Dierk Schaefers Blog

„Er hat das nicht überlebt“, sagt er, obwohl sein Bruder nicht tot ist.

Posted in Geschichte, Gesellschaft, heimkinder, Kinderrechte, Kriminalität, Religion by dierkschaefer on 26. Dezember 2014

Die Unfähigkeit zu trauern haben wir nicht noch nicht überwunden. Das Entschuldigungsgestammel, ein Begriff von Helmut Jacob, ist nur die Camouflage dieser Unfähigkeit. In der Heimkinderfrage finden wir die Unfähigkeit auf beiden Seiten[1]. Doch die ehemaligen Heimkinder sind exkulpiert, denn die einen können in ihrer Empörung, die anderen in ihrer Scham keinen Trauermodus finden. Die Täterseite hingegen könnte, wenn sie wollte. Dafür bedarf es jedoch mehr als bloße Rituale, auch mehr, als die Beauftragung wissenschaftlicher Untersuchungen – denn die Opfer leben noch. In wenigen Tagen endet die Frist für einen Teil der Opfer auf Antragstellung für Hilfeleistungen mit entwürdigenden Prozedere.

 

Die Verbrechen sind nicht einfach gleichzusetzen. Den Begriff der Unfähigkeit zu trauern hat Alexander Mitscherlich geprägt – und ein paar Parallelen gibt es doch:

»Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beauftragten ihn 1946 die Ärztekammern der drei Westzonen mit der Leitung einer Kommission zur Beobachtung der „NS-Ärzteprozesse“ in Nürnberg. Er bekam den Auftrag, „alles zu tun, um den Begriff der Kollektivschuld von der Ärzteschaft in der Presse und in der Öffentlichkeit abzuwenden“. Der Kommission gehörten neben Mitscherlich noch fünf weitere Personen, darunter Alice von Platen-Hallermund und sein Mitarbeiter Fred Mielke (1922−1959), an. Im März 1947 erschien die Prozess-Dokumentation Diktat der Menschenverachtung: Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Quellen in einer Auflage von 25.000 Exemplaren. In der Mitscherlich allerdings, erschüttert von den Grausamkeiten, von denen er in den Prozessen erfahren hatte, über die Verbrechen deutscher Mediziner in den Konzentrationslagern berichtete. Der ursprüngliche Plan, einen Bericht in Deutsche Medizinische Wochenschrift (DMW) zu veröffentlichen, war an der Ablehnung der Redaktion gescheitert. Die Broschüre Diktat der Menschenverachtung: Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Quellen wurde in der DMW und anderen Ärzteblättern nicht erwähnt. Auch in der sonstigen Presse fand die Broschüre fast keine Erwähnung.

1949 erschien das Buch Wissenschaft ohne Menschlichkeit: Medizinische und Eugenische Irrwege unter Diktatur, Bürokratie und Krieg über die NS-Ärzteprozesse, in einer Auflage von 10.000 Exemplaren. „1960 erinnert sich Mitscherlich: ‚[…] Nahezu nirgends wurde das Buch bekannt, […] Es war und blieb ein Rätsel – als ob das Buch nie erschienen wäre.‘ Über das Schicksal des Buches herrscht bis heute Unklarheit. Mitscherlich vermutete, es sei von den Ärztekammern […] ‚in toto aufgekauft‘, denn alle Exemplare seien ‚kurz nach dem Erscheinen aus den Buchläden‘ verschwunden“. „Alexander Mitscherlich war seitdem freilich aus den medizinischen Fakultäten Deutschlands ausgegrenzt; […] er [wurde] nie an eine medizinische Fakultät berufen. Als er berufen wurde, war es die Philosophische Fakultät der Frankfurter Universität“. 1960 erschien die Prozess-Dokumentation aus dem Jahr 1949 mit dem Titel Medizin ohne Menschlichkeit erneut. Von dieser wurden bis 1996 119.000 Exemplare gedruckt, welche große Resonanz fanden. Im Buch sprach Mitscherlich von 350 Medizinverbrechern unter 90.000 Medizinern im Reich

Um seine Erschütterung auch philosophisch zu verarbeiten, brauchte er 20 Jahre, bis er zusammen mit seiner Frau Margarete 1967 Die Unfähigkeit zu trauern veröffentlichte.«[2]

[1] http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/misshandelte-heimkinder-der-zeitgeist-ist-eine-schlechte-entschuldigung-13328032.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Mitscherlich

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2 Antworten

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  1. Martin MITCHELL said, on 27. Dezember 2014 at 05:10

    .
    Ich selbst möchte hier mal einen ebenso wichtigen Punkt ansprechen, der aus diesem weihnachtlichen Artikel in der Frankfurter Allgemeine vom 25.12.2014 hervorgeht:

    Hauptsächlich das Geld floß … in Strömen … … je mehr desto besser …

    Viele, viele „Colonia Dignidad“ auf deutschem Boden, in Deutschland selbst !

    Während aus dem noch am gleichen Tag von mir überall im Internet getätigten Beitrag, der sich mit dem Artikel in der Frankfurter Allgemeine vom 25.12.2014 befasst ( http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/misshandelte-heimkinder-der-zeitgeist-ist-eine-schlechte-entschuldigung-13328032-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 ), nicht genau hervorgeht, und wir nicht wissen, was der damalige vom Staat an Heimbetreiber gezahlte Pflegesatz einerseits für „normale“ und anderseits für „schwachsinnige“ Schutzbefohlene war, wissen wir jetzt, dass die Heimbetreiber „[ pro Woche ] eine Mark mehr“ für „Schwachsinnige“ bekamen.

    In Hephata (Schwanstadt/Treysa) hielt die Diakonie nach dem Zweiten Weltkrieg [ in den 1950er/1960er Jahren ] 2000 Insassen – Kinder und Jugendliche – , die angeblich „schwachsinnig“ waren. Für jeden „Schwachsinnigen“ in Hephata erhielt die Diakonie vom Staat „[ pro Woche ] eine Mark mehr“ als für „normale“ Schutzbefohlene.
    Indem man seine Schutzbefohlenen als „schwachsinnig“ begutachtete und deklarierte, konnte man seine Gewinne steigern, bei 2000 Insassen im Jahr um 104.000 DM steigern !
    Über zehn Jahre hinweg macht das bei 2000 „schwachsinnigen Insassen“ eine zusätzliche beträchtliche Summe von 1.040.000 DM aus ( eine Millionen und vierzig Tausend Mark ! ) !
    So wurde es dann auch gehandhabt von der Diakonie in Hephata über einen Zeitraum von 20, 30 oder gar 40 Jahren hinweg !!
    Und nicht nur in Hephata wurde es so gehandhabt!!!
    Und nicht nur von der Diakonie wurde es so gehandhabt, aber ebenso von Caritas und von sonstigen individuellen katholischen Orden wurde es so gehandhabt !!!!

    Zusätzlich und obendrein ließen alle Heime und Anstalten ihre Schutzbefohlenen, ob „normal“ oder „schwachsinnig“, ohne Lohn für sich, die Geschäftsbetreiber, arbeiten: ZWANGSARBEITEN und ihre BEWACHER und PEINIGER, „Diakone“, „Diakonissen“, „Nonnen“, „Schwestern“ und „Brüder“, arbeiteten ebenso FREIWILLIG ohne Lohn, und somit war das ganze lukrative Geschäft und Geschäftsunternehmen – jedes dieser christlich-abendländischen Geschäftsunternehmen ! – ein hunderprozentig gewinnbringendes Mega-Unternehmen für „diese nächstenliebenden Betreiber“, und dies ohne auch nur einen Pfennig Steuern aus dem Ganzen bezahlen zu müssen, denn vom Steuerzahlen waren sie ja ebenso alle befreit !!!!
    .

  2. dierkschaefer said, on 27. Dezember 2014 at 11:20

    Auch ohne Empörung aus persönlicher Betrofffenheit wird es wirklich Zeit, sich die Finanzierungsmodelle der Heime anzuschauen. Die Himmelsthür-Studie (mehr dazu demnächst in diesem Blog) tut das und die Hintergründe sind für alle Beteiligten aufschlußreich, auch in Hinsicht auf aktuelle Angebote im Sozialsektor, die die idealistischen Motive egal welcher Provenienz betonen. Das betrifft das Spendenmarketing wie auch die Mitarbeiterwerbung.


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