Dierk Schaefers Blog

Ganz viel Licht und kaum Schatten: Friedrich Oberlin

Posted in Geschichte, Pädagogik, Theologie by dierkschaefer on 31. August 2015

Einen lesenswerten Artikel über Friedrich Oberlin[1] bringt die Zeit, zusammen mit einer Reflektion über den Gott der monotheistischen Religionen. Die Ambivalenz von Glaubenseifer kommt auch nicht zu kurz.[2]

Einige Auszüge:

»Friedrich Oberlin war seinen Dörflern in fast sechzig Jahren nahezu alles gewesen, sowohl Pfarrer als auch Lehrer in Ackerbau (die Kartoffeln, die später berühmten »Steintaler Roten« wurden bis nach Straßburg geliefert) und Viehzucht, in Pflanzen- und Weltkunde, in Hygiene und praktischer Medizin, in Handarbeit und Handwerk, Sitten-, Sozial- und Kreditwesen. Wer bei ihm heiraten wollte, musste je einen Obstbaum pflanzen, um erst einmal gesundes Obst ins Steintal zu bringen. Wege ließ er bauen, auch eine Brücke über die Breusch, den »pont de charité«, die Brücke der Barmherzigkeit. Den Eltern, für die der ungeregelt eintreffende Nachwuchs vorrangig eine Last und allenfalls nützlich war, wenn er mitarbeiten konnten, brachte er Achtung vor den Kindern bei (das Gegenstück zum 4. Gebot: »Du sollst Vater und Mutter ehren!«) und lehrte sie erkennen, dass die jungen Wesen Bildung brauchen, um später auch für die Eltern da sein zu können. In seiner energischen Erziehungsarbeit verlegte er sich stark auf den Anschauungsunterricht und war darin einer der Ersten. Und so gewannen seine Dörfer nach und nach einen bescheidenen Wohlstand.«

»Im Alter sagte sogar Oberlin: »Mit der Peitsche hätte ich sie damals gern in den Himmel treiben wollen.««

»In Wirklichkeit haben alle drei monotheistischen Religionen auch ihre finsteren Schatten­seiten von Gewalt, Eroberung, Verfolgung. Es war eben lange sehr schwer, die allein selig machende Wahrheit (vermeintlich) zu besitzen – und sich gleichzeitig vorzustellen, gar zu dulden, dass andere Menschen anders denken und glauben. Erst Papst Johannes Paul II. hat den lapidaren Satz ausgesprochen: Der Glaube darf nie eine Rechtfertigung für Gewalt sein.«

»Der bildungswillige Zeitgenosse – ob er nun religiös gestimmt ist oder »nur« verstehen will, wie der unsichtbare Gott konkrete Menschen so erfassen kann, dass sie ihr Leben umstürzen und ihm widmen – liest vielleicht am besten einmal Büchners Novelle Lenz in der Studien­ausgabe, die auch den Rechenschaftsbericht von Oberlin enthält. Dann fährt er ins Steintal zu einem Besuch im Musée Oberlin – einfach, um anhand der Dokumente und Exponate zu staunen, wie der Glaube eines Menschen wenn nicht Berge, so doch ein Tal voller bettelarm vegetierender Menschen in ein besseres Leben versetzen kann, materiell, sozial, geistig – und vielleicht auch geistlich.«

[1] Johann Friedrich Oberlin war ein evangelischer Pfarrer, Pädagoge und Sozialreformer aus dem Elsass; in der Frühpädagogik gilt er als Vordenker von Friedrich Fröbel[1] und als einer der Väter des Kindergartens. https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_Oberlin

[2] http://www.zeit.de/2007/50/OdE7-Gott Montag, 31. August 2015

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Eine Antwort

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  1. Helmut Jacob said, on 1. September 2015 at 15:23

    Oberlin ist auch mir bekannt. Nach ihm ist eine Anstalt für Behinderte in Potsdam benannt.
    http://www.oberlinhaus.de/startseite/

    Da werden Erinnerungen wach an Besucher in den 70er-Jahren. Schließlich ist das Oberlinhaus die Patenanstalt der Volmarsteiner Anstalten. Erinnerungen
    – an die Fahrten mit einem Spezialbus dorthin. Gehende wurden zu Lahmen, weil sie in Spenden-Rollstühlen sitzen mussten. In den Batteriekästen der Elektrorollstühle wurden Medikamente und OP-Besteck geschmuggelt. Unter den Sitzkissen verbargen sich Verbandskissen gefüllt mit allerlei Heftpflaster und sterilem Material.
    – an den Grenzübergang Helmstedt, der mit Panzern gesichert war und die Vopus, die argwöhnisch unseren Bus untersuchen wollten. Wir konnten sie überzeugen, dass ein Ausstieg der Rollstuhlbesatzung unmöglich sei.
    – an ihren hervorragenden, warmherzigen, klugen, menschlichen, christlichen Kollegen aus Berufung Eckhard Beyer (http://www.oberlinhaus.de/typo3temp/pics/fbacdb7203.jpg), dem damaligen Anstaltsleiter, der mir zuraunte: Der fremde Mann da ist eure Begleitung von der Stasi
    – an die Ostdeutsche Diakonische Helferin, die wir kurzerhand zu einem Ausflug in den Intershop einluden, weil sie uns täglich sehr umsorgte und versorgte. Ihr drückten wir 100 Deutsche Mark in die Hand und sie weinte. Ich beobachtete, dass sie sich selbst eine billige Jeans gönnte, aber ihre gesamte Verwandtschaft mit Geschenken versorgte.
    – an das Restaurant, in dem wir angemeldet waren und vor dem wir eine offensichtlich länger wartende Familie trafen, die uns berichteten, wie lange sie schon standen. Unter den verblüfften Augen unseres stets stummen Stasi-Freundes integrierten wir sie in unsere Gruppe und wagten es sogar, sie zum Essen a la Carte auf unsere Kosten einzuladen. Unsere 8 Tages-Begleitung schlug unsere Einladung aus.
    – an das Pflegeheim für Männer, das einen großen Zugabteil glich: rechts 4 Betten, links 4 Betten, dazwischen ein Gang zum nächsten Abteil. Dann wieder rechts 2 Betten, links 2 … und so ging es durch 7 Abteile, wenn man den behinderten Mann im hintersten Abteil rechts besuchen wollte. Keine Türen vor den einzelnen Zimmern; Es waren nicht einmal Mauern eingezogen. Von Intimsphäre bei den Männern war nicht ein Hauch zu spüren.
    – nicht zuletzt an den großen Kindergarten, in dem jener Friedrich Oberlin spürbar wurde.


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