Dierk Schaefers Blog

Die Kirchen bluten aus, stellt DIE WELT fest.

Posted in Geschichte, Gesellschaft, Kirche, Religion, Soziologie, Theologie by dierkschaefer on 9. August 2014

Die Kirchen bluten aus, stellt DIE WELT fest.

So unrecht hat sie ja nicht und widmet mit besorgtem Unterton dem Phänomen gleich zwei Beiträge, die sich allerdings weitgehend überlappen[1].

 

Doch die Situation ist offenbar nicht dramatisch genug, um sich nicht zu zuzuschärfen. »Schon seit geraumer Zeit bluten die Kirchen aus. Gerade mal 30,3 Prozent der Deutschen sind noch römisch-katholisch. Von Volkskirche kann keine Rede mehr sein: Die Zahl der Konfessionslosen liegt bei 36,6 Prozent«. »1950 war die Hälfte der Bundesbürger evangelisch«.

Da sollte man doch denken, daß es einen Erdrutsch in der Mitgliedschaft gegeben hat. Das aber nun doch nicht. Die größte Veränderung in der Konessionsstatistik gab es mit der Wiedervereinigung. Da schnellte die Zahl der Konfessionslosen auf rund ein Drittel hoch und das hatte nichts mit Austritten zu tun.

Ein weiterer Faktor sind der erhöhte Anteil von Personen mit andersreligiösem Bekenntnis und die zunehmende Überalterung unserer bisherigen Bevölkerung.

 

Das alles ist kein Grund, die Situation der Kirchen schönzureden. Doch erst eine nüchterne Betrachtung ermöglicht Überlegungen zu dem, was die beiden Artikel zurecht fragen:

»Wann nehmen die Kirchen die Warnschüsse ernst?«

Darauf kann ich nur antworten: Sie nehmen sie ernst und befragen ihre Mitglieder. Auch darüber haben die Medien berichtet, wohl auch DIE WELT. – Schon vergessen?

DIE WELT fragt weiter: »Wann endlich finden die Oberen die richtigen Worte?«

Da muß ich einmal ganz gegen meine Erfahrungen die Oberen in Schutz nehmen. Das Thema ist komplexer, als die Ratschläge der WELT.

»Wenn die großen Konfessionen nicht wollen, dass es endgültig den Bach mit ihnen runtergeht, dann müssen sie richtig nachfragen. Dann müssen sie aufhören, nur zu jammern, dass sie keiner will. Dann dürfen sie nicht mehr die Augen vor dem verschließen, was die Menschen wollen und brauchen.«

Hier werden zum einen die beiden Großkirchen in einem Topf verrührt. Doch sogar die katholische Kirche, nicht sonderlich basisfundiert, fragt und gerät damit in ein größeres Dilemma als die Evangelische mit ihrer Mitgliederbefragung[2]. Beide Kirchen sollten natürlich „nicht mehr [wieso nicht mehr?] die Augen vor dem verschließen, was die Menschen wollen und brauchen“. Aber prostituieren sollten sie sich wohl auch nicht.

Zuspruch von „Hunderttausenden“ finden die »Kirchentage, auf denen Themen wie Bildung, wirtschaftliche Verantwortung oder Sterbehilfe diskutiert werden«.

Der Event-Charakter von Kirchentagen wurde schon oft diskutiert und viele meiner Kollegen in den Gemeinden wären froh, wenn ihre gleichgearteten Angebote einen vergleichbaren Zuspruch finden würden. Kirchentage sind wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen. Da fällt der Sonntagsgottesdienst ab – und auch die normalen Angebote unter der Woche, von denen – wie kürzlich erhellend diskutiert – auch meine Kollegen selber nicht begeistert sind.

»Und wenn zu Ostern und Weihnachten die Tradition der Kantaten und Oratorien gepflegt wird, dann stehen auch Atheisten vor den Kirchen Schlange. Es gibt sie noch, die Kernkompetenzen der Kirchen«. Das stimmt auch nur punktuell. Aber es ist schön, die Kernkompoetenzen erklärt zu bekommen.

»Zulauf hatten immer schon kirchliche Ambitionen, wenn sie unmittelbar auf die Bedürfnisse der Menschen reagierten. Die Innere Mission des Hamburger Pfarrers Johann Hinrich Wichern, der sich zur Zeit der Industrialisierung den verwahrlosten Kindern in den Armenvierteln widmete, … « Ausgerechnet Wichern! Falsches Beispiel. Auch DIE WELT hat nicht mitbekommen, daß Wichern in erster Linie Seelen retten wollte, nicht Menschen. Hier wäre die Frage nach den Kernkompetenzen angebracht. Doch dazu fehlt der WELT die Kompetenz.

 

Die Kirchen sollen sich um das kümmern, was die Menschen bewegt. Die Botschaft hör ich wohl, allein …

Die Rolle der Kirchen in der späten DDR ist ein gutes Beispiel.

Reiner Kunze schrieb ein Gedicht mit dem Titel Pfarrhaus. Darin heißt es: „wer da bedrängt ist findet ein Dach und Mauern. Und muss nicht beten“ [3] Nicht nur die Bedrängten fanden in der Kirche Platz. Die Kirche bot Raum für Widerstand. Sie wurde endlich glaubwürdig und hatte auch keine Hintergedanken an Mitgliederwerbung. Da waren die Versicherungsvertreter, die nach der Wende die neuen Bundesländer überfielen, erfolgreicher. – Soviel zur Bedarfsorientierung.

Den Rest sieht man, wenn man ins Forum zum WELT-Artikel schaut. Die rhetorische Abschlußfrage wird dort mit einem „einfachen ja“ beantwortet: »Wollen wir wirklich ein Land, in dem irgendwann vielleicht gar keine Glocken mehr läuten? Skylines, in denen sich zwischen Bürogebäuden keine Kirchtürme mehr abzeichnen? Eine Allgemeinbildung, zu deren Kanon die biblischen Geschichten nicht mehr gehören? Das Ende der Kultur der Rituale wie Taufe oder Konfirmation?«

Die Deutungshohheit über den Internetstammtischen ist oft nicht sachlich fundiert, aber ein Indikator.

 

Übrigens: Ich hielte es für eine kulturelle Bereicherung, wenn Moscheen Minarette bekämen und von dort, wenn wohl auch nur über Lautsprecher, der Muezzin zm Gebet riefe.

[1] Zitate aus beiden Artikel: http://www.welt.de/print/welt_kompakt/debatte/article130882255/Die-Kirchen-bluten-aus.html http://www.welt.de/debatte/kommentare/article130872747/Die-Kirchen-in-Deutschland-bluten-aus.html

[2] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/03/12/eine-zeitdiagnose-die-mitgliedschaftsumfrage-der-ekd/

[3] Das Internet half meiner Gedächtnisschwäche auf: http://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&search=Reiner%20kunze

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10 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 9. August 2014 at 12:07

    Wer die Überheblichkeit der Kirchen betrachten will, muss sich nur die Kirchengebäude ansehen, die heute noch in die Landschaft gesetzt werden. Tatort Leipzig, der einem Zuchthaus ähnliche Bau der Katholen in der
    Innenstadt kostet ja nur runde 15 Millionen!!!!!! Für solch einen Schandfleck ist Kohle da, für Kirchenopfer genügt die kostenneutrale Verhöhnung.

    In einer Zwergengemeinde Norddeutschlands stellten die Evangelen eine Kirchen hin, in der sonntags 6-7
    alte Leute sitzen und um ihr Seelenheil beten. Kosten: lumpige 900.000,- Euro! Gerade 200.000,- Euro mehr
    warf die Landeskirche Hannovers den paarundsechzig Sexualopfern ihrer Firma hin.
    (Lösungsvorschlag: Kirche nur noch per kostenpflichtigem Privatfernsehen, Märchenbücher muss man schließlich auch kaufen. Als Pferdemann plädiere ich dafür, Kirchen zu Reithallen zu machen.)

    Skandale und Machtmissbrauch ohne Ende.
    Und da fragen sich die Konzernlenker mit dem Kruzifix im Logo, warum die Menschen die Schnauze von den Kirchenkonzernen voll haben!? Es gibt billigere Märchenvorlesungen, das begreifen immer mehr Menschen.
    Die positiven Seiten der Glaubenskonzerne wiegen die negativen nicht auf.

    • dierkschaefer said, on 9. August 2014 at 14:49

      Völkischer Beobachter

      Der alte Oberkellner hatte ihn lange nicht gesehen. Nun kam er wieder regelmäßig und bestellte seine Wiener Melange. „Und dazu den Völkischen Beobachter“, rief er dem Kellner laut hinterher. Der kam zurück und sagte halblaut: „Den Völkischen Beobachter gibt es nicht mehr“. Das Ritual wiederholte sich, bis der Kellner hinzufügte, er habe es doch schon oft gesagt: „Den Völkischen Beobachter gibt es nicht mehr“. – „Ich kann es aber gar nicht oft genug hören“, war die Antwort.
      So ähnlich hätten Sie’s auch gern, lieber Herr Kronschnabel. Aber es gibt den Zeitpunkt, daß die Wiederholungen langweilen. Ich kann ja gut verstehen, daß Sie – und viele mit Ihnen – nur rot sehen, oder besser die Kirchenfarben gelb und lila, wenn Sie Kirche hören. Auch daß Sie sich freuen über jeden Hinweis zulasten von Kirche. Geschenkt. Nur: Irgendwann wird’s langweilig und es trifft nicht die Erfahrungen von Menschen, die mit Kirche (auch) Positives verbinden.
      Sie leisten doch viel für Ihre geschundenen Kollegen und sehen, daß Haß beflügeln kann. Er macht aber auch blind.

      • ekronschnabel said, on 9. August 2014 at 23:39

        Drehen Sie’s mal um, betrachten Sie das von Ihnen als Kirchenmann Gesagte mal mit den Augen der Kirchenopfer – dann landen Sie genau beim Kellner und dem schon lange nicht mehr existenten „Völkischen Beobachter“!

        Die Menschen, die mit Kirche Positives verbinden, sind wiederum für mich und die geschundenen Kollegen Ignoranten vom anderen Stern, die sich selbst besoffen quatschen, wenn sie in die Welt der Gutmenschen abtauchen und um ihr Seelenheil beten. Genau diese Sorte hat oft genug die Unverfrorenheit bewiesen, die Schweinereien der Kirchen abzustreiten, den Opfern Lügen zu unterstellen und den Popanz Kirche als fehlerlos hinzustellen. Haß macht blind, sagen Sie. Was macht denn die Gutmenschen und die verlogenen
        Glaubenverkünder blind, wenn sie die Verbrechen abstreiten? Erklären Sie es doch mal, damit ich die Märchenwelten verstehen lerne.

        Sie machen sich’s auch verdammt einfach und handeln damit ebenso einseitig belastend wie ich, lieber Herr Pastor.

      • dierkschaefer said, on 10. August 2014 at 04:00

        „Sie machen sich’s auch verdammt einfach und handeln damit ebenso einseitig belastend wie ich, lieber Herr Pastor.“ Meinen Sie das wirklich? Sie kennen doch meinen Blog, lieber Herr Kronschnabel. Friendly fire ist nur schädlich.

  2. M. Jahnke-Fox Journalist said, on 9. August 2014 at 14:49

    Ich wurde am 17. Juli 1950 in der Philippus- Nathanel-Kirche evangelisch getauft. Als ich mich nach Jahren als ehemaliges misshandeltes Heimkind durch die Diakonie überwunden hatte meine Gemeinde in 2012 einmal aufzusuchen begegnete mir der Gemeindepfarrer und fragte mich ob er mir behilflich sein könne und was ich denn suche. Ich erzählte ihm das ich ein ehemaliges misshandeltes Heimkind seiner Gemeinde bin und mich nur mal umsehen wollte wo ich vor Jahrzehnte getauft wurde. Aber davon wollte der junge Herr Pfarrer nichts wissen und meinte man solle doch solche Geschichten ruhen lassen. Es kümmerte ihn wenig wie es einen seiner ehemaligen Gemeindemitglieder erging und ging. Enttäuscht und in meiner inneren Einstellung gegenüber der Kirche besättig Verlies ich das Gelände und habe auch nie mehr einen zweiten Anlauf gemacht. Warum also soll ich über die Not der Kirchen traurig oder alarmiert sein? Gibt es einen triftigen Grund nach dieser neuzeitlichen Erfahrung? Ich glaube eine Einsicht und Änderung fängt von Unten nach Oben an aber die wird es niemals geben weil die Kirchen überheblich sind.. Sollen sie doch den Bach runter gehen denn uns ehemalige Heimkinder haben sie das ja auch zugemutet und waschen sich noch immer die Hände in Unschuld.

    • dierkschaefer said, on 9. August 2014 at 15:30

      ihre reaktion kann ich voll und ganz verstehen, nicht jedoch den jungen kollegen. was versteht er wohl unter seelsorge? da es nur eine gemeinde dieses namens gibt, war ich so frei, denen ihren kommentar zu schicken. doch ich fürchte, die werden allenfalls antworten, daß der kollege nicht feststellbar/inzwischen anderwo beschäftigt/es bestimmt nicht so gemeint hat.

      • M. Jahnke-Fox, Journalist said, on 9. August 2014 at 21:04

        Hallo Herr Schaefer.

        Dieser Pfarrer hatte es wirklich so abweisend zu mir rüber kommen lassen. Und genau deshalb wurde ich erneut von dieser Institution Kirch enttäuscht. Und da dieser Pfarrer auch noch fast drei Köpfe größer war als ich guckte er noch gelangweilt auf mich herab. So etwas schreckt ab, Ganz besonders ein ehemaliges Heimkind was Antworten in seiner Gemeinde sucht.
        Ich mag kaum daran zurück denken wie mich dieser erste Kontakt erneut frustriert hatte, aber gewundert hatte es mich keineswegs. Es hat nur meine innere Einstellung und Erfahrung mit der Diakonie (war 3,5 Jahre in Hephata / Treysa, Kassel gewesen) auffrischend bestätigt.
        Ich wurde dank Kirche und Staat nicht nur Nachweisbar misshandelt, sondern habe auch alles wertvolle was im Leben eines Menschen zählt, nämlich Familie, Schulfreunde usw., beraubt. Und solange die Kirche und der Staat so etwas abwinkend abtut kann weder eine Versöhnung noch eine psychologische Aufarbeitung der ganzen Geschehnisse von statten gehen.
        In meiner 13 jährigen Heimkarriere habe ich 8 verschiedene Kinder- und Jugendheime sowie gleich viele Schulen erfahren müssen. Hin- und hergeschoben zwischen Heime der Diakonie und staatlichen Einrichtungen. Und dass ich aufgrund dieser Geschehnisse nicht daran zerbrochen bin ist keinesfalls weder ein Verdienst der Kirche noch des Staates gewesen, sondern einzig und alleine mein enormer Überlebenswille. Das bestätigte mir auch so der Ihnen bestimmt ebenfalls bekannte Prof. Dr. Manfred Kappler in einem persönlichen Gespräch.

  3. […] [1] Geradezu typisch für diese Haltung ist der Bericht, den ich heute erhielt: Ich wurde am 17. Juli 1950 in der Philippus- Nathanel-Kirche evangelisch getauft. Als ich mich nach Jahren als ehemaliges misshandeltes Heimkind durch die Diakonie überwunden hatte meine Gemeinde in 2012 einmal aufzusuchen begegnete mir der Gemeindepfarrer und fragte mich ob er mir behilflich sein könne und was ich denn suche. Ich erzählte ihm das ich ein ehemaliges misshandeltes Heimkind seiner Gemeinde bin und mich nur mal umsehen wollte wo ich vor Jahrzehnte getauft wurde. Aber davon wollte der junge Herr Pfarrer nichts wissen und meinte man solle doch solche Geschichten ruhen lassen. Es kümmerte ihn wenig wie es einen seiner ehemaligen Gemeindemitglieder erging und ging. Fundstelle: https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/09/die-kirchen-bluten-aus-stellt-die-welt-fest/#comments […]

  4. Helmut Jacob said, on 9. August 2014 at 23:48

    Zu der sinnlosen Verschwendung von Geldern durch die Evangelische Kirche fällt auch mir eine Anekdote ein:
    Was waren das für schöne Zeiten, als auf dem Gelände der Orthopädischen Anstalten Volmarstein, neben dem Johanna-Helenen-Heim, eine alte Kapelle aus Holz stand. Sie steht heute noch dort, aber ohne Kirchtürmchen und wird anders genutzt. Damals hatten etwa hundertfünfzig Gläubige Platz in der Hütte. Sie besaß einen Hintereingang und einen Vorder-Seiteneingang. Hier ein Foto mit Konfirmanden, zusammen mit dem Konfirmator Ulrich Bach, vor diesem besagten Haupteingang:

    Das Traupaar marschierte jeweils durch den Hintereingang, damit die Laufstrecke feierlich länger war. So passierte es einem behinderten, rollstuhlfahrenden Mann, der mit seiner nichtbehinderten Frau in den Stand der Ehe eintreten wollte, daß dieses Paar durch einen dunklen Gang schritt und sich unversehens vor einem Sarg vorfand. Anstaltsleiter Hans V. hatte in seinem Terminplan vergessen, daß vor dem Glück der Ehe eine traurige Verabschiedung terminiert war.
    Jedenfalls passten in diese Hütte ca. hundertfünfzig Betfreunde und ein Harmonium. Die Kirche war in der Adventszeit besonders schnuckelig. Neben der Tatsache, daß einmal der Weihnachtsbaum im Altarraum lichterloh brannte, aber die Ordensschwestern den Brand mit viel Wasser bändigen konnten, beherrschten die drei Altarfenster wunderbare Kunstschätze. Gertraude Steiniger, jene selbst schwerbehinderte Lehrerin, die ihre Schüler mit ihrem schweren Krückstock unregelmäßig zusammenschlug und auch schon mal Knochenbrüche und gebrochene Fingerchen inkauf nahm, war eine geniale Werkerin. Drei riesige Transparente zierten die großen Fenster. Hier eines:

    Ein anderes zeigte die Geburt und ein drittes das Jüngste Gericht:

    Auch sonst war sie in Sachen Laubsägearbeit ein Ass, was dieses Foto dokumentiert:

    Alle Instrumente eines Symphonieorchiesters hat sie sich selbst beigebracht und versucht, oft auch mit Gewalt, Schülerinnen und Schülern beizubringen.
    Diese kleine Kirche war etwa zweimal im Jahr rappelvoll: Heiligabend und am „Brüdertag“. Was war das feierlich, wenn die Diakonenschüler in langer Reihe in die Kapelle schritten, vor ihnen etliche Talarträger herschreitend. Der Festakt wurde per Lautsprecher auf den Kirchplatz übertragen. Ein weiteres Mal sah man so viele Talarträger. Als Anstaltsleiter Pastor Hans Vietor beerdigt wurde. Dreißig, vierzig schwarze Gewänder mit weißem Beffchen zogen in den Haupt-Seiteneingang ein und viel Volk hinterher.
    Aber das reichte der Orthopädischen Anstalt nicht. Eine große Kirche sollte die kleine Anstalt zieren. Die Martinskirche: http://gewalt-im-jhh.de/Fakten_zur_Volmarsteiner_Erkla/Martinskirche.JPG
    Von Insidern bespöttelt als „Ernst-Kalle-Monument“ und von etlichen Bewohnern als „Invalidendom“ belächelt. Dreihundert Leute und eine riesige Orgel fanden Platz und doch konnten die Tage gezählt werden, an denen die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt war. An den Brüdertagen schon und manchmal, wenn unser Chor sang und die bettlägerigen Pflegebedürftigen in ihren Betten in die Kirche gekarrt wurden. Aber das ist lange her und geschah selten, wegen Personalmangel.
    Wie wurde der Bau finanziert? Friedrich Plückelmann, damaliger Verwaltungsdirektor, nahm mich einmal beiseite und meinte, wäre es nach ihm gegangen, stände auf der Wiese eine kleine Schwimmhalle für die Bewohner und Besucher. Aber es ging nicht nach ihm. Schade. So ist das Gebäude heute leer und nur selten frequentiert.
    Zurück zur Finanzierung. Eigenmittel mussten ja aufgebracht werden und wo sparten die Orthopädischen Anstalten zuerst? Bei den Kindern. Anstaltsleiter Pastor Ernst Springer bejammerte in seiner „Volmarsteiner Erklärung“ noch die Lebensmittelknappheit, aber das war Bullshit, wie folgende Seite der Homepage der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ ausgiebig dokumentiert: http://gewalt-im-jhh.de/Fakten_zur_Volmarsteiner_Erkla/fakten_zur_volmarsteiner_erkla.html
    Wer die HP kennt, weiß, daß Lebensmittelknappheit mit Geldknappheit verwechselt werden und dies zu Lasten der Kinder.

  5. Erika Tkocz said, on 10. August 2014 at 13:04

    Wenn die Welt schreibt, dass der Zeitgeist stärker sei als die kirchlichen Dogmen, dann wird das schon stimmen und es muss ja nicht erwähnt werden, welche kirchlichen Dogmen besonders der katholischen Kirche gemeint sind. Dennoch muss man differenzieren und wenn man den Artikel sorgfältig liest enthält er auch Aspekte, die hervorgehoben werden sollten, an denen der Zeitgeist nicht absolut ausschlaggebend zu sein scheint, denn die Kirchenaustritte betreffen beide Kirchen.
    Auch wenn es im Bistum Limburg mehr Austritte gab durch den Protzbischof erklärt das nicht die zahlreichen Austritte gesamt und offensichtlich haben die Kirchen versäumt, jene Menschen die austreten nach den Gründen zu fragen.
    Die Kirchen sollen doch nicht so tun, als wenn sie nicht auch ein Unternehmen sind und nicht danach handeln. Wenn ein Unternehmen vor der Pleite steht wird es sich auf fragen müssen, was es falsch gemacht hat und tut gut daran zu analysieren woran es nun liegt. Die Kirchen prostituieren sich ganz sicher nicht, wenn sie sich in ihren Befragungen an ihre Mitglieder halten, es sei denn sie wollen eine Kirche, die an ihren verkrusteten Dogmen hält und vor allen Dingen an die Kirchenoberhäupte, die an ihre Macht kleben und nur ihre eigenen Vorstellungen im Kopf haben.
    Das Bedürfnis nach Spiritualität scheint vorhanden zu sein und wie kann das im Einklang stehen mit dem Wunsch auch einmal am Wochenende ausschlafen zu wollen?. Wer will denn Sonntagsmorgen schon die Glocken läuten hören? Da wäre doch wirklich einmal eine Befragung unter den Mitgliedern angesagt, wann beispielsweise ein Gottesdienst wirklich stattfinden sollte, denn die Jugend wird sich bestimmt nicht nehmen lassen auch samstags Party zu machen und dann Sonntags auszuschlafen zu wollen und nicht schon um 10.00 Uhr auf der Matte zu stehen.

    Kirchliche Ambitionen im Bereich sozial Benachteiligter halte ich für unabdingbar und genau hier liegt auch ein Plus der Kirchen, die man nicht abtun sollte. Wir arbeiten eng mit der Diakonie und der Caritas im Suchtbereich und unsere Patienten wären tatsächlich aufgeschmissen, wenn es diese Beratungsstellen nicht gäbe. Es gibt da viele Bereiche in denen sich die Kirche auf ihre Wurzeln des diakonischen und karitativen Gedankens besinnen könnte, denn da gibt es viele Bereiche die sicherlich nie- und auch nicht in der Zukunft- von anderen Trägern übernommen werden und das sind auch die Kernkompetenzen.
    Ob nun wie es DIE WELT berichtet beispielsweise Kindergärten sich aufgrund der Konfession vor Anmeldungen nicht retten können mag ich bezweifeln. Es gibt zu wenig Kindergärten und auch andere nicht konfessionelle Kindergärten sind genauso ausgebucht.

    Im Krankenhaus sucht man vergeblich nach dem konfessionellem Plus, grundsätzlich kann ich da keinen Unterschied feststellen. Dass Menschen lieber in ein konfessionelles Haus gehen sei der Vorstellung geschuldet die Hoffnung bzw. den Wunsch zu haben hier auch die Besonderheit vorzufinden, was aber nicht der Fall ist. Bedeutet aber nicht, dass es auch hier Chancen gäbe, wenn man eine Spitzensektorisierung nicht darin sähe sich nun den besten Chirurgen ans Haus zu binden, sondern sich eher anderen Bereiche widmet. Beispielsweise Psychiatrie, Hospiz und auch Altenheime so wie es bei uns ist. Allerdings vermisse ich da auch die Gleichwertigkeit, denn ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Psychiatrie den gleichen Stellenwert hat wie beispielsweise die Chirurgie im Hause.

    Nun am Samstag war ich beim Flasmob „Pflege am Boden“ die bundesweite 1x monatlich stattfindet. Zu uns gesellte sich ein Sozialpädagoge der meinte wir sollten unser Motto doch umändern in „Soziales am Boden“. Ja da hat er Recht und es wäre an der Zeit dass sich die Kirchen darauf besinnen, sozusagen wieder zurück zu den Wurzeln finden, denn sie sind zu weit entfernt oder zumindest haben es nicht geschafft hier auch ihre Aufmerksamkeit in die Öffentlichkeit zu transportieren und da haben sicherlich die skandalösen Ereignisse der letzen Jahre dominiert, auch wenn sie nicht gesamt die Kirchenaustritte erklären können.

    Allerdings sollte ein soziales Engagement nicht damit verbunden sein mehr Kirchenmitglieder zu bekommen oder damit Kirchenaustritte zu verhindern, sondern für die Kirchen sollte es selbstverständlich sein ihr soziales Engagement im Vordergrund zu rücken, damit Menschen sich positiv motiviert sehen so einer Kirche anzugehören wollen, weil sie sich dann mit solchen Werten identifizieren können. So was wie den Vatikan mit seinem Prunk und dem ganzen Hokuspokus finde ich abstoßend und die Abhängigkeit vom Staat trägt nicht dazu bei Vertrauen zu entwickeln. Abhängigkeit bedeutet auch immer die Schnauze halten zu müssen bzw. sich nicht frei über Missstände äußern zu dürfen und das braucht kein Mensch.


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