Dierk Schaefers Blog

Aus dem Schwäbischen: Mir gäbet nix, auch keine Chance

Posted in Geschichte, Kirche by dierkschaefer on 12. September 2014

Ein Anhalter stand an der Straße, nennen wir ihn Krumbiegel. Alter und Kleidung waren für einen Anhalter untypisch. Ich nehme ihn mit. Ein Kollege, wie sich schnell herausstellt. Der Unglücksrabe hatte – wenige Wochen vor dem Fall der Mauer – seine Gemeinde in Sachsen verlassen und hauste nun mit Frau und zwei Töchtern in einer dörflichen Notunterkunft im schwäbischen Oberland: Ein Zimmer, Stockbetten, Privatheit notdürftig mit abgehängten Wolldecken hergestellt.

Dem Mann mußte geholfen werden. Zufällig hatte ich gerade eine ganztägige Stelle in meinem Pfarramt zu vergeben. Warum nicht ein Sekretär anstelle der üblichen Sekretärin? Er schrieb die Bewerbung und ich reichte sie mit unterstützender Begründung beim Oberkirchenrat ein: Zwei Jahre Sekretär und zugleich die Möglichkeit, sich die Qualitäten des Mannes anzuschauen – danach dann vielleicht ein besser angemessener Dienstauftrag.

Doch daraus wurde nix – die Ablehnung kam ohne Begründung.

Auf Nachfrage bei der EKD: Es sei üblich, DDR-Kollegen, die ohne politische Not ihre Gemeinde im Stich gelassen haben, nicht gleich wieder in den Gemeindedienst zu nehmen. Es sei aber üblich, ihnen beruflich weiterzuhelfen, z.B. als Religionslehrer.

Aber nicht bei uns.

Er fand dann Anstellung (oder Job?) bei einer Versicherung. Die wird ihn wohl wieder zurückgeschickt haben, denn der Kollege sprach sächsisch und in diesen Goldgräberzeiten gab es im Osten viele Policen zu verkaufen.

 

Doch eigentlich hatte meine Landeskirche sich gut schwäbisch verhalten, als hätte sie dem Volk aufs Maul geschaut. Damals standen auch in der Turnhalle der Bereitschaftspolizei in Biberach Stockbetten für die Notaufnahme der ersten DDR-Flüchtlingswelle nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Im Berufsethischen Unterricht fragten mich einige junge Beamte empört: „Wieso kriegen die ein Begrüßungsgeld von 300 Mark geschenkt?“

 

Mir gäbet halt nix, und wenn’s unbedingt sein muß, nicht gern, und das wirklich nur, wenn’s unbedingt sein muß.

[1] http://www.jochen-birk.de/schwabenwitze.htm Da stehen noch mehr.

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Eine Antwort

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  1. ekronschnabel said, on 14. September 2014 at 22:08

    „Mir gäbet nix!“ kann im Schwabenland auch so rübergebracht werden:

    Ein Obdachloser klingelt in Spätzleshausen an der Haustür ein Bauernhauses. Die Bäuerin öffnet, besieht sich
    den Mann und fragt, was er denn wolle. „Gute Frau, ich habe seit drei Tagen nichts gegessen.“

    Sie schaut ihn mitleidlos an und sagt „Dann müssen Sie sich eben dazu zwingen!“ und zu war dir Haustür.


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