Dierk Schaefers Blog

Große Unglücksfälle und die Verantwortungszuschreibung

Posted in Firmenethik by dierkschaefer on 19. Juli 2015

Der Umgang mit den Angehörigen der Opfer des GERMAN-WINGS-Absturzes erinnert an ähnliche Vorkommnisse und an die unterschiedlichen Formen des Umgangs mit den Opfern und ihren Angehörigen.

Die Medien beobachten sehr genau solche Vorkommnisse.

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll sagte ich in meinem Eingangsreferat:

»Die Gesellschaft weiß – und die Medien achten darauf, daß Opfer nach Unglücksfällen arte legis, nach den Regeln der Kunst behandelt werden müssen. Dazu gehört inzwischen auch eine wie auch immer benannte psychologische Betreuung. Das betrifft fast ausschließlich große Schadensereignisse mit vorzeigbaren Opfern, die dem ganzen Unglück ein Gesicht geben und damit medial verwertbar sind. Eine Firma, die mit einem solchen Schadensereignis in den Medien in Verbindung gebracht wird, ist hochgradig gefährdet.

So ging es einer Reiseagentur, die Jugendreisen anbietet. Ohne eigenes Verschulden der Agentur oder des angeworbenen Busunternehmers wurde der Doppeldeckerbus vor einigen Jahren bei einer Autobahnbaustelle in der Nähe von Melk in Österreich durch einen entgegenkommenden Lastwagen im oberen Bereich aufgeschlitzt.[1] Sieben Jugendliche kamen um, sie wurden zum Teil regelrecht geköpft, die überlebenden waren hoch traumatisiert. Der Agenturleiter sagte: »Als am nächsten Tag die Bildzeitung mit der Überschrift „Ich saß im Todesbus“ erschien, sah ich mein Unternehmen auf der Kippe.« Er reagierte menschlich vorbildlich und für den Bestand der Firma sinnvoll: Er ließ die Jugendlichen sofort psychologisch betreuen und buchte bei uns in der Akademie ein Wochenende für die Jugendlichen und ihre Eltern. Für beide waren insgesamt sechs Psychologinnen und Psychologen engagiert worden, und, auch das gehörte dazu, ein Rechtsanwalt informierte über die rechtliche Situation. All dies wurde von der Reiseagentur finanziert und es erschien nicht nur unsicher, sondern eher unwahrscheinlich, daß die Haftpflichtversicherung des Schädigers einen wesentlichen Teil der Kosten übernehmen werde. Ein Jahr später konnte der Agenturleiter berichten, daß seine Firma keinen Auftragsrückgang verzeichnen mußte. Er referierte darüber auf einer Tagung für Notfallpsychologen. Dort sagte ein anderer Referent, ein Lufthansa-Mitarbeiter, »Immer wenn unsere Dachmarke berührt ist, müssen wir tätig werden«, und zwar so, daß die Marke vor Schaden bewahrt bleibt. [2]Die Deutsche Bahn AG hat, wie ein Mitarbeiter berichtete, nach Eschede einen Teil des Personals in der Abteilung für Schadensabwicklung austauschen müssen, weil diese sich nicht auf die angesagte Linie umstellen konnten, nach der Geschädigte oder die Angehörigen von Opfern möglichst schnell zufriedengestellt werden sollten.

Die Skandalisierbarkeit von Unternehmen durch die Medien und das daraus resultierende Urteil in der öffentlichen Meinung spielt eine wichtige Rolle.« (Der gesamte Text hier: Notfallseelsorge2-2005)

Der Zusammenhang von Schadensereignis, Betroffenen und Medien ist in der Abbildung verantwortungszuschreibung dargestellt.

Was damals 2001 ein Lufthansa-Mitarbeiter gesagt hat, scheint bei der Lufthansa in Vergessenheit geraten zu sein. Es gibt nun einen öffentlichen Streit um die Höhe der Entschädigung. »Warum vergiftet die Lufthansa die Atmosphäre?«   [3]

Doch wenn es ans Zahlen geht, wir kennen das, drückt man sich gern.

[1] http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/chronik/345627_Busunglueck-8-Jugendliche-getoetet.html?em_cnt=345627

[2] Diesen Satz habe ich anlässlich des aktuellen Falls hervorgehoben.

[3] http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/luftfahrt/zorn-nach-mini-angebot-der-lufthansa-angehoerige-von-germanwings-opfern-wollen-200-000-euro-fuer-jedes-opfer_id_4825123.html und http://www.focus.de/panorama/videos/das-ist-international-beschaemend-eine-lachnummer-das-ist-das-erste-schadenersatz-angebot-fuer-die-germanwings-opfer_id_4785689.html

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3 Antworten

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  1. Heidi Dettinger said, on 19. Juli 2015 at 18:12

    „Eine Firma, die mit einem solchen Schadensereignis in den Medien in Verbindung gebracht wird, ist hochgradig gefährdet.“

    Das allerdings trifft nur zu, wenn die Firma in Deutschland produziert/verkauft und die Opfer Deutsche sind.
    Der Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik in Bangladesh dürfte C&A, die dort produzieren ließen, kaum beeindruckt haben.

    Gleiches gilt für den Gebäudeeinsturz in Sabhar, Bangladesch mit mehr als tausend Toten und mehreren Tausend Verletzten. Auch hier tragen deutschen Unternehmen (C&A, Karl Rieker GmbH und Co. KG; KiK) eine Mitverantwortung, der sie sich erfolgreich entziehen.

  2. Helmut Jacob said, on 21. Juli 2015 at 22:28

    „Doch wenn es ans Zahlen geht, wir kennen das, drückt man sich gern.“
    Nicht nur darum, lieber Herr Schäfer, sondern ums richtige Entschuldigen auch. Mir ist noch ein Brief in Erinnerung, in dem ein Entschuldigungsgestammel an die „Sehr geehrte[n] Damen und Herren“vom Stapel gelassen wurde. Erstaunlich, dass das Porto übernommen war und nicht eine Postkarte eine billigere Lösung bevorzugt wurde. Der Fall ist dokumentiert, aber ich nenne die Quelle nicht. Der Schreiber machte auf anderem Wege die grobe Panne wett.

  3. sabine s. said, on 25. Juli 2015 at 08:34

    Das eint alle Opfergruppen: Egal, wie hoch „Entschädigungs“-summen ausfallen. Sie sind nie hoch genug. Jedes Opfer empfindet sein Leid anders. Jeder zu Tode gekommener Menschen ist mit Geld nicht aufzuwiegen, jede gescheiterte Existenz, aufgrund der Vergangenheit, hinterlässt Spuren, die mit Geld nicht ausradiert werden können.
    Und wieviel Euro ist ein Menschenleben, eine gescheiterte Existenz wert?

    sabine s.


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