Dierk Schaefers Blog

Manche Theologen sind nicht so kleingläubig, wie manche Kleingläubige glauben

Posted in heimkinder by dierkschaefer on 6. August 2015

Worum geht’s? „Ehemaligen Heimkindern soll im Alter Pflegeheim erspart bleiben“. So die Zeitungsmeldung vom 9. Juli aus dem bayrischen Landtag[1]. Das hatte ich, im Urlaub weilend, nicht mitbekommen, doch ein freundlicher Mensch hat mir den Link kommentarlos zugeschickt.

Die Zeitung schreibt: »„Viele ehemalige Heimkinder kommen jetzt in ein Alter, in dem sie pflegebedürftig werden“, sagte der CSU-Sozialexperte Joachim Unterländer am Donnerstag nach einer Landtagsanhörung. Viele hätten aber aufgrund der Erfahrungen in ihrer Kindheit grundsätzliche Angst vor Heimen. „Kein ehemaliges Heimkind soll gegen seinen Willen in ein Heim eingewiesen werden können“, sagte die SPD-Abgeordnete Ruth Waldmann.«

Das klingt doch gut, oder?

„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.

Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,

Woher die holde Nachricht tönt“[2]

Die Sphäre, aus der die holde Nachricht tönt, ist laut Focus der Sozialausschuss des bayrischen Landtags – nichts Überirdisches also. Doch vielleicht wird’s ja was.

Allerdings fällt mir dabei Brechts „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ ein, sollte man nachlesen[3], bevor man auf diesen schönen Zug abfährt.

Der Plan ist natürlich nur löblich zu nennen. Wie ich lernen musste, waren es nicht nur die von mir bevorzugten Volmarsteiner, die als betroffene ehemalige Heimkinder[4] sich Sorgen und konstruktive Gedanken gemacht haben. Heime sind für ehemalige Heimkinder verständlicherweise traumatisch belastet. Da hilft es auch nicht, dass man ihnen sagt, die Heime seien heute nicht mehr so schlimm. Sie[5] möchten mit der Unterstützung durch möglichst selbstgewählte AssistentInnen daheim bleiben können. Daheim ist die gewünschte Alterszukunft ohne Heim.

Bevor nun alle den Möbelwagen bestellen, um nach Bayern umzuziehen, sollten sie gut überlegen.

Ihnen „soll im Alter Pflegeheim erspart bleiben“, so die Überschrift der Meldung. Darin ist von Pflegeheimen die Rede, also nicht von Altersheimen. Ins Altenheim geht man freiwillig, so die Fiktion. Doch die trägt nicht, darum wurden viele Altenheimplätze zu Pflegeheimplätzen umgebaut, denn, salopp gesagt: Wer noch nicht am Rollator geht, will nicht in die Gesellschaft solcher Rollis.[6]

Doch das ist ein eher müßiger Gedanke, denn nur in der Überschrift, nicht aber im Text ist von Pflegeheimen die Rede. Überschriften werden meist von der Zeitung gesetzt. Die Zitate im Text sprechen von Pflegebedürftigkeit und es wird die Forderung erhoben, kein ehemaliges Heimkind solle gegen seinen Willen in ein Heim eingewiesen werden können. Was für ein Heim wurde anscheinend nicht gesagt. Auch nicht, wie es gehen soll, wenn es daheim wirklich gar nicht mehr geht.

Was die Heime und ihre Träger wohl davon halten werden, wenn ihnen eine bestimmte Klientel vorenthalten werden soll? Ihre Einrichtungen sind doch so gut und haben rein gar nichts mehr mit den zugestandenermaßen suboptimalen Verhältnissen früherer Heime zu tun. Den ehemaligen Heimkindern die schönen neuen Heime „ersparen“ zu wollen, ist doch nur Wasser auf die Mühlen derer, die partout nicht ins Heim wollen – das sind wohl die meisten.

Diese „meisten“ werden die Botschaft wohl auch vernehmen und ganz unsolidarisch die „Extrawurst“, wenn sie denn serviert werden sollte, auch für sich beanspruchen. Das beliebte Argument, da könne ja jeder kommen, wird seine Wirkung nicht verfehlen.

Ja, und dann die Länder. Diese Absichtserklärung kommt aus Bayern und hat noch keinerlei gesetzliche Würde wie das Erziehungsgeld oder die Mautabgabe. Doch warum sollte Bayern nicht auch hier vorangehen? Immerhin: »Eine entsprechende gemeinsame Resolution des Ausschusses gebe es schon seit 2013. „Jetzt geht es darum, wie wir das umsetzen. Das wird die nächste Aufgabe sein.“«

Packen Sie’s an, kann ich nur hoffend, aber nicht gläubig zurufen. Immerhin wurde die schon zwei Jahre alte Resolution ins Gedächtnis gerufen. Das ist doch was!

Übrigens: Wohin oder was, wenn nicht ins Pflegeheim? Ganz einfach, es gibt doch ambulante Pflegedienste für daheim. Damit wäre der schöne Luftballon wieder auf dem Boden der kostenneutralen Realität.

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.

Drum ist all sein Streben

Nur ein Selbstbetrug. [7]

[1] http://www.focus.de/regional/muenchen/landtag-ehemaligen-heimkindern-soll-im-alter-pflegeheim-erspart-bleiben_id_4806499.html

[2] Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Eine Tragödie – Kapitel 4, http://gutenberg.spiegel.de/buch/faust-eine-tragodie-3664/4

[3] http://www.lyrikline.org/de/gedichte/ballade-von-der-unzulaenglichkeit-menschlichen-planens#.VcLJfPkmxko

[4] und die immer noch nicht das erhalten, was in den Medien „Entschädigung“ genannt wird. Die Länder sind sich noch nicht einig. Länder? Die kommen noch. Zurück nach oben!

[5] Das sind also nicht nur die ehemaligen Heimkinder aus den Volmarsteiner Anstalten: https://dierkschaefer.wordpress.com/2010/03/21/im-herzen-der-finsternis/

[6] Eigene Erfahrung aus einer gehobenen „Seniorenanlage“: 80jährige schreckten zurück: „Soweit bin ich noch nicht, da will ich nicht hin!“

[7] Brecht, siehe Anmerkung 3

4 Antworten

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  1. Erika Tkocz said, on 6. August 2015 at 19:00

    Die „Extrawurst“ ist keine mehr, wenn man sich einmal damit beschäftigt, wieso es Ehemaligen nicht möglich ist in ein Altersheim/Pflegeheim zu gehen.

    Es dürfte sicherlich für jeden Menschen schwer sein, so er denn keine Alternativen hat und nicht mehr kann in ein Altersheim zu gehen. Niemand macht es gerne und es erfordert ein hohes Maß an Bereitschaft diese neue Lebensform anzunehmen. Allerdings unterscheiden sich hier doch die Menschen in ihrer Vorgeschichte und so muss man dann schon auf dem zweitem Blick jene Biografie der Ehemaligen berücksichtigen, die in besondere Weise die erforderlichen Copingprozesse kaum möglich machen dürften oder auch eine unzumutbare Härte darstellt.

    Ein Altersheim ist für ehemalige Heimkinder eine Wiederholung von Abhängigkeit und Herabwürdigung, denn für Jene, denen das Altersheim einmal nicht erspart bleibt, haben diese Heime so etwas wie einen „Wiedererkennungswert“ und weckt Erinnerungen alter Erfahrungen (Trigger) und dadurch bedingt besteht die Gefahr der Retraumatisierung.
    Das können im Einzelnen sein:
    • Aufgabe des sozialen Umfeldes und der eigenen Wohnung
    • Verlust von sozialen Kontakten
    • Unterbringung in einem Heim mit vielen Bewohnern
    • Wiederholter Umgang mit einer „Heim“-Leitung
    • Fluktuation von Heimbewohnern und Pflegepersonal
    • Unausgebildete Hilfskräfte
    • Essen im Speisesaal
    • Gerüche von Gemeinschaftsunterkünften erneut ertragen müssen
    • Das Zimmer mit anderen Bewohnern teilen müssen.
    • Gemeinschaftlich den Baderaum nutzen müssen.
    • Geringer Bereich für Möbel und anderes Eigentum.
    • Begrenzung oder gar Verbot, eigene Bilder aufzuhängen.
    • Eigentum unverschlossen und öffentlich für das Personal zugänglich.
    • Verlust von Eigentum durch Diebstähle.
    • Öffnung des Intimbereichs bei Pflege.
    • Den Stimmungen und Launen des Personals und der Mitbewohner ausgesetzt zu sein.
    • Sich kaum zurückziehen zu können um für sich alleine zu sein.
    • Öffentlich zugängliche private Daten – auch bei Formalien.
    • Wäschenummern oder Wäschezeichnung
    • Unter Umständen Zwangsernährung
    • Unter Umständen Fixierung
    • Unter Umständen Medikamentierung zur Ruhigstellung
    • Zuteilung von Taschengeld (nur begrenztes Taschengeld).
    • Abhängigkeit von anderen.

    Bedeutung der totalen Institution für ehemalige Heimkinder
    Bewohner eines Heimes- je nach Beschaffenheit der Einrichtung-sind mehr oder weniger stark jenem Verhaltensreglement ausgesetzt ist, das sich aus der Totalität der Heime ergibt: der Nicht-Freiwilligkeit, deren auch Bewohner ohne Heimerfahrung ausgesetzt sind, die aber nicht die traumatisierende Erfahrungen ehemaliger Heimkinder haben. So arbeiteten die Ehemaligen an dem Problem der Kollektivierung nach ihrer Heimentlassung mehr oder weniger mühsam, sich selber als Individuum zu sehen und zu spüren. Nun werden diese Bemühungen im Alter wieder zerstört, denn jetzt gelten wieder die Handlungsabläufe der früheren Heimerfahrungen wie z.B. das gemeinsame Essen im Speisesaal nach bestimmten Uhrzeiten oder das Waschen und Schlafen gehen. Allen wird die gleiche Behandlung zuteil. Auch die persönlichen Habseligkeiten/ Eigentümer nur in einem geringem Ausmaß mitnehmen zu dürfen, mindert sowohl die Individualisierung, aber macht auch deutlich, dass am Ende des Lebens eine Wiederholung der früheren Erfahrungen im Fokus steht. Die eigenen Bedürfnisse müssen nun im Hintergrund treten, denn nur so können die Ziele der Institution erreicht werden. Diese werden durch ein Berechnungsmodell, das die einzelnen Handlungen in Minuten vorschreibt diktiert.

    Konflikte, die aus der hierarchische Gliederung des Heims gegeben ist und auch typisch für eine totale Institution ist, und die den Zweck verfolgt, die Arbeitsabläufe zu erleichtern. Pflegeeinrichtungen unterliegen bestimmten ökonomischen und betriebswirtschaftlichen Anforderungen, die einen gewissen Grad der Hierarchisierung zur Voraussetzung haben müssen. Heimbewohner sind in der Hierarchie relativ weit unten anzusiedeln, da ihre ganz spezifischen, individuellen Bedürfnisse bei beruflichen und organisatorischen Entscheidungs-Prozessen nur geringfügig berücksichtigt werden. Es besteht eine Diskrepanz zwischen einer großen, gemanagten Gruppe, „Heimbewohner“ auf der einen Seite, und dem weniger zahlreichen Pflegekräften auf der anderen Seite. Für den Heimbewohner gilt, dass er in der Institution lebt und beschränkten Kontakt mit der Außenwelt hat. Das Personal arbeitet häufig auf der Basis des 8-Stundentages und ist sozial in die Außenwelt integriert. Es handelt sich also um eine höchst ambivalente Sozialbeziehung zwischen Personal und Bewohner, die sich ständig im Spannungsgefüge von Hilfe und Kontrolle bewegt, auf unterschiedlichen Bedürfnissen und Einstellungen beruht und in ihrer Ungleichwertigkeit auseinanderklafft.

    Für ehemalige Heimkinder bedeuten Merkmale totaler Institutionen eine ständige Triggergefahr und schon alleine der Gedanke im Alter wieder in ein Heim gehen zu müssen ist mit so vielen Ängsten und Erinnerungen der Heimerfahrung verbunden, dass die Gedanken einer Exitoption (Suizid) als Lösung betrachtet wird. Viele Ehemalige haben sich aus den traumatischen Erfahrungen ihre eigene sehr persönliche Welt geschaffen um mit der grausamen Erfahrung der Heimzeit umzugehen. So ist z.B. die Erfahrung des „Eingesperrtseins“ später so bewältigt worden, in der eigenen Wohnung alle Türen aufzulassen. Auch das frühere Zwangsessen ist häufig noch so gegenwärtig in dem Bewusstsein sich auf ganz bestimmte Nahrungsmittel zu beschränken, um nicht ständig an die früheren unangenehmen Situationen erinnert zu werden. So haben sich viele Ehemalige ihr eigenes Leben gestaltet und konnten auch so überleben. Es wäre eine grausame Vorstellung sie wieder in ein Heim schicken zu wollen und sie ständig Situationen aussetzen zu wollen, die sie viele Jahrzehnte lang versucht haben zu vergessen, zu verarbeiten oder aber auch zu verdrängen.

    So ich hoffe einigermaßen verständlich gemacht zu haben, wieso es nicht um eine „Extrawurst“ geht .

    • dierkschaefer said, on 6. August 2015 at 22:21

      Danke, sehr gut zusammengestellt. Ich werde es nach oben holen.

  2. […] In meinem Blog-Eintrag vom 6.8.15 hatte ich das Thema angesprochen: https://dierkschaefer.wordpress.com/2015/08/06/manche-theologen-sind-nicht-so-kleinglaeubig-wie-manc… und einen lesenswerten Kommentar gepostet, der sehr sachkundig auf die Problemlage einging: […]


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