Dierk Schaefers Blog

Das Wächteramt der Kirche

Posted in Gesellschaft, Kirche, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 14. April 2014

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider dozierte am 11. März 2014 auf einem Symposium von EKD und Evangelischer Polizeiseelsorge in Berlin über das Wächteramt der Kirche. [1]

Für Theologen ist das nicht weiter spannend, weil nicht neu.

Nicht-Theologen, auch nicht-Christen könnten fragen, ob ein Wächteramt der Kirche einerseits eine Anmaßung, vielleicht gar Bedrohung ist, und ob andererseits die Kirche die angemaßte Rolle tatsächlich ausfüllen kann und in der Vergangenheit ausgefüllt hat.

Ehemaligen Heimkindern könnte beim Stichwort Wächteramt auch noch die Wächterfunktion der Jugendämter einfallen. Doch das Thema Anmaßung will ich nicht vertiefen.

Interessanter erscheint mir ein anderer Zusammenhang. Wer etwas beansprucht, sollte Referenzen vorweisen können. Schneider erwähnt öffentliche Debatten, die auch in konkreter Wahrnehmung ihres kirchlichen Wächteramtes inspiriert waren. Sie hätten sogar unsere Kirche vor manche Zerreißprobe gestellt. Schneider erinnert an die Formulierung V in der Barmer Theologischen Erklärung[2]: »Sie (die Kirche) erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.«

Mit der Verkündigung des Evangeliums an »alle Welt« ist als Auftrag mit gesetzt, die Gebote in aller Welt zur Geltung zu bringen. …Wir sehen es als Aufgabe, in Auslegung des Dekalogs [10 Gebote] und in Aufnahme der Weisungen Jesu den Ordnungsrahmen des Gemeinwesens zu beschreiben. Unser Reden schöpft einerseits aus dem Kern der biblischen Botschaft und ist andererseits sachlich argumentierend. In diesem Sinne gibt es tief in der biblischen Überlieferung verwurzelte Grundentscheidungen, die für unsere ethische und politische Kultur prägend sind. Ich nenne nur die Stichworte: Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Sozialstaatlichkeit und Schutz der Schwachen.1

 

Nun, da mag er ja Recht haben. Auch ich bin der Meinung, daß wir Christen den Auftrag haben, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht nur zu praktizieren, sondern auch einzufordern und uns in den politischen Prozeß einzumischen, und dies auch dann, wenn es Nachteile bringt.

Doch wer mit diesem Anspruch fordert, sollte auch liefern. Dabei denke ich nicht an die Verbrechen in kirchlichen Erziehungseinrichtungen in der Vergangenheit. Die hat Schneider nicht zu verantworten. Ich denke an den Betrug an den ehemaligen Heimkindern in der Gegenwart. Entschuldigungsgestammel gab es – nach geraumer Anlaufzeit – zuhauf. Aber die Kirchen haben den ehemaligen Heimkindern jede Entschädigung versagt. Wo waren da Menschenwürde, Gerechtigkeit und Schutz der Schwachen?

Da blieb dann wohl allein die Rechtsstaatlichkeit, dank derer die Kirche sich mit der Verjährungseinrede aus der Bredouille ziehen konnte.

So wurde eine theologisch wie ideengeschichtlich interessante Vorlesung zum Wortgeklingel und damit zur Täuschung der Öffentlichkeit. Wächteramt in christlicher Verantwortung sieht anders aus.

 

[1] epd-Dokumentation 16/14 Polizeiseelsorge

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Barmer_Theologische_Erkl%C3%A4rung

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4 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 14. April 2014 at 09:07

    Habe mir erlaubt, diesen Artikel an den Nikolaus Schneider weiterzuleiten, mit der Bitte, doch mal sein Wächteramt
    gegenüber den Landeskirchen wahrzunehmen, die den Kirchenopfern schamlos 5.000,- € „Schadensersatz“ anbieten.

    Der „Mindestlohn“ für kindliche, jugendliche Zwangsprostituierte von Pfarrers und Diakons Geilheit sollte doch mindestens fünf Nettogehälter des EKD-Ober(Nacht?)wächters betragen.

    MIT EINER ANTWORT RECHNE ICH NATÜRLICH NICHT, der liebe gute Nikolaus packt garantiert nicht seine Rute
    aus.

  2. Fachjournalist Michael Jahnke-Fox said, on 14. April 2014 at 14:12

    Alles Wortklauberei, denn an ihren Taten sollt ihr sie Messen heißt es doch so schön, oder etwa nicht..? Ich weiß wirklich nicht wie man noch diese Messlatte anlegen soll um überhaupt ein Ergebnis dabei erzielen zu können.. Und was den Nikolaus und seiner Rute angeht, die möchte bestimmt niemand sehen, denn diese haben schon all zu viele ehemalige Heimkinder in frühen Jahren sehen müssen..
    In diesem Sinne..

  3. helmutjacob said, on 14. April 2014 at 15:17

    Ich will das Geschwafel des Nikolaus Schneider nicht auch noch kommentieren. Der Kerl macht nur noch aggressiv mit seiner frechdreisten Selbstdarstellung der Kirche. Aber das Wächteramt der Inneren Mission, danach des Diakonischen Werkes und der ach so evangelischen Anstaltsleitungen war schon damals ein reiner Rohrkrepierer und ist es heute immer noch. Man braucht nur in die evangelischen Altenheime zu gucken. Da merkt man, was von Schneiders Gesülze zu halten ist. Ich empfinde ihn als Schaumschläger, mehr nicht.

  4. Heidi Dettinger said, on 15. April 2014 at 03:20

    Selbst mein kleines Wachhündchen – alt, hüftlahm und ein bisschen taub – kriegt ihr Wächteramt da deutlich besser hin. Und noch NIE musste sie sich (oder ich mich) schämen für etwas, was sie getan oder unterlassen hat.


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