Dierk Schaefers Blog

Gedenkstätten? „Das beste Gedenken wäre es, die Dinger in die Luft zu sprengen!“

Posted in Geschichte, Gesellschaft by dierkschaefer on 21. Januar 2015

»Übrigens erinnere ich mich lebhaft an die Reaktion eines britischen Gastes – ehemaliges Heimkind – auf einer Mitgliederversammlung des VEH e.V. Auf den Vorschlag, ehemalige Heime, Klöster, Schulen als Gedenkstätten einzurichten, meinte er trocken: Das beste Gedenken wäre es, die Dinger in die Luft zu sprengen!«

So ein Kommentar auf meinen Beitrag zur Vergangenheitsaufarbeitung.[1]

Die Reaktion des britischen Gastes „hat was“. Der Vorschlag ist zwar irreal, niemand wird ihn umsetzen. Doch von der Idee her hat er auf radikale Weise recht. So würde schmerzhaft sichtbar das geschaffen, was Libeskind im Jüdischen Museum „voids“ genannt hat. Eine Leerstelle erinnert an das, was ausgelöscht wurde. Lydia Koelle geht in ihrer Publikation[2] darauf ein.

Ich habe die voids im Museum gesehen, als es noch leer war. Die Museumsführerin wies uns darauf hin – und wohl alle in der Gruppe waren beeindruckt. Als ich später einmal dort war, gab es die voids natürlich immer noch, doch die nun eingerichtete Ausstellung lenkte die Aufmerksamkeit auf sich selbst, auf ehemaliges jüdisches Leben in Deutschland. Ich fragte ein paar Jahre später jemanden, der das nunmehr eingerichtete Museum gesehen hatte, nach den voids, und er erinnerte sich nicht mehr daran. Das Leben, in diesem Fall das Museum als Inszenierungsort von Vergangenheiten, geht weiter. Wer sich noch an deutsche Städte in der unmittelbaren Nachkriegszeit erinnert – es gibt auch Photobände davon – kennt sie heute kaum wieder. Die Generation unserer Eltern hat die voids, die bombengeschaffenen Leerstellen neu besetzt und neu belebt – wie und was auch sonst? Unsere Generation hat vielfach sorgsam rekonstruiert, was im Krieg zerstört wurde, so der Römer in Frankfurt, – bis hin in die Jetzt-Zeit, nehmen wir nur das Berliner Schloss als Beispiel. Eine Dokumentation wird daran erinnern. Das Schloss ersteht – wenn auch nur als Fassade – neu; Fassade in makabrer Bedeutung. Ein Blick hinter die Fassade, bildlich gesprochen, sollte uns vor der Illusion bewahren, es sei alles wieder gut.

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/01/20/wer-die-vergangenheit-der-vorfahren-aufarbeitet-kann-die-eigene-uberspringen-und-gewinnt-beinfreiheit-fur-die-gegenwart/

[2] Lydia Koelle, Deutsches Schweigen, Der Vergangenheit Gegenwarten im Familiengedächtnis, in Literatur, Religion und Öffentlichem Raum http://www.kas.de/wf/doc/kas_40005-544-1-30.pdf?141217163207

 

Ein Nachtrag zur Erinnerung:

„Wovor die Lehrer gewarnt haben, ist nämlich längst passiert, irgendwann zwischen Irakkrieg und Fußball-WM. Wir haben Auschwitz vergessen. Es ging ganz schnell.“ http://www.welt.de/kultur/history/article136504160/Was-wissen-wir-ueber-Auschwitz-Nichts.html

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Eine Antwort

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  1. Egbert Schmoll said, on 21. Januar 2015 at 12:21

    Gut wäre, aus den noch aktiven ‚Heim-Klöster-Schulen-Schmutzschleudern‘ Gedenkstätten zu machen.


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