Dierk Schaefers Blog

Das ICH, flexibel oder rigide?

Posted in heimkinder, Psychologie, Soziologie by dierkschaefer on 29. August 2014

»Eine aufschlussreiche Anekdote: Ein ranghoher Mitarbeiter der deutschen Botschaft in London sollte 1906 ein Dinner organisieren und für den sinnenfrohen König ein Dutzend Prostituierte einladen. Doch der Mann trat lieber von seinem Posten zurück, als seinen moralischen Überzeugungen zuwiderzuhandeln. Gefragt, was ihn zu der radikalen Entscheidung bewogen habe, antwortete er: Er habe die Vorstellung nicht ausgehalten, „morgens beim Rasieren im Spiegel einem Zuhälter ins Gesicht zu blicken“«[1].

 

Der ganze Artikel ist aufschlußreicher als dieses Beispiel und ich frage mich, ob ehemalige Heimkinder „geheilt“ wären, wenn sie die beschriebene Flexibilität, die keine Charakterlosigkeit sein soll, erringen könnten. Viele von ihnen stecken in der Sackgasse des Opferbewußtseins als Heimkind, zeitlebens. Wer mehr aus sich machen will, muß da raus.

ich-identität

[1] http://www.zeit.de/2014/34/authentizitaet-persoenlichkeit-wahres-gesicht/komplettansicht

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3 Antworten

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  1. ekronschnabel said, on 29. August 2014 at 08:03

    Ich las den ganzen Artikel. Dierk Schäfer schließt seinen Kommentar so:

    „Der ganze Artikel ist aufschlußreicher als dieses Beispiel und ich frage mich, ob ehemalige Heimkinder „geheilt“ wären, wenn sie die beschriebene Flexibilität, die keine Charakterlosigkeit sein soll, erringen könnten. Viele von ihnen stecken in der Sackgasse des Opferbewußtseins als Heimkind, zeitlebens. Wer mehr aus sich machen will, muß da raus.“

    Sein letzter Satz fordert etwas, was viele nach den Heimjahren aber nie schafften. Der im „ZEIT“-Artikel genannte Entwicklungspsychologe Michael Tomasello nennt m.E. die Gründe dafür, daß viele ehemalige
    Heimkinder nicht aus der Sackgasse des Opferbewußtseins herauskommen. Er sagt „Den Kern des Ichgefühls macht etwas anderes aus: unsere Identität oder besser gesagt das Bild, welches ein Mensch von sich selbst erschafft.“

    Welches Selbstbild kann sich ein Kind schaffen, dem ständig verdeutlicht wird, daß es ungeliebt, wertlos und
    „Dreck“ ist? Ich erlebte heute alte Männer, die ihre Peiniger immer noch „Herr X“ nennen, wenn sie von denen
    sprechen.
    „Das Wort ‚Herr‘ ist eine Achtungsbezeugung. Wieso nennst du den Drecksack ‚Herr‘?“ fragte ich.
    Er sah mich zweifelnd an, weil er innerlich nie aus der Rolle des abhängigen Heimkindes herausgekommen war. Da ist es nicht einfach, Dierk Schäfers Forderung „Wer mehr aus sich machen will, der muß da raus“ zu
    erfüllen.

    Ich kann nur sagen, was MICH nie in die Opferrolle kommen ließ: Hass auf diese Schweine in Menschengestalt,
    die Kinder wie Dreck behandelten. Als ich meinen Hauptpeiniger gefunden und zur Rede gestellt hatte, fragte
    mich dieser Schweinehund mit dem Titel DIAKON ernsthaft „Können Sie denn nie vergessen? Das ist doch schon solange her!“ Meine Antwort darauf lautete „Wenn ich mich vergessen würde, würde ich dir jetzt den Schädel spalten, du Vieh.“ Sagt man nicht, ist nicht anständig? Geschenkt, denn was das Vieh mit hunderten von Heimkindern angestellt hatte, hatte mit Anstand aber auch gar nichts zu tun.

    Und noch eine Erkenntnis lernte ich sehr früh: dein Gegenüber riecht es förmlich, ob du selbstsicher oder
    unsicher bist. Das gilt ganz besonders für Behördenmitarbeiter, die gewisse Machtbefugnisse und -gelüste
    haben, wie z.B. in Jugendämter – wo man ja idiotischerweise die Anlaufstellen verankerte. Diese Leute durchliefen alle mal die Heimpraxis, kennen die Strukturen, wissen Stärken und Schwächen einzuschätzen,
    Tonlagen einzuordnen. Ich werde immer wieder gefragt, was ich denn tue, um die Probleme im Antragsverfahren zu beseitigen.

    Wenn man beseitigen muß, lief was falsch, dann muß der dicke Hammer her.
    Besser ist Vorbeugung. Es genügt, dem Behördenmenschen zu verstehen zu geben, daß man auch die grobe
    Tour kann, sollte er vom Pfad der Vorschriften abweichen (man muß die Vorschriften schon kennen). Und man
    muß im Ich flexibel sein, strategisch fix sein. Man kann das lernen, behaupte ich.

    Der Pastor hat leider kein Rezept für’s Da-raus-kommen genannt. Könnte er ja mal nachholen, ist ja auch schon Rentier (ne, nich so eins aus der Tundra) und hat Zeit – und ist Pyschologe!!!!

  2. Erika Tkocz said, on 29. August 2014 at 12:54

    Im Grunde genommen haben Sie Herr Kronschnabel die Antwort darauf gegeben, denn Sie haben beschrieben wie Sie sowohl auf Ihren Täter reagiert haben und in den vielen Texten die Sie hier schreiben wird deutlich wie Sie handeln.

    D.h., Sie haben eine Einstellung zu sich selber Fähigkeiten zu haben auf Widrigkeiten des Lebens aktiv einzugehen. Sie empfinden sich bestimmt nicht als schwach und denken bestimmt nicht ein Anderer kann über sie bestimmen, sondern sie handeln aktiv.

    Es ist wie beim Fußball, wer nur defensiv spielt schießt kein Tor und hat auch kein Erfolgserlebnis.
    Sicherlich gibt es Ehemalige die schon früher nach Hilfe gesucht haben und falsche Hilfe bekamen. Die Psychiatrie kann sich da leider nicht an die Backe heften professionell Hilfe geleistet zu haben, sondern sah und sieht (leider viel zu oft) hinter traumatischen Ereignissen eine Depression und kennt nur als Antwort die Chemiekeule. Medikamente verfestigen eine Abhängigkeit, dämpfen jede Art der doch…wenn auch schlummernden Gefühle…..und verstärken den Zustand der Hilflosigkeit.

    Die Voraussetzung einer Änderung muss von einem betroffenen Menschen ausgehen, denn letztlich bestimmt seine Einstellung, die dann mit einer Bereitschaft einhergehen muss, etwas ändern zu wollen.
    Jahrzehnte war die Heimthematik ein Tabu und viele Ehemalige mussten annehmen, dass sie selber Schuld daran hatten in ein Heim gekommen zu sein. Ich kenne eine Ehemalige die psychisch sehr krank ist, aber als sie vor einigen Monaten das Schreiben von der Anlaufstelle bekam und dort stand und lesen konnte dass ihr Unrecht geschehen ist hat ihr das unglaublich viel gegeben. Ich war selber überrascht, was wohl daran liegt dass ich schon über viele Jahre mit der Heimthematik beschäftigt bin und dieses Unrecht schon seit Jahren sehe.

    So betrachtet ist es sicherlich der erste Schritt sich nicht selber für die Vergangenheit verantwortlich zu machen um damit sich auch anders sehen zu dürfen/können. Im Hier und Jetzt sollte man sich selber mit seinen Fähigkeiten betrachten d.h. diese auch wahrnehmen und sich nicht einreden….ich kann nichts…..ich bin nichts….., denn es gibt keinen Grund anderen Menschen zu erlauben gedemütigt oder verletzt zu werden.
    Allerdings muss man auch sein Gegenüber im Hier und Jetzt genauer ansehen und nicht den Täter in ihn sehen, wenn einmal Antworten kommen, die nicht in eigene Vorstellungen passen. Lieber einmal zu viel nachgefragt wie andere Menschen etwas meinen als gleich mit dem gewohnten Misstrauen zu begegnen und die gewachsene Mauer um sich herum Stein für Stein abzutragen.

    Ein sehr problematischer Gedanke der Opferrolle ist Jener zu meinen , dass Andere uns etwas schulden und wir deshalb nichts machen müssen, weil wir ja im Recht sind. Das mag schon sein, aber wenn wir darauf warten, dass jene die uns etwas schulden nun handeln, sind und bleiben wir in einer Abhängigkeit und da will ich mich lieber nicht auf Andere verlassen.

    Fazit: das Ich muss wahrgenommen werden und eine Bereitschaft da sein, etwas ändern zu wollen, leicht ist es nicht aber anders geht es nicht.

  3. […] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/08/29/das-ich-flexibel-oder-rigide/ , dort auch die beiden Kommentare. Sie machen auch den mit dem Thema noch nicht Vertrauten die […]


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