Dierk Schaefers Blog

Das kriegen wohl nur Protestanten hin: Eine theologische Begründung des Pluralismus

Posted in Religion, Theologie by dierkschaefer on 13. Juni 2015

Der neue Grundlagentext des Rates der EKD, „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“, präsentiert den Protestantismus auf der Höhe der Zeit, ohne Selbstverleugnung und ohne das oft gerügte Wischi-Waschi.

Es handelt sich um einen Text, der in geradezu staatsmännischer Weisheit dem Miteinander unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen den Weg weist – unter Betonung der eigenen Werte und Glaubensüberzeugungen. Da werden sich andere bemühen müssen, wenn sie in diesem Horizont bestehen wollen. Angefangen mit den „eigenen“ Evangelikalen, dann die Kollegen im Vatikan mit ihrem dogmatischen Absolutheitsanspruch, auch die gesamte Orthodoxie und von den islami(sti)schen Fundamentalisten, sei es Schia, sei es Sunna, ganz zu schweigen. Besonders wichtig scheint mir dieser Text auf dem Hintergrund der Vertreter des ideologischen Humanismus, die der Religion generell die Daseinsberechtigung absprechen und sie im öffentlichen Leben zurückdrängen wollen. Werden sie in der Lage sein, die Anerkennung, die aus diesem Text spricht, zu erwidern?

Was dem Grundlagentext fehlt, ist ein Abgrenzungsbemühen, das über die Selbstbehauptung hinausgeht und Menschenrecht einfordert, wo es mit religiöser Begründung verletzt wird. Es heißt dort: »Deshalb ist es unverzichtbar, dass die religiösen Rechte des Judentums geachtet werden, auch dort, wo sie — wie etwa bei der im Alten Testament bezeugten Beschneidung von Jungen oder dem Schächten — Ausdrucksformen suchen, die sich das Christentum nicht aneignet, sondern die es ausdrücklich verabschiedet hat.« Eingriffe in den Körper von Kindern, die medizinisch nicht geboten sind, sind Menschenrechts-, sind Kinderrechtsverletzungen. Wenn hier der Staat versagt, die Kinder zu schützen, ist der vor Gott verantwortungsbewusste Protestantismus aufgerufen, hier zu protestieren – auch wenn uns die fürchterliche Geschichte der Judenverfolgungen im „christlichen“ Abendland gegenüber dem Judentum kleinlaut werden lassen könnte.

Mit dieser nicht unbedeutenden Einschränkung ist den Verfassern des Grundlagentextes nur zuzustimmen, wenn sie schreiben: »Deutlich ist aber, dass die Bedeutung der Religionen in einer pluralistischen Gesellschaft entscheidend davon abhängt, ob sie eine öffentlich verantwortete Theologie entwickeln, die Verständigungsversuche und Übersetzungen zwischen den Konfessionen, Religionen und unterschiedlichen Weltanschauungen ermöglicht. Eingeladen zu diesem Dialog sind auch Bürgerinnen und Bürger, die selbst zu keiner Religionsgemeinschaft gehören, denen Glaubenserfahrungen fremd geblieben sind, die aber mit den Kirchen eine gemeinsame Verantwortung für den Frieden zwischen den Religionen und für die Zukunft des Gemeinwesens übernehmen wollen.«

http://www.ekd.de/download/christlicher_glaube.pdf

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