Dierk Schaefers Blog

Eine Veröffentlichung jetzt schon kann da nicht schaden

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Politik by dierkschaefer on 29. März 2014

helmutjacob commented on Die Anlauf- und Beratungsstelle beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)hatte eingeladen …
… und über 350 Betroffene sind der Einladung gefolgt. Mehr dazu …

„… und über 350 Betroffene sind der Einladung gefolgt.“
Ich auch, und zwar mit einem Textbeitrag, der die Sicht der behinderten Heimopfer darstellt und in Münster dankenswerterweise (Tausend Dank an den VEH!) verlesen wird. Eine Veröffentlichung jetzt schon kann da nicht schaden:
Vortrag für die Sitzung in Münster
Sehr geehrte Damen und Herren,
die „Freie Arbeitsgruppe Johanna-Helenen-Heim 2006“ vertritt behinderte ehemalige Kleinkinder und Schulkinder. Es handelt sich hier um ein Heim der damaligen „Orthopädischen Anstalten Volmarstein“ bei Hagen. Heute ist diese Anstalt als „Evangelische Stiftung Volmarstein“ deklariert, was der Einrichtung einen moderneren Anstrich, also mehr Schein als sein, gibt.
Die Arbeitsgruppe besteht aus neun Mitgliedern, davon fünf Heimopfern und vier ehemaligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen dieser Einrichtung.
Über die Verbrechen auf den Kinderstationen und in den Schulräumen des Johanna-Helenen-Heimes muß ich nicht viele Worte verlieren. Sie sind umfangreich dokumentiert in dem Buch der Historiker Schmuhl/Winkler mit dem Titel: „Gewalt in der Körperbehindertenhilfe – Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967“ Allerdings hat die Arbeitsgruppe selbst Recherchen angestellt, die sich übrigens mit den Ergebnissen der Historiker decken. Sie finden diese auf der Homepage der Gruppe. Die Eingabe der Stichwörter „Gewalt im JHH“ führt Sie ans Ziel.
Der Vertrag mit dem Historiker-Duo kam unter Zwang zustande. Die Arbeitsgruppe entschloß sich schon 2008 zur Dokumentation ihrer Arbeit auf besagter Homepage. Unsere Forderungen sind konkret: 400,-€ Opferrente bis zum Lebensende oder 54.000,-€ in bar. Diese Forderungen sind angesichts der Verbrechen human. Schließlich wurden Kleinkinder und Schulkinder physisch, psychisch und sexuell mißbraucht. Auf der Homepage finden Sie Interviews mit etwa 20 Opfern. Sie zu lesen erfordert allerdings starke Nerven.
Die Opferrente ist darum wichtig, um bei erneuter Heimeinweisung, nun ins Altenheim, das Pflegepersonal zu bestechen, es milde zu stimmen. Denn machen wir uns nichts vor: In den Pflegeheimen ist auch heute noch Gewalt auf der Tagesordnung. Da ist der Pflege-TÜV eher ein lächerliches Siegel.
Unsere Forderungen decken sich wesentlich mit denen des „Vereins ehemaliger Heimkinder e.V.“ wobei wir behinderungsbedingt den Betrag für die Opferrente erhöht haben. Diese Forderungen sind übrigens von einer Mehrheit aller Heimopfer getragen. Es haben zwei Internetabstimmungen stattgefunden. Um die 90% haben diesem Begehren zugestimmt.
Heute sind diese Forderungen für uns nicht mehr aktuell. Andere Länder zahlen wirkliche Entschädigung, die den Begriff „Entschädigung“ verdient. Es muß eine Angleichung an diese Opferentschädigungen stattfinden.
Die Zahlungen aus dem Opferfonds von Bund, Ländern und Kirchen empfinden viele Opfer als erneute Demütigung. Es ist bekannt, daß lediglich circa 1% der westlichen Heimopfer ihre Anträge gestellt haben. Noch einmal lassen sie sich nicht verhöhnen.
Zu diesem Fonds kam es durch umfangreiche Betrugsmanöver am „Runden Tisch Heimerziehung“ in Berlin. Die Tischvorsitzende Antje Vollmer blockte jeden Versuch ab, die Realität in den Heimen in den Nachkriegsjahrzehnten nachzuzeichnen. Kritische Eingaben in schriftlicher und mündlicher Form wurden schlichtweg ignoriert. Als nach einem halben Jahr absehbar war, daß auch die sogenannten Opfervertreter manipuliert wurden, forderte der „Verein ehemaliger Heimkinder“ anwaltliche Vertretung. Dies wurde sowohl gerichtlich als auch am Runden Tisch abgelehnt. So kam, was kommen mußte: Trotz vieler wissenschaftlicher Beiträge über die Nachkriegsjahrzehnte verneinte der Runde Tisch systematische Gewalt in den Heimen und schlug eine sogenannte Entschädigung von maximal 5.000,-€ vor. Die Begründung lautete: Man wolle die jüdischen Zwangsarbeiter in den Kriegsjahren nicht brüskieren.
Drei ständig anwesende sogenannte Opfervertreter und drei Stellvertreter, die übrigens 18 Juristen gegenüber saßen, sollten den Abschlußbericht unterzeichnen. Einer weigerte sich wohl. Und so trat laut Berichten Frau Vollmer vor die Tür des Verhandlungszimmers und meinte, etwa sinngemäß: „Wenn ihr nicht unterschreibt, bekommt ihr gar nichts.“ So wurde der Abschlußbericht einstimmig verabschiedet.
Allerdings haben sich inzwischen fünf sogenannte Opfervertreter von diesem Bericht distanziert. Sie schämen sich teilweise dafür, daß sie über den Tisch gezogen wurden.
Der „Runde Tisch Heimerziehung“ war eine Farce.
Es gilt noch einmal zu resümieren: Es herrschte flächendeckende Gewalt in den Heimen, zumindest unter kirchlicher Trägerschaft. Im Internet sind keine Berichte zu finden, in denen Heime in den Nachkriegsjahrzehnten beschrieben werden, die ohne Gewalt geführt wurden. Zunehmend mehr wird auch deutlich, daß die sexuellen Mißbräuche in den Heimen nicht selten waren. Im Johanna-Helenen-Heim reicht die Palette von unsittlichen Berührungen über Masturbationspraktiken an pubertierenden Kindern, homosexuell geprägten Handlungen bis hin zu Vergewaltigung. Dazwischen finden sich reichliche sexuelle Bloßstellungen und Demütigungen. Es besteht kein Zweifel mehr an diesen Verbrechen. Sie wurden in viele Büchern umfangreich dokumentiert. Dies alles konnte nur funktionieren, weil alle Aufsichtsorgane, aber auch wirklich alle, nicht funktioniert haben. Die städtischen – und Kreisjugendämter, die Landesjugendämter, die Heimleitungen und die Kirchenleitungen haben komplett versagt. Daß sich alle heute hinter dem Opferfonds verstecken, ist eine erneute Mißhandlung aller Opfer. Das muß ausdrücklich betont werden. Ein Skandal ist es auch, daß bis heute Behinderte, Kleinkinder und Säuglinge, zu Recht oder Unrecht in die Psychiatrie eingewiesen wurden, keinen Cent an Kompensationsleistungen erhalten. Wie verkommen muß die Moral von Kirchen und Politikern sein, die dagegen nicht aufschreien.
Die Forderung an die Bundesregierung und an die Länderkammern kann nur lauten: Einsetzung eines Untersuchungsausschusses. Dieser soll zum einen die tatsächliche Gewalt in den Heimen aufzeigen. Zum anderen ist aber auch die Arbeit des „Runden Tisches Heimerziehung“ mit den zahlreichen Manipulationen zu untersuchen. In Anhörungen der jeweiligen Ausschüsse müssen sowohl Zeitzeugen, als auch Opfer, als auch Erziehungswissenschaftler und solche Personen aussagen können, die diese Verbrechen umfangreich dokumentiert haben.
Bis zur Instandsetzung der Untersuchungsausschüsse müssen die Opferleistungen drastisch erhöht werden. Die Täternachfolger setzten auf die biologische Lösung: Je mehr Opfer sterben, desto leiser werden die Schreie der Geschundenen und Gequälten.
Meine Damen und Herren, setzten Sie diesem schändlichen Treiben ein Ende.

 

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2 Antworten

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  1. Lutz Adler said, on 29. März 2014 at 22:20

    So hört sich eine gerechte Forderung nach ENTSCHÄDIGUNG an!!
    Meine Hochachtung und Verbeugung vor den Opfern mit solchem Mut!!!
    Danke.

  2. Martin MITCHELL said, on 9. September 2014 at 08:59

    .
    Vortrag von Heidrun Dittrich am 14.06.2014 in Münster

    auf einer Veranstaltung von VEH e.V. und DIE LINKE. unter dem Motto „WIR PROTESTIEREN NICHT MEHR, WIR HANDELN! – EIN UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSS MUSS KOMMEN!“

    ANFANG DES ZITATS DIESES VORTRAGS.

    Ehemalige Heimkinder – Gewalt und Zwangsarbeit – Wann kommt die Entschädigung?

    Vortrag von Heidrun Dittrich auf einer Veranstaltung von VEH e.V und DIE LINKE.

    ehemalige Bundestagsabgeordnete DIE LINKE. (2009-20013, 17. Wahlperiode) aus Hannover und Seniorenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE. und in der Bundestagsfraktion zuständig für die ehemaligen Heimkinder, vgl. Antrag im Deutschen Bundestag im Plenum am 09.06.2011 mit der Drucksache Nr: 17/ 6093.

    Liebe ehemaligen Heimkinder, liebe Genossinnen und Genossen der Linken, sehr geehrte Damen und Herren,

    es freut mich, auch in diesem Jahr wieder auf der Tagung der ehemaligen Heimkinder zu sprechen, ich bedanke mich herzlich für die Einladung.

    Ganz aktuell haben wir die skandalösen Ereignisse in dem geschlossenen Kinderheim Haasenburg in Brandenburg gehört. Dieses Heim wurde in privater Trägerschaft, gewinnorientiert geführt. Im Abschlussbericht des Runden Tisches Heimerziehung West wurde geschrieben, dass es nie wieder vorkommen solle, dass Kinder so rechtlos gesetzt werden und doch ist es wieder passiert. Am 14.06.2013 berichtete die taz ausführlich über die geschlossene Unterbringung der Kinder und Jugendlichen in der Haasenburg und die Verletzungen der Menschenrechte der Eingesperrten.

    Eine geschlossene Unterbringung ist keine Hilfe zur Erziehung für Kinder- und Jugendliche.

    Es ist für niemanden eine Hilfe, auch nicht für die Weggesperrten in der Gerontopsychiatrie oder in den Altenheimen oder den Kinder- und Jugendpsychiatrien oder in den Heimen der Behindertenhilfe. In geschlossenen Einrichtungen findet immer Rechtsmissbrauch statt:

    Es darf sie gar nicht geben!

    Deshalb sorgen wir dafür, dass geschlossene Heime in der Jugendhilfe und in anderen Bereichen abgeschafft werden.

    Der Landtagsabgeordnete der Partei DIE LINKE. Torsten Krause sprach nicht als Mitglied der Opposition, sondern als Mitglied der Landesregierung in Brandenburg. Das Kinderheim Haasenburg wurde zum 19.12.2013 geschlossen, aber der Skandal war den Abgeordneten vor der Veröffentlichung in der taz im Juni 2013 bekannt. Was hat es den Kindern genützt, dass die LINKE in der Landesregierung war? Es konnte über Verhandlungen mit dem zuständigen SPD-Ministerium für Bildung nicht erreicht werden, dass die betroffenen Kinder- und Jugendliche sofort in Obhut und raus aus der Haasenburg genommen wurden. Eine kräftige außerparlamentarische Oppostion wäre nötig gewesen. Dies kann eine LINKE. an der Regierung nicht umsetzen. Die Interessen der Betroffenen können nicht vehement vertreten werden.

    Mit der heute vorgelegten Resolution des Vereins ehemaliger Heimkinder wird ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss gefordert. Und dies ist richtig. Denn der Runde Tisch Heimerziehung wurde am Parlament vorbei entworfen und erst die Ergebnisse wurden wieder im Parlament debattiert.

    Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist dem geschehenen Unrecht angemessen. Ein Opferentschädigungsgesetz wie es die ehemaligen Heimkinder fordern und wie wir es als DIE LINKE. in den Bundestag einbrachten, schafft Rechtsansprüche und nur ein Gesetz eröffnet den Rechtsweg. Die Maßnahmen zur Fondslösung stellen ein Almosen dar und schaffen keinen Rechtsanspruch. Es ist zu wenig. Zu wenig bekannt und zeitlich begrenzt. Der Fonds muss zumindest zeitlich und finanziell entgrenzt und aufgestockt werden.

    Am Runden Tisch Heimerziehung, als die HeimkinderverterInnen sich einer Überzahl der Vertreter der Kirchen und Landesjugendämter gegenüber sahen, wurden die Heimkinder überstimmt und erpresst und durch die Fondslösung rechtlos gesetzt.

    Aber das lassen sie sich schon lange nicht mehr gefallen. Die Persönlichkeiten der ehemaligen Heimkinder haben sich im Widerstand entwickelt. Jetzt wird gelebt und gekämpft. Ehemalige Heimkinder sind Bundestagsabgeordnete und Richter und sie sind überall, denn es sind viele.

    800 000 im Westen als offizielle Zahl – es waren viel mehr, die Kinderarbeit und Zwangsarbeit leisten und die ihre Peiniger auch noch ernähren mussten. Die Bauern und Industriebetriebe, für die sie billige Arbeitskräfte waren, werden in der Fondslösung nicht herangezogen. Doch die Industriebetriebe haben Rechtsnachfolger und können belangt werden und das sollten wir gemeinsam versuchen.

    Der Antrag der LINKEN, den ich im Bundestag am 09.06.2011 vorstellte wurde von allen anderen Fraktionen zugunsten der Fondslösung abgelehnt. Doch die Forderungen in dem gemeinsam mit Ihnen entwickelten Antrag sind weiterhin uneingelöst und richtig:

    Die Heranziehung der Betriebe bei einer Entschädigung ist unabdingbar! Das Wirtschaftswunder im Westen hätte sonst vielleicht nicht so schnell stattgefunden. Die Heimkinder arbeiteten schon umsonst bevor die ersten sogenannten „Gastarbeiter“ ab 1957 angeworben wurden.

    Wichtig bleibt auch, dass die Entschädigung an dem zugefügten Unrecht anknüpft und nicht an Folgeschäden. Es soll eine Art Schmerzensgeld sein, wie für zu Unrecht Inhaftierte. Eine finanzielle Wiedergutmachung, die die Kindheit nicht zurück bringt oder Leid und Unrecht ungeschehen machen kann, aber eine Anerkennung der Leiden bedeutet.

    Lasst uns gemeinsam die nächste Aktion planen – weiter auf dem Weg zu einem Opferentschädigungsgesetz.

    ENDE DES ZITATS DIESES VORTRAGS.

    QUELLE: abgedruckt und veröffentlicht von DIE LINKE. @ http://www.sozialismus.info/2014/07/ehemalige-heimkinder-gewalt-und-zwangsarbeit-wann-kommt-die-entschaedigung/ [ Juni 2014 ]
    .


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