Dierk Schaefers Blog

Aktive Sterbehilfe? Sicherlich keine Luxusdebatte, aber sie lenkt ab.

Posted in Ethik, Gesellschaft, Leben by dierkschaefer on 15. Mai 2015

Sehr breit wird sie geführt, diese Debatte. Soll aktive Sterbehilfe überhaupt erlaubt sein? Sollen Sterbehilfevereine in Aktion treten dürfen oder sollen die Ärzte das machen? Die verschiedenen Interessengruppen mischen sich ein: Die Kirchen mit ihrer Meinung, der Mensch sei zum Leben verpflichtet – und sie vergessen ihre Rolle in der Vergangenheit[1].

Die Ärzte wollen keine Todesengel sein, doch befragt man einige von ihnen, so sieht das etwas diffenzierter aus[2] [3]. Und die Sterbehilfevereine? Die schon gar nicht, denn niemand soll am Tod verdienen, als ob Geschäftemacherei nicht zu unserem Leben gehörte, auch bei Gesundheit und Tod. Doch die Palliativmedizin und die Hospize[4] sollen gestärkt werden, was sicherlich richtig ist, aber nicht alle Probleme löst. Hier liegt der Blick auf dem dafür „idealen“ Patienten. Er soll von der Gerätemedizin entkoppelt werden und schmerzbefreit würdig, weil gut betreut, seinem Tod entgegenliegen.

Die Debatte lenkt ab, steht in der Überschrift. Inwiefern?

Wie steht es mit den Alten- und Pflegeheimen? Warum wollen die Leute möglichst nicht dorthin? Dafür gibt es viele Ursachen. Wie steht es mit der Versorgung alter Leute? Man schaue sich die Erreichbarkeit ärztlicher Notdienste an, aber auch die der Einkaufsmöglichkeiten? Ach, Sie können nicht mehr autofahren, nicht mehr dies und nicht mehr jenes? Dann sollten Sie besser in ein Heim gehen. Wer Heime kennt, weiß zumeist, dass er dort nicht hinmöchte. Wer nicht die Gnade der totalen Verkindlichung durch Alzheimer&Co. erfährt, bevor er im Heim wie ein Kind gehalten wird, der wehrt sich.

Der Theologe Küng nennt solche Gründe.[5] Wir müssten also nicht nur die Hospizarbeit gut ausstatten, sondern auch die Heime und dem Personal mehr Zeit für die Patienten einräumen.

Und dennoch: Eine alte Dame in Frankreich, bei uns ist es nicht anders, doch ich will beim konkreten Fall bleiben, die alte Dame also beklagte sich, dass sie in ihrem Heim keine Gesprächspartner finde und vereinsame. Klar, sie war gebildet und noch hellwach – und alle anderen – ich habe sie gesehen – nein, die kamen wirklich nicht infrage. Was können wir also für die geistig noch Fitten tun in Einrichtungen mit ihren weithin infantilisierten oder nur noch halblebigen Bewohnern?

Diese Debatte führen wir nicht – denn sie würde teuer.

 

Um „Butter an die Fische“ zu tun:

Ich schrieb über Gedenkrituale, die nur ablenken[6] und erhielt von einem Leser einen passenden Kommentar. Er sei hier wiedergegeben:

 

»Wir können gedenken, bis uns schwarz vor Augen wird. Denn eins ist klar: Euthanasie feiert heute wieder fröhliche Urstände. Es ist die Euthanasie durch die Hintertür. In den Heimen für schwerstbehinderte Männer und Frauen und in Pflegeheimen für alte Leute wurde das Personal im letzten Jahrzehnt so zusammengestrichen, dass für ein Wort zwischendurch gar keine Zeit mehr ist. Einmal umarmen, trösten, am Sterbebett sitzen: Alles gestrichen. So stirbt die Seele. Und wenn die Seele gestorben ist, so habe ich gelernt, dann stirbt auch schnell der Körper. Herr Schäfer kann das sicher besser erklären, als ich.

Gewalt an behinderten Menschen erleben sie auch durch Behörden. Überall werden ihnen Leistungen verweigert. Wer seine Rechte nicht kennt, wird zusätzlich bestraft. Gesetzlich verbriefte Aufklärungspflicht durch die Behörden findet in der Regel nicht statt. Ich habe – ist schon länger her – einer behinderten Frau zur Sozialhilfe verholfen. Sie hat ein halbes Jahr nichts bekommen. Fehler: Sie hat keinen Antrag bei der Post gestellt, bei der sie als Hinterbliebene eines Postbeamten soziale Zuschüsse hätte erhalten können. Aktuell verweigert eine Krankenkasse einer behinderten Dame orthopädische Hilfsmittel und häusliche Krankenpflege. Sie fiel aus dem Rollstuhl, hat sich danach ein Bein gebrochen und musste erst einmal auf die Lagerungsschiene warten. Permanent wurde sie abgewimmelt.

Die Latte der Opfer, derer wir schon heute gedenken müssten, ist meterlang.«

Da führen wir auf hohem Niveau aber mit unterschiedlicher Interessenlage eine Sterbehilfedebatte. Sicher ist das kein Luxus und die Problematik vertrackt.[7] Wir müssen das Thema zu einem erträglichen Ende bringen, das von möglichst vielen getragen und verantwortet werden kann.

Doch vor dem menschenwürdigen Sterben sollte das menschenwürdige Leben kommen. (s. sterbehilfe für Frau Biermann)

[1] https://dierkschaefer.wordpress.com/2014/07/21/demokratisierung-der-todeszuteilung/

[2] http://www.zeit.de/2015/09/sterbehilfe-aerzte-brechen-tabu/komplettansicht

[3] Immerhin wäre die Aufgabe bei den Ärzten in professionellen Händen. Wir wollen doch alle keinen Pfusch, erst recht nicht beim Sterben.

[4] Auch dieses sind Geschäftsmodelle, das Bäckerhandwerk auch.

[5] https://dierkschaefer.wordpress.com/2013/10/02/diozese-distanziert-sich-von-sterbehilfe-planen-des-theologen-kung/ http://daserste.ndr.de/annewill/archiv/transskript101.pdf http://www.youtube.com/watch?v=lP_gUCEVl_s

[6] https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/05/14/verdrangung-der-aktualitat-gedenkrituale-lenken-nur-ab/

[7] http://heike-knops.eu/downloads/way_of_no_return.pdf

3 Antworten

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  1. Helmut Jacob said, on 18. Mai 2015 at 22:41

    Es ist ja noch schlimmer, als angedeutet. Durch die wachsende Bekanntheit der großen Homepage der „Freien Arbeitsgruppe JHH 2006“ erreichen mich gelegentlich E-Mails aus ganz Deutschland. Da wird beispielsweise geschildert: Verbrühen des Patienten während des Duschens. Wie geht das? Das Personal trägt dicke Handschuhe. Die Menschen, mit denen es zu tun hat, scheinen ja eher ekelig zu sein. Durch diese Handschuhe kann das Personal schlecht die Temperatur überwachen. Der alte Trick, Ellenbogen unter den Wasserstrahl halten, ist ja nicht mehr bekannt. Also sind solche Verbrühungen nachvollziehbar. „Füttern“ im Liegen ist ein sehr riskantes Unternehmen, bei dem auch Opfer zu beklagen sind. Nämlich, durch Erstickungstod. Ganz schlimm sind jene Patienten dran, die sich nicht artikulieren können. Ertrinken in der Badewanne ist auch so ein Thema. Das Personal steht qualmend am Fenster und ist begeistert von der Aussicht. Schnell ist vergessen: Da liegt ja einer in der Wanne. Und so ließe sich die Liste der Vorfälle, von denen alleine ich gelesen habe, fortführen.


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