Dierk Schaefers Blog

»Wo sollten wir hin … wär wollte uns ja schon«

»Wo sollten wir hin … wär wollte uns ja schon«

Hier spricht im Rückblick die noch bis heute andauernde Not. Man müsste schon sehr abgebrüht sein, um auf diesen kurzen Kommentar mit kritischer Schärfe zu reagieren oder einfach zum Tagesgeschäft überzugehen: »Alle Heim Kinder sind Geschädigt ob Behindert oder nicht Sie sind in den 50 und 60Jahren ihre Menschen Würde und Schutz des Kindes beraubt worden sie hatten alle keine Rechte und beide groß Kirchen haben sich nicht an das gebot der Nächsten Liebe gehalten es ging ihr nur um Geld und nicht um Würde aber wo sollten wir hin es blieb uns ja nichts anderes als Heim wär wollte uns ja schon«[1]

 

Wer wollte uns schon heißt: Wir waren mutterseelenallein – und schutzlos.

 

Zwei Schlüsselwörter tauchen auf.

  1. Es ging den Kirchen nur um Geld und
  2. nicht um Würde.

 

  1. Geld. Ich habe nicht den Eindruck, dass es den „Gründungsvätern“[2] überhaupt um Geld ging. Später erst entdeckten ihre Nachfolger, dass sie ein profitables Wirtschaftsunternehmen führten, das möglichst noch profitabler werden sollte. Zu Beginn ging es um die Rettungsidee, die Rettung der Seelen derer am unteren Rand der Sozialskala, um arme Seelen also. Für die reichen Seelen reichte die ermahnende Sonntagspredigt, zu der die Armen nicht kamen, verwahrlost wie sie waren. Die Reichen reichten Geld und Stiftungen für die Rettungseinrichtungen der Armen. Doch wer vermag schon die Sorge um ihr eigenes Seelenheil trennscharf zu unterscheiden von Mitleid und Mitmenschlichkeit?

Rettungshäuser hatten jedoch vielfache Ausbeutung als „Geschäftsgrundlage“. Im Hintergrund und bei allem Sünderbewusstsein:

Wir sind die Guten.

  • Am Beginn stand die Selbstausbeutung der Gründer und ihrer überzeugten Helfer.diakonissen DBP_1972_710_Wilhelm_Löhe [3]
  • Hinzu kam die „Ausbeutung“ der mehr oder weniger reichen Geldgeber, die trotz allen protestantischen Gegensatzes zur Werkgerechtigkeit etwas Gutes tun und sich vielleicht doch für einen Platz im Himmel qualifizieren wollten. Was „draußen“ die armen Negerkinder waren, für die gespendet werden musste, waren der „Inneren Mission“ die armen, moralisch gefährdeten Proletarierkinder.
  • Schließlich die Ausbeutung der Schutzbefohlenen. Man konnte sie ja nur in ein ordentlich-bürgerliches Leben entlassen, wenn sie arbeiten gelernt hatten und Bedürfnisaufschub; Konsumverzicht sagen wir heute. Dies diente der Selbsterhaltung der Rettungsbetriebe, die vom Staat finanziell knapp gehalten wurden.

Es war wie in den Klöstern: Mit solchen Ausgangsbedingungen musste die Institution zwangsläufig reich werden – und gierig, bigott und verkommen… hier ist an die Geschichte der Klosterreformen zu erinnern[4], die dem selben Zyklus unterlagen.

 

  1. Die Würde. „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf“[5]. Es geht nicht um die Menschenwürde nach heutigem Verständnis. In der Demut liegt die Würde. Wer nicht demütig war, wurde gedemütigt. Heraus kamen in ihrer Seele gebrochene Menschen.

Es lohnt sich, unter diesem Aspekt zwei Bildertypen anzuschauen, die Darstellung vom „Gnadenstuhl“ und die der „Pietà“.

Bilder und Skulpturen, die Gnadenstuhl[6] genannt werden, zeigen einen Gottvater, der ohne erkennbare Rührung seinen von ihm geopferten Sohn präsentiert. Die Einheit von Vater und Sohn wird durch die Taube als Symbol des Heiligen Geistes zur Trinität komplettiert. All diese Darstellungen sind gemalte Theologie, fern von menschlichen Regungen.

Anders dagegen die Pietà[7]-Darstellungen. Die „Schmerzensmutter“ Maria hält ihren toten Sohn auf dem Schoß, das Gesicht voller Trauer[8]. Sie ist der Anti-Typ zur eiskalten Theologie.

 

Die ehemaligen Heimkinder waren in der Regel schlecht ausgebildetem Personal ausgesetzt, das betraf die Pädagogik wie die Theologie gleichermaßen. Wären sie wenigstens pädagogisch auf der Höhe der Zeit gewesen! In Theologie hätten sie wohl nur den eiskalten HERRN kennengelernt, der wie Abraham sich nicht scheute, seinen eigenen Sohn um „höherer“ Ziele willen zu opfern. Das Lob von Abrahams Gehorsam durchzieht auch das Neue Testament. Genau diese Theologie teilten auch die Gründungstäter. Menschenwürde als Grundrecht war ihnen unbekannt.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/10/18/weitere-opfer-sollen-von-heimkinder-fonds-profitieren/#comments

[2] Ein paar „Mütter“ gab es auch.

[3] Photo(ausschnitt): „DBP 1972 710 Wilhelm Löhe“ von scanned by NobbiP – scanned by NobbiP. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DBP_1972_710_Wilhelm_L%C3%B6he.jpg#mediaviewer/File:DBP_1972_710_Wilhelm_L%C3%B6he.jpg

[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Cluniazensische_Reform

[5] http://www.elk-wue.de/glauben/gedenktage/gedenktage-2008/loehe-wilhelm/

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Gnadenstuhl https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4422175636/in/set-72157648846029076

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Piet%C3%A0

[8] https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/7973014684/in/set-72157631505820064

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2 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 23. Oktober 2014 at 12:43

    „Die ehemaligen Heimkinder waren in der Regel schlecht ausgebildetem Personal ausgesetzt, das betraf die Pädagogik wie die Theologie gleichermaßen. Wären sie wenigstens pädagogisch auf der Höhe der Zeit gewesen!“

    BRD 2006: http://www.taz.de/!34356/
    BRD 2010: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/misshandlung-diakonie-mitarbeiter-sollen-autistische-kinder-gequaelt-haben-a-682590.html
    Österreich 2010: http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/Autistische-Kinder-in-Tirol-misshandelt/3715685
    USA 2012: http://www.fr-online.de/panorama/missbrauch-usa-lehrer-bestrafen-mit-elektroschocks,1472782,16322952.html
    BRD 2012: http://www.morgenweb.de/nachrichten/sudwest/behinderte-kinder-misshandelt-1.332963
    BRD 2013: http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2014/07/Experten-dislkutieren-Haasenburg-Folgen.html

    DIE waren „auf der Höhe der Zeit“!


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