vertragsverhältnis zu einer Diözese standen. Die Opfer der von Orden geführten Internate, Schulen, Heime- sie alle sind es nicht wert, dass auch sie „beforscht“ werden. Ein Schlag ins Gesicht. Hunderter: Kränkend. Entwürdigend. Beschämend.

    Laut Wikipedia arbeitet das “Zentralinstitut für seelische Gesundheit”, das jetzt als federführend beauftragt wurde, eng mit Caritas, Gemeindediakonie und dem Sozialdienst katholischer Frauen zusammen. Man kennt sich!!! Und einer der Experten, Prof. Dr. Dr. Andreas Kruse, war als Junge Mitglied der Regensburger Domspatzen…


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