Dierk Schaefers Blog

Unsere Pietisten: sie schämen sich und sind sprachlos

Posted in heimkinder, Kinderrechte, Kirche, Kriminalität by dierkschaefer on 3. Juli 2014

Unsere Pietisten: sie schämen sich und sind sprachlos

Warum sind sie sprachlos, die selbständige Evangelische Brüdergemeinde Korntal und die Landeskirche Württemberg?

Es gibt eine Mißbrauchsklage[1].

Nun kann man ja resignierend sagen, so etwas komme in den besten Familien vor, warum also nicht auch im „Heiligen Korntal“?[2]

»Der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Oliver Hoesch, wird eher einsilbig. Die Brüdergemeinde hat vor einem Jahr … eine Kommission eingesetzt, die den Vorwürfen ehemaliger Heimkinder nachgeht. Doch warum sitzt dort kein Betroffener mit am Tisch? „Das muss vor Ort eingeschätzt werden, was im Moment möglich und hilfreich ist. Da gehe ich vom Sachverstand der Kommissionsmitglieder aus.“ Warum lässt eine wissenschaftliche Aufarbeitung seit mehr als einem Jahr auf sich warten? „Sie sind offenbar ein bisschen spät dran.“ Wird dort seit den ersten Gesprächen mit dem ehemaligen Heimkind Detlev Zander nicht eher verschleppt als offensiv aufgeklärt? „Das kann von uns nicht eingeschätzt werden, denn Korntal ist eine eigenständige Kirche“«.

Auf der Webseite der Gemeinde ist zur Sache nichts zu finden. „Volltreffer“[3]!, heißt das Motto für Jahresfest der Korntaler diakonischen Einrichtungen für Sonntag, 6. Juli. Da ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Nein kein Eierkuchen, sondern Sport und Gottesdienst.

Ob uns Taddäus Troll weiterhilft? In seinem „Deutschland, deine Schwaben“ findet man auf den Seiten 230/231 zwei nackte Menschen, Weiblein und Männlein, dazu die schwäbischen Bezeichnungen für die Körperteile. Nehmen wir das männliche Beispiel: Zwischen „Ranza“ (schwäbisch für Bauch) und „Knie“ gibt es sprachlich nix. Aber eine Notiz: „Nach Meinung des schwäbischen Pietismus nicht vorhanden“. Da haben wir den Grund für die Sprachlosigkeit. Die können gar nicht, weil sie’s nicht kennen. Und nun wurden sie nackt befunden und schämen sich.

Wer längere Zeit in Schwaben lebt, weiß aber, daß sie’s doch kennen. Der dirty-talk zwischen Mann und Frau ist kurz aber kernig. Zeugen wollen das Vorher und Nachher gehört haben: „Jetzetle“, dann erst mal nix, und schließlich „Sodele“.

Wer nicht nur längere Zeit in Schwaben lebt, sondern zur Vertiefung seines völkerkundlichen Wissens sich mit dem landestypischen Pietismus beschäftigt, kommt um den Verdacht nicht herum, daß der Sexualakt (scheußliches Wort) unter Ehegatten als körperlicher Ausdruck einer Gebetsgemeinschaft aufzufassen ist.

Im Korntaler Fall[4] geht es jedoch nicht um, im Juristendeutsch, „einvernehmlichen Geschlechtsverkehr“, sondern um Kriminalität. Vom Ehestand losgelöste sexuelle Aktivitäten kennt der Pietismus aber nun gar nicht. Also: Sprachlosigkeit. Eine Kommission soll sich herantasten. Betroffene kann man dabei nicht gebrauchen, denn die könnten Dinge beim Namen nennen, die es gar nicht geben darf, wenn es sie dann überhaupt gibt.

Im aktuellen Gesangbuch steht es nicht mehr, das pietistische Lied vom inwendigen Leben der Christen. »Es glänzet, obgleich sie von außen die Sonne verbrannt«. Denn (dritte Strophe)

»Sonst sind sie wohl Adams natürliche Kinder, / und tragen das Bildnis des Irdischen auch; /
sie leiden am Fleische wie andere Sünder, / sie essen und trinken nach nötigem Brauch; / in leiblichen Sachen, / in Schlafen und Wachen sieht man sie vor anderen nichts Sonderlich’s machen, / nur dass sie die Torheit der Weltlust verlachen[5]

 

Dennoch, und ohne Ironie: Man muß sie einfach mögen, die Pietisten, und dafür gibt es viele Gründe. Sie sind entstanden als eine „Kirche von unten“, eine Volksbewegung, die es ernst nahm und nimmt mit ihrem Glauben an den Erlöser. Das persönliche Verhältnis mit Gott ist ihnen wichtig. Sie lassen sich so leicht nichts vorsetzen, weder von weltlichen noch von kirchlichen Obrigkeiten. Ihr soziales Engagement ist, wie auch ihre Spiritualität, aus der deutschen Sozialgeschichte und Geistesgeschichte nicht wegzudenken.

Man muß sie einfach mögen, auch wenn sie unbequem sind, fundamentalistisch verbohrt und unzugänglich. Sie kommen nach der Predigt in die Sakristei und beschweren sich: Wenn Sie schon an die Bibel nicht glauben, sollten Sie auch nicht predigen. Dazu gehört Mut, – für die Antwort dann auch.

Ich hatte eine Trauung in einer fremden Gemeinde. Bei uns wird nach dem Ja-Wort leise von der Orgel ,Gott ist gegenwärtig’ intoniert. Wollen Sie, daß wir das weglassen, Herr Pfarrer?“ – Ja, warum denn auch, nur zu!

Dann kam die Orgel, sanft und geheimnisvoll. Und ich spürte das Tremendum: ER ist gegenwärtig. Aber ja doch, wie denn anders?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] http://m.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.missbrauch-im-kinderheim-millionenklage-gegen-bruedergemeinde.e1159a0e-8948-4dc2-9259-afe2e3c317d0.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/05/02/nun-auch-im-heiligen-korntal-die-herren-zeigten-sich-betroffen/

[3] http://diakonie-korntal.de/index.php?id=1675&no_cache=0

[4] http://www.kontextwochenzeitung.de/s-klasse/168/kinderhoelle-korntal-2266.html

[5] Christian Friedrich Richter (1676 – 1711)), EKG 265

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3 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 3. Juli 2014 at 13:04

    Ein breites Grinsen sei erlaubt, Herr Pastor – und das „Jetzetle“ wird bei sehr kernigem Dirty-Talk von ihr auch mal durch „…aufi gohts, Maanle…“ ergänzt. Als Halbschwabe mit seeehr langer Wohndauer „droba uff dr Alb“ (und mit
    pietistischer Verwandschaft gestraft!) verstehe ich die Scheinheiligkeit dieser Fundamentalisten bestens.

    Deshalb wundere ich mich nicht über das Verhalten der Korntaler. Es ist eben eine Frechheit von dem Kläger, von den wahren Christen auch noch Geld dafür zu verlangen, dass er doch lediglich ganz christlich vergewohltätigt wurde. DEM gibt man doch nicht auch noch die Hand!!! In ihm steckte doch nur ein wahrer Christ……..als er penetriert wurde.
    Da sollte ein einfaches „Halleluja“ reichen, oder?

    Steht was zu Kindesmissbrauch in der Bibel? Ausser „Lasset die Kindlein zu mir kommen…“ ; meine ich.

  2. ekronschnabel said, on 3. Juli 2014 at 19:50

    @dierkschaefer

    „Auf der Website ist zur Sache nichts zu finden“ schrieben Sie oben. Ist nicht ganz richtig.

    Man wird unter dem Button „Pressemitteilungen“ fündig. Dort lamentieren die über das undankbare Heimkind, das
    sie mit einer Klage überzog. Dort findet man auch was zum Antrag auf Zurückweisung des Klägerantrages auf Gewährung von Prozesskostenhilfe, sehr gedailliert abgefasst.

    Auch dieser „christliche“ Laden mit Vertrieb einer nicht vorzeigbaren Ware verhält sich auf der Homepage wie alle
    anderen Kirchen auch: verstecken was stinkt – und nur wer geduldig sucht, findet den stinkenden Haufen unter
    „Pressemitteilungen“. Ist doch klar, dass man dort zuerst nach Berichten über Kindesmissbrauch sucht, oder?


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